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verschiedene: Die Gartenlaube (1860)

Sicilien. Sie schleppen uns triumphirend durch die Stadt und zeigen uns allerhand Merkwürdigkeiten, führen uns in Kaffee- und Limonadenkneipen – lauter Jubel und Demonstration für Garibaldi und Victor Emanuel. In der Toledostraße werden wir allerdings mehrmals von „Getreuen“ insultirt, aber von den Volksmassen immer sehr entschieden in Schutz genommen, ehe wir selbst uns zu wehren brauchen. Wir wiederholten unsere Besuche, bis eine Abtheilung unserer Leute eines Abends von neapolitanischen Jägern ernstlich attakirt wurde. Souveraine „Popolani“ zischen und schimpfen für unser Interesse. Die Jäger hauen auf uns und sie ein. Wir wehren uns. Ein lächerliches Gebalge und Geschiebe, bis Blut fließt und die Sache ernstlich wird. Plötzlich kommt ein starkes Detachement Nationalgarde und arretirt uns und die Jäger. Wir wurden einzeln wieder auf unser Schiff befördert. Cameraden der Jäger verlangen Auslieferung ihrer gefangenen Collegen. Aber die Nationalgarde ladet scharf, und das Volk auf ihrer Seite droht. Dies erscheint den Jägern zu bedenklich, sodaß sie Fersengeld geben. Seitdem sind wir ganz populär geworden und streifen unbelästigt, vielfach gefeiert am Lande umher. – Das sardinische Kriegsschiff soll „faules Spiel“ beabsichtigt haben, die Dictator-Würde Garibaldi’s zu verhindern, zu umgehen, durch einen sardinischen Bevollmächtigten zu ersetzen (wie in Palermo). Unsere Mission scheint, so viel ich errathe, glücklich zuvorgekommen zu sein, wenigstens mit Erfolg protestirt zu haben. Wie ich merke, hoffte man von mir guten Einfluß auf die deutschen Söldner. Ich denke auch, etwas geleistet zu haben. In zwei bis drei Tagen erwarten wir Garibaldi als neuen Herrscher in Neapel. Er hofft ohne Schwert zu kommen und zu siegen!




Blätter und Blüthen.


Ein Zahnarzt in Florenz. Es war auf der piazza granduca, welche jetzt piazza della Signoria heißt – die Kaffeehäuser hatten sich in „Café del popolo“ und „Café d’ Italia“ verwandelt; an alle Hausthüren waren Bilder Garibaldi’s und des Königs von Sardinien angeheftet, mit der Unterschrift: „Evviva Garibaldi, evviva Vittorio Emanuele, nostro Re!“ und die fliegenden Buchhändler verkauften mit echt italienischem Geschrei: „ultime notizie di Garibaldi“, welche neuerdings über Aufstände in Apulien und Calabrien eingetroffen waren und mit der größten Begierde gelesen wurden. Auf dem Thurme des Castello vecchio wehte eine riesengroße italienische Tricolore, und alle Fenster begannen, sich in Folge der neuen Nachrichten aus Sicilien mit italienischen und französischen Fahnen zu schmücken, wie das hier bei jeder neuen Nachricht, welche aus Sicilien und Neapel über das mittelländische Meer herüber kommt, der Fall ist. Männer in Blousen liefen über den Platz und verkauften kleine gelbe Zettel, welche massenhaft abgesetzt wurden. Einer von ihnen kam auch zu mir, und ich sah, daß es Billets zu einem am heutigen Tage abzuhaltenden Balle waren. Der Ball interessirte mich nicht im Mindesten, und ich wollte das Billet, welches einen Franc kosten sollte, zurückgeben. Da sah der Mann mich mit einem ernsten und bittenden Blicke an und sagte: „per il beneficio di Sicilia.“ („Zu Gunsten Siciliens“.) Ich nahm nun natürlich den Zettel wieder, bezahlte einen Franc und sah, daß am Abend ein großes National-Ball- und Musikfest vor der Porta San Nicolo stattfinden solle, dessen Einnahme der Garibaldi’schen Armee gehöre.

Es war an demselben Tage gerade Wochenmarkt, und die ganze Loggia, in der der Perseus Benvenuto’s, die gefangenen Gallierinnen und die Sabinerinnen stehen, mit Menschen gefüllt, welche ihre Gartenproducte verkauften und Geld wechselten. Der Verkauf der „ultime notizie di Garibaldi“ machte allen andern Handel auf Momente stocken. Da fuhr eine offene Kalesche mitten auf den Platz. Im Fond des Wagens saß ein ältlich aussehender Mann mit grau werdendem Bart und Haar in gewöhnlicher bürgerlicher Kleidung, in der eine gewisse Sauberkeit nicht zu verkennen war. In der Mitte des Platzes, gerade dem Herzog Cosmo auf seinem Bronzepferde gegenüber, hielt er still. Dann stand er auf, nahm eine blank geputzte Trompete von dem Rücksitz des Wagens, setzte sie an den Mund und blies mehrere schmetternde Fanfaren, so rein und so schön, als wenn er Jahre lang Trompeter bei einem piemontesischen Cavallerieregimente gewesen wäre. Nach der zweiten Fanfare erregte er die allgemeine Aufmerksamkeit, und nach der dritten umstanden Hunderte von Personen seinen Wagen, von denen Manche irgend eine officielle Kundmachung oder die Verkündigung neuer Nachrichten aus Neapel erwarten mochten. Dann erhob sich der Mann von Neuem, würdevoll und majestätisch um sich schauend. Er verkündigte dem harrenden Volke, daß er der „dottore in medicina“ Diomede Farini aus Volterra sei, daß er vierzig Jahre seines Lebens über eine Universalmedicin nachgedacht habe, welches alle Schmerzen des Lebens heile und jede Krankheit unmöglich mache. Man horchte allgemein auf. Er pries sodann noch in einer weitern Rede, ausgeschmückt mit allen Floskeln der Rhetorik, seine Universalmixtur an und hielt schließlich eine Medicinflasche, welche mit einer gelben Flüssigkeit versehen, wohlgepfropft und mit Stanniol versiegelt war, in die Höhe. Er entkorkte sie, sprach noch einige flammende Worte zum Lob seiner Flasche und hielt sie sich unter die Nase. Da zuckten alle Muskeln seines Gesichts zusammen, als wenn er galvanisirt würde. „Nur einen Francescone kostet die Flasche dieser Universalmedicin, welche alle Krankheiten und alle Schmerzen heilt!“ rief er im reinsten Toscaner Dialekt und schüttete den Umstehenden einige Tropfen in die Hände, welche dieselben unter die Nase hielten und sämmtlich dieselbe niesende Bewegung machten, wie der große Meister auf seinem Wagen. Auch ich hielt meine Hand hin, erhielt einige Tropfen und hielt sie unter die Nase. Die Medicin hatte einen starken Zusatz von Salmiakgeist, was auch ihre Grundsubstanz sein mochte. Dann rief er von Neuem den Preis aus und pries alle Wunder seiner Universaltinctur an; Niemand streckte indeß seine Hand aus, um diese Wunder für einen Francescone zu kaufen.

Da rief der Mann: „Signori, ich verkaufe heute diese Universaltinctur „per il beneficio di Sicilia e Napoli“, ich werde den Ertrag bis auf den letzten Centesimo dem Comité für die Unterstützung der Garibaldi’schen Truppen überreichen.“

Jetzt streckten sich hundert Hände aus. In wenigen Minuten war der Wagenkasten des patriotischen Wunderdoctors vollständig geleert.

Nun begann eine neue Scene. Der Wunderdoctor hielt eine Rede über Zahnarzneikunde, welche seine eigentliche Wissenschaft sei, da er sich mit der Erfindung der Universaltincturen nur nebenbei beschäftige. Die Rede hielt sich sehr in allgemeinen Redensarten und war den Begriffen der Menge angepaßt. Er forderte Jeden, der an Zahnschmerzen und Zahnkrankheiten leide, auf, in seinen Wagen zu steigen. In einigen Minuten werde er ihn heilen. Auch die Zahnoperationen, rief er, mache er heute „per il beneficio di Sicilia e Napoli“.

Trotzdem fand sich nicht sofort Jemand, der sich zu Ehren Siciliens und Neapels die Zähne ausziehen lassen wollte. Endlich stieg ein junger Mann auf den Wagen. Der Zahnarzt nahm seinen Kopf in die Hände, besah sich die Zähne und stocherte darin mit einem Haken herum, daß ich beim Zusehen Schmerzen empfand. Dann begann er eine neue Rede, worin er sagte, daß Einer den Platz verlassen und im Exil sterben müsse – er sprach nur von dem kranken Zahn – oder alle Andern müßten zu Grunde gehen, wie vor kurzem noch hier in jenem Palaste – er zeigte mit pathetischer Gebehrde auf den palazzo vecchio des granduca – es sei aber besser, wenn Einer sterbe, als Alle. Dann faßte er ein Instrument, wickelte sich ein Taschentuch um die Hand, und mit einem Ruck war der Zahn ausgerissen und wurde triumphirend in die Höhe gehalten. Der beste Zahnarzt in Berlin oder Leipzig hätte seine Sache nicht besser gemacht. Der Kranke, der seiner Schmerzen jedenfalls ledig war, da ich nicht glaube, daß er sich „per beneficio di Sicilia“, um dem Zahnarzt einige Paoli zu geben, einen Zahn hatte ausziehen lassen, bezahlte, und der Zahnarzt forderte ihn auf, mit ihm zu fahren, um bei der Ablieferung des heute auf der piazza della Signoria im Angesichte des Herzogs Cosmo und der Statue Michel Angelo’s und Benvenuto’s eingenommenen Geldes gegenwärtig zu sein. Dann blies er noch eine schmetternde Trompetenfanfare, welche an den alten Mauern der Loggia und des Palastes wiederhallte, und der Wagen fuhr im Trabe davon.

G. R.




Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal, und ersuchen wir die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.




In diesem vierten Quartale kommen außer den trefflichen Beiträgen von Bock, Schulze-Delitzsch, Beta, Max Ring, Sternberg, Kossak, W. Hamm, Temme, Mor. Hartmann, G. Hammer, Lev. Schücking, Frauenstedt etc., folgende bereits vorliegende und noch eingehende Beiträge vor: Hebel und der Hebel-Schoppen von Berthold Auerbach – Mary Kreuzer, Bild aus dem amerikanischen Leben von Otto Ruppius – Onkel Gottlieb’s Jugendliebe von Ottilie Wildermuth – Eine Rennthierjagd auf dem Dovrefjeld von Dr. Alfred Brehm – Reisebriefe von Fr. Gerstäcker – Originalberichte aus Italien von Gust. Rasch – Erinnerungen an die Schröder-Devrient (Fortsetzung) – Aus Garibaldi’s Leben (Fortsetzung) – Die Preßnitzer Harfnerin, eine Culturstudie – Fürst und Bauer von Ludwig Storch – Schiller’s Asyl – Ein deutscher Patriot – Gang durch eine Zuckerfabrik – Husaren- und Pandurenbilder von Lev. Schücking (Fortsetzung der Frohn-Trenck’schen Geschichte) – Strand- und Dünenleben von Friedr. Oetker.

Auch die

Deutschen Geschichten – und – Bilder aus dem Leben deutscher Dichter, mit Illustrationen,

werden fortgesetzt.

Leipzig, im September 1860.
Ernst Keil.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1860). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1860, Seite 624. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1860)_624.jpg&oldid=- (Version vom 15.9.2022)