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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877)


ausgedehnt. Auch an dem letzteren Orte vernahm man die halblaut in Berlin gesprochenen Worte mit vollkommenster Deutlichkeit und konnte ebenso die Stimmen der einzelnen Persönlichkeiten mit Leichtigkeit unterscheiden. Es scheint sogar, als ob diese Versuche besser gelungen sind, als alle früher in Amerika und England angestellten Proben auf oberirdischen Leitungen, weil dort leicht Störungen eintreten, von denen wir weiterhin Näheres berichten werden. Vielleicht liegt hier der größte Vorzug der in anderer Richtung hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit stark angezweifelten unterirdischen Leitungen, die jetzt über ganz Deutschland ausgedehnt werden.

Alle diese Umstände, so wie das Interesse des Gegenstandes an sich, rechtfertigen wohl ein näheres Eingehen auf diesen neuen Triumph der Wissenschaft auch an dieser Stelle, zumal das Verständniß der Einrichtungen keine besonderen Schwierigkeiten darbietet.

Im Jahre 1837 machte der Professor Page in Salem bei Boston eine Beobachtung, die so zu sagen als der Urahn unserer Erfindung zu betrachten ist. Er fand nämlich, daß ein musikalischer Ton entsteht, wenn man die Pole eines starken Magneten einer Drahtspirale, welche von einem elektrischen Strome durchflossen wird, nähert und in dieser den Strom abwechselnd unterbricht und wieder schließt. Professor de la Rive in Genf überzeugte sich 1843, daß diese Töne auch in einer gewöhnlichen Eisenstange auftreten, wenn ein sie in einer Drahtrolle umkreisender Strom abwechselnd unterbrochen wird, und der Deutsch-Oesterreicher Professor Wertheim in Paris zeigte 1848, daß diese Töne in Stäben von unmagnetischen Metallen nicht auftreten, daß sie mit dem Magnetischwerden des Eisens und damit verbundenen innern Umlagerungen der Theile zusammenhängen.

Diese Beobachtungen erweckten in dem deutschen Physiker Philipp Reis zu Friedrichshafen im Jahre 1861 die erste Idee eines Telephon oder Schall-Telegraphen. Er benützte nämlich den innerhalb der Drahtspirale tönenden dünnen Eisenstab, den er, zweckentsprechend unterstützt, auf einem Resonanzboden befestigte, als den Tonwiedergeber, indem er von der andern Station her so viel Einzelströme in die umgebende Drahtrolle sandte, wie der Schwingungshöhe des wiederzugebenden Tones entsprachen. Die Magnetisirungsgeräusche des Stabes summirten sich dann zu dem verlangten musikalischen Tone. Sein Absender bestand einfach aus einem mit einem Mundstück oder Schalltrichter versehenen Holzkasten, über dessen obere runde Oeffnung ein Trommelfell gespannt worden war. Diese durch Gesang oder Musik in regelmäßige Schwingungen versetzte Membran schloß durch ein auf ihrer Mitte angebrachtes Platinblech, welches mit dem Erdpol verbunden war, den Strom des Leitungsdrahtes bei jeder Schwingung, indem sie ebenso oft eine dicht darüber befindliche Platinspitze berührte, und sandte dadurch in der Secunde so viele Ströme durch den Draht, wie dem angegebenen Tone entsprachen, das heißt je nach der Höhe bis in die Hunderte. Sie erklangen mit völliger Genauigkeit vor dem Tonempfänger, und man konnte schon damals Lieder und Musik telegraphiren, also auch jene Schaustellungen veranstalten, die kürzlich in Amerika so viel Beifall gefunden haben.

Aber, wie wir schon früher erwähnt haben, das Reis’sche Telephon übermittelte nur musikalische Klänge; die Textworte der Lieder blieben im Kasten stecken, und gesprochene Worte tauchten nur als ein unverständliches Schilfsgeflüster wieder auf, wie die Worte jenes unglücklichen Barbiers des Königs Midas, der es nur einem Erdloche vertrauen durfte, daß Midas Eselsohren habe. Mit einem Worte, der Apparat war für die feinen Modulationen und Klangfarben der menschlichen Stimme nicht empfindlich genug und verschwand bald in dem Gedränge der physikalischen Cabinete. Indessen verloren die Physiker das Problem nicht aus den Augen, und nach manchen mißlungenen Versuchen gelang die Lösung in der Nachbarschaft der Geburtsstätte des leitenden Gedankens und in einer demselben ganz ähnlichen und doch wieder unendlich durchgeistigten Gestalt.

Professor Bell, der sich seit dem Jahre 1872 mit diesen Versuchen beschäftigte, ging gewissermaßen auf einem dem Reis’schen Verfahren entgegengesetzten Wege vor. Wie der Strom einer Drahtspirale einen darin steckenden Eisenstab magnetisch macht, so erregt umgekehrt ein in die Spirale hinein oder herausbewegter Magnet elektrische Ströme in der Spirale. Bell’s erster Gedanke scheint nun gewesen zu sein, einen Magnetstab mit einer schwingenden Platte zu verbinden und die durch dessen Hin- und Herbewegung in einer Spirale erzeugten Ströme direkt zum Telegraphiren des Tones zu verwenden. Er endigte damit, durch eine von der menschlichen Stimme in Schwingungen versetzte dünne Eisenplatte magnetische Schwingungen in einem Eisenstabe zu erzeugen, die sich in elektrische Ströme der Spirale und Drahtleitung umsetzen. Senkrecht gegen das hinter dem Schalltrichter angebrachte dünne eiserne Schallblech befindet sich ein kurzer Stab aus sogenanntem weichem (das heißt ungehärtetem), unmagnetischem Eisen, der aber dadurch, daß er den Pol eines in seiner Verlängerung liegenden kräftigen Stabmagneten berührt, durch Vertheilung selbst magnetisch wird. Dieser durch Vertheilung in ihm hervorgerufene Magnetismus wird aber in seiner Stärke durch die Nähe des eisernen Schallblechs beeinflußt, und wenn nun dieses Blech bei seinen Schwingungen sich dem weichen Eisen bald nähert, bald von ihm entfernt, so entstehen in demselben sich unendlich schnell folgende Stärkeschwankungen von der äußersten Zartheit, die aber nach Rhythmus und Stärke genau den Tönen entsprechen, durch welche das Schallblech in Bewegung gesetzt wurde. Die magnetischen Schwankungen in dem weichen Eisen erregen ebenso viele elektrische Ströme in einer letzteres umschließenden Drahtspirale, welche in die Leitung eingeschlossen ist, Ströme, die ihrerseits nach Stärke und Rhythmus den magnetischen Schwankungen, also auch den Tonschwingungen, entsprechen.

Der Empfangsapparat ist dem Absendeapparat vollkommen gleich, so daß auf jeder Seite die Schallöffnung derselben abwechselnd als Mundstück und als Lauschöffnung dient, was offenbar eine große Vereinfachung des Apparats mit sich bringt. Jeder Strom, der von drüben ankommt, verändert den magnetischen Zustand des von ihm umkreisten Eisenkernes. Derselbe zieht die Schallplatte in demselben Rhythmus und mit denselben Stärkemodificationen an, wie sich die absendende Platte bewegte, und die drüben in den Schalltrichter gesprochenen Worte ertönen mit demselben Accent, mit denselben Hebungen und Senkungen, in der ursprünglichen Tonhöhe, aus dem eisernen Kehlkopf hervor. Die Schwingungen der aus unserem Munde kommenden Luftsäule versetzen nämlich das Schallblech in gleiche Schwingungen. Letztere werden getreu in magnetische Schwankungen übersetzt; die magnetischen Schwankungen übersetzen sich in blitzschnell forteilende elektrische Ströme, die nun auf demselben Wege durch magnetische und mechanische Wirkungen in die Ursprache zurückübersetzt werden, und merkwürdiger Weise bei dieser sechsfachen Uebersetzung nichts von ihrer Originalität einbüßen.

Damit ist das Problem im Wesentlichen gelöst. Der Apparat arbeitet schon jetzt so ausgezeichnet, daß man hoffen darf, die wenigen noch vorhandenen Mängel bald zu überwinden. Diese Mängel bestanden eher in einer zu großen als in zu geringer Empfindlichkeit. Sobald man nämlich versuchte, mit demselben auf viel benützten Telegraphenstrecken zu arbeiten, so hörte man aus dem Apparate beständig ein Gepolter, als ob starker Regen oder Hagel gegen die Fensterläden schlägt; man hörte nämlich die ganze Unterhaltung, welche auf derselben Linie in den verschiedensten Richtungen stattfand, mit, und konnte in dem allgemeinen Verkehrslärm sein eigenes Wort nicht verstehen. Alle Ströme der daneben laufenden Leitungen wirken im Vorbeigehen auf das Telephon, indem sie nämlich in ähnlicher Weise, wie der bewegte Magnet, schwache Ströme in der Nachbarleitung hervorrufen, welche die gewöhnlichen Telegraphen-Apparate nicht in ihrer Arbeit stören, in dem empfindlichen Telephon aber einen Heidenspectakel erzeugen. Daher der äußerst günstige Effect auf der ungestörten unterirdischen Strecke, auf welcher man im Allgemeinen mit schwächeren Strömen arbeiten muß.

Die Möglichkeit, auf solchen für sich bestehenden Strecken mit den schwächsten Strömen arbeiten zu können, wird aber wahrscheinlich erlauben, die Empfindlichkeit des Apparates noch höher zu treiben, sodaß man einander auf weiten Strecken die wichtigsten Geheimnisse, ohne Gefahr, von dem daneben stehenden Beamten verstanden zu werden, „in’s Ohr flüstern“ könnte, viel leiser, als in den bekannten Flüstergalerien der Paulskirche oder an der Flüstermauer zu Charlottenhof bei Potsdam. Eine solche noch höher getriebene Empfindlichkeit besitzt das Telephon des

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1877). Leipzig: Ernst Keil, 1877, Seite 798. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1877)_798.jpg&oldid=- (Version vom 8.1.2022)