Seite:Die Leichenräuber-Gerstaecker-1846.djvu/10

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hatte. – „Doktor Mac Botherme ist der Mann, der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher, wirklicher Christ, wie Vater O’Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.“

„Sei nur jetzt ruhig, Patrik!“ beschwichtigte ihn der Doktor, und warf einen scheuen Blick umher – „wir können nicht mehr weit von der Stelle sein und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists. Es – es könnte ja doch per Zufall, so eine verwünschte Rothhaut im Walde herumkriechen, und dann ist’s immer besser, man schreit so wenig als möglich. Komm Patrik – in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft abgemacht sein.“

Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte:

„Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel d’raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme fürchtet, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O’Flahertis Goldhaar haben?“

„Rede nicht so albernes Zeug, Pat!“ sagte der Doktor, und machte seinen Arm von dem des Dieners los – „komm lieber, und sei gescheit – denk an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der klare Tropfen ist’s, den Patrik O’Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt.“

Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so, wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritt brachte sie aber auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den stillen, heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen, unheiligen Händen entweihen wollten.

„Patrik,“ flüsterte der Doktor – „das hier ist die Stelle – hier ist das Grab – da gerade in der Mitte. – So, nun nimm deine Hacke und Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden – gieb mir einmal das Pulverhorn – wir werden’s hoffentlich nicht brauchen, aber der Henker traue doch dem Frieden – besser ist besser – nun? hörst du nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!“

„Und ist es das, was Ihr verlangt?“ frug Patrik erstaunt, „steckt denn nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?“

„Unsinn, Pat!“ sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken eingesteckt habe. – „Unsinn Pat, hier ist’s nicht – und da nicht – und da vorne auch nicht – ich hab’ es dir ja auch, einen Augenblick ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.“ –

„Segne Euere Seele Herr!“ rief Patrik schnell – „und ist es weiter Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d’ran, was Ihr sucht?“

„– Nein, das gerade – hast du’s? –“

„O Misther – macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel hinter der Thür.“ –

„Holzkopf!“ rief der Doktor entrüstet – hab’ ich dir nicht noch ausdrücklich befohlen – du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht naß würde.“

„Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich’s hinter die Thüre hing?“ erwiderte der unverwüstliche Ire – wie hätt’ ich’s können trocken halten, wenn’s heut’ Abend regnete?“

O sancta simplicitas!“ murmelte der Doktor – „da – jetzt sitzen wir in einer ganz gemüthlichen Patsche – wenn nun die Indianer kämen, Patrik, wenn sie nun kämen?! – das war der dümmste Streich, den deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht – jetzt hab’ ich doch das Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.“

Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehres wie vom Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein „Misther“ so ärgerlich sei – da sie ja doch den Whiskey nicht vergessen hatten; er begnügte sich deßhalb bloß, einfach mit dem Kopf zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton gegebenen Befehl „abzuladen“ und die Arbeit zu beginnen. Er warf also die mitgebrachten Werkzeuge in’s Gras nieder, nahm dann die breite Hacke auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam, und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick nach allen Seiten umherwarf.

Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war, nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.

„Patrik – honey!“ sagte der würdige Mann, während er den Spaten aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, „Patrik mein Herzchen, komm und lass’ uns munter an’s Werk gehen. – Je länger hier, je später dort – hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d’rin – denk’ an den Whiskey, Paddy!“

„Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten hat“ – sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche zurückschob – „war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt und gewärmt hat – aber Misther Doktor – segne unsere Seele – ich wollte es wäre vorbei – ’s ist schauerliche Arbeit, den verkehrten Todtengräber zu spielen – hallo, was war das?“

„Was war was?“ rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen Seiten um. „Was war was, Sir?!“ –

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Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 178. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/10&oldid=1948823 (Version vom 1.02.2013)