Seite:Die Leichenräuber-Gerstaecker-1846.djvu/11

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Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise Rauschen der Bäume, das melancholische Quacken der Frösche konnten sie hören – sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch:

„Nun hab’ ich’s satt – Sirrah – hack’ ein und mach’ ein Ende – wir wollen doch nicht die ganze Nacht hier auf dem Grabe zubringen.“

„Mit Gott denn“ – sagte Patrick, – zog seinen Rock aus, warf den alten Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage aus – da krachten und brachen – gar nicht weit von ihnen entfernt, die Büsche – durch die kleine Lichtung strich – von irgend etwas im Walde aufgescheucht – eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob irgend Jemand – ob Hirsch, ob Mensch ließ sich nicht unterscheiden – durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.

„Doktor – was war das?“ flüsterte Patrik leise, während er die Hacke bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte.

„Weiß der Teufel,“ brummte Mac Botherme, „ob’s bloß ein Hirsch war, der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde, das muß es auch gewesen sein – wer, zum Henker, sollte denn jetzt –“

„Doktor – Misther Doktor,“ zischelte Patrik und blickte sich scheu, bald über die rechte, bald über die linke Schulter – „Patrik O’Flaherti ist’s, dem’s unheimlich zu Muthe wird – Jäses – ich wollte ich läge in Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.“ –

Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusche – aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig – selbst der Wind schien erstorben – kein Lüftchen regte sich.

„Patrik,“ sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst kaum vernahm was er sprach – „Patrik“ – wir wollen unsere Arbeit schnell vollenden, und dann machen, daß wir zu Hause kommen – es ist unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck, mit dem dunklen Wald rings herum.“

Patrik erwiderte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein. Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche – knackten und brachen die Zweige, und heraus aus dem Dickicht – Gespenstern gleich, mit den fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein.

Starr und entsetzt dastehenden – ja – im ersten Augenblick der Ueberraschung – als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne – plötzlich aber – wie der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: „O Jäses!“ ließ die Hacke fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben, um dessen Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen. Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedachte, um die Leute zu unterscheiden – glaubte natürlich nicht anders, als es sei Einer seiner rothhäutigen Verfolger – beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich, und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich zärtlichem Tone seinen Namen rief – wandte er nicht einmal den Kopf, sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf’s Neue in Dornen und Schlingpflanzen hinein.

Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern ausdrücklich verfolgt würde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den Büscheln raschelte.

Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum Besinnen bleiben – im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und eine dunkle Gestalt, mit – wie er damals glaubte – weißbemaltem Gesichte sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.

Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren, so hatten Patrik O’Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdieß ihr Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären, etwas Unerlaubtes und äußerst

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Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 179. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/11&oldid=1948824 (Version vom 1.02.2013)