Seite:Die Leichenräuber-Gerstaecker-1846.djvu/12

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Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile mit der sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner, keineswegs gesonnen ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord und gleichsam um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte, und sie zu immer wilderer Eile antrieb.

„Gentlemen!“ rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz – „der Sieg ist gelungen – die Festung erstürmt – die Besatzung mit Zurücklassung ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür daß –“

Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand – die wollene Decke leicht von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwenkend von der raschen Bewegung – ein wirklicher, lebendiger Häuptling – ein „scalpsüchtiger“ Wilder – ein Rächer der geschändeten Grabstätte. Die Uebrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber – vom vielen Schreien ordentlich blauschwarz im Gesicht – wollte eben über den Hügel wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit einem „allerletzten“ Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte, Freunde oder Feinde wären.

Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange Stich gehalten hätte – denn daß es einer war, erkannte er auf den ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung, warf er seinen Nachbar, den entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine trugen, in das ihm nächste Dickicht.

Sip’s Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder – kaum sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick schon wenigstens für scalpirt hielt.

Weppel – auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy – sonst der Muthigste von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh – Einer brach mit dem Angstschrei auf den Lippen vor seinen Füßen zusammen – hoch auf dem Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger – was blieb ihm da anderes zu glauben übrig – als sie wären von irgend einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst – waffenlos mitten zwischen ihnen – konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.

Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite, um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Uebrigen, das schützende Dunkel des Waldes zu erreichen.

(Schluß folgt.)
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Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 180. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/12&oldid=1948825 (Version vom 1.02.2013)