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Fliegende Blaetter 46 185.png
Die Leichenräuber.
(Schluß.)

Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte. In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich – großer Gott, so mußte er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen – vor einer dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen. Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab – mit Blitzesschnelle wandte er sich, und da er in dem Moment auch noch das nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nichts anderes glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben einer umgestürzten halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Aehnliches einmal in einem Buche gelesen.

Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen, stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des Verblichenen. –

Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung; – Josy traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen, gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt, und ließ sie das Schlimmste fürchten. Was sollten sie thun? einen Courier nach Vincennes senden und von dort Hülfe holen? – Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich wirklich

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Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 185. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/13&oldid=1948826 (Version vom 1.02.2013)