Seite:Die Leichenräuber-Gerstaecker-1846.djvu/4

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wirkte höchst störend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte – sie waren alle viere Demokraten, hatten für Polk gestimmt, und im Ganzen eine so genau übereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er werde nächstens gegen seine Ueberzeugung des Whigtuket stimmen, blos um einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft widersprechen zu können.

Die Politik war deßhalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt, und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im letzten Monat gefunden, während sich Josy seines Glücks auf der Jagd rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthühner geschossen. Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirsch und noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade, als er die Büchse heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, und dadurch ein ungemein delikates Stück Wildpret für sich gewonnen hätte.

„Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,“ fuhr jetzt Weppel auf, „daß diese schleichenden Hallunken, diese Indianer hier immer um die Ansiedlung herum kriechen – in Arkansas leiden sie’s auch nicht – ich hielt im vorigen Jahre am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen ganzen Trupp von ihnen auf – es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn – nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.“

„Ja,“ sagte Shark geheimnißvoll – „das hat aber auch hier eine andere Bewandtniß – wißt Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes über Waterton erzählt?“

„In Vincennes?“ frug ungläubig Josy, – „was wissen sie denn in Vincennes von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehört haben sollten – Unsinn – wäre doch verdammt neugierig das zu erfahren!“

„Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen,“ fuhr Shark fort, trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin augenblicklich wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl ein bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf, stützte gegen die zurückgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder Stimme:

„Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.“ –

„Nicht ganz richtig?“ frugen die drei übrigen wie aus einem Munde.

„Nein“ – sagte der Krämer – „nicht ganz richtig – oder eigentlich gar nicht richtig, denn die Indianer schnüffelten blos deshalb hier noch in der Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie heben müßten, ehe sie sämmtlich das Land verlassen dürften.“

„Einen Schatz?“ rief die junge Wirthin, erstaunt näher tretend.

„Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und Schmucksachen“– fuhr der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort.

„Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben,“ sagte der Wirth ungläubig – „das was die Indianer für kostbar halten, ist für uns Weiße keinen Pfifferling werth – das sind gewöhnlich immer nur Muschelstückchen, die an den Wampum genäht werden, rothe Erde, um Pfeifen d’raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in New-York für einen Spottpreis kaufen kann.“

„Wo sie’s hergekriegt haben sollen?“ rief Shark in allem Eifer; – „haben sie denn nicht von jeher die weißen Ansiedlungen überfallen, und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird denn nicht sogar behauptet, daß es in den Alleghany-Gebirgen Stellen gäbe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was sie damit anfangen sollten, bis sie es später durch die Gier der Europäer erfahren! Nein, die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie hier in der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt sitzen, das ist auch möglich. Was hätten denn auch wirklich die rothen Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen zu schießen, in den Wald ging.“

(Fortsetzung folgt.)
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 164. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/4&oldid=1948831 (Version vom 1.02.2013)