Seite:Die Leichenräuber-Gerstaecker-1846.djvu/8

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nieder, dann wär’s noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber – laßt ihn weiter ziehen, Schwestern – es ist ein Südländer – er tritt patzig auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes ins Ohr, und ist dann eben so leicht verschwunden, wie er gekommen.“

So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus, vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.

Die Natur feierte ihren Sabbath – die heilige Ruhe lag über der ganzen Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle hineinzuquacken in die stille – hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht durch die dichtverwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine Fluß seine unregelmäßige zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.

Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand – es war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen, während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme hier herausgerissen seien, und das weite die enge, nackte Stelle umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben zu schließen.

Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.

Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging, umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf geheult zu den Sternen – die Spuren seiner scharfen Krallen zeichneten noch den weichen Grund.

Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? – Hatten sie soweit sein Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten ihn früher erquickte? Ach nein – nein – nicht Liebe war’s, die das erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne – den Leichnam aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das geschehen konnte, so schnell geschah es; – daß sie das indianische Grab dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Raçe selbst bewiesen.

Und jener Stein? –

Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten – hättest du den leisen monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern, die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach einem Stein gefragt – ein lebendes Monument seines Stammes, kauerte der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab – seines Vaters, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.

Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt – die hohe Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem noch fernen, aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu horchen.

Es kam näher – er unterschied Stimmen – er vernahm das Krachen und Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig erhebend – das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem Dunkel.

„Ich sage dir Patrik – du bist ein Esel!“ rief Doktor Mac Botherme, als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden Aeste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine reibend, aufstand – „du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwar von knochenzerbrechenden Bäumen – Herr Gott!“ unterbrach er sich hier selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute.

„Aber Doktor Max Botherme“ – fuhr der dadurch ungerührte Patrik in seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah – „ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblick, bald rechts bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: „Patrik, mein Herzchen, meine Juwele, gehe nicht weiter – gehe keinen Schritt weiter, in dieser gesegneten Nacht – es kostet sonst deine Seele – du bist ein verlorenes Schaf.“ –

(Fortsetzung folgt.)
Empfohlene Zitierweise:

Friedrich Gerstäcker: Die Leichenräuber. Braun & Schneider, München 1846, Seite 172. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Leichenr%C3%A4uber-Gerstaecker-1846.djvu/8&oldid=1948835 (Version vom 1.02.2013)