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des Bösen ist. Auf Odins Schultern saßen die beiden Raben Hugin und Munin Gedanke und Gedächtnis. Raben sollen verwandelte Menschen sein; so ist nach der englischen Volkssage der König Artus (Gralsage) in einen Raben verwandelt, weshalb auch kein Engländer einen solchen Vogel töten soll. In vielen Gegenden kennt man den bösen Nachtraben, von dem Heine eine tiefsinnige Geschichte nach einem dänischen Volkslied erzählt.

Krähe und Elster gelten im Voigtlande und in der Schweiz als verwunschene oder sonst verwandelte Hexen; besonders soll die Elster in diesem Falle den Jägern manchen Streich spielen.

Der Specht steht mit der in Sagen eine große Rolle spielenden Springwurzel in Verbindung; er kann dieses Zauberinstrument verschaffen. Wenn man nämlich das Nest eines Grün- oder Schwarzspechts zukeilt, holt der Vogel die Springwurzel herbei, zieht damit den Keil heraus und läßt sie, wenn man Lärm macht, erschreckt fallen[1].

In der Gestalt des Kuckucks erschien schon Zeus der Hera und flüchtete so unter Sturm und Regenschauern in ihren Schoß. Noch heute herrscht der Kuckuck im Volksglauben mancher Gegend.

Die Eule kommt besonders in Sagen von Tod und Vorgeschichten vor.

Der Adler spielt in der Sagenwelt seit jeher eine große Rolle als König der Vögel und als Attribut der höchsten Gottheiten. Bei den Griechen schon war der Adler als Begleiter und Bote des Zeus ein heiliger Vogel; die Perser gebrauchten ihn zuerst als Heereszeichen, später außer vielen andern Völkern auch die Römer, bei denen der Adler auch als der heilige Vogel Jupiters galt. Es mag erwähnt werden, daß der Adler das verbreitetste aller Wappenbilder ist.

Die Sage kennt auch rein sagenhafte Vögel, z. B. den Greif und den Phönix. Der Greif hat Löwengröße, -Stärke und -Gestalt, aber einen Adlerkopf und zwei Adlerflügel. Er entstammt ursprünglich der orientalischen Sage. In Tirol hatten Räuber aus Burg Greifenstein einen Greif in ihren Diensten, der ihnen die Beute zutrug, Roß und Wagen in einem Fluge heranholte.


  1. Brüder Grimm, Deutsche Sagen. I. Nr. 9 (von dem lippischen Dorfe Köterberg).
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Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 98. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/106&oldid=1144827 (Version vom 16.06.2010)