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weißer Stier die Gegend von einem Untier (Schaf, Ziegenbock, Kalb, Lindwurm) erlöst. Gespenstische Kühe und Ochsen oder Kälber kennt man noch jetzt in vielen Gegenden.

Die nordische Sage berichtet vom edlen Roß Odins, Sleipnir, das mit acht Füßen dahineilte; es hatte Runen auf den Zähnen. Die alten Germanen brachten ihren Göttern Pferdeopfer, und noch jetzt zieren Pferdeköpfe die Giebel niedersächsischer Häuser. Das riesige Roß der vier Haimonskinder, das Karl der Große ertränken ließ, ist der Sage nach nicht tot, sondern lebt noch im Ardennenwald. Nachtrosse, besonders schwarze, erscheinen als gespenstische Tiere und wachsen oft haushoch. Zuweilen hat das Nachtroß nur drei Beine; es durchfliegt die hohen Lüfte, besonders wenn es jemanden verleitet hat, es zu besteigen. Einige Sagen berichten von Pferden mit verkehrt genagelten Hufeisen, andere von solchen ohne Eisen. In den russischen Sagen erscheinen Pferde mit flammenden Augen und dampfschnaubenden Nüstern.

Ganze Viehherden werden in der Schweiz oft fortgetragen; man nennt dies das Alprücken; es soll geheimnisvoll geschehen. Man hört laute Rufe und Jodler in der Luft, als ob ein ganzes Senntum durch die Luft getrieben werde. Die Erscheinung soll Regen oder sonst schlimmes Wetter bedeuten. Am Pilatus treibt ein langbärtiger Zwerg das Vieh von der Alp in die Lüfte, wenn die Sennen abends unterlassen haben, den Alpsegen und das Ave Maria auszurufen. Erst am dritten Tage kommen die Tiere zurück, aber mager, elend und vergeltet, d. h. von der Milch gekommen. In anderen Gegenden kommen sie zurück, ohne Schaden gelitten zu haben. Gelingt es dem Senn, über die Kühe den Melkstuhl zu schleudern, so bleiben diese zurück. Gegen solche Hexerei wird zuweilen ein schwarzer Hahn auf der Senn gehalten; das soll helfen.

Vielfach ist es nur ein Gespenst, das Nachtvolk, ein verwünschter Senn oder dergleichen, wodurch der Spuk hervorgerufen wird.

Das Einhorn ist ein reines Fabeltier, von dem schon die Alten berichteten. Es soll Pferdegestalt, vor der Stirn ein langes gerades Horn haben, das es als gefährliche Waffe gebraucht, und in Indien und Afrika zu Hause sein. Früher sah man den Stoßzahn des Narwals als Horn des Einhorns an.


Empfohlene Zitierweise:

Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 102. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/110&oldid=1144815 (Version vom 16.06.2010)