Seite:Die Sage-Karl Wehrhan-1908.djvu/112

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

sie geschickt und gewandt in größere Gedichte versponnen; wir erkennen neben dem Talent, was er darin bewiesen hat, doch eine Trübung trefflicher einfacher Poesie, die keines Behelfs bedarf.“ Überhaupt ist dem, der die Blumen der Sage im Volke pflücken will, die keusche Hand der Brüder Grimm zu wünschen und deren Geleitswort auf den Weg zu geben: „Das erste, was wir bei Sammlung der Sagen nicht aus dem Auge gelassen haben, ist Treue und Wahrheit. Als ein Hauptstück aller Geschichte hat man diese noch stets betrachtet; wir fordern sie aber eben so gut auch für die Poesie und erkennen sie in der rechten Poesie ebenso rein. Die Lüge ist falsch und bös, was aus ihr herkommt, muß es auch sein. In den Sagen und Liedern des Volkes haben wir noch keine gefunden; es läßt ihren Inhalt, wie er ist und wie es ihn weiß; dawider, daß manches abfalle in der Länge der Zeit, wie einzelne Zweige und Äste an sonst gesunden Bäumen vertrocknen, hat sich die Natur auch hier durch ewige und von selbst wirkende Erneuerungen sicher gestellt … Die ungenügsamen Gebildeten haben auch das unverletzliche Gut der Sage mit Unwahrheiten zu vermengen, zu überfüllen und überbieten getrachtet. Dennoch ist der Reiz der unbeugsamen Wahrheit unendlich stärker und dauernder als alle Gespinste … Darum darf ihr [der Sagen] Innerstes bis ins Kleinste nicht verletzt, und darum müssen Sachen und Tatumstände lügenlos gesammelt werden“. Auch auf Kleinigkeiten kommt es da an; eine einzige dialektische Wendung, eine einzige echt volkstümliche und altmodische Redensart besagt für den Volksforscher oft mehr, als eine lange feinstilisierte Beschreibung. Also nicht modernisieren, wenn auch der Stil unbeholfen erscheint. Auch den gedruckten Überlieferungen der Sagenwelt aus früherer Zeit gegenüber kann man am besten recht nachsichtig verfahren; in der alten unbeholfenen Ausdrucksweise ihrer Zeit machen sie meistens einen besseren Eindruck, als der heutigen Sprache angepaßt, und besonders die oft recht unpoetischen Gespenstersagen, die meist aus dem 17. Jahrhundert überliefert sind, hören sich in ihrer altertümlichen Form jedenfalls ursprünglicher und echter an, sie bringen auch äußerlich den charakteristischen Ton jener Zeit mit[1].


  1. Vergl. Meiche, Vorwort z. d. sächs. Sagen S. XVIII f.
Empfohlene Zitierweise:

Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 104. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/112&oldid=1144812 (Version vom 16.06.2010)