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Die Scheidung in echte und unechte Sagen[2] ist schwer, denn es gibt dazu keine untrügliche Methode, sondern nur einige Kriterien. Die echte Volkssage ist schlicht, sie zeigt keine verwickelten Situationen, hat nichts Gekünsteltes und ist ohne reiche Nomenklatur, sie nimmt die Wesenzüge auch nicht aus den Vorstellungen einer internationalen Kultur oder aus gelehrten Einzelstudien. Wenn z. B. abergläubische Vorstellungen um wirkliche oder erdachte Vorfälle gruppiert werden, so kann man sie als echtes Sagengut ansehen; manche Gespenster- und Schatzsagen mögen so entstanden sein. Gelehrte Fabeln, also unechte Sagen sind vor allem die schon erwähnten sinnlosen Ableitungen von Orts- und anderen Namen und gewisse Göttersagen, die besonders vor einigen Jahrhunderten eine Rolle spielten. Unecht ist z. B. die Ableitung des Namens Dresden von trasi = pseudoslavisch „Fähre“ = Überfahrtsstelle der Wenden, echt dagegen ist folgende Namensage: Ein Wettiner wollte dem Ort einen Namen geben nach dem ersten Wort, welches er dort hörte. Als er hin kam, sagte ein Maurer beim Betrachten eines Steines zu sich selber: drehst’n oder wendst’n. Unecht ist z. B. auch folgende Sage von Soest, die an den lateinischen Namen der Stadt Susatum anknüpft: Hier soll vor diesem ein Schloß gestanden und das Volk sich der guten Gelegenheit wegen rund herum angesiedelt und so den Ort stetig vermehrt haben. Daher der Name Zusat oder Zusatz. Den Ausschlag gibt in letzter Linie nur das feine Gefühl des in langer Arbeit geschulten Forschers und Sammlers, wobei ein poetischer Sinn – die Sage ist ja Poesie – für den |
Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/17&oldid=1137013 (Version vom 8.06.2010)