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echten Volksforscher unerläßlich ist. Das beste Kennzeichen für die Echtheit einer Sage ist aber schließlich das Verhalten des Volkes selbst, ob es eine Sage annimmt oder ablehnt.

Über das Alter der Sagen ein genaues Urteil zu fällen ist schwer, wenn nicht ganz unmöglich, zumal sie, wie das Volkslied, immer einem gewissen Wandel unterworfen sind, gleichsam immer von neuem wiedergeboren werden, und ist auch die Form einer Sage neu, so sind doch die ihr innewohnenden Vorstellungen uralt. Nach Grimm haben die Zwerg- und Hünensagen einen gewissen heidnischen Anstrich voraus. Und über die Sagen von Hexen und Gespenstern sagen diese Forscher: Man könnte sie insofern die neuesten nennen, als sie sich am öftersten erneuern, auch örtlich betrachtet, am lockersten stehen; inzwischen sind sie im Grunde vielmehr nur die unvertilglichsten, wegen ihrer steten Beziehung auf den Menschen und seine Handlungen, worin aber kein Beweis ihrer Neuheit liegt. Und Meiche sieht in den Teufels- und Gespenstersagen nicht mit Unrecht Nachklänge der religiösen Erregungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Sage von den Poltergeistern sind uns meist aus den Zeiten nach dem dreißigjährigen Kriege überliefert und ebenso wie die Teufelsbündnisse für die Kulturgeschichte nicht unwichtig. –

Die Sage versteht es vorzüglich, in treffender Weise den Charakter ganzer Volksstämme zu bezeichnen. Das Wesen des eichenurwüchsigen Westfalen, das aber einem edlen Kern in rauher Schale gleicht, wird in der folgenden Sage in drastisch-plastischer Darstellung so recht gelungen wiedergegeben.

Christus geht einst mit Petrus in Westfalen spazieren; sie treffen aber nur kräftige und knorrige Eichen in dieser Gegend an. Petrus, dem es leid tut, daß niemand das schöne Land bewohnt und bebaut, bittet den Herrn, doch einen Menschen dafür zu schaffen. Christus stößt denn auch kaum mit dem Fuße gegen einen Eichenstamm, als dieser sich in einen blondgelockten Sohn der roten Erde verwandelt „frei und stark, blauäugig, trotzig bis ins Mark.“ Drohend wendet er sich zum schaffenden Herrn und schreit ihn zornig an: „Watt stött he mi!“

Nach einer anderen Sage sollen die beiden keine anderen lebenden Wesen unter den Eichen gefunden haben, als

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Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/18&oldid=1137001 (Version vom 8.06.2010)