Seite:Die Sage-Karl Wehrhan-1908.djvu/19

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Schweine, was Petrus zu derselben Bitte bewog. Auch nach dieser Sage schuf der Herr einen Westfalen, wenn auch nicht aus der Eiche, sondern aus etwas, was die Schweine hatten auf der Erde liegen gelassen – auch hier das trutzig-herausfordernde Benehmen des Neugeschaffenen.

Damit vergleiche man nachstehende rheinische Sage: „Eines Abends geht der Herr mit St. Petrus am Rheinesstrand, der Herr lehrend, der Apostel lauschend. Da merkt der Gottmensch, daß sein Zuhörer ein Zuschauer geworden und fragt den Jünger ernstlich, was es gebe. „Lieber Meister“, sagt der, „schau’ dort am Ufer die Maid, hier haust doch ein hübscher Menschenschlag!“ Und der Herr nimmt einen Sechsbätzner: „Den nimm, Petrus, und kaufe dir lieber einen guten Schoppen Rheinwein; du tust besser, als nach Evas Weise, die euch ins Leid gebracht, die Augen wandern zu zu lassen.“ Das ist echt „rhein-fränkischer Humor voll sittlich-religiösen Ernstes.“

Auch der köstliche deutsche Humor kommt in der Sage zur rechten Geltung; die Mehrzahl der Sagen hat irgend einen Zug, der die heitere Seite des Gemüts anregt. Wie der seine Frau auf die Probe stellende König Heinrich weidlich verprügelt wird, wie der Bauer Hans dem König ein Schnippchen dreht, ist bekannt (vgl. Grimms Sagen). Dahin gehören auch viele der Teufelssagen, die in epischer Breite schildern, wie der Böse hintergangen wird, wie er hereinfällt – immer kommt er zu spät, z. B. erst nach dem ersten Hahnschrei, oder der zuerst Begegnende oder die Brücke Überschreitende ist kein menschliches Wesen, wie er gehofft hat. Auch die Sage vom Schelm von Bergen hat einen lustigen Anklang. Im allgemeinen darf man auch hier mit Johann Rist sagen: Ein Volk ohne Scherz ist unheimlich, wie ein Wald ohne Gesang. Und wenn bestimmte Kreise dabei in Mitleidenschaft gezogen werden – man denke nur an einige Spott- und Ortsnamensagen – so werden die Betroffenen ja auch am ehesten ein herzliches Mitlachen für den harmlosen Scherz haben.

Sage und Anekdote berühren sich oft und zwar so innig, daß nicht immer die genaue Grenze gezogen werden kann. Der Anekdote haftet, wie der historischen Sage, etwas Geschichtliches an, aber bei der echten Anekdote mehr als bei der historischen Sage. Anekdota, ein griechisches Wort =

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Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/19&oldid=1136995 (Version vom 8.06.2010)