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Forscher. Wie der Held in der Anekdote lebt, fromm und bieder, wahr und offen, oder das Gegenteil, so lebt er im Volke fort, und es wäre vergebliches Bemühen des Hofgeschichtsschreibers, die Volksüberlieferung berichtigen zu wollen. Darum ist die Anekdote, die uns die intimen Züge der Großen verrät, die unsere Herrscher im Verkehr mit dem Volke schildert, von ganz bedeutendem Werte.“[1]

Wie nächst dem sittlichen Ernst und der Gedankentiefe auch der Humor im deutschen Volke seine heimische Stätte fand, zeigt uns unter anderem auch die Gestalt des Till Eulenspiegel[2] mit den zahlreichen Schwanksagen, und ferner die überall verbreiteten Narrenpossen der Schildbürger. Beide Arten wirken auf entgegengesetzte Art. Eulenspiegel handelt absichtlich verkehrt; die Schildbürger, unter welchem Namen sie in den verschiedenen Gegenden auch auftreten mögen, vermeinen überzeugt klug und weise zu handeln; Eulenspiegel führt seine Streiche mit bewußter Schadenfreude aus; die Schildbürger haben die ehrlichste Absicht; Eulenspiegel zeigt eine Art von Geistesüberlegenheit; die Schildbürger stehen im erhabenen superklugen Dünkel da; Eulenspiegel macht sich auf Kosten anderer lustig und gibt andere dem Gelächter preis; die Schildbürger machen sich in Ausführung ihrer Narrenspossen selbst lächerlich. –

Wie der Epheu mit Vorliebe an hohem Gemäuer emporrankt und dieses in frisches Grün einkränzt, wie die glänzende Wolke sich vor allem an hohe Bergesgipfel lehnt und die gewaltigen starren Gipfel in geheimnisvolle Schleier hüllt, wie die schon längst verschwundene Sonne noch die am höchsten emporragenden irdischen Gegenstände in goldigen Schein faßt, so klammert sich die Sage gern an hervorragende menschliche Größen, umgibt sie mit grünender, lebender Poesie, stellt sie uns in geheimnisvollem blauen


  1. Citiert nach: Das Land, hrsg. von Heinrich Sohnrey. XV. 1907. Nr. 24 S. 530. – Vgl. Hermann Jahnke, Hohenzollern-Anekdoten. Stuttgart 1907. – Albrecht Keller, Die Schwaben in der Geschichte des Volkshumors. Freiburg a. Br. 1907. – A. Bichner, Anekdotenhafte Sagen (Mitteil. der schles. Ges. f. Volksk. VI. 1899. S. 29 f.) – G. Keßler, Spitznamen und Schildbürgergeschichten einiger schweizerischer Ortschaften (Schweizer. Archiv f. Volksk. V. 1901. S. 112–115).
  2. Vgl. Till Eulenspiegel von Jakob Nover in seinen deutschen Sagen …
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Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/21&oldid=1136990 (Version vom 8.06.2010)