Seite:Die Sage-Karl Wehrhan-1908.djvu/33
|
Welche Naturvorgänge liegen nun den Sagen zu Grunde? Das ist nicht einheitlich festzustellen, da die Auffassung des Volkes nicht überall dieselbe und auch die Natur nach der Eigentümlichkeit des Landschaftsbildes und des Klimas eine verschiedene war. Nicht nur die Sagen verschiedener Völker und Volksstämme, sondern auch die einzelner Landschaften zeigen wesentliche Verschiedenheiten, erklärbar durch die Eigenart der betreffenden Bewohner sowohl als auch der Landesnatur. So sind die Sagen vom wilden Jäger fast ausschließlich oder doch vorzüglich in waldigen und bergigen Gegenden anzutreffen. Natürlich kennt man auch nur hier die Berggeister, wie z. B. Rübezahl im Riesengebirge. Riesen kennt ebenfalls vor allem nur die Sage der Gegenden, in denen Berge und Felsen reichlicher sich finden. Müllenhoffs[1] Bemerkung stimmt damit überein, wenn er sagt: „vor dem Landbau weichen die Riesen, denn sie stellen die untergeordneten, ungezähmten und verderblichen Naturkräfte dar“ – je mehr eine Gegend Ackerbau treibt, je weniger gebirgig ist sie. Daß Wasserdämonen in erster Linie nur in solchen Gegenden häufiger auftreten, in denen die natürlichen Grundlagen dafür gegeben sind, das Wasser, braucht nicht weiter erwähnt zu werden. Meiche führt noch einige Beispiele für das Königreich Sachsen an. Für die Gegend von Rochlitz hat Pfau den Zusammenhang zwischen Gespenstersagen und prähistorischen Fundorten erwiesen. Der Südwesten Sachsens ist besonders reich an romantischen Sagen, was in der Gemütsart der Bewohner seinen Grund haben
|
Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/33&oldid=1140006 (Version vom 12.06.2010)