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Wie Sagen noch jetzt entstehen können, davon ein Beispiel aus meiner Erfahrung, von meinem Vater erzählt. Dieser fuhr in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts abends von Bielefeld durch den Teutoburger Wald nach Heidenoldendorf bei Detmold. Jenseit des Waldes, zwischen Örlinghausen und Pivitsheide, war ein tiefer Hohlweg, dessen hohe Böschungen mit alten Hecken bestanden waren. Inzwischen war es stichdunkel geworden, und in dem Hohlwege angekommen, wollte das Pferd plötzlich nicht mehr weiter, bäumte sich, schnaubte und gab alle Zeichen einer großen Angst zu erkennen. Aufmerksam geworden, gewahrte mein Vater auf dem hohen Uferrande des Hohlweges einen ungeheuren Hund mit einem einzigen, aber riesig großen Auge auf der Stirn des dicken Kopfes. Ihn gruselte selber, das Pferd wollte trotz starken Zügelns und trotz des Gebrauchs der Peitsche nicht vorbei. Was machen? Er stieg vom Wagen, nahm sich ein Herz und ging in weitem Bogen dem Untier langsam näher. Was war es? Ein alter krummer Weidenstumpf, in dessen dickem Kopfe sich ein großes Loch befand, durch das die infolge Verwesung fluoreszierende Moderschicht des Bauminnerns hindurch leuchtete. Das Gespenst war erkannt; aber nur mit Mühe konnte der |
Karl Wehrhan: Die Sage. Wilhelm Heims, Leipzig 1908, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sage-Karl_Wehrhan-1908.djvu/35&oldid=1140002 (Version vom 12.06.2010)