Seite:Die relative Bewegung der Erde und des Äthers.djvu/2

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Wenn der Äther in Ruhe bleibt, so muß die Bewegung der Erde einen Einfluß auf die Zeit haben, welche das Licht braucht, um zwischen zwei fest mit ihr verbundenen Punkten hin und zurück zu gehen. Ist l die Entfernung der Punkte, c die Geschwindigkeit des Lichtes, und w die der Erde, so ist die betreffende Zeit, wenn die Verbindungslinie der Punkte der Bewegungsrichtung der Erde parallel läuft,

2\frac {l}{c}\left(1+\frac{w^2}{c^2}\right){,} (1)

und wenn sie senkrecht auf ihr steht,

2\frac {l}{c}\left(1+\frac{w^2}{2c^2}\right){,} (2)

so daß die Werte um

\frac{lw^2}{c^2} (3)

voneinander verschieden sind.

Michelson benutzte einen Apparat mit zwei gleichlangen, aufeinander senkrecht stehenden horizontalen Armen, die an ihren Enden je einen senkrecht auf die Richtung des Armes gestellten Spiegel trugen. Eine Interferenzerscheinung kam in der Weise zustande, daß vom Kreuzpunkte ab ein Strahl längs des einen Armes und ein zweiter längs des anderen Armes hin- und herlief. Der ganze Apparat, einschließlich der Lichtquelle und des Beobachtungsfernrohrs, konnte um eine vertikale Achse gedreht werden, und die Beobachtungszeit wurde so gewählt, daß bei dieser Bewegung Lagen erreicht werden konnten, in denen entweder der eine oder der andere Arm einen ziemlich kleinen Winkel mit der Bewegungsrichtung der Erde bildete. Zur Vereinfachung wollen wir annehmen, daß die Arme der Erdbewegung genau parallel gerichtet werden können. Dann muß, wenn Fresnel’s Theorie richtig ist, infolge der Erdbewegung das in ihrer Richtung hin- und hergehende Lichtbündel in bezug auf das andere Bündel die durch (3) bestimmte Verzögerung erleiden. Bei einer Drehung über einen rechten Winkel müssen also alle Phasendifferenzen sich um einen Betrag ändern, der, in Zeiteinheiten ausgedrückt, durch das Doppelte der Größe (3) angegeben wird. In Wirklichkeit ließ sich aber eine Verschiebung der Interferenzstreifen nicht nachweisen.

Gegen diesen Versuch konnte ich einwenden, daß die Länge der Arme etwas zu klein war, um eine beobachtbare Verschiebung der Streifen zu erhalten. Michelson hat aber, in Gemeinschaft mit Morley, das Experiment in größerem Maßstabe wiederholt.[1] Bei den neuen Versuchen liefen die Lichtstrahlen in zueinander senkrechten Richtungen mehrere Male hin und her, indem sie jedesmal wieder von Spiegeln


  1. A. A. Michelson u. E. W. Morley, Amer. Journ. of Science (3) 34 (1887), p. 333.
Empfohlene Zitierweise:

Hendrik Antoon Lorentz: Die relative Bewegung der Erde und des Äthers. Leipzig und Berlin: B. G. Teubner, 1907, Seite 444. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_relative_Bewegung_der_Erde_und_des_%C3%84thers.djvu/2&oldid=1267515 (Version vom 17.10.2010)