Seite:Die relative Bewegung der Erde und des Äthers.djvu/3

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reflektiert wurden; die letzteren, sowie alle sonstigen Teile des Apparats waren auf eine auf Quecksilber schwimmende und also leicht in horizontaler Richtung drehbare Steinplatte gestellt. Auch jetzt zeigte sich, keine Spur der durch die Fresnel’sche Theorie verlangten Verschiebung der Interferenzstreifen.

Ich habe mir viel Mühe um die Erklärung dieses Versuchs gegeben und habe schließlich nur einen Ausweg gefunden. Derselbe besteht in der Hypothese, daß die Verbindungslinie zweier Punkte eines festen Körpers nicht die gleiche Länge behält, wenn sie einmal der Bewegungsrichtung der Erde parallel läuft, und dann senkrecht darauf gestellt wird. Wenn z. B. die Entfernung im letzteren Fall l und im ersteren l(1 - \alpha) beträgt, so muß man den ersten der Ausdrücke (1) und (2) mit 1 - \alpha multiplizieren. Vernachlässigt man \frac{\alpha w^2}{c^2}{,} so erhält man dadurch

2\frac {l}{c}\left(1+\frac{w^2}{c^2}-\alpha\right){.}

Dies wird dem Ausdruck (2) gleich, und das negative Resultat von Michelson ist somit erklärt, wenn

\alpha=\frac{w^2}{2c^2}

ist.[1]

Eine solche Änderung der Länge der Arme bei Michelson’s erstem Versuch, und der Dimensionen der Steinplatte beim zweiten, ist nun wirklich, wie mir scheint, nicht undenkbar. In der Tat, wodurch werden die Größe und die Gestalt eines festen Körpers bestimmt? Offenbar durch die Intensität der molekularen Kräfte; jede Ursache, welche diese modifiziert, muß auch die Form und die Dimensionen des Körpers ändern. Nun dürfen wir gegenwärtig annehmen, daß elektrische und magnetische Kräfte durch Vermittlung des Äthers wirken, und es ist nicht unnatürlich, dasselbe von den molekularen Kräften vorauszusetzen. Tut man dies, so kann es einen Unterschied machen, ob die Verbindungslinie zweier materieller Teilchen, die sich zusammen durch den ruhenden Äther verschieben, parallel oder senkrecht zur Bewegung gerichtet ist. Man sieht leicht, daß ein Einfluß von der Ordnung \frac{w}{c} nicht zu erwarten ist, aber ein Einfluß von der Ordnung \frac{w^2}{c^2} ist nicht ausgeschlossen, und das ist gerade, was wir brauchen.

Da wir von dem Wesen der molekularen Kräfte nichts wissen, so ist es unmöglich, die Hypothese näher zu prüfen. Wir können nur —


  1. Dieselbe Erklärung hat auch Fitz Gerald gegeben; siehe O. Lodge, Aberrationproblems, London Trans. A 184 (1893), p. 749, 750.
Empfohlene Zitierweise:

Hendrik Antoon Lorentz: Die relative Bewegung der Erde und des Äthers. Leipzig und Berlin: B. G. Teubner, 1907, Seite 445. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_relative_Bewegung_der_Erde_und_des_%C3%84thers.djvu/3&oldid=1267516 (Version vom 17.10.2010)