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Der Occident.

Wenn wir dann zu der eigentlichen europäischen Märchenliteratur übergehen, begegnen uns zuerst zwei Märchensammlungen, deren Inhalt augenscheinlich zum Teil aus morgenländischen Quellen herstammt. Diese sind Disciplina clericalis und Gesta Romanorum (Die Taten der Römer). Die erstere, die ca. 30 Fabeln und Erzählungen enthält, ist in Spanien im Anfange des 12. Jahrhunderts von einem getauften Juden Petrus Alphonsus verfasst. Umfangreicher sind die Gesta Romanorum. Sie sind aus den verschiedenartigsten Stoffen zusammengesetzt. Die morgenländischen Märchensammlungen, die Geschichte Roms und Griechenlands, die mündliche Überlieferung usw. haben dazu ihren Beitrag gegeben. Die Gesta Romanorum sind eine für die Priester bestimmte Beispielssammlung, und die hier verwendeten Erzählungen sind zu didaktischen Zwecken bearbeitet worden. Die Sammlung dürfte ihrem Ursprung nach englisch und ihre Entstehungszeit vielleicht das 13. Jahrhundert sein, obgleich sie ihre endgültige Form erst im 15. Jahrhundert erhalten hat. Sie ist unzählige Male gedruckt, übersetzt und bearbeitet worden. Die lateinische Fassung des 15. Jahrhunderts enthielt 150 Erzählungen. In der von Hermann Österley herausgegebenen, ebenfalls lateinischen Ausgabe (Gesta Romanorum, 1872) ist deren Anzahl nahe zu 300. Ihrer Art nach sind die Geschichten zum grossen Teil kleine Anekdoten und Legenden, aber man trifft unter ihnen auch eigentliche, längere Märchen, z. B. das Fortunatusmärchen und das Märchen vom armen Jungen, den die Weissagung zum Schwiegersohn des reichen Mannes bestimmte (Mt. 930).

Aber im Occident waren die Märchen und besonders die Tierfabeln schon viel früher bekannt. In Griechenland verbanden sie sich[WS 1] mit dem Namen Äsop und sie wurden in den Rednerschulen als Basis der Sprechübungen gebraucht. Eine Fabelsammlung in gebundener Form verfasste in Griechisch

Anmerkungen (Wikisource)

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Antti Aarne: Übersicht der Märchenliteratur. Suomalaisen Tiedeakatemian Kustantama, Hamina 1914, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FFC14.djvu/16&oldid=1709446 (Version vom 29.10.2011)