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war Charles Perrault, der im Jahre 1697 seine 8 Märchen enthaltende Sammlung Contes de ma mère l’Oye herausgab. In den folgenden Ausgaben wurde die Anzahl der Märchen um drei vermehrt. Aus den Märchen Perrault’s seien Aschenbrödel (Mt. 510), Rotkäppchen (Mt. 333) und Der gestiefelte Kater erwähnt. Die Märchen sind wahrscheinlich dem Volksmunde entnommen, obgleich sie vom Verfasser bearbeitet worden sind. Perrault fand mehrere Nachfolger, welche die von ihnen gebrauchten Märchenstoffe immer willkürlicher behandelten und oft ganz neue Stoffe erfanden. Deshalb ist ihre Bedeutung in der Märchenforschung eine geringe. Von ihnen erwähne ich die Gräfin d’Aulnoy, die ihre Märchen zum Teil aus der französischen Übersetzung der Sammlung Straparola’s entnommen hat, und den Grafen Caylus. In den Zaubergeschichten des letztgenannten erscheint u. a. das bekannte Zaubervogelmärchen, doch ziemlich verändert und mit einer Schlussmoral versehen.

In Deutschland kam die Anregung zur Veröffentlichung von Märchen aus Frankreich. So sind die von den Brüdern Grimm erwähnten Märchen einer Amme (1764) und Einige Feenmärchen für Kinder (1780) Übersetzungen aus dem Französischen; die letztgenannten stammen aus den Sammlungen Perrault’s und d’Aulnoy’s. Die bekanntesten der deutschen Märchenwerken dieser Zeit sind Musäus’ Volksmärchen der Deutschen (1782), die einige gewöhnliche Volksmärchen, wenn auch in freier Bearbeitung, enthalten.

Eine besondere Erwähnung in der europäischen Märchenliteratur verdienen die sogenannten Schwanksammlungen, die eine grosse literarische und kulturhistorische Bedeutung haben. Es ist für den Forscher notwendig, sich mit diesem Zweige der Literatur vertraut zu machen, denn viele der gegenwärtigen volkstümlichen Schwänke kommen in den alten Schwanksammlungen vor. Die Verfasser der Sammlungen haben oft ihre Erzählungen aus volkstümlicher Quelle geschöpft und andrerseits sind

Empfohlene Zitierweise:

Antti Aarne: Übersicht der Märchenliteratur. Suomalaisen Tiedeakatemian Kustantama, Hamina 1914, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:FFC14.djvu/19&oldid=1709402 (Version vom 29.10.2011)