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Liste.png Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache

Kultur, sondern auch die des Mittelalters und der Neuzeit hat es so vielfach zum Kleide ihrer gewaltigsten Gedanken gewählt, daß davon zu schweigen untunlich war, obschon gerade hier dem Gegenstande nur der einigermaßen gerecht werden kann, der diese ganze Gedankenwelt durchwandert zu haben sich rühmen dürfte.

Indogermanische Einwanderung in die Apenninhalbinsel.I. Die uritalische Sprache. Ihre Stellung im Kreise der indogermanischen Sprachen. Viele hundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung wanderte von Norden her ein Zweig der indogermanischen Sprachgemeinschaft, der auch die Germanen, Griechen, Kelten, Slawen und Inder angehören, in die Apenninhalbinsel ein. Der Strom dieser Einwanderung hat für uns alle kenntlichen Spuren früherer Bevölkerungen und Sprachen der Halbinsel vernichtet. Höchstens die Ligurer, die noch in historischer Zeit um den Golf von Genua sitzen, einst aber, wie die eigentümliche Formung mancher Ortsnamen zeigt, bis ins Veltlin hinauf gewohnt haben mögen, könnten etwa ältere Einwohner gewesen sein. Aber auch den Ligurern sprechen wir die Möglichkeit früherer Anwesenheit in Italien nur darum zu, weil die Nachrichten des Altertums über dies Volk so dürftig sind, daß sie nicht einmal seine sichere Einordnung in eine bestimmte Völker- und Sprachengruppe erlauben.

Wie es aber auch um das ligurische Gebiet stehen möge, jedenfalls hat die indogermanische Einwanderung das ganze übrige festländische Italien, ja wie es scheint auch Sizilien, in allmählichem Vordringen vollständig Die Sprache der Einwanderer: Altertümliches. ausgefüllt. Diese älteste für uns kenntliche Einwohnerschaft Italiens, von der die Römer Abkömmlinge sind, redete zur Zeit der Einwanderung eine Sprache, die die Züge der alten indogermanischen Mutter vielfach noch mit großer Treue bewahrte, vielfach freilich charakteristische Eigentümlichkeiten gegenüber den anderen indogermanischen Schwestern schon damals entwickelt hatte oder doch bald nachher gewann. Noch erklang in ihr der alte indogermanische Vokalismus mit so gut wie ungeschmälerter Fülle: die fünf Vokale a e i o u mit ihren Längen, die i- und u-Diphthonge ai ei oi au ou; und nur das eu ging bald in ou auf. Wie das Latein späterhin diesen reichen von den indogermanischen Großvätern ererbten Bestand sehr zuungunsten des Vollklangs der Sprache einschränkte, davon wird bald zu reden sein; was die Diphthonge angeht, so kann sich jeder ohne weiteres davon überzeugen, der ein paar beliebige lateinische Sätze liest. Auf dem Gebiet des Konsonantismus steht das Latein selbst in der historischen Zeit noch der indogermanischen Ursprache recht nahe; es hat sogar so charakteristische Klänge wie das qu in que ‚und‘ quis ‚wer‘ aus der voritalischen Zeit des Indogermanischen ererbt. Im Formensystem war am konservativsten die Deklination. Das alte Italische hatte außer den sechs Kasus, die aus der lateinischen Schulgrammatik bekannt sind, vom Indogermanischen auch einen auf die Frage „wo?“ antwortenden Kasus, den Lokativ, übernommen, der selbst im Lateinischen

Empfohlene Zitierweise:

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache. B. G. Teubner, Leipzig 1913, Seite 524. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Griechische_und_Lateinische_Literatur_und_Sprache.djvu/536&oldid=1367668 (Version vom 4.12.2010)