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Liste.png Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache

V. Schrift- und Umgangssprache. Plautus. Wir haben so die Die Schrift eine ungenaue Wiedergabe der Sprache.Entwicklung des Lateins etwa bis zum Jahr 200 v. Chr. verfolgt. Hier setzt, wie schon gesagt, eine zusammenhängende Reihe von Denkmälern der Sprache ein, sowohl literarischen als inschriftlichen, die sich über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten erstreckt. Ein sehr schätzbares Material und doch ein Material, dessen Wert, wie man allmählich erkannt hat, gerade für den Grammatiker nur ein sehr bedingter ist. Die Erforschung aller toten, d. h. uns nur in schriftlicher Fixierung bekannten Sprachen, stößt auf große Schwierigkeiten. Eine Frage z. B., die sich bei allen erhebt und bei keiner sich in völlig genügender Weise lösen läßt, ist die nach dem Verhältnis des Schriftbildes zur Aussprache. Man lernt heute noch auf den meisten Schulen die Aussprache Zizero, weil wir aus dem Französischen, Italienischen usw. gewöhnt sind, c nur vor dunkeln Vokalen wie k, vor hellen aber als Zischlaut zu sprechen. Erst eine fortgeschrittene Forschung erschloß die Unrichtigkeit dieser Aussprache teils aus der griechischen Transkription des Namens (Kikeron), teils aus der umgekehrten Erscheinung, daß jedes griechische k im Lateinischen mit c wiedergegeben wird, auch vor hellen Vokalen (griech. kistē, lat. cista ’Kiste‘), teils aus der Lautung alter lateinischer Lehnworte im Deutschen (z. B. Kiste eben aus dem letztgenannten lateinischen Worte, Keller aus lat. cellarium, Kerker aus carcer), teils aus anderen Gründen.

Wenn hier sich an einem verhältnismäßig einfachen Beispiel zeigt, Stilisierung der Sprache für die Literaturwie mühselig es ist, auch nur eine Einzelheit der Aussprache eines ausgestorbenen Idioms festzustellen, so setzt doch das Latein dem Versuch, durch das Schriftbild zur wirklich gesprochenen Sprache vorzudringen, noch ganz besondere, in vielen Stücken geradezu unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Vielleicht keine einzige andere Sprache ist für den schriftlichen Gebrauch so stilisiert worden wie das Lateinische. Das beginnt mit dem Beginn der Literatur, d. h. in eben dem Augenblick, von dem an wir das Latein wirklich eingehend kennen. Die Prinzipien aber, nach denen die Stilisierung erfolgt, sind im wesentlichen – wie das Grundprinzip selbst, daß, was geschrieben wird, auch stilisiert sein muß – griechische. Nun ist vieles von diesen Prinzipien nicht bloß für den Leser, sondern auch für den Hörer berechnet, zum Teil, weil es aus dem rednerischen Gebrauch entsprungen ist, zum Teil aber auch, weil man im Altertum laut zu lesen pflegte, auch wo man nur für sich allein las. Gerade hierdurch hat sich der schriftliche Ausdruck, statt, wie man denken könnte, sich der täglichen Umgangssprache zu nähern, nur um so weiter von ihr entfernt. Es genügt, auf das eine Stilprinzip hinzuweisen, das für unsere Begriffe freilich auch das allerbefremdlichste ist. Schon bei den attischen Rednern zeigt die Rede Rhythmus, aber erst den entarteten asiatischen insbesondere Rhythmisierung.Rhetoren des 3. Jahrhunderts v. Chr. war es vorbehalten, diesen Rhythmus in kleinliche Regeln zu zwängen. Bereits vor Cicero hat die römische Prosa von diesen Regeln nicht selten Gebrauch gemacht; Cicero sieht sie

Empfohlene Zitierweise:

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache. B. G. Teubner, Leipzig 1913, Seite 535. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Griechische_und_Lateinische_Literatur_und_Sprache.djvu/547&oldid=1393706 (Version vom 1.01.2011)