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Liste.png Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache

Spanien, Rumänien auf ganz verschiedene einheimische Bevölkerungen übertragen wurde. Aber obwohl diese Dialekte sich schließlich so weit differenziert haben, wie wir es sehen, wenn wir heute Französisch, Italienisch, Spanisch, Rumänisch nebeneinander halten, so hat sich doch von solch lokalen Verschiedenheiten im Latein selbst bisher nichts von irgendwelcher Erheblichkeit nachweisen lassen – denn daß das „afrikanische“ Latein keine örtliche Erscheinung war, haben wir ja vorhin gesehen. Es wird das wohl hauptsächlich damit zusammenhängen, daß aus den letzten Jahrhunderten vor dem Auftreten der einzelnen romanischen Sprachen, deren älteste Urkunden nicht über das 9. Jahrhundert zurückgehen, umfänglichere Denkmäler unverfälschter Volkssprache nicht erhalten sind.

Latinisierung in den romanischen Ländern.VIII. Einfluß des Lateinischen auf andere Sprachen. Wir haben es in nicht wenigen Ländern des römischen Macht- und Kulturkreises zu einer völligen Latinisierung kommen sehen; die Iberer in Spanien, die Kelten in Gallien haben diesen Prozeß durchgemacht, ebenso die Bevölkerung der Alpen und der Länder an der unteren Donau, wie die engadinische und die rumänische Sprache zeigen. Aber selbst bei solchen Völkern, die jenem Kreis nur vorübergehend angehörten oder sich Entlehnungen nur mit ihm berührten,Entlehnung aus dem Latein im Altertum und frühen Mittelalter. hat im Altertum eine starke Infiltration lateinischen Sprachguts stattgefunden. Am stärksten vielleicht bei den Albanesen, die nicht aus dem eigenen Sprachschatz, sondern mit Entlehnungen aus dem Lateinischen selbst die einfachsten Anforderungen an das Lexikon bestreiten: sogar die Ausdrücke für ’oder‘ und ’und‘, für ’Eltern‘ und ’Kinder‘ z. B., ja ganze Teile des Formensystems sind hier aus dem Latein herübergenommen. Andere Sprachen schränken die Entlehnungen meist auf bestimmte Sphären des Wortschatzes ein; sie holen von den Römern die Benennungen für gewisse Errungenschaften, die sie erst durch die Römer kennen lernten oder bei ihnen besonders ausgebildet fanden. Selbst die Griechen hatten mancherlei der Art zu lernen. Wohl bewahrte seine Ausbreitung, sein innerer Wert, die mit ihm verwachsene Kultur und Literatur das Griechische davor, auch von der Sprache der Sieger aufgesogen zu werden wie die Idiome des Westens. Aber eine etwa seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. ständig steigende Zahl lateinischer Lehnworte legt redendes Zeugnis davon ab, daß die Römer nun auch im griechischen Orient die Ordnung der Dinge in die Hand genommen haben. Wie einst die unteritalischen Griechen von den Italern das Wort für Pfund entlehnt haben (s. S. 525), so dringen auch jetzt römische Maß- und Münzbezeichnungen in die griechische Handelssprache ein (denarius, milion ’Meile‘ Singular zu milia passuum u. ä.), die z. T. noch heute im Neugriechischen und in andern Balkansprachen fortleben (dinar, mili). Auch Heer und Beamtenschaft der Römer haben viele sprachliche Spuren im Griechischen hinterlassen. Wenn uns durch das Neue Testament Wendungen geläufig

Empfohlene Zitierweise:

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Karl Krumbacher, Jacob Wackernagel, Friedrich Leo, Eduard Norden, Franz Skutsch: Die Griechische und Lateinische Literatur und Sprache. B. G. Teubner, Leipzig 1913, Seite 553. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Griechische_und_Lateinische_Literatur_und_Sprache.djvu/565&oldid=1448088 (Version vom 3.02.2011)