Seite:Jahn Das Volksmaerchen in Pommern.djvu/15

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ihre guten und schlechten Seeleneigenschaften, aber mit seinem Märchenschatze rückte der Mann nicht heraus, obgleich ich von anderer Seite her wußte, daß derselbe sehr beträchtlich war.

Endlich nahm er mich eines Abends bei Seite und sprach zu mir in der missingschen Mundart, welche sich im Verkehr immer mehr geltend macht: „Junger Herr, wovor estimieren Sie mir wohl?“ – „Wofür soll ich Sie estimiren?“ sagte ich einigermaßen verlegen. „Na, doch wohl für einen rothen Husaren?“ fragte er dringend. – „Das will ich meinen“, versetzte ich rasch, „dafür habe ich Sie schon längst angesehen.“ – „Davor habe ik Ihnen auch taxirt“, sprach er freudestrahlend, „und nun will ik Ihnen auch verzählen, wie dat gekommen ist: Meine beiden Brüder haben bei die rothe Husaren gestanden. Ik hatte wat untern Strich, aber dat kann man einen halben Finger gewesen sin. Da haben sie mir nun in Garz mang den Train gestochen. Bin ik nu aber nich von Rechts wegen ein rother Husar?“ – „Schultz“, sagte ich, „habe ich Sie schon immer so estimirt, nun estimir ich Sie von Gotts und Rechts wegen für einen rothen Husaren und lasse mich darauf hängen!“ Damit war das Eis gebrochen, ich war sein Freund geworden und ließ mir wochenlang von ihm Abend für Abend erzählen, was er wußte. Aber alle Soldaten, welche in seinen Märchen vorkamen und etwas taugten, waren rothe Husaren, und alle Prinzen und Könige trugen rothe Husarenuniform.

Noch stärker ist die Umwandlung, welche das Märchen dadurch erfährt, daß es ganz dem Ideenkreis des Erzählers angepaßt wird. Fremde Züge kann das Volk nicht vertragen, weil es dieselben nicht versteht; und so sehr es sich scheut, den Gang der Erzählung anzutasten, das Beiwerk wird seines fremden Gewandes beraubt und durchaus volksthümlich gekleidet. Ich bin in der Lage dies an einem in jüngster Zeit im Kreise Randow unter das Volk gebrachten Märchen nachzuweisen. Einem Dienstmädchen war von ihrer Herrschaft ein Auszug der Märchen von Tausend und eine Nacht zum

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Ulrich Jahn: Das Volksmärchen in Pommern. Hessenland, Stettin 1887, Seite 134. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahn_Das_Volksmaerchen_in_Pommern.djvu/15&oldid=1505728 (Version vom 6.03.2011)