Seite:Jahn Das Volksmaerchen in Pommern.djvu/4

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wenigsten begreifen. Allerdings, wie der Bauer im Himmel reden wird, kann ich nicht wissen, aber wie er hier auf Erden spricht, davon ein kleines Beispiel, welches voll und ganz die Verallgemeinerung verträgt:

Sehe ich da ein bildhübsches Kind, so von drei oder vier Jahren, in einem Bauerhofe und spreche erfreut: „Das ist ja ein niedliches Kind!“ Antwortet die sehr ehrenhafte, ihrer Meinung nach durchaus christliche, steinreiche Bäuerin: „Das soll ein niedliches Kind sein? Das ist ja nur ein Tagelöhnerjunge, den habe ich man geholt, daß mein Kleiner mit ihm spielen möge.“

So bleibt dem Forscher als Quelle für das Volksmärchen nur der vierte Stand übrig, aber selbst der ist nicht in seiner ganzen Masse zu verwerthen. In Abzug zu bringen ist zunächst der Fabrikarbeiter von Beruf und Geburt, der in dem Fabrikorte geboren und erzogen ist. Todt für den Forscher ist ferner der streng kirchlich gesinnte Arbeiter. Es ist merkwürdig, daß jedes volksthümliche Lied und Märchen von diesen Leuten gescheut wird, wie die Pest. Sie fürchten dem Teufel anheimzufallen, selbst wenn sie den harmlosen Geschichten nur zuhören. Ein Knecht aus dem Hinterpommerschen, welcher in einer Gegend groß geworden war, wo die alten heidnischen Vorstellungen noch überall gang und gebe sind, antwortete mir auf die Frage: ob bei ihm zu Hause die Leute auch noch die wilde Jagd und die Unnerertschken und den Drâck kennten, aus tiefster Überzeugung: „Gewiß weiß ich’s; aber sagen werde ich’s nie. Nachdem ich den Heiland angezogen habe, spreche ich mit David: Mein Mund hasset die Lügen und redet die Wahrheit.“ Da hilft auch kein Zureden, denn die guten Leute werden in ihrer Verachtung des Volksthümlichen bestärkt durch Prediger und Lehrer, welche die Volkslieder Gassenhauer schelten und von den Märchen erst recht nichts wissen wollen. Wären den Herren die Lieder und Märchen bekannt, sie würden gewiß anderer Meinung sein; aber so verfolgen sie die gute Sache mit allen

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Ulrich Jahn: Das Volksmärchen in Pommern. Hessenland, Stettin 1887, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahn_Das_Volksmaerchen_in_Pommern.djvu/4&oldid=1505733 (Version vom 6.03.2011)