Seite:Jahn Das Volksmaerchen in Pommern.djvu/5

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ihnen zu Gebote stehenden Mitteln. Am wirksamsten wüthet da natürlich der Dorfschulmeister, und der moderne mehr, wie der Lehrer vom alten Schlage, welcher dem Volke näher stand und gerne ein Auge zudrückte über manches, sich wohl gar im Herzen darüber freute. Was Wunder, daß die jetzt heranwachsende Generation zum überwiegenden Theile durch die Schule der Volkspoesie entfremdet ist! Es bleiben also im großen und ganzen nur die zum arbeitenden Stande gehörige Landbevölkerung sowie die Fischer und Matrosen in den mittleren und reiferen Jahren, welche uns für das Volksmärchen Ausbeute versprechen. Werden sie sich aber offen vor aller Welt der herrlichen Schätze freuen, die sich in ihrer Hut befinden? Der Herr Pastor würde tadeln, der Herr Schulmeister höhnen, der Bauer verachten, der Städter lachen und spotten; darum hört man die Märchen auch nur, wenn die sonst so lebens- und mittheilungslustigen Leutchen ganz unter sich sind oder mit harmlosen Kindern plaudern. Sonst befleißigen sie sich einer ängstlichen Zurückhaltung.

Damit mag der Forscher zu rechnen wissen. Er muß ins Volk gehen, er muß sich mit ihm zu verquicken verstehen, seine Sprache, seine Sitten, seine Gewohnheiten, seine Anschauungen anzunehmen wissen, er muß es durchsetzen, daß die Leute in ihm einen der Ihrigen erblicken. Und wenn er dann außerdem zur rechten Zeit den Groschen zum Schluck, den Dreier für Tabak und die Handvoll Zigarren nicht spart, wenn ihn das Glück mit den rechten Leuten zusammen führt, so ist sein Erfolg sicher. Es kostet freilich Jahre mühevoller Arbeit, zu dem ersehnten Ziele zu gelangen; aber die Mühe belohnt sich in überreichlichem Maße. Mir ist’s gelungen, aus Pommern allein der Zahl nach annähernd ebensoviel, dem Umfange nach mehr Märchen zusammen zu bringen, als die Gebrüder Grimm in ganz Deutschland aus mündlichen und schriftlichen Quellen geschöpft haben. Doch von dem Märchen selbst später, bleiben wir noch ein wenig bei den Leuten, welche das Märchen hegen und pflegen.

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Ulrich Jahn: Das Volksmärchen in Pommern. Hessenland, Stettin 1887, Seite 117. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahn_Das_Volksmaerchen_in_Pommern.djvu/5&oldid=1505734 (Version vom 6.03.2011)