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Am Tage vor dem neuen Jahre oder dem Versöhnungsfeste, wenn man die Gräber besucht.

„Wahrheit wächst aus der Erde heraus.“
 (Ps. 85, 11.)

Hier auf den Stätten der Verwesung will ich mein Herz für die erhabene Weihe des Versöhnungsfestes, dessen heilige Stunden nun heranrücken, vorzubereiten suchen. Wo anders wäre wohl eine geheiligte Stätte zu frommen Betrachtungen; zu einer demuthsvollen Ueberschau des Lebens, als da, wo der Tod uns seine Lehren gibt und in so beredter, eindringlicher Sprache zu uns redet! Hier an den Grenzsteinen alles menschlichen Strebens, wo die hochfahrendsten Hoffnungen und Wünsche des menschlichen Herzens unter dem Moder des Grabes zur Ruhe gewiesen sind, lernen wir die Dinge des Lebens ihrem wahren Werthe nach schätzen und würdigen. Hier lernen wir, was eitel ist und was des Strebens werth, was bleibend ist und was vergänglich, was wir fliehen und was wir suchen sollen, um einst im Gerichte vor dir, mein Gott, zu bestehen. – Im Geräusche und Gewühle der Welt, da wird unser Blick gefangen durch die Blendwerke des Truges, unser Ohr bethört von den Lockungen der Verführung und der Lüge; der Wahrheit Himmelsstimme hallet fruchtlos an uns vorüber. Doch hier an der Seite der Entschlafenen erhebt die Wahrheit ihr Haupt, denn der Tod legt das Zeugniß für sie ab! Der Tod, der den Schleier zerreißt, den Trug zerstört und die Lüge entlarvt. Da erkennen wir, wie vergänglich alle irdische Größe und aller irdische Glanz, vergänglich aller irdische Genuß und aller irdische Besitz, und nichts bleibend ist als die Wahrheit und die Tugend. –

Die Wahrheit und die Tugend, sie allein treten hier mit uns ein, sie allein führen uns durch die Nacht des Todes, in das Lichtreich des ewigen Seins. O, daß ihre Stimmen nie vergebens für mich ertönen mögen, daß sie in das Innerste der Seele mir dringen, und mich das ganze Leben hindurch begleiten, bis ich selber hier eingehe zur Ruhe, neben denen, die mir vorangegangen.

Und ihr verklärten Seelen, deren sterbliche Hüllen hier ruhen, euer Geist schaue in Freundlichkeit auf mich herab. Ich bitte nicht um eure Fürsprache an Gottes Thron, o nein, fern sei solch ein Gedanke von mir, denn bei Gott dem Allliebenden ist keine

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Fanny Neuda: Stunden der Andacht. Wolf Pascheles, Prag 1858, Seite 49. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Neuda-Stunden_der_Andacht-1858.pdf/61&oldid=- (Version vom 1.8.2018)