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Liste.png Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt

jeder Art; denn nicht ein Reis, nicht einen Zweig, ja nicht einmal ein Blatt abzuschneiden oder irgend eine Frucht zu pflücken ist erlaubt, sondern alles ist an jenem Tage aus [p. 138 M.] dem Dienst entlassen und geniesst gewissermassen Freiheit, denn wie auf staatliche Anordnung rührt sie niemand an[1]. 23 Wer ferner betrachtet nicht mit Bewunderung und Ehrfurcht das sogenannte „Fasten“, das alljährlich mit grösserer Strenge und Feierlichkeit abgehalten wird als die „heilige Festzeit“ (der Griechen)[2]? Denn während es bei dieser viel ungemischten Wein und reich besetzte Tafeln und alles andere, was Essen und Trinken betrifft, in reicher Fülle gibt, wodurch die unersättlichen Gelüste des Bauches geweckt werden, die noch dazu auch die sinnlichen Begierden entfesseln, 24 darf bei jenem weder Speise noch Trank genossen werden, damit man mit reinen Gedanken, ohne das Hindernis und Hemmnis irgend einer körperlichen Regung, wie sie infolge der Uebersättigung einzutreten pflegen, das Fest feiere, den Vater des Alls durch angemessene Gebete versöhnend, durch die man Vergebung


  1. Die Erwähnung dieser Sabbatverbote an unserer Stelle und der Versuch einer ethischen Begründung der halachischen Vorschriften sind bemerkenswert. Bekanntlich scheinen sonst ganze Gebiete der Halacha Philo völlig unbekannt, so z. B. das Verbot, Fleisch und Milch zusammen zu geniessen (2 Mos. 23,19. 34,26. 5 Mos. 14,21 und Talm. babyl. Chulin f. 115b); vgl. De virtutibus § 143f., wo er den Satz: „du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen“ wörtlich als Verbot besonderer unnatürlicher Grausamkeit auffasst. – Ueber Feier des Sabbats und anderer jüdischer Feste bei den Heiden vgl. Joseph. g. Ap. II § 282: „Aber auch in dem gemeinen Volke entwickelte sich schon seit langer Zeit ein gar grosser Eifer für unsere Frömmigkeit, und es gibt auch nicht eine einzige hellenische Stadt und nicht ein einziges Barbarenvolk, wohin nicht die Sitte des Sabbats, an welchem wir nicht arbeiten, gedrungen wäre, und wo nicht die Fasten und das Lichtzünden und viele von unsern Speiseverboten beobachtet würden“.
  2. Mit dem „Fasten“ meint Philo den Versöhnungstag. Mit ἱερομηνία bezeichnet er sonst das jüdische Neujahrsfest: vgl. De spec. leg. I § 180 II § 188. Hier aber scheint er das Wort in seiner eigentlichen Bedeutung zu verstehen. Die griechischen ἱερομηνίαι waren Festzeiten in den einzelnen Monaten, in denen einem Gotte bestimmte Opfer dargebracht und Festspiele abgehalten wurden; alle Feindseligkeiten der griechischen Staaten untereinander mussten an solchen Tagen nach vorher erfolgter Ankündigung unterbleiben.
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Philon: Ueber das Leben Mosis (De vita Mosis) übersetzt von Benno Badt. H. & M. Marcus, Breslau 1909, Seite 303. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PhiloMos2GermanBadt.djvu/006&oldid=1372108 (Version vom 8.12.2010)