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Das Maß der Zeit
I.

Solange wir das Gebiet des Bewußtseins nicht verlassen, ist der Begriff der Zeit verhältnismäßig klar. Nicht allein unterscheiden wir mühelos die gegenwärtige Empfindung von der Erinnerung an vergangene Empfindungen oder von der Voraussicht zukünftiger, sondern wir wissen auch ganz genau, was wir sagen wollen, wenn wir versichern, daß von zwei Begebenheiten des Bewußtseins, an die wir die Erinnerung bewahrt haben, die eine früher war als die andere, oder daß von zwei vorausgesehenen Vorgängen des Bewußtseins der eine früher sein wird als der andere.

Wenn wir sagen, daß zwei Tatsachen des Bewußtseins gleichzeitig sind, so meinen wir damit, daß sie einander vollständig decken, so daß die Analyse sie nicht trennen kann, ohne den Totaleindruck zu verstümmeln.

Die Reihenfolge, in die wir die Begebenheiten des Bewußtseins ordnen, duldet keinerlei Willkür; sie ist uns vorgeschrieben und wir können nichts daran ändern.

Ich habe nur noch eine Bemerkung hinzuzufügen. Eine Summe von Empfindungen muß aufgehört haben, gegenwärtig zu sein, um eine Erinnerung werden zu können, die geeignet ist, in die Zeit eingeordnet zu werden; wir müssen das Gefühl ihrer unendlichen Verknüpfung verloren haben, sonst wäre sie gegenwärtig geblieben. Sie muß sich um einen Mittelpunkt von Ideenverbindungen sozusagen kristallisiert haben, der gleichsam eine Überschrift ist. Erst wenn sie so alles Leben verloren haben, können wir unsere Erinnerungen in die Zeit einordnen,

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Das Maß der Zeit. Der Wert der Wissenschaft, B. G. Teubner, Leipzig 1898/1906, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMass.djvu/1&oldid=1001285 (Version vom 16.01.2010)