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IX.

Suchen wir uns also Rechenschaft darüber zu geben, was man unter gleichzeitig und vorhergehend versteht, und hierzu einige Beispiele zu besprechen.

Ich schreibe einen Brief; er wird später von dem Freund an den ich ihn gerichtet habe, gelesen. Das sind zwei Vorgänge, die zum Schauplatz zwei verschiedene Seelen gehabt haben. Beim Schreiben des Briefes hatte ich das Bild vor Augen, und mein Freund hatte seinerseits dasselbe Bild beim Lesen des Briefes.

Obwohl diese beiden Ereignisse in undurchdringlichen Welten vor sich gingen, zaudere ich nicht, das erste als vor dem anderen geschehen zu betrachten, weil ich glaube, daß es die Ursache davon ist.

Ich höre den Donner und schließe daraus, daß eine elektrische Entladung stattgefunden hat. Ich halte den physikalischen Vorgang ohne Bedenken für früher als das Gehörsbild, das ich in mein Bewußtsein aufgenommen habe, weil ich glaube, daß er die Ursache davon ist.

Dies ist also die Regel, die wir befolgen, und die einzige, der wir folgen können; wenn uns ein Ereignis als die Ursache eines anderen erscheint, so betrachten wir es als vorher geschehen.

Durch die Ursache definieren wir also die Zeit. Häufig aber fragen wir uns: wenn zwei Ereignisse durch eine feststehende Beziehung verbunden scheinen, wie erkennen wir, welches die Ursache und welches die Wirkung ist? Wir nehmen an, daß das vorhergehende Ereignis die Ursache des folgenden ist. Hier definieren wir nun die Ursache durch die Zeit. Wie befreien wir uns von dieser petitio principii?

Wir sagen das eine Mal post hoc, ergo propter hoc, das andere Mal propter hoc, ergo post hoc; können wir uns aus diesem Zirkelschluß herausziehen?

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Das Maß der Zeit. Der Wert der Wissenschaft, B. G. Teubner, Leipzig 1898/1906, Seite 36. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMass.djvu/11&oldid=1033650 (Version vom 28.02.2010)