Seite:PoincareMechanik.djvu/12

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Mit anderen Worten ausgedrückt heißt das: die Zeit sowie der Raum ist relativ. Ein Ereignis spielt sich auf dem Sirius ab, ein anderes auf der Erde; fallen diese beiden Begebenheiten zeitlich zusammen, fällt eins von ihnen zeitlich früher als das andere und welches? Das ist eine Frage, die ewig auf eine Lösung warten wird, ich möchte beinahe sagen, daß sie durch sich selbst sinnlos ist. Absolute Zeit! Nehmen wir an, dieser Ausdruck hätte irgendeinen Sinn, so bleibt er für uns doch immer verschlossen. Alles, was wir kennen können, ist die Ortszeit, das heißt die Zeit, welche, wie eben angegeben wurde, geregelt ist.

Nehmen wir jetzt die Schlußfolgerung wieder auf, die wir oben angestellt haben, und auf welcher die alte Mechanik beruht. Ein Körper bewegt sich vom Ruhezustand aus unter der Einwirkung einer Kraft und erhält durch dieselbe in der ersten Sekunde die Geschwindigkeit v. Was wird nun geschehen, wenn die Kraft während einer zweiten Sekunde weiter wirkt? Um uns davon eine Vorstellung zu machen, denken wir uns einen Beobachter, welcher dieselbe Geschwindigkeit v besitzt und sich in Ruhe wähnt. Für ihn war der beobachtete Körper zu Anfang der zweiten Sekunde in Ruhe, weil dessen Geschwindigkeit dieselbe wie die des Beobachters ist. Also die scheinbare Bewegung des Körpers wird für diesen Beobachter während der zweiten Sekunde dasselbe sein, was sie für uns während der ersten Sekunde war; wir hatten daraus geschlossen, daß die Geschwindigkeit des Körpers sich während dieser zweiten Sekunde verdoppelte.

Aber dieser Schluß war nur statthaft, weil wir die Zeit als absolut betrachteten, weil wir annahmen, daß ein in Bewegung befindlicher Beobachter sie so zählt wie ein in Ruhe befindlicher Beobachter. Wir sahen aber soeben, daß dies unzulässig ist. Wenn die beiden Städte Paris und Berlin beide zugleich sich im Ruhezustand befinden, dann wird der in Ruhe befindliche Beobachter glauben, daß beide Uhren, in Paris und Berlin, völlig übereinstimmend gehen. Dagegen wird ein in Bewegung befindlicher Beobachter, der die Vorstellung hat, daß er ruhe, und folglich die, daß die beiden Städte sich bewegen, zu dem Urteil kommen müssen, daß etwa die Uhr von Berlin hinter der von Paris zurück bleibt. Wenn aber ein ruhender und ein bewegter Beobachter die Zeiten verschieden beurteilen, dann werden sie auch die Geschwindigkeiten verschieden beurteilen, und wenn wir alle diese Umstände in Erwägung ziehen, so werden wir auf Grund der früheren Folgerung sehen, daß die Geschwindigkeit am Ende der zweiten Sekunde nicht 2v sein wird. Sie wird wohl zugenommen haben, aber sie wird weniger gewachsen sein als in der ersten Sekunde, sie wird noch weniger in der dritten Sekunde zunehmen und so in allen folgenden Sekunden um einen immer geringeren Betrag. Unter der Wirkung der gleichen Kraft – so schließt die alte Mechanik – erhält ein beweglicher Körper immer die gleiche Beschleunigung, wie groß auch die Geschwindigkeit sein mag, die er bereits erlangt hat. Unter der Einwirkung der gleichen Kraft – so schließt die neue Mechanik – wird die Bewegung eines Körpers in dem Maße

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Die neue Mechanik. B.G. Teubner, Leipzig 1911, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMechanik.djvu/12&oldid=1033568 (Version vom 28.02.2010)