Seite:PoincareMechanik.djvu/13

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weniger beschleunigt, als er bereits an Geschwindigkeit zugenommen hat.

Das läßt sich noch in anderer Weise zum Ausdruck bringen. Sie wissen, daß das, was die Materie charakterisiert, ihr Beharrungsvermögen ist. Befindet sich die Materie in Ruhe, so bedarf es einer Kraft, um sie in Bewegung zu setzen, es bedarf ebenso einer Kraft, um sie zum Stillstand zu bringen, es bedarf einer Kraft, um ihre Bewegung zu beschleunigen, und endlich einer Kraft, um sie aus ihrer geradlinigen Bewegung abzulenken. Dieser Widerstand, welchen die Materie den auf sie einwirkenden Kräften leistet, die ihren Ruhe­ oder Bewegungszustand zu ändern suchen, heißt das „Beharrungsvermögen“. Nun können aber die verschiedenen Körper diesen Kräften einen mehr oder minder großen Widerstand entgegensetzen. Wenn eine Kraft auf einen Körper wirkt, so erteilt sie demselben eine gewisse Beschleunigung, wirkt dieselbe Kraft aber auf einen größeren Körper, so wird die Beschleunigung kleiner sein. Sie können eine Karre in Bewegung setzen, aber mit dem dazu erforderlichen Kraftaufwand läßt sich ein Eisenbahnzug nicht von der Stelle bewegen. Für ein und denselben Körper ist die Beschleunigung proportional der Kraft, durch die sie erzeugt wird, und der Quotient von Kraft in Beschleunigung ist das, was man unter „Masse“ eines Körpers versteht und was zugleich dessen Beharrungsvermögen charakterisiert. Die alte Mechanik lehrt uns nun, daß diese Masse für ein und denselben Körper konstant ist und folglich auch unabhängig von einer bereits schon bestehenden Geschwindigkeit. Daraus würde, wie wir oben sahen, folgen, daß die durch eine beständig wirksame Kraft nach Verlauf einer Sekunde erreichte Geschwindigkeit nach Verlauf der zweiten Sekunde verdoppelt, der dritten verdreifacht wird, und so fort in der Weise, daß mit der Zeit die Geschwindigkeit über alle Grenzen hinaus wachsen kann.

In der neuen Mechanik verhält es sich dagegen nicht so. Wir sagten bereits, daß in ihr die Geschwindigkeit während der zweiten Sekunde weniger zunimmt als während der ersten, noch weniger während der dritten und so fort. Es heißt dies: die Geschwindigkeit des Körpers wächst während der zweiten Sekunde weniger, weil der Körper der beschleunigenden Kraft einen größeren Widerstand entgegensetzt. Die Bewegung erfolgt also so, als ob sich das Beharrungsvermögen oder die Masse des Körpers vergrößert hätte. Das heißt doch, daß die Masse des Körpers nicht konstant ist, daß sie von der Geschwindigkeit abhängt, mit dieser wächst. Bei kleinen Geschwindigkeiten ist dieser Einfluß immer klein, so daß die Masse, wie in der alten Mechanik, als konstant betrachtet werden kann, bei großen Geschwindigkeiten jedoch trifft das nicht mehr zu. Ebenso werden ­– wie in der alten Mechanik ­– bei kleinen Geschwindigkeiten die Körper den sie bewegenden Kräften immer denselben Beharrungswiderstand entgegensetzen sowie auch denjenigen Kräften, welche sie von der geraden Richtung abzulenken, d. h. ihre Bahn zu krümmen suchen. Bei großen Geschwindigkeiten ist dies aber nicht mehr richtig.

In der neuen Mechanik wächst die Masse eines Körpers ganz gewaltig

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Die neue Mechanik. B.G. Teubner, Leipzig 1911, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMechanik.djvu/13&oldid=1033567 (Version vom 28.02.2010)