Seite:PoincareMechanik.djvu/17

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Man begreift also, daß man dadurch, daß man einen Kathodenstrahl der Einwirkung eines elektrischen Feldes aussetzt, sodann der Einwirkung eines magnetischen Feldes und dann die beiden Ablenkungen miteinander vergleicht, in der Lage ist, gleichzeitig die Geschwindigkeit des Projektils sowie auch dessen Masse (bezogen auf eine bestimmte elektrische Ladung) zu messen. In dieser Weise findet man eine ganz enorme Geschwindigkeit, sagen wir etwa 10000 km für die Kathodenstrahlen und 30000 bis 100000 km für das Radium. Das sind aber die Geschwindigkeiten, die uns hier nötig sind. Von diesem ausgehend ist Professor Abraham auf den folgenden Gedanken gekommen: Wenn man einen elektrischen Strom entstehen lassen will, so erfährt dieser erfahrungsgemäß einen gewissen Anfangswiderstand, der erst dann aufhört, wenn sich der Strom gebildet hat. Will man den Strom unterbrechen, so hat er das Bestreben, sich zu erhalten; also man hat ebenso große Schwierigkeit, ihn zum Stillstand zu bringen, wie bei einem durchgehenden Gespann. Ein täglich zu beobachtender Vorgang wird dies verständlich machen. Zuweilen rutschen die Kontaktrollen eines elektrischen Wagens von der Leitung ab, die dem Wagen den Strom zuführt. In diesem Moment sieht man Funken sprühen. Weshalb? Nun, es ging ein Strom von der Leitung zu den Rollen. Wenn die Rolle für einen Moment die Leitung verläßt, so bildet sich eine Luftstrecke, die ein Hindernis für den Durchgang der Elektrizität ist. Dadurch wird aber der Strom nicht zum Stillstand gebracht, sondern – weil er eben sozusagen ein Durchgänger ist – überspringt er das Hindernis in Form von Funkensprühen. Das in Frage kommende Phänomen hat man die „Selbstinduktion“ genannt. Die Selbstinduktion ist nun im Grunde genommen nichts anderes als ein Beharrungsvermögen. Der Äther setzt der Kraft, die einen Strom zu erzeugen sucht, einen Widerstand entgegen, und dasselbe geschieht, wenn ein bereits in Tätigkeit befindlicher Strom durch eine Kraft plötzlich zum Aufhören gezwungen wird. Es handelt sich hier um ganz analoge Verhältnisse wie bei der Materie, die ja auch der Kraft einen Widerstand leistet, welche sie aus dem Ruhezustand in Bewegung oder umgekehrt aus der Bewegung in den Ruhezustand überführt. Es gibt also neben dem mechanischen Beharrungsvermögen noch ein tatsächliches „elektrisches Beharrungsvermögen“. Nun sind aber unsere Projektile elektrisch geladen. In dem Moment, in dem sie sich in Bewegung setzen, erzeugen sie einen elektrischen Strom, und wenn die Bewegung aufhört, so hört auch der Strom auf; sie besitzen also neben der mechanischen Energie auch noch eine elektrische Energie; sie haben sozusagen zwei Massen, eine wirkliche oder mechanische und eine scheinbare Masse, die ihre Existenz den Phänomenen der elektromagnetischen Selbstinduktion verdankt. Was wir messen, ist die Summe dieser beiden Massen.

Abraham dachte seinerzeit, als er die beiden Ablenkungen, die elektrische und magnetische, der Radiumstrahlen studierte, daß es ihm gelingen würde, den Anteil jeder dieser beiden Massen für sich zu ermitteln. In der Tat ändert sich ja die elektromagnetische Masse, deren Herkunft wir oben erklärt haben, mit der Geschwindigkeit, und zwar nach gewissen

Empfohlene Zitierweise:

Henri Poincaré: Die neue Mechanik. B.G. Teubner, Leipzig 1911, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:PoincareMechanik.djvu/17&oldid=1033550 (Version vom 28.02.2010)