Seite:Relativitaetsprinzip (Lorentz).djvu/6

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für den Unterschied der durchlaufenen Wege ergibt sich hieraus

(4) l\cdot\frac{v^{2}}{c^{2}}.\,

Wenn dieser Unterschied tatsächlich existierte, so würde er mit Hilfe einer empfindlichen Interferenzmethode beobachtet werden können. Michelson betrachtete die Interferenzfigur, welche der von der Glasplatte G reflektierte Teil des Bündels Q_{1}P_{2}\, und der von jener Platte durchgelassene Teil des Bündels R_{3}P_{4}\, miteinander bilden, und zwar achtete er speziell darauf, ob diese Interferenzfigur in dem Fernrohr, in dem sie beobachtet wurde, an eine andere Stelle rückte, wenn der ganze Apparat mit Inbegriff der Lichtquelle und des Fernrohres gedreht wurde. Man kann sich vorstellen, daß beim Drehen das eine Mal der Arm PQ, das andere Mal der Arm PR in die Richtung der Erdbewegung gebracht wird, und, falls nun das oben erhaltene Ergebnis mit der Wirklichkeit übereinstimmte, so hätte Michelson – die von den beiden interferierenden Bündeln zwischen P und Q bzw. R durchlaufenen Wege betrugen wegen wiederholter Reflexion reichlich 20 m – eine Verschiebung der Interferenzstreifen beobachten müssen. Dies war aber nicht der Fall, was bei Wiederholung des Versuches von anderen bestätigt wurde.[1]

Es scheint also, daß der Ätherwind, von dem oben die Rede war, nicht existiert. Wie ist nun dieses Ergebnis zu erklären?

Wird vielleicht der Äther von einem bewegten Körper mitgeführt? Diese Theorie stößt auf, man kann wohl sagen, unüberwindliche Schwierigkeiten.

In der Newtonschen Emissionstheorie würde die Schwierigkeit gar nicht bestehen. Falls das Licht wie materielle Teilchen von der Lichtquelle ausgesandt würde in ähnlicher Weise, wie z. B. eine Kugel aus einer Kanone fortgeschleudert wird, so würde, wie man leicht einsieht, in den Zeiten des Hin- und Hergangs zwischen P und Q bzw. R keine Differenz bestehen. Die Ursache davon ist, daß die emittierten Lichtteilchen außer ihrer gewohnten Geschwindigkeit c auch noch die Geschwindigkeit v der Lichtquelle haben würden. Wenn man nun, wie es Ritz[2] gemacht hat, diese Voraussetzung auf die Lichtwellen überträgt, so ist gleichfalls das negative Ergebnis des Michelsonschen Versuches erklärt.

Das Ritzsche Postulat kann aber, wie de Sitter[3] bemerkt hat,


  1. E. W. Morley and D. C. Miller, Report of an experiment to detect the Fitz Gerald-Lorentz effect. Phil. Mag. (6) 9 (1905), p. 680.
  2. W. Ritz, Recherches critiques sur l'électrodynamique générale. Ann. de chim. et de phys. (8) 13 (1908), S. 145.
  3. W. de Sitter, A proof of the constancy of the velocity of light. Proceedings Akad. Amsterdam 15 (1913), S. 1297; Physik. ZS. 14 (1913), S. 429. Vgl. weiter P. Guthnick, Astronomische Kriterien für die Unabhängigkeit der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes von der Bewegung der Lichtquelle, Astr. Nachr. 195 (1913), Nr. 4670, E. Freundlich, Zur Frage der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, Physik. ZS. 14 (1913), S. 835 und W. de Sitter, On the constancy of the velocity of light, Proceedings Akad. Amsterdam 16 (1913), S. 395, Über die Genauigkeit, innerhalb welcher die Unabhängigkeit der Lichtgeschwindigkeit von der Bewegung der Quelle behauptet werden kann, Physik. ZS. 14 (1913), S. 1267.
Empfohlene Zitierweise:

Hendrik Antoon Lorentz: Das Relativitätsprinzip. B.G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Relativitaetsprinzip_(Lorentz).djvu/6&oldid=1504675 (Version vom 5.03.2011)