Seite:Stoecker Zwei Reden.djvu/9

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wahr, Israel hatte eine erleuchtete wirthschaftliche Gesetzgebung: sociale Eigenthumsformen, Verbot des Zinses, höchste Barmherzigkeit gegen die Armen. Aber wir brauchen diese Dinge nur zu nennen, um den furchtbaren Abstand zwischen dem Alten Testament und dem modernen Judentum zu fühlen. Nur das deutsche Recht hat den Begriff des gemeinschaftlichen Besitzes geschirmt, nur die christliche Kirche hat das Zinsverbot ausgesprochen; gerade hier liegen die Fehler und Sünden des modernen Judenthums vor Aller Augen.

Und zugegeben einmal, daß jene hohe Mission wirklich Israels dauernde Aufgabe ist, wer sind denn die vom Geiste Gottes glühenden Denker und Dichter, welche den lebendigen Gott verkünden, preisen, zu Ehren brigen? Etwa die Redacteure des Tageblatt? Oder die Gelehrten des Kladderadatsch? Wo ist die Prophetenschule heiligen Geistes, in welcher die Jünglinge gebildet werden zu jener Weltmission? Wo sind die Stationen? Wo sind die Missionare? Etwa an den Börsen in Berlin, Wien und Paris? O nein, solche Thorheiten muß man den Juden nicht sagen. Eben das ist ihr Verhängniß, daß sie, an Christo gescheitert, ihren göttlichen Curs verloren, ihre hohe Mission preisgegeben haben und nach dem schneidigen Entweder – Oder des Herrn Jesu: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ – den Götzen des Goldes nachlaufen, weil sie die Wege Gottes versäumt haben. Ergreifend sind die alten Gebete, in denen das Judenthum nach Gott und Zion zurückverlangt. „Wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande vertrieben und verbannt von unserem Boden, wir können unsere Pflichten nicht erfüllen, in deiner auserkorenen Wohnung und deinem großen und heiligen Tempel, worüber dein Name angerufen ist .... Laßt uns Zerstreute aus allen Völkern zusammenkommen und vereinige uns Zersprengte von den Enden der Erde. Führe uns nach Zion, deiner Stadt mit Jubel und nach Jerusalem, deinem heiligen Tempel mit immerwährender Freude.“ Aber davon wissen die nichts, die im modernen Judenthum eine Rolle spielen; sie wohnen lieber in der Jerusalemer-Straße,

Empfohlene Zitierweise:

Adolf Stoecker: Das moderne Judenthum in Deutschland (Erste Rede). Wiegandt und Grieben, Berlin 1880, Seite 9. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Stoecker_Zwei_Reden.djvu/9&oldid=1423336 (Version vom 20.01.2011)