Seite:Theodor Storm Sommergeschichten und Lieder.djvu/122

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horchend, ob unten Alles zur Ruhe gegangen sei; in der Hand hielt er einen Kranz von weißen Moosrosen. So saß er lange. Draußen ward eine andre Welt lebendig, das Gethier der Nacht strich umher, es wimmerte etwas in der Ferne. Als er die Augen aufschlug, war das Zimmer hell, er konnte die Bilder an den Wänden erkennen; durchs Fenster sah er die gegenüberstehende Wand des Seitenflügels in herber Mondscheinbeleuchtung. Seine Gedanken gingen den Weg zum Kirchhof. Das Grab liegt im Schatten; sagte er - - der Mond scheint nicht darauf. Dann stand er auf, öffnete vorsichtig, und stieg mit seinem Kranze die Treppen hinab; auf dem Hausflur horchte er noch einmal, und nachdem er geräuschlos die Thüre aufgeschlossen, ging er auf die Straße, und im Schatten der Häuser zur Stadt hinaus, eine Strecke fort im hellen Mondschein, bis er den Kirchhof erreicht hatte. Es war, wie er gesagt; das Grab lag im tiefen Schatten der Kirchhofsmauer. Er hing den Rosenkranz über das schwarze Kreuz; dann lehnte er selbst den Kopf daran. Der Wächter ging draußen vorüber, aber er wurde nicht von ihm bemerkt; die Stimmen der Mondnacht erwachten, das Säuseln der Gräser, das Springen der Nachtblüthen, das feine Singen in den Lüften; er hörte es nicht, er lebte in einer Stunde, die nicht mehr war,

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Theodor Storm: Sommergeschichten und Lieder. Duncker, Berlin 1851, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Theodor_Storm_Sommergeschichten_und_Lieder.djvu/122&oldid=1154581 (Version vom 28.06.2010)