Seite:Theodor Storm Sommergeschichten und Lieder.djvu/20

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Lieder, die nun vergessen sind; dein Großvater mit seiner hellen Tenorstimme war immer herauszuhören. - Die Menschen waren damals noch höflicher gegen einander; das Disputiren und Schreien galt in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich. - Nun, das ist Alles anders geworden; - aber dein Großvater war ein sanfter, friedlicher Mann. Er ist schon lange nicht mehr auf dieser Welt; er ist mir weit vorausgegangen; es wird wohl Zeit, daß ich nachkomme.

Die Großmutter schwieg einen Augenblick, und es sprach Niemand. Nur ihre Hände fühlte sie ergriffen; sie wollten sie Alle noch behalten. Ein friedliches Lächeln glitt über das alte liebe Gesicht; dann sah sie auf ihren Enkel und sagte: Hier im Saal stand auch seine Leiche; du warst damals erst sechs Jahre alt, und standest am Sarg zu weinen. Dein Vater war ein strenger rücksichtsloser Mann. Heule nicht Junge, sagte er, und hob dich auf den Arm. Sieh her, so sieht ein braver Mann aus, wenn er gestorben ist. Dann wischte er sich heimlich selbst eine Thräne vom Gesicht. Er hatte immer eine große Verehrung für deinen Großvater gehabt. Jetzt sind sie Alle hinüber; - und heute hab’ ich hier im Saal meine Urenkelin aus der Taufe gehoben, und ihr habt ihr den Namen eurer alten Großmutter gegeben. Möge der liebe Gott sie eben

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Theodor Storm: Sommergeschichten und Lieder. Duncker, Berlin 1851, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Theodor_Storm_Sommergeschichten_und_Lieder.djvu/20&oldid=1183521 (Version vom 27.07.2010)