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Liste.png Emil Pauls: Zauberwesen und Hexenwahn am Niederrhein. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins, Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins. 13. Band, 1898. S. 134-242

kirchliche Bestimmung[1] (1310) ist nicht ganz aufgeklärt. Es heisst, dass nur mit bischöflicher Erlaubnis das Media vita in den Kirchen zu feindlichen Zwecken gegen gewisse Personen gesungen werden dürfe. Nachweislich war früher das Media vita bald Zauberlied,[2] bald Gebet,[3] bald Grablied.[4] Die vorliegende Bestimmung scheint einem Unfug gegolten zu haben, der vielleicht darin bestand, dass im Volke der Glaube vertreten war, das Absingen des Liedes unter Bezugnahme auf namhaft gemachte Gegner weihe diese dem Untergang oder dem Bösen. Bestand doch ein ähnlicher Zauberglaube noch zwei Jahrhunderte später am Niederrhein bezüglich der sog. Senkmessen.[5]

Vielleicht sprechen die im Jahre 1357 unter Erzbischof Wilhelm von Gennep erlassenen Verfügungen[6] betreffend die Exkommunikation von Wahrsagern, Beschwörern und Loswerfern dafür, dass man in kirchlichen Kreisen an massgebender Stelle auf die seit Jahrhunderten umlaufenden Sagen von Luftfahrten, Teufelsbuhlschaften und Teufelsbündnissen wenig Wert legte. Das Schweigen ist in etwa bezeichnend. Und wenn die wahrscheinlich im 14. Jahrhundert entstandenen Landrechte von Jülich, übereinstimmend mit denen von Berg,[7] zahlreiche andere Vergehen, nicht aber die Zauberei namhaft machen, so ist dies für die Auffassung der weltlichen Behörden ebenfalls bezeichnend.


  1. Statuta l. c. p. 82: Prohibemus, ne in aliqua ecclesiarum nobis subiectarum imprecationes fiant, nec decantetur Media vita contra aliquas personas, nisi de nostra licentia speciali, cum nostra sit discutere, quando sint talia facienda.
  2. Namentlich am Niederrhein. Vgl. den Artikel über Notker in der ersten Auflage des Kirchen-Lexikons von Wetzer-Welte.
  3. Die Hs. C 58 (13. Jahrhundert) der Kgl. Landesbibliothek in Düsseldorf verzeichnet auf dem 4. Blatte folgende Gebete: Domine exaudi, Media vita, Pater noster, In manus tuas.
  4. De sepulturis. Laudabilis consuetudo … canteturque canticum Media Vita … (Düsseldorfer Staatsarchiv. Jülich-Berg-Geistl. Sachen Ms. a. 297. Reformations-Verhandlungen 1545–1568.)
  5. „Senkmessen“ sollten ruhelos umher irrende Geister (Spukgeister) der Hölle weihen, oder für Lebende in der Absicht gehalten werden, deren baldigen Tod herbeizuführen: Vgl. J. Wieri opera omnia, Amstelodami 1660 pag. 421, und Bl. 26 der in der vorigen Anmerkung genannten Quelle: De missa … Horribilis est abominatio, quod quidam missas pro vivis habent tamquam defunctis eos sic litantes, ut moriantur. Vel ut spectra mortuorum per missam abigant atque demergant (vulgo vocantur Senckmissen).
  6. Statuta l. c. pag. 177.
  7. Th. J. Lacomblet, Archiv für die Geschichte des Niederrheins. 1832 Bd. I, S. 30 ff.
Empfohlene Zitierweise:

Emil Pauls: Zauberwesen und Hexenwahn am Niederrhein. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins, Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins. 13. Band, 1898. S. 134-242. Düsseldorf: Ed. Lintz, 1898, Seite 169. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zauberwesen_und_Hexenwahn_am_Niederrhein.djvu/36&oldid=1094388 (Version vom 6.05.2010)