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Liste.png Emil Pauls: Zauberwesen und Hexenwahn am Niederrhein. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins, Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins. 13. Band, 1898. S. 134-242

angewiesen sind. Wohl bringt der Geschichtschreiber Gregor von Tours in seinen zehn Büchern fränkischer Geschichte einige Erzählungen, in denen der Zauberei die leitende Stelle zukommt, aber alle angeführten Ereignisse gehören weit vom Niederrhein entfernten Bezirken an. Trotzdem dürfte ein kurzer Hinweis hier am Platze sein: waren doch manche Anschauungen allen fränkischen Stämmen gemeinsam, und finden wir ja bei Gregor manches Vorbild zu verschiedenen Erscheinungen des Hexenwahns in einer um fast ein Jahrtausend spätern Zeit. Die Königin Fredegund, so erzählt uns der Bischof Gregorius, welcher eine ansteckende Krankheit drei Söhne geraubt hatte, liess zuerst mehrere Frauen, schliesslich sogar auch den Hausmeier (Maiordomus) Mummolus in entsetzlicher Weise foltern, weil die Fürstin Tötung ihrer Söhne durch Zaubermittel vermutete. Die vorgeblichen Zauberinnen wurden teils erwürgt, teils verbrannt, teils auf das Rad unter Zerreissung ihrer Glieder geflochten. Mummolus, dem man Pflöcke unter die Nägel getrieben hatte, starb an den Folgen der erlittenen Peinigung.[1] Vergebens hatte eine der Unglücklichen kurz nach der Folterung ihre Angaben widerrufen. An andern Stellen bei Gregor von Tours ist die Rede von Teufelserscheinungen, von sogenannten Losungen in der hl. Schrift[2] und von dem schönen Ausspruche einer christlichen Königin gegenüber ihrem heidnischen Gemahl, dass Mars und Merkur vielleicht über Zauberkünste, nicht aber über die Macht einer Gottheit verfügten.[3] Einmal stossen wir auf den im 16. und 17. Jahrhundert zuweilen als Beweis gegen die Kunst der „Wettermacher“ angeführten biblischen Spruch: Es ist unter den Götzen der Heiden keiner, der Regen könnte geben;[4] auch vernehmen wir, dass die in Zauberkünsten wohl erfahrenen Hunnen durch das Vorzeigen von Spukgestalten über die Mannen des Königs Sigibert den Sieg davon trugen.[5] Dem von Fredegund gegebenen vereinzelten Beispiel echt merowingischer Grausamkeit lassen sich aus Gregor von Tours mehrere Beispiele eines damals milden Verfahrens geistlicher Behörden bei Anklagen auf Ausübung zauberischer Künste entgegen


  1. M. G. Scr. rer. Merov. t. I. p. 275.
  2. Sortes sanctorum, der Gebrauch, aus dem Inhalt einer auf gut Glück hin aufgeschlagenen Seite in der Bibel zu prophezeien.
  3. M. G. Scr. rer. Merov. t. I. p. 90.
  4. M. G. Scr. rer. Merov. t. I. p. 78, die Stelle selbst bei Jeremias 14. 22.
  5. M. G. Scr. rer. Merov. t. I. p. 165.
Empfohlene Zitierweise:

Emil Pauls: Zauberwesen und Hexenwahn am Niederrhein. In: Beiträge zur Geschichte des Niederrheins, Jahrbuch des Düsseldorfer Geschichtsvereins. 13. Band, 1898. S. 134-242. Düsseldorf: Ed. Lintz, 1898, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zauberwesen_und_Hexenwahn_am_Niederrhein.djvu/7&oldid=1094481 (Version vom 6.05.2010)