Spitzbuben-Sprache, oder, Wahlerey und Roth-Welsch
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[1] Spitzbuben-Sprache /
oder /
Wahlerey und Roth-Welsch /
Wie solche von dem inhafftierten Andreas Hempeln angegeben worden.
Wenn einer will in eine Bude gehen / so spricht er zum andern / du komm / da wollen wir hin krauten / und uns ein Stück Schuricht schniffen / i. e. etwas Wahren mausen. Wenn nun was gemauset worden / sagen sie weiter: Wo krauten wir nun hin / daß wir es verpassen / weissestu nicht etwa ein Gescheide Kober / (wo gehen wir nun hin / oder weissestu nicht etwa ein Wirths-Hauß / da wir die gestohlenen Sachen verkauffen können?) so spricht der andere: Mein Kober ist gescheidt / wollet ihr mit hinkrauten und es da verpassen. Wenn ein Roller oder Roller-Mosche ein Dorff siehet / (i. e. wenn ein Dieb einen Beutel mit Gelde siehet) so sagen sie zum andern / gehe du mit mir / und mache mir Verdust / (einen Gedrang) den Pincken will ich rollen (diesen Beutel will ich aus der Ficke ziehen) wenn ich das Dorff rollen soll / so must du mir grandigen Verdust machen / oder / wenn ich diesen Geld-Beutel mausen soll / so mustu mir einen grossen Gedrang machen. Wenn ein Weißkäuffer einen siehet eine Geldbüchße haben / so ihm anständig ist / spricht er zum andern: Du komm / der hatt eine schöne Those / mache mir Verdust / ich will sie rollen. Wenn die Weißkäuffere wollen ein angebundenes stück Zeug oder Leinwand angeln / so sprechen sie zu dem andern: Kraute du hin / und fäbers ab / (schneide es ab) darnach wollen wir es schniffen. Wenn die Weißkäuffer uff den Märckten gestohlen / so gehen sie zu einen gescheiden Kober (in ein Wirths-Hauß) und sprechen unter einander: Du bist hie geknillt / schlag du an / und verpasse es ihm / so und so viel laß dir davor stöhren / i. e. du bist hier bekannt / biethe es ihm an / verkauffe es ihm / so und so viel laß dir davor geben. Wenn sie aber nicht können mit einander eines werden / so fänget der gescheide Kober (der Wirth) an / ie lasset es immer seyn / bleibet heunte hier / ihr sollet kein Schlumperpicht stöhren / oder Schlaff-Geld geben / wenn euch der Weg vorüber trägt / sprecht mir zu / ob ihr schon kein Hellig (Geld) habt / ich will euch pompen (oder borgen.) [7] Wenn 2. Weißkäuffer zusammen kommen / und einer zu dem andern spricht: Ich weiß ein küstig Geschäffte (einen guten Jahrmarckt) so spricht der ander / wie viel Ellen (Meilen) sind es dahin? so antwortet der andere: Es sind irgend ohngefehr 6. 7. 8. biß 10. Ellen wohin kraut man aber zu / daß man auff die rechte Strehle kömmt? (Es sind irgend 6. 7. 8. biß 10. Meilen / wo gehet man aber zu / daß man auff die rechte Strasse kömmt?) darnach geben sie einander Gescheide und lernen sich dardurch kennen. Wenn ein paar Trappert-Schniffer (Pferde-Diebe) zusammen kommen / und etwa einen Anschlag uff ein paar Pferde haben / so sagen sie: Da hegen ein paar Trapperte / wir wollen auff die Schwärtze hin und sie zopffen / ich weiß auch schon einen guten Paßmann / der hat mit mir gewahlet / daß er uns gut Hellig davor stöhren wolle. i. e. Da stehen ein paar Pferde / wir wollen dahin reiten / und sie stehlen / ich weiß auch schon einen guten Käuffer / der hat mit mir geredet / daß er uns gut Geld dafür geben wolte. Wenn einer Ehebruchs oder Huhrerey halben geköpft wird / sagen sie: Er ist wegen der Poltzerey oder Glonten gekobst. Wenn sie wegen der Schniffer- oder Mauserey nicht können an den Kobß kommen / so bringet man sie an die Schniegeyley / oder Bau. Wenn ein Weißkäuffer auf dem Marckte was mausen will / und siehets einer / so spricht der andere: Schuff dich / laß hocken / der spents. (Gehe fort / laß es stehen / der siehets.) Wenn sie nun von dem Stande weggehen / und der so sie gesehen hat / ihnen nachsiehet / und mit dem Cramer redet / so sprechen sie: Sehet doch / wie der Schnauffer kappt / i. e. verräth. Wenn die Weißkäuffere auf der Strassen zusammen kommen / fragen sie einander; Hast du auch ein gut Geschäffte gehabt? Da antwortet denn der andere: Ach nein! ich habe ein linck Geschäffte gehabt / es ist nicht küstig gewesen / es waren gar zu viel Kapp-Mäuse da. (ich habe keinen guten Marckt gehabt / es waren zu viel Verräther da.) Wenn einer etwas aus einer Bude stehlen will / rufft er den andern zu: Kraute doch herbey / hier wollen wir was aufthun oder zopffen. Wenn die Freyer-Schupper oder Kartten-Spiehlere einen Bauer oder Handwercks-Burschen sehen / und mercken / daß er viel Geld bey sich habe / instruiren sie einen von denen Freyer-Schuppern / daß er den Bauer oder Handwercks-Bürschgen anreden und fragen muß / wo er hinwolle? bittet ihn / er möchte doch mit da und da hin gehen / er wolle eine Kanne Bier vor ihm bezahlen / und ob er ihm nicht ein Briefflein an seinen Bruder oder Schwester nehmen? Wenn nun der Bauer nebst dem Freyerschupper in ein Bier-Hauß kommen / so [8] sitzen derer letztern schon ein Stück 3. oder 4. übern Tische / und reden den Bauer oder reisenden Handwercks-Pursch an: Freund / wo kommt ihr her / und wo wollet ihr hin? Wenn nun der Frembde zur Antwort giebet / da hat mich der ehrliche Freund gebethen / ich möchte ihm doch ein Briefflein mit zu seiner Schwester nehmen / alsdenn spricht derjenige / so den Frembden ins Wirths-Hauß geführet hat: Freund / wollet ihr hier nicht ein wenig warten / ich will hingehen / und mir ein Briefflein machen lassen? Unterdeß aber bringen jene die Karte übern Tisch / und bereden den Frembden daß er mit spiehlen muß / wenn nun solches geschiehet / legen sie die Karte darnach / daß der Fremde nichts darvon bekommen kan / unter deß aber hilfft ihm einer derer Freyerschuppere ein / und animiret ihn / daß er immer mehr dran setzen solle / er müste gewiß und unfehlbar gewinnen. Wenn nun der Frembde das Geld verspiehlet / fänget einer derer Freyerschuppere an: Gib mir dein Bündel / Degen / oder was du hast / ich will dir 3. oder 4. Thl. drauff leihen; Wenn nun dies geliehene Geld auch weg ist / weisen die Spitzbuben die Karte auff / damit der Frembde sehen kann / daß sie 2. oder 3. Augen mehr als er gehabt / und so nun der Frembde wegen des verspielten Geldes oder Bündels kläglich thut / so fänget der Freyerschupper / welcher dem Frembden Vorschub gethan / auch an zu lamentiren / sagende: Ach daß GOtt erbarme! wo kriege ich nun mein geliehenes Geld wieder? Ihr müsset mir das Geld schaffen / oder alles mit ein ander geben / was ihr am Leibe habt / das könnet ihr euch leichtlich einbilden / daß ich mein Geld haben muß / und es euch nicht schencken werde! Will nun der Handwercks-Pursche bezahlen / so muß er alles hingeben / war er an hat. Nach diesem kömmt jener mit dem Brieffgen gegangen / und wenn er siehet oder höret / daß der Frembde wegen des verspiehlten Geldes / kläglich thut / beklagt er selbigen und spricht: Freund / ach / daß GOtt erbarme! Wie gehet es euch denn so übel / ihr armes Mensch / ach hätte ich euch doch immer lassen hingehen! Weil ihr aber durch mein Brieffgen in so grossen Schaden kommen seyd / da habt ihr 8. Gr. nehmet mir doch dieses Brieffgen mit. Lebet wohl / und seyd GOtt befohlen. |
