St. Ottilien (Schreiber)

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Autor: Aloys Schreiber
Titel: St. Ottilien
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch: Eine Sammlung der Schönsten Sagen, Geschichten, Märchen und Legenden des Badischen Landes aus Schrifturkunden, dem Munde des Volkes und der Dichter. S. 389-390
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1846
Erscheinungsdatum: Vorlage:none
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf commons und Google
Kurzbeschreibung:
siehe auch Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen Der Ottiliensberg bei Freiburg
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[389]
St. Ottilien.

Ottilia, die Tochter des Elsäßischen Herzogs Attich, war im Kloster zu Mayenfeld erzogen worden und hatte frühe schon in ihrem Herzen gelobt, den Schleier zu nehmen. Als sie einst aus ihrem Kloster an das Hoflager ihres Vaters zum Besuche kam, ward Alles von ihrer Schönheit und Geisteshöhe bezaubert. Bald fanden sich Fürsten und Grafen genug ein, die um ihre Hand warben, darunter auch ein reicher Allemanne, der sich bei dem Herzog so sehr in Gunst zu schmeicheln gewußt hatte, daß dieser darauf bestand, seine Tochter solle dem Klosterleben entsagen und dem stattlichen Freier ihr Jawort geben. Ottilie aber hielt fest an ihrem Gelübde und da ihr Vater immer dringender wurde und sie keinen andern Ausweg mehr sah, beschloß sie, die Flucht zu ergreifen. Sie entledigte sich ihrer kostbaren Gewänder, hüllte sich in ein ärmliches Pilgerkleid und gelangte solcherweise glücklich an den Rhein, wo ein Schiffer sie alsbald an das andere Ufer brachte. Ihre Flucht blieb nicht lange verborgen, und der Herzog sandte seine Leute nach allen Richtungen aus, die Ungehorsame aufzusuchen. Er selbst durchstreifte die ganze Gegend und schlug endlich zufällig denselben Weg ein, den die Flüchtige genommen. Der Fährmann, welcher sie übergeschifft, beschrieb ihm ihr Aeußeres so genau, daß ihm kein Zweifel mehr darüber blieb und er sich und sein Gefolge unverzüglich an’s andere Ufer übersetzen ließ. [390] Ottilie hatte bereits die Hälfte eines Berges erstiegen, der im Eingangs der Schwarzwaldes lag und von welchem aus man das Rheinthal überschauen konnte. Ermattet von der ausgestandenen Angst und der ungewohnten weiten Wanderung, setzte sie sich auf ein Felsenstuck und flehte zum Himmel, ihre Kräfte nicht ganz schwinden und sie einen sichern Zufluchtsort entdecken zu lassen. Kaum hatte sie eine Weile so gebetet, als sie ein Geräusch im nahen Walde vernahm. Ein Trapp Reiter kam den Berg heraus und bald erkannte sie die Farben ihres Vaters. Sie sprang aus und eilte dem Dickicht der Höhe zu, um sich dort wo möglich zu verbergen. Im Anfange lieh die Furcht ihren Schritten frische Flügel, doch bald erschlafften ihre Sehnen wieder und sie war nahe daran, erschöpft zusammen zu sinken. Nur ein Fels, um den sich der Pfad schlängelte, verbarg sie noch den Blicken ihrer Verfolger. Zitternd breitete Ottilie ihre Arme nach dem Himmel und flehte zur Mutter Gottes um Rettung aus dieser Noth. Siehe, da that sich plötzlich die Wand des Felsens von einander, Ottilie stürzte sich hinein und sogleich war er hinter ihr wieder geschlossen.

Drinnen vernahm sie deutlich das Getrappel der Rosse und die Stimme ihres Vaters, der sie mit schmerzlichem Tone beim Namen rief. „Es ist umsonst, mein Vater!“ —— antwortete Ottilie und mit Bestürzung hörte Attich die Stimme seiner Tochter aus dem gediegenen Fels erklingen.

Da ging der Herzog reuevoll in sich, als er sah, daß der Himmel selbst Ottlilien vor ihm so wunderbar in Schutz genommen habe und er schwur, das Gelübde seines Kindes zu ehren und hier eine Kapelle zu erbauen.

Kaum war dies in seinem Innern beschlossen, so öffnete sich der Felsen wieder, Ottilie trat hervor, strahlend von überirdischem Glanze und sank an die Brust ihres weinenden Vaters.

Der Fels blieb aber offen von dieser Stunde an und in der Höhle, welche Ottilien geborgen, entsprang ein kristallklarer frischer Quell, der mit Heilkraft begabt war für kranke Augen. Ottilie kehrte mit ihrem Vater in das Elsaß zurück, wo er bei Hohenburg ein Kloster bauen ließ, in welchem sie den Rest ihres Lebens unter gottseligen Uebungen zubrachte.

Aloys Schreiber.

( Siehe Dessen; „Sagen aus den Rheingegenden“ etc. )

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