Taschenbuch von der Donau 1824
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TASCHENBUCH
von der Donau
Auf das Jahr 1824
Herausgegeben
von Ludwig Neuffer
ULM
in der Stettin’schen Buchhandlung.
Inhaltsverzeichniß.
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Vorrede.
Ueber die Erscheinung dieses Taschenbuchs will ich bey dem Publikum keine Entschuldigung einlegen; seit dreyßig Jahren sind eine unzählige Menge entstanden und vergangen, so mag denn auch dieses sein Heil versuchen; aber über den Inhalt und die Einrichtung seyen mir einige Worte vergönnt. Die Erzählung, zu welcher die Kupfer gestochen sind, war zwar schon einmal in den „Mannigfaltigkeiten“ abgedruckt; weil aber diese [VI] Zeitschrift, gewiß ohne ihr Verschulden, früh hinwelkte, ohne sich ein Publikum zu erstreben, so habe ich sie verbessert noch einmal dem Taschenbuche einverleibt. Die Oden aus Horaz habe ich mit vieler Mühe und Genauigkeit übersetzt, und zwischen Wortzwang und ängstlicher Sylbenstecherey auf der einen, wie zwischen bequemer Abschreitung und leichter Freibildnerey auf der andern Seite den Mittelweg gehalten, ohne übrigens der Treue den mindesten Abbruch thun oder dem Genius des Römers etwas vergeben zu wollen. Ich fragte mich immer, wie würde Horaz gesprochen haben, wenn er deutsch gedichtet hätte? Verständige Männer mögen dieß weiter prüfen, nur bitte ich sie, wenn sie auf Stellen stoßen, die ihnen nicht behagen, vorher, ehe sie über mich absprechen, den Versuch zu machen, ob [VII] sie etwas Besseres zu Stande bringen, als ich. Wer da weiß, wie schwer es ist, einen Dichter, wie Horaz, in freier Sprache und ohne Sylbenmaaß zu übersetzen, der wird begreifen, welche Fertigkeit und Gewandtheit es erfordere, den Dichter im nehmlichen Sylbenmaaß nach Sinn und Geist frisch und lebendig wieder zu geben. Die wenigen Sprachkünstler unsrer Nation sind darin gewiß mit mir einverstanden, besonders wenn sie sich selbst in Arbeiten dieser Art versucht haben, das größere Publikum aber, das nur liest, um zu genießen, und sich um die überstandenen Schwierigkeiten nichts bekümmert, wird es ohne Zweifel gerne glauben. Die Absicht, warum ich diese Oden in das Taschenbuch einrückte, ist meines Dünkens nicht verwerflich; ich wollte nehmlich auf diesem Wege einige Meisterwerke des klassischen Alterthums [VIII] auch in solche Hände bringen, welche auf dem gewöhnlichen Wege nicht darnach greifen. Es gibt viele achtungswerthe Personen unter beyden Geschlechtern, welche Sinn und Gefühl fürs Schöne haben, aber durch Vorurtheil abgehalten werden, die herrlichen Geisteswerke der Griechen und Römer zu lesen und zu studiren. Möchten diese Vorurtheile schwinden, und möchte auch meine Arbeit etwas dazu beytragen, dann würde unter der bessern Klasse des lesenden Publikums sich allgemeiner ein reiner und sicherer Geschmack bilden, vor dem die läppischen, mystischen und monstruösen Ausgeburten des Ungeschmacks und die erbärmlichen Spiele des Afterwitzes nicht mehr gedeihen könnten. Die Anmerkungen zu den Oden sind nicht für Gelehrte, sondern für Dilettanten zum nöthigen Verständniß. Ich werde auch in künftigen Jahrgängen [IX] Uebersetzungen einrücken, und zwar das nächstemal aus den Briefen und Satyren des Horaz. In Hinsicht der Gedichte im Taschenbuch bin ich so glücklich gewesen, nicht nur von lebenden, ehrenwerthen und berühmten Dichtern, denen ich hiemit meinen verbindlichsten Dank öffentlich abstatte, schätzbare Beyträge zu erhalten, sondern auch noch Ueberbleibsel aus den Papieren einiger Verstorbenen. Besonders gefreut haben mich die Lieder von Johann Martin Miller, meinem ruhmwürdigen Amtsvorgänger, den ich als einen der ersten Liederdichter unsrer Nation verehre. Er brach sich mit Bürger, Hölty, den beyden Stollbergen und Voß eine Bahn, die wir nie hätten verlassen sollen. Nirgends ist das Naive und Herzliche in edlerer Einfachheit dargestellt, [X] als in Millers lyrischen Gedichten. Und doch hat dieser Dichter, dessen Siegwart eine neue Periode unsrer Romanenliteratur stiftete und beynahe in alle europäische Sprachen übersetzt wurde, das Unglück gehabt, jetzt schon beynahe vergessen zu seyn. Sein würdiger Verleger und vieljähriger Freund, der Herr Buchhändler Köhler, dessen Güte ich die mitgetheilten Stücke verdanke, hat die erste Auflage seiner Gedichte noch nicht verschlossen, während so manches elende Zeug sich schnell vergriffen hat. Was den Zweck des Taschenbuchs betrifft, so will es, wie seine zahlreiche Sippschaft, auf eine angenehme und decente Art unterhalten, und hat auf Mannigfaltigkeit des Inhalts besondere Rücksicht genommen. Ueber die „Schwänke und Ränke“ werden vielleicht manche überfeine [XI] Herren die Nase rümpfen; allein vielen Lesern werden sie doch nicht unwillkommen seyn, und mögen hie und da eine Gesellschaft erheitern, zumal wenn sie einen guten Vorleser finden. Auch darf ich sicher annehmen, daß nicht wenige Leser sie den Schauer- und Hexengeschichten unsrer wundersüchtigen Zeit vorziehen werden. In Betreff des Titelkupfers hätte ich, nach dem Wunsche des Herrn Architekts Heideloff, der die schönen Zeichnungen zu den Kupfern machte, gern einen poetischen Prolog vorangeschickt, wenn ich über die Behandlung des Gegenstands mit mir hätte einig werden können. Zur Erklärung also nur so viel: Man sieht im Hintergrunde die Stadt Ulm, mit dem herrlichen Münster, als den Geburtsort des Taschenbuchs. Die allegorische Person, die sich zum Himmel erhebt [XII] mit Himmelssehnsucht im Blicke, ist die Göttinn, welcher die Mitarbeiter des Taschenbuchs alle huldigen, die Poesie. Sie wird beglänzt von der eben aufgehenden Sonne, denn sie liebt das Licht. Im Vordergrunde sitzt der alte Danubius, den Strom aus seiner Urne gießend, der Schutzpatron des Taschenbuchs, das ich übrigens nicht nur den Bewohnern seiner Gestade empfehle, sondern allen Freunden und Freundinnen deutscher Literatur. Möchte das Werkchen recht viele Gönner und Beförderer finden! Ulm den 10ten Jul. 1823. Der Herausgeber.
Anmerkungen (Wikisource)
Eine ausführliche, sehr kritische Rezension des Taschenbuchs bietet ein nicht genannter Rezensent in: Hermes 1824, S. 363–378. Google. Zu dieser Besprechung siehe auch die Große Hölderlin-Ausgabe Bd. 7/4, S. 36 WLB Stuttgart. |
