Ueber Belohnungen und Strafen/Belohnungen
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UEBER BELOHNUNGEN UND STRAFEN
[II p. 408 M.] 1 (1.) Die durch den Propheten Moses überlieferten heiligen Schriften[1] sind dreifacher Art[2]: die erste bezieht sich auf die Weltschöpfung, die zweite hat geschichtlichen Inhalt, die dritte enthält die Gesetzgebung. Das Schöpfungswerk ist ganz vortrefflich und dem göttlichen Schöpfer angemessen geschildert: die Schilderung beginnt mit der Entstehung des Himmels und endet mit der Erschaffung des Menschen; ist doch der Himmel das vollkommenste der unvergänglichen Wesen und der Mensch (das vollkommenste) der sterblichen Geschöpfe. Der Schöpfer[384] schuf aber die Welt, indem er unsterbliche und sterbliche Wesen bei der Schöpfung zusammenordnete und die einen zu führender Stellung, die anderen zu Untergebenen bestimmte. 2 Der geschichtliche Teil enthält die Lebensbeschreibungen tugendhafter und lasterhafter Männer, sowie die Strafen und Belohnungen, die ihnen in jedem Zeitalter zugemessen wurden. Von dem Gesetzgebungswerk hat ein Teil allgemeineren Inhalt, der andere enthält die Vorschriften der einzelnen Gesetze: (jenen bilden) zehn Hauptgebote, die nach der Ueberlieferung nicht durch einen (menschlichen) Dolmetscher offenbart wurden, sondern in Himmelshöhe geformt und mit vernünftiger Artikulierung[3], während die anderen, die Einzelgesetze, durch den Propheten verkündet wurden, [p. 409 M.] 3 Nachdem ich über alle diese Dinge, soweit es nötig ist, in den früheren Büchern ausführlich gesprochen habe, ausserdem auch über die Tugenden, die (der Gesetzgeber) für Krieg und Frieden empfiehlt, wende ich mich nunmehr folgerichtig zu den für die Guten ausgesetzten Belohnungen und für die Schlechten angedrohten Strafen. 4 Nachdem er nämlich durch Vorschriften und sanfte Ermahnungen und andrerseits durch Drohungen und strenge Warnungen die Menschen, die seiner Staatsordnung angehören, genügend belehrt, forderte er sie zu öffentlicher Betätigung seiner Lehren auf. Sie aber traten gleichsam in einen heiligen Wettkampf ein und taten ihren Willen kund, einen klaren Beweis der Wahrheit zu liefern. 5 Da nun wurden die einen als wahrhafte Tugendkämpfer befunden, die ihre Lehrmeister, die Gesetze, in der auf sie gesetzten guten Hoffnung nicht betrogen, andere aber erwiesen sich als unmännlich und feig infolge angeborener Geistesschwäche, sanken schon zu Boden, ehe noch eine stärkere Gewalt sich ihnen entgegenstellte, und fanden Schimpf und Spott bei den Zuschauern. 6 Daher empfingen jene die Kampfpreise und öffentlichen Belobigungen und die übrigen Auszeichnungen, wie sie Siegern zuteil werden, während die anderen nicht nur unbekränzt abziehen mussten, sondern auch eine schimpfliche Niederlage erlitten, die viel empfindlicher[385] ist als die in gymnastischen Wettkämpfen; denn hier beugt sich nur der Körper eines Kämpfers, der sich mit Leichtigkeit wieder aufrichten kann, dort aber stürzt ein ganzes Leben zusammen; ist dies aber einmal gebrochen, so ist es kaum wieder zu erwecken. 7 In der Schilderung der Auszeichnungen und Ehrungen, wie umgekehrt der Bestrafungen, zeigt (die heilige Schrift) harmonische Reihen: in Bezug auf einzelne Männer, auf Häuser, auf Städte, auf Länder und Völker, auf grosse Erdstriche. (2.) Wir wollen zuerst die Ehrungen erörtern, da diese ja mehr Nutzen und für den Hörer mehr Vergnügen bieten, und den Anfang machen mit den Ehren für Einzelpersonen. 8 Die Griechen erzählen von Triptolemos, jenem Heros der Vorzeit, dass er in der Höhe auf geflügelten Drachen getragen die Getreidefrucht (zuerst) über die ganze Erde gesät habe, damit das Menschengeschlecht statt der Eichelnahrung fortan eine milde, gesunde und angenehme Speise hätte[4]. Dies ist eine mythische Erfindung und mag wie so vieles andere denen überlassen bleiben, die Wundergeschichten zu erzählen gewohnt sind und Scheinweisheit wahrer Weisheit und Blendwerk der Wahrheit vorziehen. 9 Gleich zu Anfang nämlich, beim ersten Entstehen des Weltalls, hat Gott die Nahrungsmittel aus der Erde hervorgehen lassen und für alle lebenden Wesen bereitgestellt, insbesondere für das Menschengeschlecht, dem er die Herrschaft über alle erdgeborenen Wesen verliehen hat. Denn unter den Werken Gottes gibt es kein spätgeborenes, auch alles, was anscheinend erst durch kunstmässige Behandlung später seine Vollendung erreicht, ist trotz des halbfertigen Aussehens ganz und gar vorher vorhanden dank der Fürsorge der Natur, sodass [p. 410 M.] man nicht unzutreffend das Lernen Wiedererinnerung genannt hat[5]. 10 Doch das mag beiseite bleiben; wir müssen jetzt die[386] wichtigste Saat betrachten, die der Schöpfer auf fruchtbaren Boden gepflanzt hat, in die vernunftbegabte Seele. 11 Ihr erster Schössling ist die Hoffnung, die Quelle der (verschiedenen) Lebensrichtungen: in der Hoffnung auf Gewinn stürzt sich der Geschäftsmann auf die mannigfachen Arten des Erwerbs; in der Hoffnung auf glückliche Fahrt durchsegelt der Schiffsreeder die weite Fläche des Meeres; in der Hoffnung auf Ruhm ergreift der Ehrgeizige den Beruf des Staatsmannes und Verwalters der öffentlichen Angelegenheiten; in der Hoffnung auf Kampfpreise und Kränze kämpfen die in der Athletenkunst Geübten in den gymnastischen Wettspielen ; die Hoffnung auf Glückseligkeit führt die Anhänger der Tugend zur Philosophie, um durch sie imstande zu sein das Wesen der Dinge zu schauen und ihr Handeln so einzurichten, dass es der Vollkommenheit der besten Lebensrichtungen, der theoretischen und der praktischen, entspricht, — ein Ziel, das, wenn es erreicht wird, die Glückseligkeit verbürgt. 12 Manche haben nun die Keime der Hoffnung entweder in feindlicher Absicht vernichtet, indem sie die schlechten Triebe in ihrer Seele grosszogen, oder aus Leichtsinn zerstört, indem sie die Kunst der Bodenbearbeitung vernachlässigten. Andere wiederum, die anscheinend gute Verwalter sind, haben die Eigenliebe der Gottesfurcht vorgezogen und die Ursachen ihrer Erfolge sich selbst zugeschrieben. 13 Alle diese laden Schuld auf sich; Beifall verdient nur der allein, der in Gott seine Hoffnung sucht als dem, der der Urheber seines Entstehens ist und allein die Macht besitzt, ihn vor Schaden und Verderben zu bewahren. Welcher Preis ist nun ausgesetzt für den, der in diesem Kampfe gekrönt wird? Es ist das aus sterblicher und unsterblicher Natur zusammengesetzte Wesen, der Mensch, nicht derselbe wie der Empfänger (des Preises), aber doch auch nicht von ihm verschieden: 14 die Chaldäer nennen ihn Enos, was ins Griechische übersetzt „Mensch“ bedeutet, d.h. er erhält den gemeinsamen Namen des ganzen Geschlechts als eigenen[6], ein auserlesener Preis, insofern damit ausgedrückt ist, dass niemand[387] überhaupt als Mensch gelten darf, der nicht seine Hoffnung auf Gott setzt. 15 (3.) Nach dem Siege der Hoffnung beginnt ein zweiter Wettkampf, worin die Reue streitet, die an der unwandelbaren, unveränderlichen, immer sich gleich bleibenden Natur keinen Anteil hat, die vielmehr von eifriger Liebe zum Besseren plötzlich ergriffen wird und Eile hat, den angeborenen habsüchtigen und ungerechten Sinn aufzugeben und sich der Besonnenheit, der Gerechtigkeit und den anderen Tugenden zuzuwenden. 16 Auch für sie sind Preise ausgesetzt, und zwar doppelte für zweifaches richtiges Handeln, für die Aufgabe des Hässlichen und für die Annahme des Schönen. Die Preise sind Entfernung vom Hause [p. 411 M.] und Alleinsein; es heisst nämlich von dem, der den schlimmen Neigungen des Leibes entflieht und sich zur Seele flüchtet[7]): „er ward nicht gefunden, weil Gott ihn versetzt hatte“ (1 Mos. 5,24). 17 Mit der „Versetzung“ ist deutlich die Entfernung vom Hause gemeint, mit dem Worte „nicht aufgefunden werden“ das Alleinsein; und beides ist ganz passend; denn wenn ein Mensch wirklich Gelüste und Begierden verachtet und in Wahrheit entschlossen über den Leidenschaften steht, so soll er sich zum Umzug rüsten und ohne jede Rücksicht Haus, Vaterland Verwandte und Freunde fliehen[8]. 18 Denn die Gewohnheit ist ein festes Bindemittel, sodass zu befürchten ist, er könnte, wenn er bliebe, gefangen und festgehalten werden durch so viele ringsum vorhandene Lockungen, deren Glanz das schon eingetretene Schweigen der hässlichen Bestrebungen bei ihm wieder stören und die noch frischen Erinnerungen an Dinge, die zu vergessen sittliche Pflicht ist, wiedererwecken würde. 19 Schon viele wurden durch Aufenthalt in der Fremde zur Vernunft gebracht und von ihrem tollen Liebeswahn geheilt, da das Auge nicht mehr ihrer Leidenschaft Nahrung zu geben vermochte durch Vorführung der Gestalten ihrer Lust; denn bei der räumlichen Entfernung muss sie ins Leere gehen, da der Gegenstand, durch den sie gereizt wird, nicht mehr anwesend[388] ist. 20 Wenn er nun aber auswandert, so soll er die Ansammlungen der Menge vermeiden und das Alleinsein lieben; denn auch in der Fremde gibt es ähnliche Schlingen wie zu Hause, in denen die Unvorsichtigen, die an dem Verkehr mit der Menge Gefallen haben, natürlich gefangen werden; denn was ohne Ordnung, ohne Anstand, sündig und schuldbeladen ist, das ist Pöbel, mit dem umzugehen für den, der sich eben erst der Tugend zugewandt hat, durchaus keinen Nutzen hat. 21 Denn wie bei einem Menschen, der von einer langen Krankheit zu genesen anfängt, der Körper leicht erliegt, weil er noch nicht genügend gekräftigt ist, so ist auch bei den Menschen, deren Seele eben erst gesundet, die geistige Spannkraft noch schwach und unsicher, sodass man befürchten muss, die Leidenschaft könnte wieder hervorbrechen, die durch das Zusammenleben mit schlechten Menschen erregt wird. 22 (4.) Nach dem Kampf der Reue wird ein dritter Preis gegeben für , und der Mann, der sich diese zu eigen gemacht hat, erhält eine doppelte Belohnung: die eine besteht in der Rettung bei allgemeinem Untergang, die andere darin, dass er zum Aufseher und Hüter der paarweise verbundenen Tiere aus jeder Gattung bestellt wurde, damit ein neues Geschlecht entstehen konnte an Stelle des untergehenden. 23 Der Schöpfer wollte nämlich, dass ein und derselbe Mann der letzte des verdammten und der erste des (neuen) unschuldigen Geschlechtes sei, und er gab damit denen, die behaupten, dass es in der Welt keine Vorsehung gebe, zwar nicht mit Worten, aber durch die Tat die Lehre, dass nach dem in der Allnatur von ihm eingerichteten Gesetz alle die Myriaden von Menschen, die in Ungerechtigkeit [p. 412 M.] wandeln, nicht soviel wert sind wie ein Mann, der einen gerechten Lebenswandel führt. Diesen Mann, unter dem die grosse Sintflut sich ereignete, nennen die Hellenen Deukalion, die Chaldäer aber Noah[9].[389] 28 (5.) Wir wollen aber einen jeden von ihnen etwas genauer betrachten und uns dabei nicht bloss von den Namen leiten lassen, sondern tiefer in die Sache und in ihren Gedankeninhalt eindringen. Wer wahrhaft auf Gott vertraut, der hat erkannt, dass auf alle anderen Dinge, die geschaffen und vergänglich sind, kein Verlass ist; (es wird ihm dies schon klar), wenn er bei den stolzesten Bestandteilen seiner eigenen Person den Anfang macht, bei der Denkkraft und dem sinnlichen Wahrnehmungsvermögen; denn beiden ist gewissermassen ein eigener Ratssitz und ein Richterstuhl zugewiesen, der Denkkraft zur [p. 413 M.] Betrachtung des rein Geistigen, deren Ziel die Wahrheit ist, der sinnlichen Wahrnehmung zur Betrachtung des Sichtbaren, deren Ziel die Einbildung ist. 29 Das Unsichere und Schwankende der Einbildung ergibt sich schon daraus, dass sie sich auf Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten stützt, und jedes Bild täuscht uns nur durch leicht irreführende Aehnlichkeit das Urbild vor. Auch die Leiterin der Sinneswahrnehmung, die Denkkraft, die mit der Beurteilung der rein geistigen und sich ewig gleich bleibenden Dinge betraut zu sein glaubt, wird oft des Irrtums überführt; denn wenn sie auf die in zahlloser Menge vorhandenen Einzeldinge ihre[391] Angriffe macht, erlahmt ihre Kraft, sie wird schwach und fällt ab wie ein Fechter, der von stärkerer Gewalt niedergeworfen wird. 30 Wem es aber gelungen ist, über alles Körperliche und alles Unkörperliche hinwegzuschauen und hinwegzuschreiten und seine feste Stütze allein in Gott zu finden mit starker Einsicht und unerschütterlichem, felsenfestem Vertrauen, der ist in Wahrheit glücklich und selig zu preisen. 31 Nächst dem Vertrauen ist die Freude als Preis ausgesetzt, und zwar für den, der sich durch seine natürliche Veranlagung mühelos die Tugend angeeignet hat und darin Sieger geblieben ist; er wurde nämlich, wie die Hellenen sagen würden, γέλως (das Lachen) genannt, in der Sprache der Chaldäer aber Isaak; das Lachen ist aber ein vom Körper gegebenes offenbares Zeichen der unsichtbaren Freude des Herzens. 32 Freude ist aber die beste und schönste der wohltuenden Empfindungen: die Seele ist ganz und gar von diesem Frohsinn erfüllt, sie freut sich ihres Gottes, des Vaters und Schöpfers aller Dinge, sie freut sich über die Handlungen, die ohne Schlechtigkeit geschehen, auch wenn sie nicht zur Befriedigung einer Lust dienen, nur weil sie aus schönem (sittlichem) Gefühl heraus geschehen und zum Fortbestand des Alls beitragen. 33 Denn sowie der Arzt bei grossen und gefährlichen Krankheiten bisweilen Stücke des Körpers wegschneidet mit Rücksicht auf die Gesundheit des übrigen Körpers, wie auch der Steuermann bei Eintritt eines Sturmes Ballast über Bord wirft, weil er die Rettung der auf dem Schiffe Anwesenden im Auge hat, kein Tadel aber den Arzt trifft wegen der Verstümmelung oder den Steuermann wegen des hinausgeworfenen Ballasts, im Gegenteil einem jeden von ihnen Lob zuteil wird, weil er mehr auf den Nutzen als auf das Vergnügen gesehen und die rechte Massregel ergriffen hat, — 34 ganz ebenso muss man auch die Allnatur stets bewundern, muss man zufrieden sein mit allem, was in der Welt ohne vorsätzliche Schuld geschieht, und muss dabei nicht in Betracht ziehen, ob etwas nicht zu unserm besonderen Vergnügen dient, sondern ob die Welt nach Art eines wohlgeordneten Staatswesens zu unserm Heile gelenkt und geleitet wird. 35 Glückselig ist daher auch dieser ebenso wie der erste, da er von Sorge und Kummer frei ist, da er ein ungetrübtes und furchtloses[392] Leben geniesst und den Ernst und die Not des Lebens nicht im geringsten erfährt, weil jedes Plätzchen seiner Seele von [p. 414 M.] Freude beherrscht ist. 36 (6.) Nach dem durch Selbstbelehrung und Benutzung seiner reichen Naturanlage (weise Gewordenen) gelangt als dritter der geübte Kämpfer (Jakob) zur Vollkommenheit und erhält als besonderen Ehrenpreis das Schauen Gottes. Denn nachdem er mit allem, was im menschlichen Leben vorkommt, in Berührung getreten war, nachdem er mit allem sich eingehend befasst und keine Mühe oder Gefahr gescheut hatte, wenn er damit irgendwie der köstlichen Wahrheit auf die Spur kommen konnte, fand er bei dem vergänglichen Geschlecht tiefes Dunkel zu Lande und zu Wasser, in der Luft und im Aether; denn selbst der Aether und der ganze Himmel gewährte ihm die Vorstellung nächtlicher Finsternis: die mit den Sinnen wahrnehmbare Natur ist ja ganz unbegrenzt, das Unbegrenzte ist aber der Finsternis sehr nahe verwandt. 37 Er hatte also früher das Auge der Seele verschlossen gehalten; nun aber begann er es bei seinen anhaltenden Kämpfen allmählich zu öffnen und den verhüllenden Nebel zu zerteilen und zu entfernen; denn plötzlich strahlt ihm der reinere, unkörperliche Glanz des Aethers entgegen und zeigt ihm die rein geistige Welt, wie sie gelenkt wird. 38 Auch der von reinstem Lichte rings umstrahlte Lenker war schwer zu sehen und schwer zu begreifen, weil das Auge durch die Strahlen geblendet wird, und das Auge hatte, wiewohl es von starker Glut getroffen wurde, dem sonderbaren Verlangen zu schauen widerstanden. 39 Der Vater und Retter sah aber das aufrichtige, sehnsüchtige Verlangen und hatte Erbarmen: er gab Kraft der Treffsicherheit des Auges und entzog ihm nicht seinen Anblick, soweit ihn ein geschaffenes und sterbliches Wesen zu fassen imstande ist, den Anblick, der ihm zeigt, nicht was (die Gottheit) ist, sondern dass sie ist. 40 Denn jenes Wesen, das besser ist als das Gute, ehrwürdiger als die Einheit und reiner als die Eins, kann unmöglich von einem andern geschaut werden, weil es nur von sich allein (vollkommen) begriffen werden darf. (7.) Dass es aber ist, den allein fassbaren Begriff seiner Existenz, erfassen auch nicht alle oder sie erfassen ihn nicht[392] in der rechten Art: die einen erklären geradezu, dass die Gottheit gar nicht existiere; andere sind zweifelhaft und schwankend und meinen, sie wüssten nicht zu sagen, ob sie existiert oder nicht; wieder andere, die mehr der Gewohnheit als eigenem Nachdenken folgen, haben ihre Begriffe von der Existenz Gottes von ihren Erziehern überkommen und glauben richtig fromm zu sein, während ihre Frömmigkeit doch nur in Dämonenfurcht sich ausprägt. 41 Diejenigen dagegen, die durch wissenschaftliche Erkenntnis die Vorstellung von dem Schöpfer und Leiter des Alls zu gewinnen vermochten, haben, wie man zu sagen pflegt, den Weg „von unten nach oben“ eingeschlagen. Sie traten in die Welt wie in einen wohlgeordneten Staat ein, sahen fruchtbares Bergland und fruchtbare Ebene, (sahen die Erde) angefüllt mit Saaten und Bäumen [p. 415 M.] und Früchten und Tieren aller Art, sahen auf der Erde weitausgedehnte Meere, Seen, Quellflüsse und Wildbäche, die schönen Mischungen von milder Luft und Winden und die harmonischen Veränderungen der Jahreszeiten, und schliesslich die Sonne, den Mond, die Planeten und Fixsterne, den ganzen Himmel mit seiner Heerschar in Reihen geordnet, eine wahre Welt, die in der Welt herumkreist: 42 da staunten sie und waren voll Bewunderung und gelangten zu der diesen Erscheinungen entsprechenden Annahme, dass soviel Schönheit und solche alles übertreffende Ordnung nicht von selbst entstanden sei, sondern durch einen Bildner und Weltschöpfer, und dass es auch eine Vorsehung geben müsse; denn es besteht ein Naturgesetz, dass das schaffende Wesen für das geschaffene sorgt[15]. 43 Diese gotterfüllten Männer, die sich vor den anderen besonders auszeichneten, sind freilich, wie gesagt, „von unten nach oben“ wie auf einer Himmelsleiter vorgeschritten, sie haben auf Grund anscheinend richtiger Ueberlegung von den Werken auf den Bildner geschlossen. Manche aber besassen die Fähigkeit, ihn aus ihm selbst zu begreifen, ohne dass sie irgend welche andere Vernunftgründe zu Hilfe zu nehmen brauchten, um zu seinem[394] Anblick zu gelangen: solche müssen in Wahrheit zu den frommen und echten Dienern und Lieblingen Gottes gezählt werden. 44 Zu diesen gehört der Mann, der in chaldäischer Sprache Israel genannt wird, auf Griechisch der Gott Schauende[16], nicht welcher Art Gott ist — denn das ist, wie gesagt, unmöglich — , sondern dass er ist: er hat es nicht von einem andern gelernt, auch nicht von den Erscheinungen auf der Erde und am Himmel und nicht von den Dingen, die entweder Elemente oder Zusammensetzungen sterblicher und unsterblicher Natur sind, sondern von Gott allein ward er umbenannt, der ihm auf sein Flehen seine Existenz kundtun wollte. 45 Auf welche Weise aber die Erkenntnis ihm zuteil wurde, kann man an einem Gleichnis sehen. Unsere sichtbare Sonne schauen wir doch durch nichts anderes als durch die Sonne? ebenso die Sterne durch nichts anderes als durch die Sterne? und wird nicht überhaupt das Licht nur durch das Licht gesehen? Ganz ebenso ist Gott sein eigenes Licht und wird durch sich allein gesehen, ohne dass ein anderer hilft oder helfen kann zur reinen Erkenntnis seines Daseins. 46 Gute Treffer sind also die Menschen, die sich bemühen aus der Schöpfung den ungeschaffenen Schöpfer des Alls zu erkennen, sie handeln ähnlich denen, die aus der Zweiheit die Natur der Einheit erforschen, während man umgekehrt von der Einheit — diese ist ja der Anfang — ausgehen müsste, um die Zweiheit zu betrachten[17]; zur Wahrheit aber gelangen nur die Menschen, die die Vorstellung von Gott durch Gott gewinnen, die Vorstellung vom Licht durch das Licht. 47 (8.) Wir haben bisher von dem grossen Preis (Jakobs) gesprochen. Ausserdem aber erhält er noch eine zwar nicht schön klingende, aber nach ihrer geistigen Bedeutung sehr wertvolle Auszeichnung. Sie heisst „Lähmung der Hüftpfanne“ (1 Mos. 32,26), ist aber symbolisch zu verstehen. Durch die „Hüftpfanne“ wird nämlich Hochmut und Ueberhebung ausgedrückt, wenn die Seele sich in [p. 416 M.] massloser Weise ausbreitet und auf unerlaubte Ziele[395] wirft[18], durch die „Lähmung“ aber die Einschränkung des Dünkels, der in Ueberhebung und Aufgeblasenheit besteht. 48 Nichts ist aber von solchem Nutzen, als wenn die losgelassenen zügellosen Triebe zurückgedrängt und lahmgelegt werden und die geistige Spannkraft verlieren, damit die übermässige Macht der Leidenschaften geschwächt wird und breiteren Raum gewährt dem besseren Teile der Seele. 49 Es muss auch noch in Betracht gezogen werden, dass der Preis, der einem jeden von den dreien zuerkannt wurde, für ihn sehr passend ist: für den Mann, der durch Belehrung zur Vollkommenheit gelangt ist, das Vertrauen (auf Gott), weil doch der Lernende auf den Lehrenden sein Vertrauen setzen muss in allem, worin dieser ihn unterweist; denn es wäre schwierig, ja unmöglich einen, der das Vertrauen nicht hat, zu unterrichten. 50 Für den, der durch eigene natürliche Veranlagung zur Tugend, gelangt, die Freude; denn erfreulich sind die gute Begabung und die Geschenke der Natur, da die Seele Freude empfindet über die treffenden und scharfsinnigen Einfälle, durch die sie mühelos das findet, was sie sucht, wie wenn eine innere Stimme es ihr zuflüsterte; die rasche Lösung schwieriger Fragen macht ja stets Freude. 51 Für den endlich, der durch beständige Uebung Einsicht gewinnt, das Schauen (Gottes); denn nach der praktischen Lebensführung in der Jugend ist das theoretische Leben im Alter wertvoll und hochheilig; Gott stellt es gleichsam als Steuermann ans hintere Ende (des Lebensschiffes) und händigt ihm das Steuer ein, weil es die Fähigkeit besitzt die irdischen Dinge zu lenken; denn ohne wissenschaftliche Begründung kann keine Handlung sittlich gut genannt werden. 52 (9.) Nur noch eines Mannes will ich gedenken, um nicht weitschweifig zu werden, und mich dann zu dem folgenden Abschnitt wenden. Es ist der Mann, der die heiligen Kämpfe bestanden hat und als gekrönter Sieger aus ihnen hervorgegangen ist. Ich verstehe aber unter „heiligen“ nicht die, die bei der[396] grossen Menge als solche gelten — denn unheilig sind diese vielmehr, da sie für Gewalttat, Frevel, Ungerechtigkeit statt der höchsten Strafen Ehrengaben und Auszeichnungen bieten — , sondern solche, die die Seele durchzukämpfen hat, indem sie mit Klugheit Torheit und Tücke vertreibt, mit Besonnenheit Liederlichkeit und Knickrigkeit, mit Tapferkeit Keckheit und Feigheit, und mit den anderen Tugenden die entgegengesetzten Laster, die weder sich selbst noch anderen von Nutzen sind. 53 Alle Tugenden sind zwar (reine) Jungfrauen, die schönste aber und gleichsam die Führerin in einem Chor ist die Frömmigkeit, die in ganz hervorragendem Masse der Gottesmann Moses sich zu eigen gemacht hat; durch sie erlangt er auch unter vielem andern, was in den von mir verfassten Büchern über sein Leben geschildert ist, vier auserlesene Preise: die Führerschaft, den Beruf des Gesetzgebers, den Prophetenberuf und das Priesteramt. 54 Königlicher Führer ist er nämlich gewesen, nicht in dem gewöhnlichen Sinne, weil er im Besitz einer Heeres- und Waffenmacht von Schiffsvolk, [p. 417 M.] Fussvolk und Reiterei war, sondern weil er von Gott dazu bestimmt wurde mit freiwilliger Zustimmung der Geführten; denn Gott hatte diese freie Wahl bei den Untergebenen bewirkt. Ohne rednerisches Talent, ohne grossen Besitz und ohne Vermögen wurde er zum alleinigen Führer für uns bestellt, weil er den „sehenden“ Reichtum über den „blinden“[19] gestellt hatte und, wenn ich es unverhohlen sagen soll, das Erbe Gottes als seine Habe ansah. 55 Er wird zugleich Gesetzgeber; denn ein König hat zu befehlen und zu verbieten, Gesetz ist aber nichts anderes als die Vernunft, die gebietet was man (tun) muss und verbietet was man nicht darf[20]. Da aber Unklarheit darüber herrscht, was in beiden Fällen zuträglich ist — denn unwissentlich gebieten wir häufig was man nicht tun darf und verbieten was man tun müsste — , so war es[397] sehr passend, dass er als dritten (Preis) die Prophetie erhielt, damit er keine Fehler begehe; denn ein Dolmetscher ist der Prophet, dem Gott durch eine innere Stimme eingibt, was er sagen soll[21]; bei Gott ist aber kein Fehl. 56 Als vierten erhielt er das höchste Priesteramt, kraft dessen er auf Grund der in prophetischem Geiste erlangten Erkenntnis den Dienst des Seienden regeln und die Danksagungen für die glückliche Lage der Untergebenen und für den Fall, dass sie sündigten, die Gelübde und Gebete zur Versöhnung (Gottes) anordnen sollte. Diese vier Aemter, die ja von einer Idee ausgehen, sollten durch das Band der Harmonie verknüpft Hand in Hand miteinander gehen und in einem Manne vereinigt sein; denn wer auch nur in einem von den vier Aemtern versagt, ist nicht reif für die Führerschaft, seine Verwaltung der Staatsangelegenheiten würde auf einem Fusse hinken. 57 (10.) In Betreff der für einen einzelnen Mann gegebenen Belohnungen mag dies genügen. Es werden solche aber auch ganzen Häusern und an Mitgliederzahl reichen Familien verliehen. Das (jüdische) Volk ist in zwölf Stämme geteilt, und entsprechend den zwölf Stämmen gibt es zwölf Stammväter, die nicht nur einem Hause oder einer Familie angehören, sondern noch enger verwandt sind: sie sind sämtlich Brüder von einem Vater, und ihr Grossvater und Urgrossvater sind zusammen mit ihrem Vater die (drei) Erzväter des Volkes. 58 Der erste unter diesen dreien, der vom Irrglauben zur Wahrheit sich bekehrte und das Gaukelspiel der chaldäischen Wissenschaft verachtete infolge einer höheren Erscheinung, durch deren Anblick angezogen, wie das Eisen von dem Magnetstein angezogen wird, er diese Vorstellung weiter verfolgte und aus einem Sophisten ein Weiser durch Belehrung wurde, — dieser Mann hatte viele Söhne, aber alle waren sie Sünder ausser einem, der gleichsam die Ankertaue des Geschlechts festband und sicher in den Hafen einlief. 59 Diesem Sohne, der eine so glückliche Naturanlage besass, dass er sich selbst belehren konnte, wurden zwei Söhne geboren: der eine war wild und unbändig, von verwegenem Mute und voller Begierde, bei ihm[398] überrannte der unvernünftige Teil der Seele den vernünftigen; der andere dagegen war sanft und menschenfreundlich, ein Freund tugendhaften Strebens und gerechten und bescheidenen [p. 418 M.] Handelns, er gehörte der besseren Klasse (von Menschen) an, er war Vorkämpfer der Vernunft und Gegner der Unvernunft. 60 Dieser ist der dritte der Erzväter, der mit Kindern gesegnet war und lauter gute Kinder hatte, der an keinem Teile seines Hauses Schaden erlitt, wie ein glücklicher Landmann, der seine ganze Aussaat gut gedeihen und schöne Früchte tragen sieht. 61 (11.) Abgesehen von der buchstäblichen Erklärung drückt aber auch jeder von den dreien symbolisch einen verborgenen Gedanken aus, den wir beachten müssen. Ein jeder, der belehrt wird, gelangt zum Wissen und gibt die Unkenntnis auf. Die Unkenntnis ist aber mannigfaltiger Art. Deshalb heisst es von dem ersten (Erzvater), dass er zwar viele Söhne hatte, aber keinen von ihnen für würdig erachtete, sich seinen Sohn zu nennen, ausser einem; denn auch der Lernende verstösst gewissermassen die Kinder seiner Unkenntnis und verabscheut sie wie verhasste Feinde. 62 Denn wir Menschen befinden uns, bevor die Vernunft in uns zur Reife gelangt, naturgemäss alle auf der Grenze zwischen Schlechtigkeit und Tugend und neigen uns noch nach keiner Seite. Sobald aber der Geist flügge wird und mit ganzer Seele und in allen ihren Teilen die Vorstellung von dem Guten gewinnt, so gibt er sich ihm ganz hin und möchte es im Fluge erreichen und lässt das ihm angeborene und nahe verwandte Böse hinter sich, das denn auch entflieht und den entgegengesetzten Weg ohne Säumen einschlägt. 63 Das ist es, was (die heilige Schrift) andeutet, wenn sie berichtet, dass dem von Natur glücklich Veranlagten (Isaak) zwei Zwillingssöhne geboren wurden; denn eines jeden Menschen Seele geht anfangs, bei der Geburt, mit Zwillingen schwanger, mit dem Bösen und dem Guten, wie gesagt, denn von beiden hat sie eine Vorstellung; wenn sie aber den glücklichen und beseligenden Teil erlangt, wendet sie sich mit ihrem ganzen Gewicht dem Guten zu, neigt sich niemals nach der andern Seite und schwankt nicht hin und her, um das Gleichgewicht zu erhalten. 64 Die Seele aber, die sowohl gut veranlagt ist als auch einen guten Unterricht[399] genossen hat und drittens durch fleissige Uebung an die Grundsätze der Tugend gewöhnt ist, so dass keiner von ihnen sie nur oberflächlich berührt, sondern alle festsitzen und ihr tief eingeprägt sind wie mit Stricken befestigt, die erwirbt Gesundheit, die erwirbt Macht, und dazu noch gutes Aussehen infolge von Sittsamkeit, Wohlbefinden und Schönheit (des Körpers). 65 So wird eine solche Seele durch drei vortreffliche Dinge, durch natürliche Anlage, durch Lernen und durch fleissige Uebung, ein vollkommener Wohnsitz der Tugenden, und sie lässt kein Plätzchen in ihrem Innern leer, sodass anderes Zutritt hätte; sie erzeugt nun eine vollkommene Zahl, zweimal sechs Söhne, ein Abbild und eine Nachahmung des Tierkreises zur Besserung der Dinge hienieden. Das ist das unverletzte Haus, das nach dem Wortlaut der heiligen Schrift wie in der allegorischen Deutung vollkommen und beständig erscheint und das, wie gesagt, zur Belohnung die Führung der Stämme des Volkes [p. 419 M.] erhalten hat. 66 (Von den Männern) aus diesem Hause, das im Laufe der Zeit zu volkreicher Zahl sich entfaltete, sind Städte mit trefflicher Verfassung gegründet worden, Lehrstätten der Einsicht, Gerechtigkeit und Frömmigkeit, in denen auch die Art und Weise der Erlangung jeder andern Tugend ernsthaft erforscht wird. 67 (12.) Wir haben nun die Belohnungen, die in alter Zeit den Guten, und zwar sowohl einer Gesamtheit als einzelnen, erteilt wurden, in summarischer Weise besprochen, sodass man danach auch die hier übergangenen leicht verstehen kann. Ebenso müssen wir nun andrerseits die über die Schlechten verhängten Strafen im allgemeinen betrachten; denn alle einzeln aufzuführen ist nicht an der Zeit. 68 Gleich am Anfang, als das Menschengeschlecht noch gering an Zahl war, gab es einen Brudermörder (Kain). Dies ist der erste schuldbeladene Mensch, der erste, der über die reine Erde den ungewohnten Schandfleck (vergossenen) Menschenblutes brachte, der erste, der die Erde, welche Tiere und Pflanzen aller Art hervorbringt und wachsen lässt und durch alle ihre Erzeugnisse in voller Blüte steht, in ihrer Fruchtbarkeit hemmte, der erste, der das Wachstum mit Verderben, das Leben mit dem Tode, die Freude mit der Trauer und das Gute mit dem[400] Bösen bedrohte. 69 Welche Strafe hätte nun der verdient, der mit einer Tat das Schlimmste an Gewalt und Frevel verübte? Man wird wohl sagen: den Tod. Das wäre der Gedanke eines Menschen, der den grossen Richterstuhl nicht sieht; die Menschen halten nämlich den Tod für die höchste Strafe, vor dem göttlichen Gericht aber ist der Tod kaum der Anfang der Strafen. 70 Da die Tat neu war, musste auch eine neue Strafart dafür ausfindig gemacht werden. Worin besteht diese? er soll sterbend immerfort leben und gewissermassen einen ewigen, nie endenden Tod erleiden. Der Tod ist nämlich zwiefacher Art: die eine besteht in dem Totsein, das entweder ein Glück oder eine gleichgültige Sache ist, die andere im Sterben, das sicher ein Uebel ist und um so schwerer zu ertragen, je länger es dauert. 71 Erwäge nun, inwiefern der Tod beständig bei ihm ist. Vier Affekte sind in der Seele vorhanden, von denen zwei sich auf ein gegenwärtiges oder künftiges Gut beziehen, Lust und Begierde, zwei auf ein gegenwärtiges oder erwartetes Uebel, Trauer und Furcht. Die beiden auf das Gut sich beziehenden Empfindungen schnitt ihm Gott nun vollständig ab, sodass er sich niemals über etwas ihm zufällig Begegnendes freuen und niemals etwas Angenehmes begehren sollte, und pflanzte ihm dagegen die beiden Empfindungen des Uebels tief ins Herz, sodass er in steter Trauer ohne jede Freude und in ununterbrochener Furcht leben sollte. 72 Denn es heisst, dass er über den Brudermörder den Fluch aussprach, „er solle beständig klagen und zittern“ [p. 420 M.] (1 Mos. 4,12)[22], und „dass er ein Kennzeichen für ihn bestimmte, damit er von keinem getötet werde“ (ebd. V. 15): er sollte nicht auf einmal sterben, sondern sterbend, wie gesagt, ewig leben in beständigen Schmerzen, Qualen und Leiden; er sollte auch — was das allerschlimmste ist — die Empfindung haben von seinem Unglück, er sollte Verdruss empfinden über gegenwärtiges Missgeschick und künftiges, auch wenn er dessen Herankommen voraussieht, nicht zu verhüten imstande sein, da ihm jede Hoffnung abgeschnitten war, die Gott den Menschen eingepflanzt hat, damit sie ein Trostmittel bei sich hätten,[401] die Kümmernisse leichter zu ertragen, wenn sie nicht untilgbare Schuld begangen haben. 73 Sowie nun für den, der von einem Sturzbach mit fortgerissen wird, die nahe Flut, die ihn fortreisst, schrecklich ist, schrecklicher aber noch die von oben hinzukommende, die durch ihre Gewalt ihn heftig und unaufhörlich weiter treibt, sich dann hoch über ihn erhebt und über ihn wegströmt, ebenso sind zwar auch die sichtbar vorliegenden Leiden schmerzlich, weit schlimmer aber solche, die nur aus der Furcht entspringen; denn die Furcht führt uns wie aus einer Quelle die Leiden reichlich zu. 74 (13.) Das sind die Strafen, die über den ersten Brudermörder verhängt wurden. Andere wurden über ganze Häuser verhängt, die sich zu gemeinsamer sündhafter Tat verbunden hatten. Es gab da einige Tempelwärter und Tempeldiener, die etwa den Rang von Torhütern einnahmen; diese erhoben sich in sinnlosem Uebermut wider die Priester und wollten die Ehrengaben, die diesen zukommen, sich aneignen (4 Mos. Kap. 16). 75 Sie stellten an die Spitze der Bewegung als Führer den Aeltesten unter ihnen, der mit einigen Pflichtvergessenen der Anstifter des Unternehmens war, verliessen ihren Platz an den Toren und äusseren Eingängen und drangen in das Innere des Heiligtums ein, in der Absicht, die durch göttliche Offenbarungen zum Priesteramt Berufenen zu verdrängen. 76 Eine allgemeine Aufregung entstand nun natürlich im Volke, da doch unerschütterliche Einrichtungen erschüttert und die Gesetze verletzt waren und die Ordnung im Heiligtum infolge der schrecklichen Unruhe in Verwirrung geriet. 77 Der Führer und Leiter des Volkes empfand darüber heftigen Unwillen. Zuerst versuchte er in ernstem Ton ohne Zorn — denn er war auch von Natur nicht zum Zorn geneigt — sie mit Worten zu bestimmen, ihren Sinn zu ändern, die gesetzten Schranken nicht zu überschreiten und nichts gegen die heiligen und geweihten Einrichtungen zu unternehmen, auf denen die Hoffnungen des Volkes beruhen. 78 Als er aber nichts ausrichtete, jene vielmehr auf alles stumm blieben, weil sie der Meinung waren, dass er nur verwandtschaftlichem Gefühl nachgegeben und deshalb den Bruder zum Hohenpriester bestellt und den Bruderssöhnen das Priesteramt zugewendet habe, hielt er dies nicht[402] für schlimm, so schlimm es auch tatsächlich war; dagegen empfand er es sehr schwer, dass man glauben konnte, er habe [p. 421 M.] sich um die Gottessprüche, nach denen die Wahl der Priester erfolgt, nicht gekümmert[23].
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