Ueber Belohnungen und Strafen/Flueche
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Ueber die Flüche.
127 (1.) [p. 429 M.] Der erste Fluch, den das Gesetz als leichtestes Uebel verzeichnet, droht mit Armut, Not, Mangel an den notwendigen Lebensmitteln und vollständiger Hilflosigkeit (3 Mos. 26,16. 5 Mos. 28,20). Denn die Saat, heisst es, werden plötzlich heranstürmende Feinde, wenn sie noch nicht reif ist, verwüsten, wenn sie aber schon gereift ist, selbst abernten (3 Mos. 26,16); die Saat wird so ein doppeltes Missgeschick verursachen, da sie den Freunden Hungersnot und den Feinden Ueberfluss schafft; denn das Glück des Feindes schmerzt ebenso oder mehr noch als das eigene Unglück. 128 Und wenn die Feinde sich ruhig verhalten sollten, werden die schlimmeren Schädigungen durch die Natur nicht ausbleiben: du besäest den fruchtbaren Boden der Ebene, ein Heuschreckenschwarm aber, der plötzlich heranfliegt, wird (das Feld) abernten, und was er dir zum Einsammeln übrig lässt, wird nur ein kleiner Bruchteil deiner Aussaat sein (5 Mos. 28,38). Du bepflanzest einen Weinberg mit reichlichen Aufwendungen und unendlichen Mühen, wie sie der Landmann auf sich nehmen muss: wenn er aber schon zu reifen beginnt und unter der Last des reichen Ertrages sich beugt, werden Würmer darüberkommen und Weinlese halten (ebd. V. 39). 129 Wenn du deine Oelbäume im Blütenschmuck und in der reichen Fülle von Früchten siehst, wirst du dich natürlich freuen in der Hoffnung auf eine gesegnete Ernte, aber wenn du mit dem Einsammeln beginnst, wirst du merken, dass es eher ein Unglück als einen Erntesegen[1] für dich gibt; denn das Oel und alle[415] Fettigkeit wird unversehens ganz zerflossen sein, und nur die äussere Masse wird leer zurückbleiben zur Täuschung der eitlen Seele (ebd. V. 40). Und überhaupt werden alle Saaten oder Baumpflanzungen samt den Früchten vernichtet werden vom Mehltau (ebd. V. 42). 130 (2.) Es drohen dir aber noch andere Unglücksfälle ausser den erwähnten, die gleichfalls Not und Mangel hervorbringen: Erde und Himmel, die natürlichen Spender des Guten für die Menschen, werden unfruchtbar gemacht werden, die Erde wird ihre Früchte zerstören und nicht imstande sein sie zur Reife zu bringen, der Himmel aber wird sich ganz in Unfruchtbarkeit verwandeln, indem die Jahreszeiten, Winter, Sommer, Frühling, Herbst, nicht nach der ihnen bestimmten Ordnung ihren Anfang nehmen, sondern durch einen Befehl des allmächtigen Herrn gezwungen in unbestimmbarer und gestörter Ordnung ineinander übergehen oder sich scheiden werden. 131 Kein Platzregen, kein gewöhnlicher Regen, kein leises Tröpfeln, keine auch noch so geringe Feuchtigkeit, kein Tau wird kommen, oder was sonst (den Pflanzen) zum Wachstum dient; im Gegenteil werden alle die Dinge eintreten, die das Wachstum schädigen, die reifenden Früchte verderben und verhindern, dass sie zur vollen Reife gelangen. Denn so spricht Gott: „Ich werde euch den Himmel ehern und die Erde eisern machen“ (3 Mos. 26,19. 5 Mos. 28,23), womit angedeutet wird, [p. 430 M.] dass beide die Aufgaben, die ihnen zukommen und für die sie geschaffen sind, nicht erfüllen werden; 132 denn wo hat jemals Eisen Aehren getragen oder Erz Regen gebracht, Dinge, die alle lebenden Wesen nötig haben und ganz besonders das schwache, vielbedürftige Geschöpf, der Mensch? Es ist aber damit nicht bloss Unfruchtbarkeit und das Verderben der jährlichen Früchte[2] gemeint, sondern auch der Ausbruch von Kriegen und der damit verbundenen unerträglichen und zahllosen Leiden; denn Erz und Eisen sind die Stoffe, aus denen Kriegswaffen geschmiedet werden. 133 Die Erde wird auch Staub bringen, und Schutt wird von oben vom Himmel herabkommen und schweres Unheil[3] bringen bis zu völliger Vernichtung durch[416] die Glut, sodass nichts mehr übrig bleiben wird, was zum Verderben gereichen kann (5 Mos. 28,24). Vielköpfige Familien werden aussterben, die Städte werden plötzlich leer von Bewohnern werden (3 Mos. 26,31) und als Denkmäler früheren Glückes und augenblicklichen Unglücks zur Warnung bleiben für solche, die Belehrung anzunehmen imstande sind. 134 (3.) So gross wird aber der Mangel an den notwendigen Lebensmitteln sein, dass sie diese ganz aufgeben und dazu übergehen werden, einander aufzuessen, und zwar nicht nur Fremde und Nichtangehörige, sondern auch die nächsten Verwandten und besten Freunde: greifen wird der Vater nach dem Fleisch des Sohnes, die Mutter nach den Eingeweiden der Tochter, Brüder nach den Brüdern und Kinder nach den Eltern (3 Mos. 26,29. 5 Mos. 28,53); immer werden die Schwächeren die grausige, verwünschte Nahrung der Stärkeren sein; „die Mahlzeiten des Thyestes“[4] sind ein Kinderspiel im Vergleich mit den entsetzlichen Zuständen, die jene Zeiten herbeiführen werden. 135 Denn abgesehen von allem anderen, — wie denen, die sich im Glücke befinden, das Leben begehrenswert ist, um das Gute geniessen zu können, ebenso wird auch, bei jenen Unglückseligen ein starkes Verlangen bestehen zu leben, um die masslosen, unaufhörlichen, nie zu beseitigenden Leiden auszukosten. Denn es macht weniger Schwierigkeit, in der Verzweiflung die Leiden durch den Tod abzukürzen, was auch die nicht ganz Verblendeten zu tun pflegen. Jene aber werden in ihrem Wahnsinn sich ein langes Leben wünschen und im Ertragen des höchsten Unglücks unersättlich sein. 136 Solche Verhältnisse pflegt die Not, die das leichteste Uebel zu sein scheint, dann zu schaffen, wenn sie als göttliche Strafe verhängt wird; denn lästig sind zwar Kälte, Durst und Nahrungsmangel, aber sie können zu Zeiten ganz erwünscht sein, wenn sie nur auf der Stelle zur Vernichtung führen; wenn sie aber lange anhalten und Seele und Körper langsam[417] hinschwinden lassen, so bringen sie schwereres Leid als die aus Uebertreibungssucht erdichteten tragischen Geschichten zu enthalten pflegen. 137 (4.) Knechtschaft ist für den freien Mann etwas ganz Unerträgliches; um ihr zu entgehen, würden die verständig [p. 431 M.] Denkenden gern sterben und setzen sie sich allen Gefahren und Kämpfen aus wider den, der sie mit seiner Herrschaft bedroht. Unerträglich ist aber auch ein unbezwinglicher Feind. Wenn nun gar einer beides zugleich ist, Herr und Feind, wie wäre es da zu ertragen, dass er nach seinen Befugnissen als Herr die Macht hat (dem Knecht) unrecht zu tun und in unversöhnlicher Feindschaft entschlossen ist ihn unnachsichtlich zu behandeln? 138 Darum droht Gott denen, die die heiligen Gesetze missachten, dass ihre Feinde ihnen unbarmherzige Herren sein werden, denen sie nicht nur bei ihrem feindseligen Angriff unterlegen sind, sondern sogar freiwillig sich ausgeliefert haben infolge der schlimmen Lage, in die sie Hunger und Mangel an den notwendigen Mitteln versetzt haben (5 Mos. 28,48); glauben doch manche das kleinere Uebel wählen zu müssen, wenn sie grösseres vermeiden können, — wenn hier überhaupt von Kleinem die Rede sein kann. 139 Als Knechte werden sie mit dem Körper die Ausführung harter Befehle übernehmen müssen, aber härter noch wird der schmerzliche Anblick sein, der ihre Seele bis zur Verzweiflung peinigen wird; denn sie werden es mitansehen, wie ihre Feinde die Erbbesitzer dessen geworden sind, was sie selbst gebaut oder gepflanzt oder erworben haben, und wie sie fremdes Gut wie für sie hergerichtetes geniessen (5 Mos. 28,30). Sie, die Beraubten, werden sehen, wie die Räuber von ihrem fetten Vieh schmausen, wie sie es schlachten und zu frohem Mahle zubereiten (ebd. V. 31); sie werden sehen, wie selbst ihre Frauen, die sie zur Erzeugung ehelicher Kinder heimgeführt haben, sittsame und ihre Männer liebende Hausfrauen, wie Buhldirnen misshandelt werden (ebd. V. 30). 140 Sie werden sich zwar zur Wehr setzen, aber bis auf einige unruhige Bewegungen werden sie nichts ausrichten können, weil sie ganz entkräftet und entnervt sind (ebd. V. 32); denn es werden denen, die wegführen, wegtragen, rauben, misshandeln, verwunden wollen, bestimmte Ziele[418] gesteckt sein für ihre Schädigungen, für ihre Misshandlungen und Zerstörungen, sodass kein Schlag wirkungslos sein wird, sondern alle unfehlbar ihr Ziel treffen werden. 141 Verflucht werden sie sein in Städten und Dörfern, verflucht in Häusern und auf Landgütern (5 Mos. 28,16); verflucht wird sein die Feldflur und der in ihr versenkte Same, verflucht das fruchtbare Erdreich des Berglandes und die edlen Bäume aller Art; verflucht die Viehherden, denn sie werden unfruchtbar gemacht werden zum Gebären; verflucht alle Früchte, denn sie werden zur höchsten Zeit der Blüte gänzlich vernichtet werden (ebd. V. 18). 142 Die mit Nahrungsmitteln und Schätzen gefüllten Speicher werden leer werden (ebd. V. 17). Kein Erwerbszweig wird Glück haben, alle Handwerke, die mannigfachen Beschäftigungen und die zahlreichen Lebensberufe werden für die, die ihnen nachgehen, völlig nutzlos sein: die Hoffnungen werden unerfüllt bleiben, die sie auf das setzen, was sie so eifrig erstreben und was sie [p. 432 M.] überhaupt in Angriff nehmen werden mit ihren schlimmen Vorsätzen oder Handlungen, deren Anfang und Ende ja der Abfall vom Dienste Gottes ist; denn alles dies ist der Lohn für Gottlosigkeit und Uebertretung der Gesetze. 143 (5.) Zu diesen Strafen kommen noch die körperlichen Leiden (3 Mos. 26,16. 5 Mos. 28,22. 27), die jedes Glied und jeden Teil besonders treffen und an ihm zehren und den Körper durch und durch zerrütten: Fieberhitze, Schüttelfrost, schwindsüchtige Auszehrung, wilde Krätze, Gelbsucht, Entzündung der Augen, eiternde Wunden und Geschwüre, die sich über die ganze Haut verbreiten, Erkrankungen der inneren Organe, Magenkrämpfe, Verschluss der Gänge in der Lunge, sodass die Atmung nicht gut vor sich gehen kann — Lähmung der Zunge, Taubwerden, Erblindung, Trübung und Störung der anderen Sinneswerkzeuge sind zwar an sich schlimm, erscheinen aber im Vergleich mit schwereren Leiden nicht so schlimm —[5], 144 indem nämlich das Blut in den Adern die in[419] ihm enthaltene Lebenskraft verliert und der in den Arterien vorhandene Atem die von aussen von der umgebenden Luft ihr zuströmende heilsame Mischung nicht mehr in gleicher Weise aufnimmt und die Nerven schlaff werden und nachlassen. 145 Die Folge davon ist eine Lähmung der harmonisch verbundenen Glieder, die vorher darunter zu leiden hatten, dass ein scharfer und sehr herber rheumatischer Schmerz in ihr Inneres eindrang und, da er in engen Gängen eingeschlossen war, die keinen bequemen Durchgang boten, gepresst wurde und wieder presste, sodass heftige und fast unerträgliche Schmerzen entstehen mussten; daraus gehen dann wieder die schmerzhaften Gicht- und Gelenkkrankheiten hervor, gegen welche noch kein Heilmittel erfunden ist, die vielmehr nach menschlichem Verstand unheilbar sind. 146 Beim Anblick solcher Leiden werden manche erstaunt fragen, wie Menschen, die noch vor kurzem kräftig, wohlbeleibt und nach ihrer ganzen Haltung blühend aussahen, so plötzlich abmagern konnten, dass sie nur noch aus Sehnen und dünner Haut bestehen, und wie üppige und durch luxuriöse Lebensweise von frühestem Alter an gut genährte Frauen infolge arger Leiden seelisch und körperlich so verrohen konnten. 147 Da nun werden Feinde sie verfolgen, und das Schwert wird die rächende Strafe an ihnen vollziehen, sie aber werden, wenn sie in die Städte flüchten und dort in Sicherheit zu sein glauben, in ihrer Hoffnung gründlich getäuscht Mann für Mann umkommen, weil sie in den Hinterhalt der Feinde fallen werden (3 Mos. 26,25). 148 (6.) Wenn sie aber auch durch diese Strafen nicht gebessert werden, wenn sie weiter Irrwege einschlagen (ebd. V. 23) und die zur Wahrheit führenden geraden Wege verlassen, dann wird feige Furcht sich ihrer Seelen bemächtigen, und sie werden fliehen, ohne dass einer sie verfolgt; auf falsche Gerüchte hin, wie sie verbreitet zu werden pflegen, werden sie auf der Flucht hinstürzen, das ganz leichte Rauschen [p. 433 M.] eines von der Luft bewegten Blattes wird ihnen ebenso grosse Angst und Furcht einjagen, wie der schwerste Krieg mächtiger Feinde (ebd. V. 36)[6]; da werden auch Kinder um die Eltern,[420] Eltern um die Kinder und Brüder um die Brüder sich nicht kümmern (ebd. V. 37)[7], weil sie von gegenseitiger Hilfe nur ihre Niederlage erwarten und ein jeder sein Heil nur in schleuniger Flucht voreinander sucht. 149 Die Hoffnungen schlechter Menschen gehen aber nicht in Erfüllung: die entronnen zu sein glauben, werden eher noch oder nicht minder als die vorher Gefangenen überwältigt werden. Und wenn manche doch (den Feinden) entgehen, so werden sie in den Hinterhalt ihrer natürlichen Feinde fallen: dies sind die an und für sich gut gerüsteten ganz wilden Tiere (ebd. V. 22), die Gott bei der ersten Schöpfung des Alls geschaffen hat zum Schrecken für die Menschen, die sich warnen lassen, und zu unvermeidlicher Strafe für unverbesserliche Sünder. 150 Die Menschen werden beim Anblick der von Grund aus zerstörten Städte es nicht glauben wollen, dass sie jemals bestanden haben (ebd. V. 31.32). Sprichwörtlich gebrauchen wird man die nach glänzender Glückslage plötzlich eingetretenen Unglücksschläge (5 Mos. 28,37), sowohl die (in der heiligen Schrift) verzeichneten als die nicht verzeichneten (ebd. V. 61)[8]. 151 Bis in die Eingeweide wird die Auszehrung eindringen und Missmut, Angst und schweren Druck hervorrufen. Unsicher wird das Leben sein und wie an einer Schlinge hängend, das die rasch aufeinander folgenden Schrecken bereiten werden, die bei Tag und Nacht die Seele hin- und herschütteln, sodass sie in der Frühe den Abend und am Abend den Morgen herbeiwünscht wegen der sichtbaren Leiden im Wachen und der entsetzlichen Traumvorstellungen im Schlafe (ebd. V. 66.67). 152 Der Proselyt wird vom Glück hoch emporgehoben werden und in hohem Ansehen stehen, bewundert und selig gepriesen wegen zweier Vorzüge, weil er zu Gott übergetreten ist und als passenden Lohn empfangen hat den sicheren Platz im Himmel, von dem man nicht sprechen darf, der Adlige[9] dagegen, der seinen Adelscharakter verfälscht hat, wird in die tiefste Tiefe, in die Unterwelt und in die[421] Finsternis hinabgestürzt werden (ebd. V. 43)[10], damit alle Menschen beim Anblick solcher Beispiele auf den rechten Weg gewiesen werden und daraus die Lehre ziehen, dass Gott die Tugend willkommen heisst, auch wenn sie aus niederer Abkunft hervorgeht, dass er sich um die Wurzeln nicht kümmert, das kräftig gewachsene Reis aber aufnimmt, weil es sich in ein edles verwandelt hat und schöne Früchte zeitigt. 153 (7.) Wenn so die Städte wie vom Feuer verzehrt sein werden und das Land entvölkert, dann wird endlich einmal das Land aufzuatmen und sich zu erholen beginnen von der anhaltenden Bearbeitung und Misshandlung durch die [p. 434 M.] unerträgliche Gewalt der Bewohner, welche die jungfräulichen Sabbatjahre aus dem Lande und aus ihrem Herzen verbannt haben (3 Mos. 26,33—35). Denn die einzigen oder, um es vorsichtiger auszudrücken, ersten Feste, auf die uns die Natur selbst hinweist, sind jeder siebente Tag und jedes siebente Jahr: der siebente Tag dient zur Ruhe den Menschen, das siebente Jahr zur Erholung für den Boden. 154 Jene haben nun dieses Gesetz ganz ausser Uebung gesetzt und damit das Gastrecht[11], die Verträge, den Altar des Erbarmens[12] und den gemeinsamen Herd verletzt[13], lauter Dinge, die Freundschaft und Eintracht sichern — denn alles geschieht mit Hilfe des Sabbats und ist Sabbatfeier — ; und so haben die Stärkeren schwächere Menschen geplagt durch fortwährende und unaufhörliche Befehle (zu arbeiten) und auch die Ackerfluren geplagt, weil sie in ihrer Habsucht immer ungerechtem Gewinn nachjagen und ihren Begierden in zügelloser und frevelhafter Weise freien Lauf lassen bis zur Unersättlichkeit. 155 Anstatt nämlich den Menschen oder, ganz richtig ausgedrückt, den Brüdern, die ja[422] alle von einer Mutter, der gemeinsamen Natur, abstammen, die vom Gesetz vorgeschriebene Ruhe nach sechs Tagen zu gewähren, anstatt auch der Erde die Buhe im Sabbatjahre zu gewähren und sie nicht mit Säen und Pflanzen zu beschweren, damit sie nicht infolge der ununterbrochenen Arbeitsleistung schliesslich ganz versage, 156 — haben sie unter Missachtung dieser vortrefflichen Anordnungen, die zur Milde ermahnen, Körper und Geist aller, die sie nur fassen konnten, durch aufreibende Zwangsarbeiten unterdrückt, haben sie die Kraft des fetten Erdreichs geschwächt durch übermässige Abgaben, aus denen sie in unersättlicher Weise Gewinn zogen, und durch Tribute, mit denen sie nicht nur alljährlich sondern täglich das Land völlig aussogen. 157 Dafür werden sie die erwähnten Flüche und Strafen voll zu tragen haben, während das entkräftete und durch zahllose Misshandlungen geschwächte Land von der Last der gottlosen Bewohner befreit sich erholen wird; und wenn es rings im Kreise sich umsehend keinen von denen erblicken wird, die seinen Stolz und sein Ansehen vernichteten, wenn es die Märkte frei von Lärm, Zwist und Frevel sehen wird und in vollster Ruhe, Friedlichkeit und Gerechtigkeit, dann wird es sich verjüngen und frisch aufblühen und die Festzeiten der heiligen Sabbate in Ruhe feiern (3 Mos. 26,43) und sich erholen und neue Kräfte sammeln wie ein Ringkämpfer nach hitzigem Kampfe. 158 Dann wird es wie eine zärtlich liebende Mutter die Söhne und Töchter beklagen, die es verloren und die im Sterben und noch mehr im Leben ein Schmerz für die Eltern waren; und wieder verjüngt wird es von neuem fruchtbar werden und ein sündloses Geschlecht erzeugen als Ersatz für das frühere; denn, wie der Prophet verheisst, „die Vereinsamte wird mit Kindern reich gesegnet [p. 435 M.] sein“[14], ein Spruch, der sich auch allegorisch auf die Seele deuten lässt. 159 Wenn nämlich die Seele voll ist, d. h. erfüllt von Leidenschaften und Lastern, die wie Kinder sie umgeben, von Lüsten, Begierden, Unverstand, Zuchtlosigkeit, Ungerechtigkeit, dann ist sie schwach und krank und infolge ihrer Leiden[423] dem Tode nahe, wenn sie aber unfruchtbar geblieben ist und diese (Laster) nicht erzeugt hat oder wenn sie sie alle verloren hat, wird sie durch eine Wandlung zur reinen Jungfrau; 160 sie empfängt dann den göttlichen Samen und bildet und setzt ins Leben ausgezeichnete Wesen, bewunderungswürdige Schönheiten, Einsicht, Tapferkeit, Mässigkeit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Gottesfurcht und die übrigen Tugenden und schönen Gefühle, bei denen nicht nur die gesegnete Geburt ein hohes Gut ist, sondern auch schon die Erwartung dieser Geburt, die durch die gebotene Hoffnung im voraus den Geist[15] erfreut. 161 Die Hoffnung ist ja Freude vor der Freude, und wenn sie auch nicht so vollständig ist wie die vollkommene, so übertrifft sie doch die kommende Freude in doppelter Hinsicht, weil sie das Elend der Sorgen löst und lindert und weil sie im voraus die frohe Botschaft vom künftigen vollen Glück verkündet. 162 (8.) Ich habe nun, ohne irgend etwas zu verschweigen, die Flüche und Strafen dargelegt, die von denen erduldet werden sollen, welche die heiligen Gesetze der Gerechtigkeit und Frömmigkeit missachten und von den götzendienerischen Anschauungen sich haben verführen lassen, deren Ziel die Gottlosigkeit ist, indem sie die von ihren Vätern ererbte Lehre vergassen, in der sie von frühester Jugend an unterrichtet wurden, an das einzige Wesen als den höchsten Gott zu glauben, dem allein anhängen muss, wer ungeschminkter Wahrheit und nicht erdichteten Fabeleien nachjagt. 163 Wenn sie jedoch die angedrohten Strafen[16] nicht so auffassen werden, dass sie ihnen zum Verderben gereichen, sondern dass sie ihnen zur Warnung dienen sollen, und wenn sie aus Scheu vor ihnen mit ganzer Seele sich bekehren, wenn sie sich Vorwürfe machen wegen ihres Irrweges und ihre Sünden laut bekennen werden, zuerst bei sich selbst mit reinem Sinn vor ihrem wahrhaftigen und aufrichtigen Gewissen, aber auch mit dem Munde zum Zwecke der Besserung der sie Anhörenden,[424] dann werden sie Vergebung erlangen bei dem hilfreichen und gnädigen Gotte (5 Mos. 30,1-3), der dem Menschengeschlecht ein ganz besonderes und bedeutsames Gnadengeschenk gewährt hat, die Verwandtschaft mit der göttlichen Vernunft, nach deren Ebenbild der menschliche Geist geschaffen ist. 164 Und selbst wenn sie an den äussersten Enden der Erde als Knechte dienen werden bei den Feinden, die sie kriegsgefangen weggeführt, sollen sie wie auf eine Verabredung alle an einem Tage frei werden (ebd. V. 4), weil ihre völlige Bekehrung zur Tugend ihren Herren Schrecken einjagen wird: sie werden sie freilassen, weil sie sich scheuen über Bessere zu herrschen. 165 (9.) Wenn sie aber die so unerwartete Freiheit erlangt haben, werden die vorher in Hellas und im Barbarenlande, au57 f den Inseln und auf den Festländern Zerstreuten mit einem Male sich erheben und von [p. 436 M.] allen Seiten nach einem ihnen angewiesenen Orte hineilen, geleitet von einer göttlichen, übermenschlichen Erscheinung, die für andere unsichtbar und nur für die Wiedergeretteten sichtbar ist, und unterstützt von drei Helfern[17], um die Versöhnung mit dem himmlischen Vater zu erlangen: 166 der eine ist die Milde und Güte des Angerufenen, der stets die Vergebung der Strafe vorzieht; der zweite ist die Frömmigkeit der Erzväter des Volkes, die mit ihren vom Körper losgelösten Seelen die reine und lautere Verehrung dem Herrn darbringen und die Gebete für ihre Söhne und Töchter an ihn zu richten pflegen, die nicht unerfüllt bleiben, da der Vater ihnen zur Belohnung die Erhörung ihrer Gebete gewährt hat[18]; 167 die dritte Hilfe leistet ihnen das, weshalb ihnen hauptsächlich das Wohlwollen der beiden ersten Helfer vorausgeht, das ist die Besserung der zum Frieden und zur Versöhnung (mit Gott) Zurückgeführten, die nur mit Mühe von dem Abweg[425] auf jenen Weg gelangen konnten, dessen Ziel kein anderes ist als Gott wohlgefällig zu sein wie ein Sohn dem Vater. 168 Nach ihrer Rückkehr aber werden die Städte, die eben noch in Trümmer lagen, wieder aufgebaut werden, die Wüste wird bevölkert werden und die unfruchtbar gewordene Erde wird zur früheren Fruchtbarkeit zurückkehren; die glücklichen Verhältnisse der Väter und Vorfahren werden geringfügig erscheinen im Vergleich zu dem gegenwärtigen Ueberfluss, der sich, wie aus unversiegbaren Quellen, durch die Gnade Gottes ergiessen und jedem einzelnen wie allen insgesamt reichen Segen bringen wird, an den kein Neid herantritt (5 Mos. 30,5). 169 Ein Umschwung in allen Dingen wird plötzlich eintreten; denn Gott wird die Flüche gegen die Feinde der Reumütigen kehren (ebd. V. 7), die sich ob der unglücklichen Schicksale unseres Volkes gefreut und es geschmäht und verspottet haben, als ob sie selbst das Glückslos für immer sicher hätten, das sie ihren Kindern und Enkeln als Erbe zu hinterlassen hofften, und als ob sie die Gegner nur immer in beständigem und unwandelbarem Unglück sehen würden, das auch für die späteren Geschlechter aufbewahrt sei: 170 in ihrer Verblendung merkten sie nicht, dass sie auch den früheren Glanz nicht durch eigenes Verdienst genossen hatten, sondern als Züchtigungsmittel für andere, für die darum, weil sie das väterliche Gesetz brachen, ein heilsames Mittel gefunden wurde in der Trauer und in dem Schmerz über das Glück der Feinde. Nachdem sie also ihren Abfall beweint und beklagt haben, werden sie in die frühere, von den Vorfahren ererbte glückliche Lage zurückgelangen, sofern sie nicht ganz und gar ins Verderben geraten sind. 171 Die Feinde aber, die ihre Klagen verspottet und ihre Unglückstage als Volksfeste zu feiern beschlossen hatten, die ihre Trauer zum Anlass von [p. 437 M.] Schmausereien nahmen und überhaupt glücklich waren über das Unglück anderer, sie werden, wenn sie erst den Lohn für ihre Grausamkeit empfangen, dann schon erkennen, dass sie sich nicht gegen ein unansehnliches und verachtetes Volk vergangen haben, sondern gegen ein adliges, in welchem die glimmenden Funken des Adels noch vorhanden sind, nach deren Wiederanfachung der früher verlöschte Ruhm wieder hervorleuchtet. 172 Denn[426] sowie nach Beschneidung der Stämme, wenn nur nicht die Wurzeln ausgerissen werden, neue Schösslinge spriessen, durch die die alten Stämme in den Schatten gestellt werden, ebenso erwachsen auch in der Seele, wenn nur ein kleiner Samenkern zurückbleibt zur Erlangung der Tugend, während die anderen verschwinden, nichtsdestoweniger aus jenem kleinen Kern die schönsten und wertvollsten Eigenschaften unter den Menschen, durch die dann wieder Staaten mit wackeren Männern gegründet werden und Völker zu stattlicher Bürgerzahl anwachsen.
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