Ueber das Klima von Peking
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II. Ueber das Klima von Peking;
von Dr. Wilh. Mahlmann.
Die erwähnten Beobachtungen zu Peking wurden von dem Jesuiten P. Amiot mit wenigen Unterbrechungen vom 1. Januar 1757 bis 31. December 1762 fortgesetzt[1]. Sie wurden glücklicher Weise, von Messier [214] zum Druck geordnet, im J. 1774 zu Paris (Mém. de Math. et de Phys., présentés à l’Acad. des Sciences par divers Savans, T. VI p. 519 bis 601) vollständig publicirt, und Messier fügte ihnen Tafeln über die monatlichen Media und Extreme des Barometerstandes in jedem Jahre, über die monatlichen Extreme der Wärme und den vorherrschenden Wind bei. Später erschienen vom P. Cotte Berechnungen desselben Journals, wobei er aber nur die Durchschnittswerthe für die sechs Jahre zusammen, namentlich die monatlichen Mittel der Temperatur ergänzt (s. dessen Traité de Météorologie, Paris 1774, App. p. 609, und Mém. sur la Météor., Paris 1788, T. II p. 494 bis 498). — Da alle neuerlich die Temperaturverhältnisse der Ostküsten der alten Welt berührenden Schriften die von dem unermüdlichen Sammler Cotte berechneten Zahlen ihren Resultaten bei der Vergleichung der Ost- und Westküsten zu Grunde legten, so glaubte ich, mit Fug und Recht bei meinen Untersuchungen über die mittlere Vertheilung auf der Erdoberfläche (Dove’s Repertorium der Physik, IV) dasselbe thun zu dürfen, wiewohl mir ein Paar Monate etwas anomal erschienen. Ich hatte mir indessen eine nähere Prüfung vorbehalten, sobald die neuen russischen Missionsbeobachtungen, welche sich an das große Stationennetz im russischen Reiche anschließen, in’s Werk gesetzt worden, um zugleich einen sicherern Maaßstab für die ältere Reihe in Betreff des Instruments und seiner Lage zu erhalten. Die Ergebnisse dieser russischen Observationen sind nun kürzlich (für das Jahr 1841) erschienen, und ich habe seitdem das Amiot’sche Journal nochmals berechnet. Daraus ergab sich, daß Cotte’s Media der Wärme nur zum kleinsten Theil richtig [215] sind, und daß sogar in einem Monate (Juni) der Fehler bis über 2° C. steigt. Es dürfte daher wohl auch jetzt noch angemessen erscheinen, die vollständigen Ergebnisse meiner Rechnungen hier zusammenzustellen. — Ferner wurden im gegenwärtigen Jahrhundert zwei Mal Beobachtungen angestellt: 1) vom Decemb. 1830 bis Juni 1831 (leider nach altem Styl berechnet), vom Hrn. G. v. Fuß (Mém. de l’Acad. de St. Petersb., 6. Série, Scienc. math. et phys., T. I (St. Pet. 1838) p. 112 bis 117), bei Gelegenheit der alle 10 bis 11 Jahre wiederkehrenden Missionen und im Dienste der Kais. Academie der Wissenschaften; und 2) vom 1. Januar bis 31. December 1841 (neuen Styls) von Hrn. Gaschkewitsch, einem Mitgliede der neuen kirchlichen Mission, welche mit verglichenen meteorol. und magnet. Instrumenten ausgerüstet war; jedoch observirte er nicht wie an den in den Annuaires meteor, etc. früher publicirten Stationen von 8h, sondern von 5h Morgens zweistündlich bis 9h Abends. Wir benutzen hier einige von den Resultaten dieses Jahrganges, welche Hr. Kupffer im neuen Bulletin physico-math. de l’Acad. de St. Petersb. (1843), T. I p. 174 bis 178, für das Thermometer, Barometer und den Druck der Dämpfe so eben veröffentlicht bat. Wir wenden uns nun zu einer näheren Betrachtung der Beobachtungen im vorigen Jahrhundert. Amiot stellte seine Beobachtungen am Thermometer wie am Barometer täglich zwei Mal an, nämlich: 1) Morgens zu einer nicht angegebenen Stunde. Wenn auch Messier nicht sagte, daß er Grund habe anzunehmen, Amiot hätte, wie P. Gaubil vor ihm, um Sonnenaufgang observirt, so wird dieß doch schon deshalb wahrscheinlich, weil die zweite Beobachtung stets zu einer und derselben Stunde angestellt worden, und die folgenden Tafeln über die mittlere Größse der täglichen Variation beben jeden Zweifel darüber bei Vergleichung mit den correspondirenden Stunden der neueren Beobachtungen[2]; [216] — 2) Abends um 3h, was ebenfalls genau die vom P. Gaubil gewählte Stunde ist. Diese Wahl der Beobachtungszeiten, bei der man wohl auf die Vermuthung kommen kann, daß sie aus einer Bekanntschaft mit den Zeiten der täglichen Extreme hervorgegangen, dürfen wir eine sehr glückliebe nennen, da diese Stände des Thermometers nahe wahre Media liefern und die daraus entspringenden Fehler nicht so groß sind, als daß man nicht, nach der damaligen Beschaffenheit der Thermometer, eine Reduction auf wahre Media für überflüssig halten möchte. Die Lage des Instruments war im Schatten gegen Norden, wie aus zerstreuten Bemerkungen in der letzten Rubrik des Journals bestimmt hervorgebt, und auch hierin stimmt P. Amiot mit seinem Vorgänger (1743) überein. Der von uns früher (Repert. d. Phys., IV, S. 96) erhobene Zweifel wegen directen Einflusses der Sonne, namentlich in der wärmeren Jahreszeit, erscheint hiernach nicht gerechtfertigt. Am Schwierigsten aber ist die Entscheidung über die Skale des Instruments selbst. Vergeblich haben wir in allen Schriften, welche vielleicht Aufschluß darüber geben konnten, nachgesucht. De Luc, van Swinden, Cotte u. A. führen nichts Näheres an. Cotte sagt zwar im II. Bande seiner Mémoires sur la Métérolog., daß er die Beobachtungen v. Réaumur’s (zu Paris u. s. w.) und seiner Correspondenten auf die 80theilige Skale des Quecksilberthermometers (»retabli dans son intégrité par M. de Luc«) des berühmten Academikers reducirt habe; aber seine Berechnung der Pekinger Beobachtungen thut dar, daß er hierin keine Aenderung vorgenommen, und dieß giebt der Vermuthung Raum, daß dieselben nicht mit dem fehlerhaften Réaum. Weingeist-, sondern mit einem Quecksilber-Thermometer angestellt worden, wovon Cotte vielleicht genauere Kenntniß [217] besitzen konnte. In Messier’s Bericht an die Academie wird gesagt: »Le P. Amiot écrit, que le thermomètre était gradué suivont le thermomètre è liqueur de Mr. de Réaumur, cest-à-dire que du terme de la congélation (!) à celui de l’eau bouillante, il y à 80 degrés ou divisions.« Hieraus geht also keineswegs mit Sicherheit hervor, ob Amiot’s Thermometer selbst mit Weingeist gefüllt gewesen. Für die Annahme eines Quecksilberthermometers könnte sprechen: 1) daß die Anwendung des Quecksilbers weit älter ist, als die Pekinger Beobachtungen, denn Fahrenheit (um 1720), Richter (1729), de l’Isle (1732), Maupertuis (1736), Celsius (1742), Christin zu Lyon (1743), Nollet (ein Schüler Réaumur’s), Brisson, d’Arquier u. A. hatten sich schon der Quecksilberthermometer bedient; — 2) daß Réaumur schon im J. 1739 zahlreiche Versuche (später auch Michely du Crest) über die ungleiche Ausdehnung von Weingeist und Quecksilber angestellt hatte; — 3) daß, wie Cotte bemerkt (Traité, p. 117), Reaumur’s Weingeistthermometer schwer zu transportiren waren, weshalb man sich für ferne Gegenden öfter des Quecksilbers bediente; — 4) daß de Luc’s genauere Untersuchungen über die Vergleichung von Weingeist- und Quecksilberthermometern, welche in die J. 1762 bis 1772 fallen (die erste Ausgabe seiner Recherches, erschien 1772 zu Genf), doch wohl Messier, der selbst vom Jahr 1762 an zu Paris observirte, bekannt seyn mußten, als er in dem 1774 erschienenen VI. Bande der Mémoires des Savans étrangers Amiot’s Beobachtungsjournal publicirte, und daß Messier nichts desto weniger keinen Zweifel über die Genauigkeit des Instruments erhebt, sondern im Gegentheil diesen Observationen ein besonderes Vertrauen schenkt (l. c. p. 531). Dieß sind die Gründe, welche es für möglich halten lassen, dass Amiot’s Instrument mit Quecksilber construirt war (s. u.). Die Ablesungen des Thermometers gehen meist nur [218] bis auf ganze Grade; doch kommen häufig auch halbe; Viertel- und zuweilen Drittel-Grade im Journal vor; es dürften also die Grade der Skale eben wohl nicht groß gewesen seyn. Uebrigens erstrecken sich Amiot’s Beobachtungen auch auf Wind, Himmeleansichs, Regentage, Schneemenge u. dergl., über deren Resultate wir hier am Schluß eine kurze Andeutung geben werden. Wir lassen nun die Ergebnisse unserer Berechnungen für die Temperatur in fünf Tafeln folgen, worin die beiden Beobachtungsreihen im gegenwärtigen Jahrhundert zur besseren Uebersicht mit aufgenommen worden sind. [Siehe die beifolgenden Tafeln I, II, III, IV und V.] Zum näheren Verständniß dieser Tafeln sind nur wenige Bemerkungen erforderlich: No. I. Für das J. 1841 ist das Mittel das der absoluten täglichen Minima, am Registerthermometer gemessen, weil dieß die der Temperatur bei Sonnenaufgang zunächst kommende Luftwärme angiebt; die Nachmittagsstunde, welche nicht weit vom Maximum absteht, ist in beiden Reihen dieselbe. Fuß’ Beobachtungsstunden fallen nicht auf diese Zeiten; indeß ist auch auf diese in No. II Rücksicht genommen, indem aus den Beobachtungen vom J. 1841 ungefähr die Größe der monatlichen mittleren Minima und Maxima abgeleitet, und daraus der mittlere tägliche Spielraum des Thermometers, welcher sich wegen der Stunden nicht beträchtlich vom wahren entfernen kann, berechnet ist. Da Fuß’ Beobachtungen nach altem Styl abgetheilt sind, so können die Größen nur zu einer angenäherten Vergleichung dienen, was auch für die anderen Tafeln, in die sie eingeschaltet sind, gilt. No. III enthält die Media aus den in No. I getrennt aufgeführten Stunden. Aus Fuß’ 4täglichen Beobachtungen [219] an einen Thermometer mit corrigirter Skale sind wahre Mittel abgeleitet. No. IV und V endlich enthalten resp. die monatlichen Extreme und die sich daraus ergebende Größe der vorkommenden monatlichen Variation der Wärme. Wegen der Beobachtungsstunden sind die Zahlen nahebei als absolute Werthe zu betrachten. Unter der Voraussetzung, daß die Amiot’schen Observationen an einem Weingeistthermometer angestellt worden, erleiden diese seinem Journal entnommenen Größen und monatlichen Differenzen in den einzelnen Jahren noch eine Aenderung, welche indeß leicht aus v. Swinden’s Tafeln für die Reduction Réaumur’scher Weingeistthermometer auf Quecksilbergrade vorgenommen werden kann, und wegen Raumersparniß hier nicht mit aufgeführt ist. Die Uebereinstimmung zwischen den älteren und neueren Observationen zu Peking, welche ich im Folgenden bei der Vergleichung der Resultate darlegen werde, erscheint in den meisten Zahlen schon befriedigend, wenn man annimmt, daß der P. Amiot sich eines Quecksilberthermometers bedient habe; aber die Ungewißheit darüber veranlaßte mich doch, die monatlichen Mittel der beiden Beobachtungsstunden und die Extreme wenigstens nach der schönen Tafel van Swinden’s zur Vergleichung der verschiedenen Skalen im vorigen Jahrhundert (in Dissert. sur la comparaison des thermomètres, Amsterdam 1778) unter der Voraussetzung zu corrigiren, daß ein Reaumur’sches Weingeistthermometer im Gebrauch gewesen. Die daraus für die Media hervorgehenden Werthe sind zwar nur annähernde; aber eine besondere Rechnung gab uns die Ueberzeugung, daß diese Correctionsmethode genüge. Die so erhaltenen Zahlen sind in den Taf. II, III und V in die letzte Rubrik (»5—6 J., 1757—1762, corrigirt«) gestellt, und da dieselben sich im Allgemeinen den neueren Beobachtungen [220] noch besser anschließen, als die uncorrigirten, so glaube ich, trotz der oben vorgebrachten Gründe, daß das Instrument ein mit Weingeist gefülltes gewesen! Wir haben diesem bisher nicht beachteten Punkte über die Beschaffenheit des Instruments eine specielle Aufmerksamkeit geschenkt, und Alles, was sich uns zur Entscheidung darbot, erörtert, weil er für die Brauchbarkeit jener älteren Observationen offenbar eine Lebensfrage darstellt. Jedenfalls hat der Schluß aus der Vergleichung mit den neueren eim größeres Gewicht für sich, als die oben (S. 217) erwähnten Argumente. Die Resultate der älteren Temperaturbeobachtungen in Vergleich zu den neueren sind kurz folgende: Das mittlere (corr.) Minimum fällt in den meisten Monaten des Jahres 1841 geringer aus, als im Durchschnitt der sechs Jahre 1757 bis 1762 (Taf. I), was schon durch Beobachtung der absoluten täglichen Minima im J. 1841 erklärlich erscheinen dürfte; jedoch liegt in den einzelnen Jahren der älteren Reihe das mittlere Minimum bald höher, bald tiefer. Die Beobachtung um 3h Nachm. stellt sich im J. 1841 fast in allen Monaten, außer Februar und November, und besonders im März, Juni und August beträchtlich niedriger heraus; nur im April und October stimmen beide Mittel bis auf kleine Bruchtheile eines Grades unter einander überein. Auch bei dieser Stande schwankt das Mittel der einzelnen Jahre der Amiot’schen Beobachtungen bald über, bald unter das des J. 1841. — Es scheint ferner keinem Zweifel unterworfen, daß das Jahr 1841 in Nord-China ein kaltes gewesen seyn muß (s. Taf. III), und diess dürfte die vorher aus Taf. I abgeleiteten Ergebnisse genügend erklären; denn mit Rücksicht auf die Eintheilung des J. 183 Auch die monatlichen Mittel des täglichen und monatlichen Spielraums des Thermometers treffen mit den obigen Ergebnissen zusammen (Taf. II und V), und wenn einzelne Monate, wie der März (Taf. II) und die kälteren Monate des J. 1841 (Taf. V) überhaupt beträchtliche Abweichungen zeigen, so bedarf es zur Erklärung nur einer Vergleichung mit der Größe der mittleren täglichen [222] Oscillation an anderen Orten, welche das etwas überraschende Resultat giebt, daß diese Größe in einerlei Monaten verschiedener Jahre weit bedeutender varürt, als man a priori anzunehmen geneigt seyn möchte. Eine umfassende und mühsame Untersuchung, welche ich über diese Veränderlichkeit, die offenbar eine Folge der verschiedenen Himmelsansicht und aller auf die nicht-periodische Temperaturvertheilung auf der Erdoberfläche einwirkenden Elemente ist, vor längerer Zeit angestellt, aber nicht speciell veröffentlicht habe, um die Methode, aus der Größe der täglichen Oscillation wahre Media abzuleiten (s. Dove’s Repert. der Physik, IV), einer sorgfältigeren Prüfung zu unterwerfen, liefert den entschiedensten Beweis für jenen Satz, und spricht somit zu Gunsten der Brauchbarkeit der älteren Beobachtungen. Combinirt man nun die älteren (corrig.) Mittel mit den neuesten Beobachtungen behufs einer vorläufigen Annäherung, so erhält man im 6- bis 7jährigen Durchschnitt nach der hunderttheiligen Skale für
Es liegt nahe, zwischen den Ostküsten der beiden großen Continentalmassen, welche manche beträchtliche Abweichungen in klimatischer Beziehung zeigen, eine Vergleichung anzustellen. Die Jahres-Isotherme von 11° C., welche durch die Südspitze der Krym, an Wien und London vorüberläuft, schneidet an beiden Ostküsten nahe denselben Parallelkreis; aber die geringere Ausdehnung des Festlandes im Vergleich mit der umgebenden Fläche der Oceane und seine Configuration verleiht Nord-Amerika’s Ostküste einen (4° C.) wärmeren Winter, einen kühleren Frühling, einen (2 Höchst interessant ist ferner auch eine Vergleichung [225] mit einem Orte im westlichen Asien, der nahe gleichen Abstand vom Centrum der asiatischen Continentalfläche besitzt (nach Hrn. v. Humboldt: 85° östl. L. Par. und 44 Die Extreme der Temperatur zu Peking, welche merkwürdiger Weise in den älteren und neueren Beobachtungen bis auf
so folgt daraus, daß jene »außerordentliche« Hitze 1743 kaum 1° R. höher ist, als in den Beobachtungen von Amiot und v. Fuß, daß also weniger ein absolutes Maximum als die lange Dauer der Hitze zu jenen Erscheinungen Veranlassung gegeben haben wird. Somit scheinen aus den bisherigen Beobachtungen für Peking als Gränzen des Thermometerstandes —18°,1 (16° tiefer als in Süd Italien, 9 Die vollständige Mittheilung der Temperatur-Media schien uns unerläßlich, weil im Westen der alten Welt gleichzeitige Beobachtungen an einigen Orten existiren; und da die Vergleichbarkeit der einzelnen Jahre unter sich keinem Zweifel unterliegt, so liefern sie ein vortreffliches Mittel, die Untersuchungen über die nicht periodischen Temperaturänderungen (s. Dove in den Abhandl. der Academie der Wissensch. 1841, 1842) nicht bloß auf eine frühere Zeit auszudehnen, sondern, was sehr wichtig ist, zum ersten Male West- und Ostküste der alten Welt in dieser Beziehung zu vergleichen. Schon ein flüchtiger Blick auf die einzelnen Jahre läßt eine große Veränderlichkeit in so niederen Breiten erkennen, und man findet bald, daß, in Uebereinstimmung mit dem von [227] Dove gewonnenen Resultate für andere Gegenden, welche weit entfernt von Asiens Ostküste liegen, die geringste Veränderlichkeit zu Peking ebenfalls in ein Frühlings- und ein Herbstmonat fällt. — Auch ergiebt sich selbst schon, bei Vergleichung von Beobachtungen derselben Periode, ein wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen temporärer Herabdrückung der Wärme an den Ostküsten der beiden großen Continente! Denn die ungewöhnliche Kälte, welche im Februar 1836 im östlichen und inneren Nord-Amerika eintrat und sich über das südliche Europa erstreckte, während St. Petersburg sich, besonders im Gegensatz zu Island, einer auffallend hohen Wärme erfreute, steht ohne Zweifel in Verbindung mit einem Phänomene, was in 50 Jahren zu Canton kaum einmal beobachtet worden, nämlich mit einem Schneefall am 8. Februar 1836. Da kürzlich in diesen Annalen (Bd. LVIII S. 177) der Gang des Barometers für Tschusan nach englischen Beobachtungen während der Besetzung dieser Insel (Chin. Repos., 1841, New York Univ. Ann. Reports) mitgetheilt worden, so dürfte es angemessen seyn, bei Betrachtung der klimatischen und besonders der Temperatur-Verhältnisse von Peking auch hier die Ergebnisse für die Wärme an der Küste des mittleren Chinas, oder eines Verbindungsortes zwischen dem Norden und Süden dieses Landes zu erwähnen. Aus sechs täglichen Beobachtungen mit 3-stündlichen Intervallen finde ich nämlich für die Insel Tschusan (dicht am Meeresspiegel):
[228] Diese Beobachtungen deuten ebenfalls darauf hin, daß die ersten Monate des Jahres 1841 an der Ostküste Chinas ungewöhnlich kalt gewesen sind (s. oben). Was die Beobachtungen des Luftdrucks betrifft, so sagt Amiot zwar, daß »sein Barometer mit Sorgfalt construirt worden sey«; aber bekanntlich dachte man in damaliger Zeit noch nicht einmal an eine Berücksichtigung der Temperatur des Quecksilbers. Wir stellen deshalb nur die 6-jährigen Mittel (nach Messier) mit den neueren zusammen (Fuß’ Observ. wieder nach altem Styl):
Die Beobachtungen vom J. 1811, welche in dem Originalmaaßstabe der Skale mitgetheilt sind, weil dieß zur Vergleichung des Ganges in der jährlichen Periode genügt, sind nach der Formel: ![]() berechnet (die römischen Zahlen bezeichnen die Beobachtungsstunden). Das Jahresmedium daraus (28'' 0''',38 Pariser M. bei 0° C.) ist beträchtlich höher, als das der Amiot’schen Reihe, was wohl mit der Unvollkommenheit [229] des alten Instruments zusammenhängt; denn die Beobachtungen von Fuß, auf das Jahresmedium (aus 1841) reducirt, liefern gleichfalls 28'' 0''',0 Par. bei 0° C.; ein geringer Unterschied des Mittels, wenn man erwägt, daß derselbe im südlichen Europa selbst 1 bis 1 Für die täglichen Veränderungen erhalten wir im jährlichen Durchschnitte aus Gaschkewitsch’s Beobachtungen folgende Werthe (engl. Lin.), wobei wir die gleichzeitigen Temperaturmedia daneben setzen:
[230] Zu Peking verschwindet also, wie zu St. Petersburg und Bogoslowsk (s. d. Ann. Bd. LVIII S. 192), das Morgenmaximum für die ganze Atmosphäre nicht, wie an andern Orten Sibiriens, eine Folge der Nähe des Oceans. Ferner zeigt sich im Jahre eine doppelte Oscillation im täglichen Gange der Elasticität des Wasserdampfs, wie eine solche, aber nur für den Sommer zu Halle und Prag, und für einen Winter auch zu Mailand beobachtet worden; eine bemerkenswerthe und ganz eigenthümliche Erscheinung! Nichts destoweniger ergiebt sich nämlich für den Druck der trocknen Luft ein einziges Maximum und Minimum, wie an den andern Stationen Sibiriens, nur mit dem (wesentlichen?) Unterschiede, daß zwar das Minimum, wie zu Nertschinsk etc., erst einige Zeit nach dem Eintreten der größten Tageswärme fällt, daß das Maximum hingegen nicht kurz nach Sonnenaufgang (oder wie im westlichen Europa mitten in der Nacht), sondern erst spät Vormittags oder nahe zu derselben Zeit, wie zu Prag im Winter, zum Vorschein kommt. Soviel scheint indeß auch aus jenen Beobachtungen mit Bestimmtheit hervorzugeben, daß jene periodischen Variationen im Laufe des Tages und Jahres im Zusammenhange mit dem Gange der Wärme stehen. Alles deutet darauf hin, daß wir über die Veränderungen der Feuchtigkeit überhaupt noch sehr im Dunkeln sind; und es muß unentschieden bleiben, ob jene Resultate nicht mit localen Einflüssen, die eine wichtigere Rolle spielen, als gewöhnlich angenommen wird, behaftet sind, um so mehr, als die Schwankungen des Dampfdrucks im Laufe des Tages verhältnißmäßig gering sind. Die Lage der Gebirge und andere örtliche Einflüsse, die Windrichtung, welche auch zu Peking in verschiedenen Jahren nicht unbeträchtlich variirt u. s. w., werden sich nach ihrer Mitwirkung erst dann betrachten lassen, wenn längere Reihen dargethan, daß jene Gesetze wirklich allgemeine und nicht temporär modificirte sind. Schließlich wollen wir noch kurz der übrigen meteorologischen [231] Elemente erwähnen, über welche die neuesten Beobachtungen von Gaschkewitsch erst im nächsten Annuaire magn. et mét. Aufschluß geben werden. Wegen der von uns benutzten älteren Materialien verweisen wir auf das Journal von Amiot und v. Fuß’ Résumé (a. a. O.). Niederschlag in fester oder flüssiger Form findet nur an 56 Tagen im Jahre statt, also nicht öfter als zu Jakuzk und Irkuzk; auch zu Nertschinsk scheint es ziemlich eben so häufig zu regnen und schneien. Im Winter fällt gewöhnlich Schnee, wiewohl nur in geringen Mengen, sehr selten Regen. Den meisten Niederschlag geben die Sommermonate, also dieselbe Jahreszeit, welche Hindostan Monsoon-Regen bringt, welche im südlichen Sibirien die eigentliche Regenzeit ist, und welche für Japan so charakteristisch ist, daß die Monate Juni und Juli die »Wassermonate« heißen. Wie sich aber an der Ostküste der neuen Welt auf der nördlichen Hemisphäre von den Verhältnissen des tropischen Erdgürtels nach Norden hin ein Uebergang zu einem Maximum des Regens im Sommer durch ein Auseinandertreten desselben in ein Frühlings- und Herbstmaximum zeigt, analog den Verhältnissen im südlichen und mittleren Europa; so findet auch hier merkwürdiger Weise in der Region der Monsoons ein solcher Uebergang statt; denn im südlichen China, zu Canton und Macao, fällt die größte Menge des Regens ebenfalls in ein Frühlings- und ein Herbstmonat, in Nord-China dagegen in die Zeit des Sommers. Zwar ist die Zahl der Regentage zu Peking, selbst im Sommer, nicht beträchtlich, aber um so größer ist die Menge des Niederschlags; so z. B. fielen bloß im Sommer des J. 1761, nach den Messungen des Missionairs P. Cibot, über 60 Zoll Wasser herab, ein wahrhaft tropisches Quantum, so daß ganze Städte und »Millionen« von Menschen von den Fluthen verschlungen wurden. Gewitter sind in der heißen Jahreszeit nicht selten; [232] sie brechen plötzlich aus und werden in der Regel von einem Orkan begleitet, gehen aber schnell vorüber; auch führt Amiot einigemal Hagelfälle an. Feuchte Nebel kommen in den Wintermonaten sehr häufig vor. Auch das Phänomen der trocknen Nebel oder des Höhenrauchs im weitesten Sinne des Worts, dessen Existenz ich früher für Nord-Amerika (diese Annalen, Bd. XLIV S. 176 folg.) und das südliche Neuholland nachgewiesen habe, fehlt im östlichen Asien nicht. So heißt es u. a. in Amiot’s Journal am 3. April 1759: »den ganzen Tag (!) war ein gelber Staub gefallen«; im Juli desselben Jahres: »Der Himmel verdunkelte sich plötzlich; ein gelber Staub fiel, den ein heftiger Regen niederschlug«; im April 1760: »Die Luft war mit einem gelben Staube erfüllt (!), bei einem starken NW.-Winde, der den ganzen Tag über anhielt« u. s. w. Häufig ist das Phänomen eines herabfallenden gelben Staubes offenbar nicht, wie Cotte behauptet, der denselben, nach damaligen Ansichten, nur vom Blumenstaube der »Fichten und Tannen« in der Nähe von Peking herleitet, und sogleich eine Aehnlichkeit mit den sogenannten Schwefelregen zu erkennen bereit ist; aber doch mag der »bedeckte« Himmel, welchen das Journal stets ohne weitere Beschreibung angiebt, nicht selten mit jener Erscheinung zusammenhängen. Der Frühling scheint dem Auftreten derselben besonders günstig zu seyn, und nördliche Winde, wenigstens in höheren Regionen der Atmosphäre, dabei eine Hauptrolle zu spielen; auch hier vertreibt Regen den Staub dieser trocknen Nebel. Es ist wohl am Wahrscheinlichsten, daß die im NW. von Peking gelegene weite Sandwüste Gobi zu Zeiten ihre Staubmassen über die Gebirge in’s nördliche China entsendet, wenn die Witterungsverhältnisse der Verbreitung günstig sind, ganz analog, wie dieß bei der trüben Staub-Atmosphäre der Sahara und in anderen Gegenden beobachtet wird. [233] Aus den Amiot’schen Beobachtungen über die Windesrichtung geht endlich hervor, daß S. am Häufigsten weht, nämlich mit 37 Procent; ihm folgt N. mit 15, dann NO. mit 14, SO. 11, NW. 10, O. 7, W. 3 und endlich SW. 3 Procent, alle Winde =100 gesetzt. Aber man darf hierbei nicht die Lage Pekings in der Nähe eines langen Gebirgsrückens (des Khin-gan) und des hohen In-schan übersehen, wodurch die südlichen und nördlichen Winde von ihrem ursprünglichen Wege abgelenkt werden müssen; und wir halten deshalb Kaiser Khang-hi’s Angabe, daß der vorherrschende Wind der SW. sey, was wohl aus Beobachtungen an anderen Orten im N. des Reiches hergeleitet seyn mag, für richtig; er sagt ausdrücklich, daß alle anderen Winde (und sie sind zu Peking überhaupt oft heftig, namentlich im Frühlinge, wo Wirbelwinde nicht selten auftreten, und zeigen alle Kennzeichen localen Einflusses,) nicht lange dauern, sondern bald wieder auf jene herrschende Richtung zurückkehren! (Mém. de la Chine, T. IV). Soviel ist aus den obigen Zahlen, die wir, wegen der localen Verhältnisse, zur Bestimmung der mittleren Windesrichtung nach der Lambert’schen Formel für nicht geeignet halten, klar, daß auch im Norden Chinas zwei einander gegenüberliegende Ströme, ein nördlicher und ein überwiegender südlicher, wie in der ganzen gemäßigten Zone mit einander wechseln, und somit alle Witterungserscheinungen, welche von dem temporären Ueberwiegen des einen oder des anderen Stromes abhängen, sich in Hinter Asien in ähnlicher Weise, nur modifieirt durch die Stellung von Land und Wasser, kund geben müssen, als im Westen der alten Welt, oder an der Ostküste Nord-Amerikas. Daß aber im Winter S. und NO. stets mit einander kämpfend herrschen, während im Sommer südliche Winde mehr überwiegen, hängt auf’s Innigste mit der Wärmevertheilung zusammen; und zugleich folgt daraus, daß der im Sommer bis zu dem nordchinesischen und japanischen [234] Meere temporär hinaufrückende SW.-Monsoon sich keineswegs dauernd in’s Innere des Landes erstreckt, sondern nur häufiger weht, als der Nordstrom, d. h. den wahren Monsoon-Charakter völlig einbüßt. In Nord-China also bedingt die relative Lage und Configuration von Meer und Land analoge Verhältnisse wie im südlichen Europa, doch mit dem wesentlichen Unterschiede, daß dort der Südstrom, hier bei Weitem überwiegend der Nordstrom sich in der warmen Jahreszeit geltend macht, ein Phänomen, welches wir durch die eigenthümliche Stellung Europas gegen Afrika und im Zusammenhange mit den Windverhältnissen höherer Breiten erklärt haben (Monatsberichte der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, III, S. 119 folg.). Für das Verhältniß der nördlichen zu den südlichen Winden ergiebt sich 1 : 1,29, der östlichen zu den westlichen 1 : 0,52; jenes ist somit ziemlich ähnlich dem an der Ostküste Nord-Amerikas, während letzteres an dieser Küste fast gerade umgekehrt ist. Soll man nun annehmen, daß das (a. a. O. S. 117) von mir ausgesprochene Resultat: ein westsüdwestlicher Luftstrom herrscht in mittleren Breiten der gemäßigten Zone auf der ganzen Erde vor, nicht für Nord-China gültig sey; oder muß man, wenn Kaiser Khang-hi Recht hat, jene Abweichung für eine locale oder temporäre Erscheinung halten? Die Entscheidung über dieß Problem wollen wir von directer Beobachtung erwarten, mag auch die letztere Hypothese viel Wahrscheinlichkeit für sich haben.
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nach altem Styl schließen sich doch die sieben Monate der Fuß’schen Beobachtungen den älteren weit näher an, als denen von Gaschkewitsch; und daß jene Behauptung in Betreff der Wärme des J. 1841 nicht übertrieben
kälter ist, als zu Peking, daß somit das continentale Klima sich in weit geringerem Grade bei der Sommertemperatur ausspricht, als in den kälteren Jahreszeiten. Noch schlagender tritt dieß hervor, wenn wir sehen, wie der kälteste Monat zu Peking 15° kälter und der wärmste kaum 11° C. wärmer ist, als im südlichen Italien; ein Verhältniß, was bei Cotte’s Rechnung, wonach der Juni anomal am wärmsten seyn sollte, mehr versteckt bleiben mußte, was aber mit der geographischen Lage trefflich übereinstimmt. Excessiv ist also das Klima Nord-China’s noch in hohem Grade; denn Nord-China wird in den kälteren Monaten in das Gebiet der Temperaturdepression, welcher in höheren Breiten alle Continentalflächen (auch nahe den Westküsten der Oceane) unterworfen sind, hineingezogen; aber im Sommer bringt der vorherrschende Süd- und Südost-Wind, wie auch wohl die Nähe der Gebirge (In-schan und Thai-hanschan) bei Landwinden eine Mäßigung der Hitze continentaler Lüfte hervor, und sonach scheint Peking zwei Klimate zu vereinigen, die temporär mit einander abwechseln, nämlich das excessiv-continentale und das gemäßigt pelagische der Ostküsten großer Continente. Wie weit sich aber die Kälte Nord- und Central-Asiens nach Süden und bis zum stillen Ocean hin zu erstrecken vermag, das erfahren wir recht auffallend an der Insel Tschusau (30
° C. betrug, während Ambala im oberen Gangesbecken bei 170 Toisen über dem Meere 13°,2 (11
° mit einander übereinstimmen, und welche eine so enorme Oscillation der Wärme (57°,4 C.) unter 40° Br. ergeben, sind noch nicht einmal als die absoluten für diesen Ort anzusehen. Nach einem Briefe des P. Gaubil (vom 26. Oct. 1750) herrschte daselbst vor hundert Jahren, im Juli 1743, eine so außerordentliche Hitze, daß sich die ältesten Menschen einer solchen Wärme nicht zu erinnern vermochten. Sie raffte Tausende von Menschen hin, — (bloß in Peking und den Vorstädten starben vom 14. bis 25. Juli 11400 Leute aus der ärmeren Volksklasse; die große Zahl von Vornehmeren wird nicht näher angegeben;) — und der Kaiser befahl, zur Linderung auf den Hauptstraßen und an den Thoren der Stadt Eis und große Almosen gratis an das Volk auszutheilen. Glücklicher Weise besitzen wir auch von dieser Zeit Beobachtungen der Jesuitenväter, welche an einem Hubin’schen, in Paris mit einem Réaumur’schen Weingeistthermometer verglichenen Instrumente im Schatten angestellt wurden. Daraus ergiebt sich, daß die Wärme Nachm. 3 Uhr am 20. und 21. Juli auf 30
° C.)