Volkstümliches aus dem Elsasz
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VOLKSTÜMLICHES AUS DEM ELSASZ
1 SAGEN 1 Gott straft die Vertreibung des h. Deodatus St. Deodatus faßte einst den Entschluß, sich in eine wilde Gegend der Vogesen zurückzuziehen. Er wälte dazu ein kleines Tal in der Nähe eines Ortes, den man Wilra nannte (wol Weiler [102] bei Schlettstadt: Wilro 829), gegen den Flecken Mariville oder Villars hin (Markirch). Dort erbaute er seine Hütte. Bald aber vertriben in die umwonenden Bauern. Denn als sie sahen, daß einige reiche und gottesfürchtige Leute dem heiligen Deodatus Gut und Eigentum zuwanten, fürchteten sie aus irem Erbgut nach und nach vertriben zu werden. Gottes Zorn traf sie aber bald. Alle Kinder, die nach der Vertreibung des Heiligen das Liecht der Welt in disem Orte erblickten, hatten einen Kropf. Um diser Strafe zu entgen, begaben sich die Frauen, die irer Entbindung gewärtig waren, über einen Bach, der vor der Stadt floß. Die Kinder, die jenseits des Baches geboren wurden, waren frei von diser Zugabe der Natur. Chronique de Richer, moine de Senones, publié par Jean Cayon Nancy 1863. liv. I cr. V (vrgl. Ruy J. recherches des sainctes antiquitez de la Vosge Province de Lorraine. Epinal. 1634. liv. I c. VIII).
Von einer Magistratsperson aus Barr, gleich unfähig sich einer Täuschung hinzugeben, als auch andere zu täuschen, habe ich folgendes vernommen. Am 16. October 1716 ward ein Schreiner, Bürger des benachbarten Dorfes Heiligenstein, um 5 Ur des Morgens in Barr auf den Speicher eines Küfers aufgefunden. Der Küfer war hinaufgestigen um Werkholz für den Tagesgebrauch zu holen. Als er die Türe öffnete, die von außen verrigelt war, erblickte er einen Mann, der auf dem Gesichte ligend lang hingestreckt in tiefem Schlafe dalag. Geweckt und gefragt, was er da mache, antwortete der Schreiner, den man übrigens kannte, mit größtem Erstaunen, daß er nicht wiße, weder durch wen, noch wie er hierhergelangt sei. Nicht zufriden mit diser Auskunft und in der Meinung, der Mann wäre da, um etwas zu stelen, ließ in der Küfer vor den Amtmann füren. Im Verhöre sagte er offenherzig aus: er habe sich um 4 Ur des Morgens von Heiligenstein nach Barr auf den Weg gemacht. Unterwegs habe er plözlich auf einem schönen Rasenplaze ein prächtiges Fest gewart, eine reich geschmückte Gesellschaft habe sich bei glänzender Beleuchtung an reich besezter Tafel und an ausgelaßenem Tanzen vergnügt. Zwei Frauen aus Barr hätten in eingeladen, sich unter die Gesellschaft zu mengen. Er sezte sich an die Tafel und ließ sich das leckere Mal wol schmecken. Nach kaum einer Viertelstunde rief einer der Gäste: Rasch, rasch! Er fülte sich sanft in die Höhe gehoben und one zu wißen wie auf den Speicher des Küfers versezt. – Diß war die Aussage vor dem Amtmann. Sonderbar dabei war, daß die beiden Frauen, die in zum Feste eingeladen hatten, sich nach kaum beendeter Aussage des Schreiners jede in irem [103] Hause erhängte. Auf weitere Nachforschung verzichtete die Obrigkeit, da in die Untersuchung villeicht die Hälfte der Einwonerschaft verwickelt worden wäre. Dom Augustin Calmet, Dissertations sur les apparitions des esprits et sur les vampires ou les revenans de Hongrie de Moravie etc. Einsidlen. 1749. p. 142. Anmerkung. Der Hexenglaube ist auch jezt noch tief eingewurzelt im Elsäßischen Volke. So ist mir in Hägen bei Zabern eine alte unverheiratete Frau bekannt, die im Rufe einer Hexe stet, und allgemein gemiden ein trauriges Leben füren muß.
Vor einigen Jaren fragten mich (Dom Calmet) zwei Geistliche, ser aufgeklärte und wol unterrichtete Männer, über einen Vorfal um Rat, der sich in Urbeis, einem Dorfe des Elsaßes, bei der Abtei Pairis zugetragen hatte. Zwei Bürger dises Ortes hätten in irem Garten einen Kasten aus dem Boden heraussteigen sehen, den sie voll Gold wänten. Wie sie in ergreifen wollten, sei er iren Händen entschlüpft und wider in die Erde versunken. Dis wäre sogar mermals vorgekommen. Calmet I p. 210.
Hier folgt der Auszug eines Briefes, der von Kirchheim aus an Herrn Professor Schöpflin, Professor der Geschichte in Straßburg, gerichtet ist. Vor ungefär einem Jare wollte ein Herr Cavallari, Musiker und Venediger von Geburt, gern Ausgrabungen zu Rothenkirchen machen, einer ehemals ser angesehenen Abtei, die etwa eine Stunde entfernt lag und in der Reformationszeit zerstört worden war. Die Anregung dazu war im eine Erscheinung, die die Frau des Pächters von Rothenkirchen mer als einmal und am hellen Tage sah, so auch am 7. Mai an zwei auf einander folgenden Jaren. Sie beteuert und könnte es beschwören, daß sie einen erwürdigen Priester in bischöflichem mit Gold verbrämtem Ornate gesehen, wie er vor ir einen Haufen Steine hinwarf. Die Frau, die lutherisch ist, folglich in disen Sachen vorurteilsfrei, ist dennoch überzeugt, daß alle Steine zu Gold geworden wären, hätte sie die Geistesgegenwart gehabt ire Schürze darüber auszubreiten. Cavallari bat um Erlaubnis dort nachgraben zu dürfen, was im um so eher gestattet wurde, als ja ein Zehntel des Schazes den Landesherren zukommt. Man schalt in aber einen Träumer und betrachtete die ganze Schazgeschichte als unerhört. Hingegen kümmerte sich der Venediger wenig um die öffentliche Meinung und frug mich, ob ich mich daran beteiligen wollte. Ich besann mich keinen Augenblick zuzusagen, war aber doch überrascht als wir kleine irdene Töpfe angefüllt mit Goldstücken auffanden. Alle [104] Münzen, feiner als Dukaten, stammten aus dem XIV oder XV Jarhundert. Auf mein Teil kamen 600 Stück, die zu drei verschidenen Malen gefunden wurden. – Ich (Calmet) habe selbst zwei diser Goldstücke bei Herrn Schöpflin gesehen. Calmet I p. 217.
Den 25 August 1746 erhielt ich (Calmet) einen Brief von einem achtbaren Manne, dem Curé der Pfarrgemeinde von Walscheid, einem Dorfe der Grafschaft Dagsburg in den Vogesen. In disem Briefe teilt er mir mit, daß er am 10 Juni 1740 um 8 Ur Morgens in der Küche in der Gegenwart seiner Nichte und Magd plözlich einen eisernen Topf zur Erde fallen sah, der drei oder vier Umdrehungen machte, one daß man bemerken konnte, daß in Jemand in Bewegung sezte. Einem Augenblick später wurde ein ziemlich schwerer Stein aus dem benachbarten Zimmer geworfen, one daß man sehen konnte, wer in warf. Am folgenden Tage um neun Ur Morgens wurden einige Fensterscheiben zertrümmert, durch welche mit einer fast übernatürlichen Geschicklichkeit Steine in das Zimmer geworfen wurden. Der Geist fügte keinem ein Leid zu und ließ sich nur des Tages hören. Der Curé gebrauchte die im Ritual vorgeschribenen Gebete, um das Haus zu segnen. Seit diser Zeit warf der Geist keine Fenster mer ein, aber er fur fort die Leute des Curé mit Steinen zu werfen, one sie jedoch jemals zu verlezen. Eines Tages als die Magd im Garten Kol pflanzte, riß er die Sezlinge nach und nach aus und trug sie auf einen Haufen zusammen. Die Magd hatte gut wettern, zu drohen und auf deutsch zu fluchen, der Geist fur fort mit seinen Neckereien. – Eines Tages fand man eine Schaufel ungefär zwei Fuß tief in die Erde gegraben, one daß man eine Spur erkennen konnte von dem, der sie so tief in die Erde eingerammt hatte. Auf der Schaufel fand man ein Band und daneben zwei Sousstücke, die die Magd am Abend vorher in einem kleinen Kasten verschloßen hatte. – Manchmal gefiel er sich darin, das Zinn- und Steingutgeschirr herabzunemen und es im Kreise in der Küche oder in der Kirchenhalle, ja selbst auf den Gottesacker aufzustellen und diß alles am hellen liechten Tage. Einstmals füllte er einen eisernen Topf mit Unkraut, Kleie und Blättern, goß Waßer darauf und trug in in den Laubengang des Gartens, ein andermal hieng er in über das Feuer an den Keßelhacken. Als die Magd einmal für das Abendbrot des Curé zwei Eier aufgeschlagen hatte, zerbrach der Geist hinter irem Rücken, als sie sich umdrehte, zwei andere. Als der Curé eines Tages vom Messelesen zurückkam, fand er sein ganzes Geschirr, seinen Hausrat, Brot, Milch und viles andere im ganzen Hause zerstreut. – Manchmal bildete der Geist auf dem Pflaster, bald mit Steinen bald mit Körnern oder Blättern Kreise und [105] in einem Augenblicke war vor den Anwesenden Alles durcheinander geworfen. Dises Treibens überdrüßig ließ der Curé den Bürgermeister herbeirufen und erklärte im, daß er entschloßen sei das Pfarrhaus zu verlaßen. Inzwischen kam die Nichte des Pfarrers mit der Nachricht herein, daß der Geist die Kolpflanzen ausgerißen und in ein Erdloch Geld gelegt habe. Man gieng in den Garten und sammelte die Geldstücke; dabei stellte es sich heraus, daß diß eine Geldsumme sei, die der Curé an einem unverschloßenen Orte aufbewart hatte. – Einen Augenblick später lag das Geld vermischt mit fast wertlosen Kupferstücken in der Küche. Als die Beamten des Grafen von Leiningen nach Walscheid kamen, giengen sie zu dem Curé und überzeugten in, daß diß alles Werk einer Hexerei sei, sie rieten zwei Pistolen zu nemen und sie in der Richtung abzufeuern, in der er irgend eine Bewegung bemerke. Zur selben Zeit steckte der Geist in die Tasche einer der Beamten zwei Silberstücke. Seit diser Zeit aber ließ der Geist nichts mer von sich hören. Der Umstand mit den beiden Pistolen, die dem Treiben ein Ende machten, ließ dem Curé vermuten, der Kobold wäre kein anderer als ein gewißes misratenes Mitglid seiner Gemeinde, den er notgedrungen aus derselben ausgeschloßen hatte und der aus Rache dises Gaukelspiel veranstaltet hätte. Wenn dem so ist, so hat er sich unsichtbar gemacht oder besaß die Macht an seiner Stelle seinen Schuzgeist zu schicken, der wärend einiger Wochen den Curé quälte. Aber wenn er nicht körperlich in dem Hause war, wie hatte er die Pistolenschüße zu fürchten, die man auf in abzufeuern drohte und wenn er körperlich da war, wie konnte er sich unsichtbar machen? Calmet I p. 194.
In einer Stadt des Elsaßes Hegotesen (Egisheim) lebte ein Mann, der angezogen von dem Rufe des heil. Deodat im ein Stück seiner Güter abtrat. Darunter war ein Stück Rebland, das der Geber besonders hochschäzte, da dort ein vortrefflicher Wein reifte. Nach einiger Zeit reute in das Geschenk und er heimste für sich die Ernte des Wingert ein. Den gewonnenen Wein ließ er in ein Faß füllen und bewarte in sorgfältig im Keller auf. Eines Tages als er seinen Freunden eine Gasterei gab, befal er heiter gestimmt dem Küfer, im von disem Wein, den er für den köstlichsten seines Kellers hielt, zu bringen. Der Küfer eilte in den Keller und wollte aus dem Faße den Wein ablaßen. Es kam nur wenig Wein, plözlich aber mit lautem Getöse ein ungeheurer Fliegenschwarm aus dem Faße. Der Küfer ließ seine Kanne erschreckt fallen und sprang hinauf um das Wunder zu erzälen, gefolgt von dem Fliegenschwarm. Hier fielen nun die Fliegen mit [106] iren giftigen Stacheln über den entsezten Gastgeber her und zerstachen in jämmerlich. Schmerzlicher aber als ire Stiche war der Stachel der Vorwürfe, den der Mann im Herzen fülte. Er gab reuig das Rebstück den Brüdern des Deodatus zurück und bat um ire Verzeihung. So blib das Rebstück biß in die jezige Zeit den Stiftsherren von St. Dié zu eigen. Richer I cap. IX.
In Tannenkirch soll sich zwischen dem Oberdorf und dem Zinimerplaz in der Zeit um Weihnachten ein Gespenst bald in der Gestalt eines Lammes, Hunes oder Hasen zeigen. Ein Mann, der noch angesehen in Tannenkirch lebt, erzälte, daß als er einst um Mitternacht des Weges gieng, er plözlich ein Lamm am Wege sten sah. Da im nächsten Hause noch Liecht war, gieng er hinein und sagte den Leuten, sie sollten hinaus gen und ir Lamm hineinfüren. Die Leute erschracken, sagten es wäre nicht ir Lamm, sie wollten auch dasselbe nicht und leschten augenblicklich das Liecht aus.
Derselbe Mann, damals Scharwächter des Dorfes, sagte oft, er fürchte nichts, weder den Teufel noch Gespenster. Als er einst wider pralte, meinte eine alte Frau, sie würde es fertig bringen, daß er sich fürchte. Der Mann lachte und vergaß bald die Drohung. Als er eines Nachts nach Hause gieng, sah er plözlich an seiner rechten Seite eine große Kaze, die im beständig folgte. Mere andere schloßen sich nach und nach an. Der Mann hatte einen schweren Stock in der Hand, wagte jedoch nicht zu schlagen, da es Unglück bringt, wenn man eine Kaze mit der rechten Hand schlägt. Erst als er eine Haustür erreicht hatte, wandte er sich um, den Hexentieren einen Schlag zu versezen, doch dise waren augenblicklich verschwunden. Der Mann gestand, daß er doch genug Angst und Furcht wärend des Ganges empfunden habe.
Im Münstertale lebte ein Widertäufer, Namens Steiner, der Jare lang die Steinbachhütte am Lauchenkopf in Pacht hatte und allerorten im Rufe stand, zaubern zu können. Er starb hochbetagt und allbeliebt 1830 auf seinem Hofe Faseneck am Fuße des Solberges bei Münster. Wie er in den Rufe des Festbannens kam erzälte einer seiner Nachkommen, der jezt einen kleinen Hof am [107] Fuße des Staufens besizt. Dem Steiner wurden von einem Acker beständig Rüben gestolen, troz alles Aufpaßens gelang es nicht die Täter zu fangen. Da ersann der Alte folgendes Stücklein. Er versprach einem Mädchen eine kleine Summe Geldes, wenn sie des Morgens in aller Frühe auf seinen Acker gienge. Rüben ausziehe und regungslos sten blibe biß er komme und sie fortgen hieße. Das Mädchen gieng auf den Vorschlag ein und des Morgens sahen Vorübergende ein Mädchen mit einem Korbe offenbar gestolener Rüben regungslos troz alles Anrufens auf dem Acker sten. Als der Steiner kam und eine hastige Handbewegung machte, einige Worte murmelnd, entfloh das Mädchen. Seitdem wurden dem schlauen alten Mann keine Rüben mehr gestolen und stand sein Ruf als Zauberer fest.
In den Straßen von Dagsburg zeigt sich zum öfteren eine Erscheinung, die die Bewoner „das Dorftier“ nennen. Auf einem Misthaufen oder irgend einer Stelle flammt plözlich ein kleines Liecht auf, das nach und nach wächst. In seinem Scheine siht man ein kleines Tier, das mit der Flamme wächst und meistens die Gestalt eines Ochsen annimmt. Man darf das Tier nicht stören, sonst trift einen Unglück. Bei ruhigem Zureden verschwindet Tier und Flamme allmälich wider.
Am Tale der weißen Zorn auf dem Bergrücken, der von Altdorf nach dem Hengst hinzieht, ragt ein mächtiger Fels auf, überhängend bildet er eine Art Grotte. In derselben siht man noch jezt eine rohe Anhäufung von Steinen, einem Altar nicht unänlich. Und in der Tat soll in der Revolution der Pfarrer von Dagsburg („der Herr“), der den Eid nicht leisten wollte, hierher geflüchtet sein, den Altar errichtet und Messe gelesen haben. Doch schon nach kurzer Zeit war er verraten und als er einst auf der Spize des Felsens stand, sah er zwei bewaffnete Männer sich seinem Verstecke nähern, um sich seiner zu bemächtigen. Da vermochte sein Gebet, daß einer der beiden, als sie nahe waren, tot zusammenstürzte, der andere floh entsezt. Doch auch der Pfarrer verließ das bekannt gewordene Versteck und nur der Name Herrenfelsen erinnert noch an das Ereignis.
Dort wo die beiden Zornarme, die gelbe, die Walscheider, und die weiße, die Dagsburger, zusammenfließen, am Enteneck, ligt auf dem umfloßenen Bergrücken Altdorf. Nach den vorhandenen Spuren eine alte Dorfanlage, die wol in den Erbstreitigkeiten bei Aussterben der Dagsburger Grafen zerstört wurde. Die Umwoner [108] schreiben dem Orte jedoch ein vil größeres Alter, ein heidnisches, zu. Zu unterstüzen scheint diß der Name Enteneck[3], der nahe ligende Ort Dreiheiligen, ein gallorömisches Grabfeld und die uralte Befestigung das Heidenschlößel. Für die Umwoner ist der Ort auch unheimlich. – Ein Schwesternpar gieng einst auf Altdorf, um Bucheln zu sammeln. Die eine fand an einer Stelle die Bucheln haufenweise ligen. Freudig raffte sie dieselben zusammen, als plözlich ir ein schwarzer kleiner Hund über die Hände lief. Erstaunt schaute sie auf und sah unfern ein kleines graues Männchen sten. Auf iren Angstruf kam die Schwester herbei. Auch dise erblickte das Männchen, das die Schwestern ernst und schweigend ansah. Die Schwestern wagten sich nicht zu rüren und standen lautlos und zitternd da. Zufälligerweise kam ein Bursch hinzu, der, als er die Erscheinung sah, mutwillig ausrief: Was tust du hier, du Nichtsnuz! – Da rief das Männchen zürnend zurück: Was fragst du mich, hab ich dich gefragt, du bist nichts nutz und so sollen deine Kinder sein biß in das 7. Glid. Nach diser Verwünschung verschwand das Männchen. Die Verwünschung traf aber ein. Die Familie, die früher wolhabend gewesen war, kam zurück und auch iren Nachkomen gelang es nicht vorwärts zu kommen, sie sind, wie allgemeine Meinung in der Gegend, verwünscht.
Ein wenig bekanntes Warzeichen Straßburgs befindet sich in der Bruderhofsgasse Nr. 35. Siht man die Gasse vom großen Seminar ostwärts hinab, so erblickt man auf einem Dache ein Männchen, das neugirig in den Schornstein hinabblickt. Die Sage meldet, daß in dem Hause einst ein Bäcker wonte, der es meisterhaft verstand, die Leute zu betriegen. Der Teufel, so oft er vorbei kam, blickte mit Vergnügen durch den Schornstein auf seinen gelerigen Schüler hinab. Zum Andenken wurde sein Bildnis später in Stein hinaufgestellt.
Am Ende des vorigen Jarhunderts lebte in Bockenheim (Saarunion) ein Mann, der seines bitterbösen Wesens wegen allgemein gemiden wurde. Die Bürger des damals noch unter Leiningischer Herschaft stehenden Städtchens beschäftigten sich vil mit im, wagten in aber nie zu reizen, da er im Geruche stand, geheime Künste zu wißen. Es war daher keine Trauer, als es eines Tages hieß, der unbequeme Mitbürger sei plözlich gestorben. Der Pfarrer beorderte die Schulknaben am Tage der Beerdigung vor das Haus des Verstorbenen, um der Leiche das Geleit zu geben und am [109] Grabe zu singen. Als der Zug sich ordnete und der Sarg hinabgetragen wurde, sah plözlich einer der Schüler den Verstorbenen mit seiner Zipfelmüze zum Fenster hinausschauen und im hönisch zunicken. Auf den Schreckensruf des Knaben sahen alle auf und starrten die Erscheinung sprachlos an. Die lächelte, nickte und sprach gelassen in irer hönischen Weise: „Habt wol geglaubt, ir wäret mich los, ja, so weit ist es aber noch nicht!“ Der Pfarrer erholte sich zuerst und rief: „Fort mit dem Sarge“. Und so bewegte sich dann der Zug mit etwas ungewönlicher Eile dem Kirchhofe zu und bald schloß sich die Erde über dem ruhelosen Mann. Er sollte die Ruhe auch jezt noch nicht finden. Die Umwoner des Fridhofs beklagten sich bald über fortwärendes lautes Lärmen, das sie auf das äusserste ängstigte. Sie ließen in irer Bedrängnis zwei Kapuziner kommen, die bei dem Volke in dem Rufe sten, alle Geister bannen zu können. Dise gruben den Polterer wider aus und bannten in unter eine Brücke. Aber auch hir neckte und ängstigte er die Vorüberziehenden. Es sprang den Bauern, die zum Markt in die Stadt wollten, unsichtbar auf den Rücken und ließ sich als schwere Last biß zur Stadt schleppen. Nochmals wurden die Kapuziner gerufen und dißmal bannten sie in in den tiefen Brunnen seines eigenen Hauses, der dann vermauert wurde. Von jezt an ließ er nichts mer von sich hören. Das Haus, ein weitläufiges Gebäude neben dem Schloß gelegen, kam in den Besiz zweier alten Damen, die dasselbe gern verkaufen wollten. Doch kam kein Verkauf zu Stande, da die alten Damen zur Bedingung machten, daß der Brunnen vermauert blibe. Erst nach irem Tode ließ der Erbe den Brunnen aufdecken. Der Geist zeigte sich im Widerspruche mit der Stadtmeinung nicht mer.
Bekannt ist, daß fast jedes Dorf und jede Stadt einen Spiznamen bei den Nachbaren hat. So auch im Elsaß. Die Bewoner des kleinen Städtchens Börsch, das unweit Oberehnheim schön an den Vorbergen der Vogesen ligt, füren den wenig erenden Beinamen Esel. Sie teilen dises Geschick mit den Bewonern von Epfig, Wangen und Westhalten. In disen Orten ist noch jezt ein Grif an die Rockschöße gefärlich, da diß für eine Anspilung auf die Eseloren gehalten wird. – Wie die Börscher zu dem Namen kommen, davon erzält man folgendes. Der Gemeinderat von Börsch fand, als er einst den Gemeindewald ahgieng, um die Holzschläge zu bestimmen, einen Kürbis. Keiner kannte den Fund und allseitig wurde angenommen, daß es ein Ei eines unbekannten Tieres sei. Man ließ aus dem Städtchen eine alte Frau kommen und bewog sie durch Zureden sich auf das fremde Ei zu sezen, um dasselbe auszubrüten. Als dise jedoch einmal aufstand, stieß sie an den Kürbis und diser rollte den [110] Berghang hinab. Die Bürger in voller Angst um iren kostbaren Fund eilten hinterher. Durch den Lärm aufgeschreckt sprang plözlich ein Hase aus dem Gebüsch hervor. Die Verfolgenden glaubten nicht anders, als daß das Tier soeben aus dem Ei geschlüpft sei und riefen einander eifrig zu: Haltet den Esel auf! – was inen jedoch nicht gelang. So kamen sie zugleich um iren Fund und zu einem verdächtigen Beinamen. –
Nammen und Wappen der Jenigen Herrn und Bürger, so für das Jahr 1761 von unserm G. Herrn zu Wintzer sind erkannt worden. Wir sechsen die vast ganz an stand und alter gleichen [111]
Uns ligt nicht viel daran, Gott wirds uns wohl vergelten
Jakob Hübner Georg Weiß Nikolaus Schlumberger, Friedrich Zuber, Johann Michael Schwarz, Nikolaus Hofer, Georg Jacob Schlumberger, Johann Heinrich Huguenin, Jonas Thierry, Heinrich Grumler, Jonas Jehlensperger, Friedrich Heinrich Mathias Weiß, Daniel Dietsch;
Dis ist das zweite Bild
„Nichts auf der Erd’ kan schöner seyn, [112]
Mit grosser Freud und recht vergnügen,
Alhier erscheinen zwar Vivat es lebt der Wintzer-stand.
Andenken derjenigen 8 Bürger, welche im Jahre 1780 zu Wintzern sind erwehlt worden, worunter die 6 mit Wappen bezeichnete, freiwillig in das Feld gezogen und mit allem fleis den Bahn gehütet haben. [113]
Wir Brüder zogen voller Muth, ins Feld mit Lust und Freude,
Dr. Joh. Mich. Dr. Johann Dr. D. Michael Dr. Johannes Erinnerungs-Verse sämtlicher Herren und Bürger so im Jahr 1783 den 2. Aprill von unsern gnädigen Herren zu Wintzern sind erwehlet worden.
Achtzehn Bürger waren es die die Obrigkeit jetz wollten, [114]
Doch weil nach altem Brauch und Wissen, nur jährlich 6 gewesen seyn KURT MÜNDEL
Anmerkungen (Wikisource)Die Sagen finden sich auch als Einzeltexte unter:
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