Wikisource:ADB-Werkstatt/Band05A mit Vorlagen
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Decken: Claus v. d. D., † 1541, Stammvater aller jetzt in 4 großen Stammlinien lebenden v. d. D., Bürgermeister in Stade seit 1501, wie später auch einer seiner Söhne, Hermann. Er war einer der mächtigsten Männer jener Zeit an der Unterelbe, theils durch die Stader, theils durch die Familienhülfsmittel; daß Ministerialengeschlecht v. d. D., dessen Haupt er war, und dessen frühere Linien alle auf sein Haus zusammenftarben, stellte 1551 8 Ritterpferde zum Reichsaufgebot. Er hatte sich alsbald seit 1511 dem jungen Erzbischof Christoph von Bremen unentbehrlich, und wahrscheinlich die gegen Erzbischof Johann Rhode so aufsässi ge Ritterschaft dem Nachfolger willfährig gemacht, auch half er ihm mit großen Vorschüssen. Er erhielt dafür von Christoph schon 1516 ein Privileg, welches ihn und seine Nachkommen geradezu unabhängig hinstellte, daß Deichwesen des Landes Kedingen zerrüttete und vielleicht die Verheerungen der Fluth von 1570 verschuldete, schließlich aber seine ganze gesetzlose Nachkommenschaft 20. Dec. 1575 in des Kaisers Acht brachte, nachdem schon eine Friedeloslegung durch Erzbischof Heinrich vorausgegangen war. 1577 bestätigte freilich Heinrich wieder jenes Privileg, aber nicht für das Deichwesen und nicht für die Linie des unruhigen, reichen Peter, Sohnes des Bürgermeisters Hermann, der vor der Aechtung vom Kaiser Maximilian 11. 1573 sich einen besonderen Schutzbrief zu verschaffen wußte, welchen Kaiser Rudolf1l. 7. Aug. 1577 noch einmal ausdrücklich erneuerte. Die ältesten D. (c1e 1)e1(8„) finden sich als Vasallen Friedrichs v. Haselthorpe, der 1255 seine Güter abgab, an der Oste, das Wappen zuerst 1394. Eine Linie führte den Beinamen Grimmeke schon im 14. Jahrhundert, eine nahm durch Adoption den Namen v. Offen an, zwei, deren eine gleich erlosch, wurden in den Grafenstand erhoben. Die D. gehörten früher zu den „Kedinger Junkern“. – Nachweise, Wappen, Stammbäume bei W. v. d. Decken: Die Familie v. d. Decken, Hannover 1865. Krause. K
Decken: Claus v. d. D., hannöverscher Staatsminister, † 10. Juli 1826. Er war 5. Jan. 1742 geboren, studirte in Göttingen und trat in kurfürstlichen Dienst in dem damals noch besonders verwalteten Bremen-Verden, wo er in Stade rasch aufrückte und zuletzt an der Spitze der Regierung stand. 1796 erhielt er den hannoverschen Geheimrathsrang und wurde noch in demselben Jahre wirklicher Staats und Cabinetsminister zu Hannover und zweiter Curator der Universität Göttingen, seit 1802 erster Curator. Die französische Occupation 1803 nahm ihm seinen Posten, aber er blieb in Hannover, wo er vielfach vermittelnd wirkte. Er ist ziemlich der einzige, den die Umwälzung nicht mit Vorwürfen und Schmutz bewarf, wozu seine Gutmüthigkeit und Menschenfreundlich– keit viel beitrug (vgl. Havemann, 3. S. 127 ff.), und das er nie ein Intrigant s gewesen. 1813 wollten ihn die Franzosen alä Geisel fortführen, doch entkam et und trat dann, aber ohne Verständniß der neuen Zeit, als Staats uno Cabinetsminister an die Spitze der neuen Regierung. Daß diese rücksichtslos eine förmliche Restauration durchführte, von deren Härte der alte Herr kaum eine Ahnung s. I
[2] hatte, ist später seinem Andenken nicht zu Gute gekommen. Erst 1823 verließ er nominell den activen Dienst, den wirklich zu leisten er schon lange vorher Andern überlassen hatte. – Krause.
Decken: Georg Jul. Wilh. Ludwig Graf v.d. D., † 20. Aug. 1859 als hannöverscher General der Cavallerie zu Rumpenheim. Er war seit 4. April 1833 mit der Schwester der Herzogin von Cambridge, Prinzessin Louise von Hessen-Kassel vermählt, 1835 von Wilhelm 17. in den Grafenstand erhoben, starb aber kinderlos. Geboren 1787, trat er als Fahnenjunker 1804 in das 1. leichte Dragoner- (später Husaren-)Regiment der l5ings 0srmsm 1.8gj011- machte in diesem die Expeditionen 1805 nach Hannover,–1807 nach Kopenhagen mit, focht mit großer persönlicher Auszeichnung von 1809–14 im Halbinselkriege, so daß sein Name von Beamifh als Lieutenant und Rittmeister wiederholt genannt wird, namentlich im Gefecht bei Barouillet, 10. Sept. 1813, wo er zu Fuß als Volontär Portugiesen führte und verwundet wurde. Eine zweite schwere Wunde erhielt er am 27. Febr. 1814 bei Orthez. 1815 focht er bei Waterloo. Im Kriege sind ihm 5 Pferde unter dem Leibe erschossen. Seit1816 war er in hannöverschem Dienst und galt alstüchtiger Reiterführer. S. W. Von der Decken 1. O. Krause.
Decken: Johann Friedrich, Graf v. d. D., geb. L5. Mai 1769, f 22. Mai 1840; hannöverscher Generalfeldzeugmeister und Chef der Artillerie seit 1816; Freund von Scharnhorst, Mitherausgeber von dessen militärischem Journal. Seit 1784 schon dienend machte er die Feldzüge von 1793–95 mit und fiel zeitweilig in Kriegsgefangensct)aft; seit 1796 hielt er dem Herzog von Cambridge Vorträge über Geschichte und Mathematik. Während der französischen Occupation 1803 wurde er diplomatisch mehrfach verwandt und erhielt als Oberstlieutenant L8. Juli 1803 die Vollmacht –1000 Aussländer für England zu werben, der Ursprung derberühmten l5j11gs 0Sr1118„11 I-Sgj0N oder „königlich deutschen Legion“, in welcher er 1804 Oberst der reitenden Artillerie wurde. Alk; Brigadegeneral machte er die Landungen 180.5 in Hannover, 1807 in Kopenhagen mit und wurde 1808 diplomatisch-militärisch in Portugal und Spanien, speciell zur Organisirung der portugiesischen Truppen verwandt; dann blieb er als Organisator und Unterhändler bis 1813 in England, nahm zwar an den Schlachten des Jahres 181I:3 und 14 nicht Theil, organisirte aber 1815 ein hannöverschees Truppencorpts von 10000 Mann, daß er in Belgien commandirte; während der Schlacht bei Waterloo stand er in der Reserve bei Brüssel. Anerbietungen oranischen und preußischen DiensLes schlug er aus. 1833 erhob ihn König Wilhelm ls. in den hannöverschen Grafenstand, erblich in der Erstgeburt, seit demselben Jahre lebte er, in Pension getreten, meist auf seinem großen Gute Ringelheim. Seit 1835 war er Präsident und thätiger Arbeiter im historischen Verein für Niedersachsen. Von seinen Schriften (bei W. v. d. Decken1. O. S. 149) ist „Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg“, 4 Th., Hannover 1833. 34, von Werth. Eine Menge Arbeiten von ihm enthält daß Archiv des Hist. Vereins f. Niedersachsen. Krause.
Decken: Karl Claus, Baron v. d. D., der Afrikareisende, aus alter hannöverscher Familie zu Kotzen in der Mark Brandenburg 8. August 1833 geboren, Sohn des kgl. hannöverschen Kammerherrn v. d. D., war, nach dem Besuche des P Gymnasium2- zu Lüneburg und des Cadettencorps in Hannover, 10 Jahre, 1850 bis 1860, in hannöverschen Militärdiensten. Unwiderstehliche Reiselust leitete ihn früh zu naturwissenschaftlichen und geographischen Studien. Nach mannigfachen Reisen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Ungarn, Italien ward Afrika daß lockende Ziel. Eine kurze Reise in daß Innere Algiers, 1858, reizte zu größerer Unternehmung. Aber überall hatte er Mißgeschick in seinem Gefo!ge. Auf
[3] Barth’s Rath ging er 1860 nach Sansibar, um sich hier mit Roscher zu gemeinsamer Fo–rschungsreise zu verbinden. Als er zur Stelle kam, war Roscher todt. So unternahm er allein im October desselben Jahres die Reise von Quiloa nach dem Nyassa-See, ward aber durch die Treulosigkeit des arabischen Führers seiner Karawane zur Umkehr genöthigt. Im folgenden Jahre 1861 unternahm er mit Thornton von Mombas aus eine Wanderung nach den hohen Bergländern des Kilima-Nscharo, und wiederholte dieselbe 1862 mit Kersten, um die angezweifelten Entdeckungen der Deutschen, Rebmann und Krapf, von afrikanischen .Schneebergen zu prüfen, zu bestätigen. Die Reisenden besuchten die Ungano- und Ds:haggeberge, die Königreiche Uru und Mossi und erstiegen die Schnee- und Eiesfelder des Kilima-Nscharo bis zur Höhe von 14000 Fuß. Die goldene Medaille der geographischen Gesellschaft in London ehrte später diese Anstrengungen Decken’s. Nach der Rückkehr vom Kilima-Nscharo machte D. mit Kersten eine Seereise nach Jbo, Cap Delgado und Lamu. Er wollte über Reunion nach Madagaskar, sah sich aber durch die politischen Wirren daselbst veranlaßt, nach Sansibar und nach der europäischen Heimath zurückzukehren. Nunmehr rüstete er sich mit großem Kostenaufwande zu einer außerordentlichen Expedition zur Erforschung der Flüsse an der Ostküste Afrika’s, in daß er nach angestrengter Vorbereitung eindringen wollte. Mehrere Deutsche schlossen sich ihm begeistert an. Im October 1864 ging er über Aegypten, Aden, die Sechellen nach Sansibar, wo alsbald auch zwei kleine zerlegbare eiserne Dampfer auf Segelschiffen für ihn eintrafen. Im Frühjahr 1865 brach die Expedition auf, erreichte den Dschubafluß, aber das „treue Unglück“ verfolgte ihn. Schon an der Mündung des .- Flussees verlor er einen Dampfer und den Ingenieur Hitzmann, und als im September daß zweite Schiff hinter Bardera ein Leck bekam, die Bagage ans Land gebracht werden und D. nach Hülfe zurück nach Bardera eilen mußte, überfielen und ermordeten die Somali die zurückgebliebene Mannschaft, ein Geschick, daß auch D. in der Stadt ereilte. Die sechs beklagenswerthen Märtyrer der Expedition waren außer Hitzmann, Kinzelbach, Kanter, Linck, Trenn, Thornton. Nur fünf Europäer und sechs Neger retteten sich nach Sansibar. Die noch gerette–ten Sammlungen wurde mit außerordentlichen Kosten, welche die Familie opferfreudig– spendete (die Mutter Decken? war seit 1848 in zweiter Ehe die Gattin des Fürsten v. Pleß), in wahren Prachtwerken bearbeitet. Außer dem eigentlichen historischen Reisebericht: „Baron K. C. v. der Reisen in Ost-Afrika“, bearbeitet von C. Kersten, Leipzig 2 Bde. 1869–71 (in Bd. I1. S. 378–395 „Lebensbilder der Verstorbenen“) erschienen noch in vier Prachtbänden die wissenschaftlichen naturhistorischen Ergebnisse von einzelnen namhaften Fachmännern bearbeitet. s
Vgl. Petermann, Mittheilungen Jahrg. 186(3 S. 66; Zeitschriften der Berliner und Wiener geographischen Gesellschaften Jahrg. 1866. s Löwenberg.
Decken: Ludwig Eberhard v. d. T., geb. am 4. Mai 1812 auf
dem Gute Kahlenberg in Mecklenburg, trat am 1. April 1828 als Cadett in daß ehemalige königl. hannöversche Infanterieregiment zu Stade, wurde am L8. Mai d. J. Second-, 1832 Premierlitsutenant, am 4. Mai 1835 Generalstabsofficier III. Classe, von 1837–42 mit der topographischen Vermessung des Landes beauftragt, am 1. März 1843 Brigade-Adjutant, am 15., Juli Hauptmann, am S. Mai 1859 Major, am 12. Mai 1860 Oberstlieutenant, am 14. Juni 1866 Oberst, trat am 1. März 1867 als solcher in die preußische Armee über, wo er dem Infanterie-Regiment Nr. 59 zugetheilt wurde. Am 21. Nov. 1868 wurde er Commandeur dieses Regimentes, am 18. Juli 1870 der 6. Infanterie-Brigade und führte in der Schlacht bei Gravelotte die Avant- 1V
[4] garde der Division Hartmann. Am 25. Aug. bei Metz verwundet, starb er in Folge von Blutvergiftung am 14. März 1871 in Heidelberg, nachdem er am 18. Jan. d. J. zum Generalmajor befördert worden. Fromm.
Decken: Weipart Ludolf Hieronymus Wigand v. D., † 10.April 1845 als hannöverscher Generallieutenant der Cavallerie zu Verden. Geboren 28. Febr. 1781, diente er seit 1794 in der Armee, seit 1808 in der 1(j11gs (3S1–ms.n l-Ogjo11; als Rittmeister im 3. leichten Dragoner- (später Husaren-) Regiment nahm er 1807–8 Theil an der Expedition nach Rügen, gegen Kopenhagen und nach Gothenburg, darauf nach Portugal, wo er 1808 und 1809 den berühmten Rückzug nach Corunna nach der ruhmreichen Schlacht bei Talavera, in denen beiden daß Regiment sich auszeichnete, mitmachte. 1810 zwangen ihn Familienverhältnisse zur Rückkehr nach Deutschland. Am 25. (13.) März 1813 bekam er und Drost Christian v. Zesterfleth von Tettenborn den Auftrag, in Bremen-Verden ein Corps unter hannöverschem Feldzeichen zu errichten, nachdem ein von D. versuchtes Landsturm–Aufgebot vor dem anrückenden Morand zerstoben war. Er errichtete die Bremen-Verdener Husaren, mit deren einer Schwadron er das Gefecht bei der Göhrde (in der sog. russisch-deutschen Legion) mitmachte; ebenso den Krieg von 1815. Im Frieden hat er sich um daß Sattel- Modell der hannöverschen Cavallerie später verdient gemacht. S. v. d. Decken 1. o. – Mündliche Kunde. Krause.
Decker, BUchdruckerfamilie in Basel, Breisach, Colmar und Berlin. Die Familie Decker stammt aus dem Städtchen Eisfeld im Thüringer Wald und als Stammvater wird Kilian Decker, welcher um die Zeit von 1570–1600 dort lebte, betrachtet. Welchen Beruf oder welches Amt derselbe bekleidete, hat sich nicht feststellen lassen; dagegen ist als ganz sicher anzuehmen, daß ihm ein Sohn, welcher den Namen Georg erhielt, am Ls. April 1596 von seiner Frau Anna, einer geborenen Göring, geboren wurde. Ueber die Jugendjahre dieses: Georg D. fehlen alle Nachrichten, so viel ist nur sicher, daß er die Buchdruckerkunst, ob in Bamberg oder Hildburghausen, erlernte und seine Jünglingsjahre in die sturmbewegten Zeiten des dreißigjährigen Krieges fielen. Nach langen Kreuzund Querzügen gelangte er endlich nach Basel und begründete daselbst ein Geschlecht von Buchdruckern, welches nunmehr länger als dritthalbhundert Jahre blüht und, bevor der letzte des dortigen Stammes zu Grabe getragen wurde, bereits in Colmar und Berlin zu neuen kräftigen Bäumen emporgewachsen war, in deren Schatten der Name noch heutzutage eines europäischen Rufeä sich erfreut.
Georg D. (1635 –1661) begann seine Thätigkeit als Buchdrucker mit Drucken von zwei–beliebten Werkchen: „1918„t0Njs 1Msi19Jesi1us gr8eOe 4. und mi:` dem Wiederdruck eines kleinen epochemachenden Büchleins von Pamphilus Gengenbach: „Zehen Alter, Ein Schön und nützlich Spiel, darinnen der jetzigen Welt Ar: vnd Sitten wird angezeigt, sampt schönen Sprüchen auß der H. Schrift gezogen Jetzt newlich gebessert vnd mit schönen Figuren gezieret “ Gedruckt zu Basel bey Georg Decker, 1635. 8., und setzte diese 26 Jahre hindurch raftlois fort Auch der bekannte Orientalist Johann Buxtorff (’s 17. August 1664) ließ bei ihm ver schiedene Werke seines Vaters drucken, so wie der Ruf seiner Pressen weit hinau4 über das Weichbild Vasels drang, indem auSwärtige Buchhändler derselben fies oftmals zu Drucklegungen bedienten, wie z. B. 1680 Michael Schausselberge in Zürich für sein „Böhmisches Martyr-Büchlein“. Er war vermählt mi Margarethe Zäsinger, Wittwe des Buchdruckers Johann Schröter, und entsprosseJ aus dieser Ehe ein Sohn und drei Töchter.. Im Jahre 1661 übernahm sei4 Sohn Johann Jakob I. die Druckerei. Ueber seine Jugend ist nichts be kannt geworden, nur daß er als Factor der Druckerei von Theodor Falkeisen it
[5] Jahre 1660 vorstand. Er druckte von 1661–1678 sowol für sich, als auch für andere Buchhändler, z. V. für Johann König in Basel, Jeyremiae Witzensal Erben in Basel. Er sowol als auch sein Vater hatten ihr Augenmerk auf möglichst schöne Schrift und kräftiges Papier, welches in jener Zeit vielfach aus Lothringen kam, gerichtet, daher gerne bei ihnen Druckwerke für fremde Rechnung hergestellt wurden. Im Jahre 1677 ließ er sich von einem Herrn v. Andlau verleiten, eine Anzahl katholischer Bücher theils in Basel, theils in dem elsässi– schen Dorfe Hüsingen zu drucken, und da nun die Stadt Luzern durch Decker’s Thätigkeit ihre eigenen Bürger beeinträchtigt sah, so klagte sie gegen ihn und der Baseler Rath ließ nicht allein bei ihm eine große Anzahl solcher Schriften confisciren, sondern verurtheilte ihn auch zu einer namhaften Geldstrafe. Im Jahre 1680 verlegte Johann Jakob einen Theil seiner Druckerei nach Breisach, wohin ihn zu kommen die französische Regierung unter Zusicherung verschiedener Vortheile eingeladen hatte. Er war zweimal verheirathet: 1664 mit Anna Elisabeth Herscher, mit welcher ser einen Sohn Johann Jakob II. und mehrere Töchter zeugte, und 1677 mit Anna Schönauer, welche ihm einen Sohn Johann Heinrich schenkte, welcher in der Folge zu Colmar eine eigene Druckerei begründete. Johann Jakob 11. D. (1668–1726) setzte daß Geschäft seines Vaters zu Basel auf gemeinsame Rechnung mit seinen Geschwistern bis zum Jahre 1724 fort, wo er sich als Herr einer eigenen Officin einschreiben ließ; ob nun dieses in Folge der Auseinandersetzung mit seinen Angehörigen geschehen, oder in Folge des Erwerbs der Friedrich Ludin’schen Druckerei, die früher Eigenthum der berühmten Henricpetri gewesen, von deren Nachkommen an Jakob Bertsche übergegangen und von D. um diese Zeit angekauft und mit der väterlichen vereinigt sein mußte. Er war verheirathet mit Elisabeth Meyer ’und da er kinderlos blieb, vermachte er seine Buchdruckerei bei seinem 1726 erfolgten Tode an seinss Stiefbruders Johann Heinrich (l.) gleichnamigen zweiten Sohn. Johann Heinrich 1. (1679–1741) war am 18. März 1679 geboren zu Neu-Breisach und erlernte ebenfalls die edle Buchdruckerkunst. Der hohe königliche Rath, 1S Oo118Sj1 8upesrjeu1– ou 80uy9rAj11 (1’.-118e10S wurde durch eine Cabinetsordre Ludwigs 11W?. vom 14. März 1698 nach Colmar verlegt, und da er als: nachgeborner Sohn die Druckerei seines Vaters zu Basel nicht übernehmen konnte, faßte er den Entschluß, eine Druckerei in Colmar zu errichten, daß heißt er führte mit möglichster Beschleunigung die väterlichen Pressen sammt Schriften nach dem neuen Bestimmungsort hinüber, gewann aber bald die Einsicht, daß zum wirksamen und gedeihlichen Auftreten ein Ergänzen oder vielmehr Erneuern der abgenützten Druckerei gebieterisch an ihn herantrete. Eine Heirath mit Dorothea Wild aus Basel (geboren 1671), welche 1699 geschlossen wurde, brachte ihm die Mittel zu, seinen Plan auszuführen, und so zog denn das junge Ehepaar in die Mauern Colmars, begleitet von einem vielversprechenden Lehrling Namens Jean Grynäus, ein. Im J. 1699 fand sich der hohe Gerichtshof dorten unaufgefordert veranlaßt, den Besitzer dieser neuerrichteten Druckerei zum „lmizrj– 111Sur r0)7z1 (111 O0v8Sj1 80ms9r8,i11 c1’L188-O9“ mit erblichem Nachfolgerecht zu ernennen. In seiner äußerst glücklichen Ehe wurden ihm zwei Söhne geboren: Johann Ulrich und Johann Heinrich II. Seine Wittwe setzte die Druckerei nach seinem 1741 erfolgten Tode fort, auch wurde der erste Band von Schöpflin’s berühmtem Werke, der :z188.tjs j11ustrs,t.8– noch vor ihrem im December 1754 erfolgten Hinscheiden gedruckt, der zweite Band jedoch erst im Jahre 1761. – Der jüngere Sohn Johann Heinrich II. (170?–1754) kam zu seinem Onkel Johann Jakob nach Basel und übernahm bei dessen im J. 1726 plötzlich erfolgten Tode dessen Geschäft, führte am 1. April desselben Jahres Anna Catharina Respinger (geb. 1706) als Gattin in sein Haus und ließ sich
[6] als Raths und Universitätsbuchdrucker 1728 bei der Baseler Buchdruckergesellschaft eintragen. Aus dieser Ehe erblühten zwölf Kinder, von denen sechs in ihren ersten Jugendjahren starben. Die vier Söhne folgten sämmtlich dem Beispiele ihrer Vorfahren und widmeten sich der Buchdruckerkunst. Bernhard, der erstgeborne, starb im Jahre 1762 in einem Alter von 33 Jahren an der Epilepsie. Der jüngste fand nach einem vielbewegten Leben in der Druckerei seines Bruders zu Berlin das rettende Asyl und endete seine Laufbahn am 7. Mai 1772. Die beiden übrigbleibenden Söhne führten daß Geschlecht weiter, der eine in Colmar und der andere in Berlin. Georg Jakob 1. (1732–1799) wurde am 12. Februar 1732 in Basel geboren und genoß, nachdem er die Vorkenntnisse auf dem dortigen Gymnasium erworben, eine treffliche Erziehung bei„Pfarrer Brauer zu Münster im Gregorienthal, und kam als vierzehnjähriger Knabe bei dem Buchdrucker Hortin zu Bern in die Lehre. Darauf wurde er nach Straßburg, wegen seines bedeutenden Talentes, gesandt und bei der dortigen Akademie immatriculirt; jedoch wurde neben seinen Studien sein eigentlicher Beruf nicht vernachlässigt, sondern er verwendete seine freie Zeit auf Erlangung der Fertigkeiten beim Setzen und sonstiger nothwendiger Kenntnisse in der trefflichen Druckerei Le Roux’s, dann kehrte er, nachdem er anderthalb Jahre zu Straßburg zugebracht hatte, nach Basel zurück, doch duldete es ihn nicht lange in der Heimath und er zog im Jahre 1750 nach Frankfurt a. M., wo er in der damals blü- henden Börner’schen Buchdruckerei bis Michaelis arbeitete, ging dann nach Leipzig und da er keine genügende Arbeit gefunden nach Zeitz, wo er bei dem Buchdrucker Hugo ein leidliches Unterkommen fand. Um die Osterzeit 1751 ging er frohen Muthes nach Berlin, wo er von dem Hofbuchdrucker C. F. Henning mit offenen Armen, wegen seiner Kenntnisse der französischen Sprache, aufgenommen wurde und sofort den Satz von einem der anziehendsten Werke Voltaire“’s, I.0 8jß01S c18 1„oujs JLIV. begann, welches damals unter Francheville’s Namen bei Henning gedruckt wurde. Während dieser Zeit lernte er die Tochter des akademischen Buchdruckers Jean GrynäueI- kennen und verlobte sich mit derselben. Am 8. Januar 1755 feierte er mit seiner einundzwanzigjährigen Braut Dorothea Louise die eheliche Verbindung und übernahm nun die schwiegerelterliche Druckerei. Am 26. October 1763 wurde er zum Hofbuchdrucker ernannt. Seit dem Jahre 1769 fing D. an, Werke für eigene Rechnung in Verlag zu nehmen und legte dadurch den Grund zu einem umfangreichen Buchhandel; unter den damals von ihm verlegten Büchern befinden sich welche von Moehsen, v. Hertzberg, Denina, der Dichterin Karschin, Burmann etc. und mehrere Schriften des großen Monarchen (Friediich 11.) gingen, auf allerhöchsten Befehl, in der Hofbuchdruckere“ unter seine Presse. Zum bessern Betriebe seiner Buchhandlung reiste er alljährlich zur Oster- und Michaeliesmesse nach Leipzig, um dem damaligen Gebraucht gemäß persönlich den Aus tausch respective Ver- und Einkauf von Verlags und Sortimentsartikeln zu bewerkstelligen, indem er dadurch seine Verbindungen un1 Bekanntschaften, sowol im Inlande, als auch im Auslande erweiterte und imme“ mehr ausdehnte. Nachdem ihm schon der große König viele Gnade un? H–ld erwiesen, wurde sein Fridericianischer Verlag noch dadurch erweitert daß dessen Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., ihm und dem Buch händler Voß unterm 22. März 1787 ein Privileg über den Druck un1 Verlag der theils noch unedirten, theils von ihnen schon herausgegebene1 Werke Friedrichs II. und der davon zu veranstaltenden Uebersetzung ertheilte s jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß dieselben in einer besondere; zu e1 richtenden Druckerei, wozu im königlichen Schlosse Räumlichkeiten angewiese: wurden, hergestellt werden müßten. Am 24. September genannten Jahres ware: bereits zehn Pressen daselbst für diesen Zweck thätig und am 3. April 1789 wa
[7] der Druck der 28 Bände der Werke Friedrichs d. Gr. vollendet. Am 17. November 1799 starb Georg Jakob I., der Gründer des heute noch blühenden Geschäftes, nachdem seine Gattin ihm am 23. November 1784 in die Ewigkeit vorausgegangen war. G eorg Jakob 11. “(1765–1819) wurde am 9. November 1765 in Berlin geboren und erlernte die edle Buchdruckerkunst in seiner Hväterlichen Officin, dann ging er zu seiner weiteren Ausbildung nach Stettin auf zwei Jahre, wo er im Hause von Hermann Gottfried Essenbart conditionirte, dann im Jahre 1784 -in die Fremde um die berühmtesten Buchdruckereien kennen zu lernen und die Bekanntschaft der bedeutendsten Drucker und Schriftgie4ßer zu machen. Er kehrte darauf in seine Geburtsstadt zurück, wo er sich am 25. Juni 1792 mit Caroline Louise Elisabeth Eyssenhardt vermählte. Im J. 1792 übergab er seinem Schwager H. A. Kollmann den gesammten Verlag bis auf die Werke des großen. Königis, dessen Leitung er schon seit 1789 ihm anvertraut hatte, indem er sich Von nun an nur der Druckerei zuwandte und dadurch jede directe Verbindung mit dem Buchhandel löste. Unterm 18. Febr. 1789 wurde er auf Specialbefehl Friedrich Wilhelms 11. zum geheimen Oberhofbuchdrucker ernannt. Am 1. Jan. 1794 errichtete er auf Wunsch der preußischen Regierung die Buchdruckerei in Posen unter der Firma: Südpreußische Hofbuchdruckerei von Decker 35 Comp. Als Ordner derselben wurde der bekannte Litterar“historiker und spätere Diplomat Friedrich Schöll bestellt und ihm zugleich die Redaction der „Südpreuß-ischen Zeitung“ übertragen, welcher jedoch schon 1795 wieder zurücktrat und nachher im Baseler Geschäft eine neue Stellung einnahm. Denn dieses Baseler Geschäft wurde neben dem Berliner noch fortwährend beibehalten. So blieb es bis zum Jahre 1792, wo D. Jun. seinen Antheil an diesem Eigenthum, sowie sein ganzes Berliner Etablissement dem Sohne Georg JakobJ1m. verkaufte. Friedrich Schöll, welcher dem Pofener Geschäft vorgestanden hatte, wurde als Theilhaber in daß Baseler Geschäft aufgenommen. Aber Schöll verstand es nicht, daß Haus auf der Höhe zu halten wo es stand und richtete durch falsche Speculationen daß Geschäft bald zu Grundes. Um sich vor weiteren Verlusten zu sichern, verkaufte Georg Jakob II. das Baseler Geschäft unterm 1. Aug. 1802 für die Summe von 200000 Fres. an Johann Jakob Thurneyssen in Basel. Am 26. Aug. 1819 starb Georg Jakob nach einer langwierigen Krankheit. Am 31. August desselben Jahres wurde sein letzter Wille eröffnet. Nach demselben mußten seine hiesigen und auswärtigen Buchdruckerei- und Schriftgießereietablissements sammt allen Nebenzweigen in ihrem ganzen Umfange mit allen Fonds in der bis dahin üblich gewesenen Art unter Firma „Decker’sche geheime Ober-Hofbuchdruckerei“ solange für gemeinschaftliche Rechnung sämmtlicher Erben verwaltet werden, bis der dritte Sohn Rudolf die Volljährigkeit erlangt haben würde, welche mit. dem Jahre 1828 eintrat. Und so übernahmen die beiden Brüder Karl Gustav und Rudolf Ludwig, nachdem vorher der älteste Bruder Johann Georg Wilhelm in Nizza schon vor jenem Termine gestorben war, die gemeinschaftliche Führung des umfangreichen Geschäfts, und da aber auch am 20. April 1829 Karl Gustav verschied, so ging dies ganze Geschäft in den alleinigen Besitz von Rudolf Ludwig über, welcher es bis zum heutigen Tage noch fortführt und immer mehr zu Blüthe und Ansehen gedeihen läßt. Zu den hervorragendsten Werken der Decker’schen Officin können vor allen andern gerechnet werden: die „0euy1´s (18 1?r(s(1C!z1–j(J 1S (3trzr1(r im größten Quartformat in dreißig Bänden mit vielen artistischen Beilagen, auf Befehl König Friedrich Wilhelms IV. in 200 Exemplaren gedruckt und „Das neue Testament. Deutsch von M. Luther nach der Ausgabe von 1545“ bei Gelegenheit der großen Weltindustrie-Ausstellung 1851 in nur achtzig Exemplaren in Oliphant-Folio-
[8] format veranstaltet, ohne der vielen anderen herrlichen Druckwerke, welche aus dieser Officin hervorgegangen sind, zu erwähnen.
Vgl. Potthast, Die Abstammung der Familie Decker. Potthast, Buchdruckergeschichte von Berlin (unvollendet) etc. ` Kelchner.
Decker: Hans D., ein Nürnberger Bildhauer, von welchem wir nichts anderes sicher wissen, als daß er in einem alten Bürgerverzeichniß beim Jahre 1449 erwähnt wird. v. Murr (Journal zur Kunstgeschichte Thl. II. S. -4-6) schreibt ihm – doch wol aus keinem andern Grunde, als weil die Zeit stimmt – die kolossale Christoph-Statue, eine Stiftung des Heinrich Schlüsselfelder vom J. 1442 am südlichen Westportal der Kirche St. Sebald, und die „Grablegung Christi“ mit 8 überlebensgroßen Figuren in der Capelle St. Wolfgang bei St. Aegidien vom J. 1446 zu. Beide Arbeiten sind ziemlich roh. s er g a u.
Decker: Jeremias de D. war 1609 zu Dordrecht geboren, kam jedoch früh nach Amsterdam, wo sein Vater, ein Antwerpener von guter Familie, der als Fähndrich Ostende hatte vertheidigen helfen, ein Krämer- und Maklergeschäft betrieb. Auch J. D. verbrachte sein Leben (bis 1666) in Armuth und Arbeit; doch verschönerten es ihm die Liebe zu seinen Eltern, deren goldene Hochzeit er be-fingen konnte, die Freude an Natur und Dichtkunst, und die Freundschaft der besten Dichter und Künstler seiner Zeit. Rembrandt malte sein Porträt, Vondel lobte die „zierliche Nettheit“ seiner Verse. Flüssig und sorgfältig in der Form, verweilt er am liebsten bei rührenden, frommen Betrachtungen, wenn nicht die ReLigionsverfolgung in Piemont, die Feindseligkeit Englands gegen sein Vaterland des Dichters Zorn erregten. Seine „1)untc1jOk1tsN“ (Epigramme) sind wohlgespitzt; die Satire „l.0k (1Sr (;81ä2uO11t“ dagegen allzu breit und stellenweise platt. Letztere erschien erst nach seinem Tode; er selbst hatte seine anderen Gedichte unter dem bescheidenen Titel „lisn10eienj11gen“ 1656 . herausgegeben. Eine vollständige Ausgabe seiner Werke mit Biographie veranstaltete Brouerius van Nidek 1726, 2 Bde. Martin.
Decker: Joachim D., Tonsetzer und Organist zu Hamburg um 1600. Man kennt ihn lediglich als Theilhaber an dem vierstimmigen „Melodeyen Gesangbuch“ 1c., welches die vier HamburgerKirchspiels Organisten: Hieronymus Prätorius, Joachim D., Jakob Prätorius und David Scheidemann, im J. 1604 bei Samuel Riedinger daselbst herauesgegeben haben. Von den darin enthaltenen, die einfach harmonisirte Melodie stets in der Oberstimme führenden 88 Tonsätzen haben 30 Joachim D. zum Verfasser. v. Dommer.
Decker: Karl v. D. wurde 1784 geboren. Sein Vater war preußischer Artillerie-Officier († 1828 als Generallieutenant a. D.); D. trat schon 1797 bei der damals in Warschau stehenden Batterie seines Vaters ein. 1800 wurde er Officier, machte als Lieutenant bei der reitenden Artillerie den Feldzug 1806–7 mit und zeichnete sich in der Schlacht von Eylau so aus, daß er den Orden pour 1S m(srjts erhielt. 1809 trat er in daß Corps des Herzogs von Braunschweig-Oels, zog mit ihm durch Norddeutschland und folgte ihm nach England, wo er als Rittmeister angestellt wurde. 1813 kehrte er nach Preußen zurück, wurde Stabscapitän im Generalstabe bei der Brigade Klüx, dann bei der Brigade des Prinzen August, mit dem er im Winter 1814 an dem Feldzuge in Frankreich Theil nahm. 1815 war er Generalstabsofficier der Brigade Pirch und erhielt für seine Aus`3zeichnung in den Schlachten bei Ligny und Bellealliance das eiserne Kreuz 1. Classe. – D. blieb nach dem Frieden im Generalstabe, wurde 1817 Major und im folgenden Jahre Lehrer der Artillerie an der Kriegsschule, wie an der Artillerie- und Ingenieurschule und wirkte in diesen Stellungen
[9] sehr anregend durch die Lebendigkeit seines.; Vortrages . 1820 wurde er in den Adelstand erhoben, 1821 zum Dirigenten einer Section im topographischen Bureau ernannt, bald darauf Mitglied der Ober-Militär-Examinations Commission. Auf Veranlassung desPrinzen August trat er 1829 in den praktischen Dienst zurück und wurde als interimistischer Brigadier der 8., 1831 als wirklicher Brigadier der 1. Brigade angestellt. 1835 wurde er Oberst, 1841 als General zur Disposition gestellt und starb 1844. D. war ein Mann von großer geistiger Lebendigkeit, von viele m, nicht immer tief begründetem Wissen, von energischem Charakter und emsiger Betriebsamkeit, daher sehr geeignet, neue Unternehmungen ins Leben zu rufen und vielseitige Verbindungen anzuknüpfen. Die Unruhe seines reizbaren Temperaments spricht sich in seinem Lebensgange, wie in seiner auß- gebreiteten wissenschaftlichen Thätigkeit aus; in einem durch litterarische Streitigkeiten veranlaßten Duell mit dem Hauptmann Bachofen v. Echt erschoß er den letzteren und erlitt dcLfür eine Festungshaft in Spandau. Seine erste, im Auftrage des Generals v. Müffling verfaßte Schrift (1816) „Das militärische Aufnehmen“ hatte den Zweck, diese damals noch nicht allgemein in der Armee ge- übte Fertigkeit zu verbreiten. Von da ab bringt fast jeder Jahrgang ein neues Werk, so daß die Productivität Decker’s, der daneben an mehreren Zeitungen und Zeitschriften mitwirkte, allerdings sehr bedeutend war. Freilich tragen die meisten seiner Schriften auch daß Gepräge der Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit und wurden unter anderem von dem gelehrten und geistreichen H. v. Brandt mit Schärfe angegriffen. Ebenso führte D. einen langen Streis über die Form der Cavallerieangriffe mit dem Major v. Heydebrandt; D. wollte nur S11 1jg11S- Heydebrandt in Colonne attackiren. 1817 erschien in 3 Bänden „Die Artillerie für alle Waffen“ (1825 ins Französische übersetzt) und „Die Theorie des Reflectors. Ferner „Ansichten über Kriegführung im Geiste der Zeit nach Rogniat“, 1819. „Gefechtslehre der beiden verbundenen Waffen: Cavallerie und reitende Artillerie“, 1819. „Versuch einer Geschichte des Geschützwesens in Europa“, 1819. „Lesebuch für Unterofficiere und Soldaten“, 1820 (1821 3. Auflage).. „Der kleine Krieg im Geiste der neueren Kriegführung“, 1821. „Militärischtopographische Karte des Landes zwischen Rhein und Maas, 1824. „Bonaparte’s Feldzug in Italien 1796“, eine Schrift voller .Irrthümer, über die Clausewitz fast wegwerfend spricht, 1825. „Der Taschenartillerift“, 1827. „Taktik der drei Waffen, einzeln und verbunden“, 1828. „Grundzüge der praktischen Strategie“ (Handbibliothek Bd. R’11), 1828. „Praktische Generalstabswissen– schaft“ (Handbibliothek Bd. M11), 1830. „Daä- Schießen und Werfen, praktisch abgehandelt“. Als Manuscript gedruckt, 1832. „Ergänzungstaktik der Feldartillerie“, 1834. „Schlachten und Hauptgefechte des„siebenjährigen Krieges. Mit Atlas und Plänen, 1837. „Ansichten über den Dienst der Brigadebatterien bei einem Armeecorps im Kriege“, 1889. „25 Friedensjahre“, 1840 . „Die Schrapnelseinrichtung, Theorie und Wirkung dieser Geschosse“, 1842. „Algerien und die dortige Kriegführung“, 2 Bde., 1844. 1816 gab er mit Rühle v. Lilienstern daß „Militär–Wochenblatt“ heraus, daß 1824 dem großen Generalstabe überwiesen wurde; mit Blesson und Ciriacy begründete er April 1824 die „Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges und gab 1821–44 mit Blesson die „Militär-Litteraturseitung“ herauS. Zugleich entstand die „Allgemeine Handbibliothek für Officiere (oder populäre Kriegslehre) unter der Leitung der Redaction der Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges (1828), eine encyklopädische Sammlung von Compendien aller militärischen Wissenschaften, die neben sehr werthvollen Werken auch recht unbedeutende enthält. – Unstreitig hat D. daß Verdienst, daß wissenschaftliche Interesse und die Verbreitung nützlicher Fachkenntnisse in der Armee rege er-
[10] halten und befördert zu haben, was um so höher anzuschlagen ist, als in den J. 1815–40 manche entgegenwirkende Elemente zu bekämpfen waren. Ein Gegner des damals in der Artillerie noch herrschenden Constablergei stes, hat er den kriegerischen Sinn seiner Waffe zu beleben gewußt; die Erfahrungen des Feldzuges 1870–71 bewähren Decker’s, auch in dessen Persönlichkeit liegendes Princip der Offensive, der Selbständigkeit des Entschlusses, die immer zur Theilnahme am Gefecht drängt.– – Aber in seinen und seiner Freunde Händen waren die wenigen damals bestehenden Zeitungen und Zeitschriften, eigentlich war fast die ganze preußische militärische Litteratur in der Hand einer Coterie; dieselben Bücher erschienen in der Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges, der Handbibliothek und als besondere Schriften und wurden von den Verfassern oder den ihnen befreundeten Redactionen aufs wärmste empfohlen. Der lobpreifende, alle wahre Kritik fast aufhebende Ton, der in den Recensionen militärischer Werke durch Fachmänner üblich geworden, rührt aus der Zeit des litterarischen Zusa1..snenwirkens dieser Männer her, obgleich für seine Person, als echtes Berliner Kind, Neigung zu kecken und rücksichtsslosen Angriffen und daß Talen„t witziger Persiflage hatte. – Auch die Zeitschrift „Karten-Wegweiser durch Europa“ ist von ihm 1824 begründet worden. Unter dem Namen Adalbert v. Thale trat D. auch als belletristischer Schriftsteller auf und schrieb unter anderem die Lustspiele „Das Vorlegeschloß“ und „Guten Morgen Vielliebehen“, die in Berlin und an anderen Orten gegeben wurden. Ebenso schrieb er kleine Erzählungen und andere Aufsätze für belletristische Zeitungen. v. Meerheimb.
Decker: Paul D., der ältere, Architekt und Kupferstecher, geb. im J. 1677 zu Nürnberg, erlernte daselbst bei G. C. Eimmart daß Zeichnen und Kupfersteehen, ging im J. 1699 nach Berlin, wo er sich enge an den viel beschäftigten Architekten Andr. Schlüter anschloß. Er zeichnete für den letztem, stach auch im J. 1703 dessen Entwürfe zum Umbau des königl. Schlosses in Kupfer. Nach Schlüter’s Sturz ging D. im 1708 nach Nürnberg zurück, gab Vorlagen zu Plafonds, Kaminen, Möbeln etc., auch ein „Grotesken–Buch für Goldschmiede“ heraus, stach auch Porträts in Kupfer. Bald wurde er Hofbaumeister des Pfalzgrafen Theodor von Sulzbach, dann im 1710 Hofbaumeister in Erlangen und zwei Jahre später fürstl. Baudirector in Baireuth, woselbst er am 18. Nov. 1713 starb. Seine großen Werke über Architektur erschienen erst nach seinem Tode. – Siehe Doppelmayr, Nachrichten von Nürnbergischen Künstlern S. 267.
Paul D., der jüngere, Sohn des vorigen, war Maler und hat sich durch Viele mit Geschmack ausgeführte Porträts, welche meist von guten Meistern in Kupfer gestochen wurden, bekannt gemacht. Bergau.
Deckher: Johannes D., Advocat bei dem Reichskammergericht in Speier, nach der einen Angabe gestorben 1694, nach Anderen noch 1708 dänischer Staatsrath. Seine Thätigkeit war Vorzugsweise praktischen Schriften gewidmet, jedoch nicht hervorragend. Er schrieb: „0011jsOt.urzes c1e SO1–jptHjs e1-(1esp0rjs –1DSeucje1zj– gr:cxp11js St 8up1J08jtjjs; „001100räjsu1Jrem0rum tribunsijum 8. R. 1m;). 8jy8 re1eOti0ns (1e Os18jsjr110 00nsj1jo Os.re0 jmiJ0rjs 1j 8„u’1jOo“; „0o118u1mtj011es t“0rsns 1jbrj (1uo“; „1V10num911t9„ 18Otj0njs es.m0r81js mitsj(1uz9“; „7j11c1j0js.e pro yerjts te St „justjtj-t r0j In:-isc1ue 08msrs 1js; „l)j-110gus S1u1js tie J-1cturs„ tesmpOris.c1 0oni00turs C10 80rjptisäS8p0tjs 5t(1 8mj0Um“ (anonym); „Historische Nachrichten von den im römischen Reiche von Zeiten Friedrichs II. bis auf die Regierung Leopoldi vorgewesenen Interregnis und in denenselben hergebrachten Vicariaten, deren Verrichtugen und Zufällen“; „8umm01–. t:rjbunet1jum ju Ster- 111a11js. p1–o(:esi18 inkO1–msr.cjvus oder von Schreiben und Berichten und Gegen-
[11] berichten etc.“; „I.jber re1zrcjOnum 3s0t0rum er (1e0jsjOuum 0zmera1js „ju(1jojj“. Werke Frankf. 1691, Wetzlar 1722, 28 (Jöcher). v. Schulte.
Dedeken: Georg D. (auch Dedecken und Dedekenn geschrieben), lutherischer Theologe, geb. zu Lübeck 1564 (nicht 1574), gab die im J. 1590 zu Schönberg im Ratzeburgischen und die im J. 1595 zu NeustadtPin Holstein erhaltenen Stellen auf in Folge der Widerwärtigkeiten, die er sich durch freimüthiges Zeugniß gegen Concubinate seiner hohen Gönner zuzog, und wurde im September 1606 zum Prediger an der St. Catharinenkirche in Hamburg berufen, in welches Amt er im October desselben Jahres durch den fünf Jahre vor ihm nach Hamburg berufenen Hauptpastor zu St.Catharinen Philipp Nicolai eingeführt wurde. Er war nach dem Zeugnisse seiner Zeitgenossen ein gründlich gelehrter, arbeitsamer und geachteter Geistlicher; seine eigenen Erlebnisse und die . Richtung der Zeit führten ihn auf die Cafuistik, der auch sein bedeutendstes Werk, der „’1’11S88„urus 0onsj1j0rum St (:1S0jsj011um“ angehört, ein Werk, daß solchen Ansehens genoß, daß es 33 Jahre nach seinem ersten Erscheinen (1623, 1671) noch einmal vom Professor J. C. Gerhardt in Jena herausgegeben ward. Heutigen Tages ist D. noch genannt als Herausgeber der Werke seines Collegen Nicolai, dem er auch am 29. October 1608 die Gedächtnißrede hielt. Wegen seiner „Neuen Tragödie von Jephta dem Gileaditer“ gedenkt auch Goedeke in seinem Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung seiner. D. starb am 29. Mai 1628 mit Hinterlassung einer zahlreichen Familie. Unter den vielen Nachrichten von seinem Leben verdienen besonders genannt zu werden diejenigen in Moller, 0jmbrj.2t 1jttsrst-t 1. p. 182–134 und im Lexikon der hamburgischen Schriftsteller I1. S. 15–18. Vertheau.
Dedekind: Constantin Christian D., Musiker und Poet, geboren zu Reinszdorf in Anhalt-Cöthen, vermuthlich 2. April 1628, seit 1654 Bassist in der Dresdner Capelle und 16C:36 bis anscheinend 1676 Concertmeister der deutschen Abtheilung derselben, gest. 1697 als kaiserl. gekrönter Poet und kursächsischer Steuereinnehmer. Als Mitglied des Elbischen Schwanenordens führte er den Namen ConCorDin. Sowol Poesie als Musik müssen ihm recht leicht aus der Feder geflossen sein, wie man aus seiner umfänglichen Production schließen darf. Als Dichter hat er geistliche Lieder geschrieben, auch Ballette verfertigt, besonders aber zahlreiche Texte zu geistlichen Musikdramen verfaßt, welche am Dresdener Hofe zwar vieler Beliebtheit sich erfreuten, an Plattheit und Roheit des Stiles aber kaum jemals übertroffen worden sind („Neue geistliche Schauspiele, bequemt zur Musik“, Dresden 1670; „Altes und i)keues in geistlichen Singspielen“, Dresden 1681). Auch seine Compositionen fanden viel Anklang und selbst Heinrich Schütz füllte in einem Briefe, welchen in seiner „Elbischen Musenlust“ „ abdruckte, ein günstiges Urtheil über seine Melodien. Vollständig aufgeführt findet man seine musikalischen Arbeiten bei Gerber und Becker: „Melodien zu Bußgesängen von Joh. Frentzel“, Leipzig 1655; „Aelbianische Musenlust, 175 Lust-, Ehren-, Zucht- und Tugendlieder mit -Melodien“, 4 Thle., Dreisden 1657; „Geistliche einstimmige Concerte“, ebd. 1662; „24 und 30 Davidische Psalmsprüche“, ebd. 1663; „SalOmonische Liebesworte“, ebd. 1664; „Heilige Leidenslieder“, 2yo(:. mit GB., ebd. 1666; „geistliche Concerte“, 2 Thle, ebd. 1672; „120 deutsche geistliche Concerte“, 2 Thle., ebd. 1676; „Sonn- Und Festtags– andachten“, ebd. 1683; „Musikal. Jahrgang und Vespergesang“, 2E-oO. mit Orgel, ebd. 1694, und einige andere.
Euricius D., aus Neustadt stammend, war zu Ende des 16. Jahrhunderts Cantor an der Johanniskirche zu Lüneburg und hat herausgegeben: „Br87es xye1–j0c18„8 kImi1g91i0rum von Advent bis Ostern“, 4–5 wo., Lüneburg 1592
[12] s Henning D. war um 1590 Cantor zu Langensalza, wurde 1614 Prediger daselbst und 1622 Pfarrer zu Gebfee. Er hat drucken lassen: „1)o(1S1(zt0110n etc. Neuwe ausserlesene Tricinia auff fürtreffliche lustige Texte &c.“; Erfurt 1588; „Soldatenleben etc., 57oO. zum Gebrauch für allerlei Instrumente“, Erfurt 1628; „Kinder-Musik2c., in richtige Fragen und gründliche Antworten gebracht“, Erfurt 1589; „1–’rz9c:ursor metri0us musj08„z artjs St0.“„ Erfurt 1590. v. Dommer.
Dedekiud: Friedrich D., lateinischer und deutscher Dichter. Geb. zu Neustadt an der Leine als Sohn eines Fleischers; studirte in Wittenberg, wo er 1550 Magister wurde und noch 1552 verweilte. Später war er Pastor in seiner Vaterstadt, 1575 kam er nach Lüneburg als Pastor zu St.- Michael und Inspector über alle Kirchen im Bisthum Lübeck. Er starb am 27. Februar 1598. Seinen s litterarischen Ruhm hat er schon Vor erlangtem Magisterium gegründet durch den lateinischen „Grobians (1549); und die übrige Laufbahn des Schriftstelleres geht in absteigender Linie. Wenn er die Sprüchwörter Salomo’s in lateinische Distichen, den Katechismus Luther’s in lateinische Jamben brachte, so mochte ihm daß. vielleicht die Mitwelt, gewiß nicht die Nachwelt danken. Auch seine deutschen Dramen: „Der christliche Ritter“ (1576, dann 1590) und „Der bekehrte Katholik“ (1?8-pjsm (:Omsersus 1596) verdienen den Beifall nicht, den sie in älterr und neuerer Zeit gefunden haben.
Der „christliche Ritter“ ist 1604 durch den Rector Johannes Bechmann zu Braunschweig neu herausgegeben und erweitert worden; unter andtsrm hat er plattdeutsche Bauernscenen eingefügt, die er zum Theil aus einer Komödie des Omichius (Damon und Pythias 1578) schöpfte. Daß Stück bedurfte gar sehr einer Auffrischung durch dramatisch wirksamere Scenen. Zu Grunde liegt eine P Stelle des Epheserbriefs: „Ziehet die Rüstung Gottes an, um bestehen zu können gegen die listen des Teufels.“ Paulus beschreibt die Rüstung, den Gürtel der Wahrheit, den Panzer der Gerechtigkeit, den Schild des Glaubens u. s.w. Crazmus h atte unter Anknüpfung hieran sein 13mJ11j1–j(1j(m mj1jrjs (:11rjstjs„nj verfaßt; und Alexius Bresnicer (s. diesen) brachte die Sache 1553 in ein Drama: diesem folgte D. Sein Ritter erfährt, daß die Welt alle seine Laster kennt, er will sich bekehren; ein Pharisäer und ein Franciscaner rathen ihm äußere Werkheiligkeit, Moses macht ihm die Hölle heiß mit der Strenge des Gesetzes, sein Gewissen wacht auf und vermehrt diese Qualen: aber Paulus gibt den Trost, daß Christi Tod auch ihn erlst habe; Glaube, Hoffnung und Liebe finden sich bei ihm ein. Die Hölle, welche dieser Beute schon sicher zu sein glaubte, verschwört sich, ihn zu verderben. Die Seinigen rüsten ihn aus zum Kampfe, den er im fünften Act siegreich besteht gegen Unglauben, 880u1sjts„ 19retsumptjogegen die Zechbrüder llesiuo und 1.urO0„ gegen die Pharisäer und Franciscaner, gegen 701upts 1)881Jere1tjO- 1miJArj911tjs„ schließlich gegen die obersten Teufel selbst. Zwischen den allegorischen und nichtallegorischen Personen, die sich um ihn streiten, macht der Ritter manchmal eine etwas traurige Figur. Daß Thema konnte, auch mit den Mitteln des 16. Jahrhunderts, viel wirksamer behandelt werden. Aber der Verfasser hat alles auf die erbauliche Tendenz bezogen und die unbefangene praktische Ausführung vernachlässigt. Er sagt in der Vorrede, er habe „die Affection, Aenderung des Gemüths ausdrücken wollen: daß ist ihm aber nicht gelungen.
Noch schwächer ist der in hohem Alter geschriebene „1)8„pjsts O011ysi´sus: Petrus, der vom Engel aus dem Gefängniß geführt wird, inäz 16. Jahrhundert übersetzt. Simon ist ein Katholik und eifriger Marienverehrer, den Luther und Melanchthon für den rechten Glauben gewinnen und der dafür durch Schuld seiner widerstrebenden Frau – sie ruft ihren Vater und Bruder, diese den
[13] Pfarrer, der Pfarrer den Bischof herbei – alle Roth eines Ketzers erduldet und ohne die unmittelbare Intervention des Himmels dem Märtyrertode anheimfallen` würde. Auch hier höchst mangelhafte Technik. Die Satire gegen den Papizmus nicht schlecht, aber ohne Schärfe und etwas ärmlich; die Scenen, in denen es um Tod und Leben geht, flüchtig und matt; die innere Verkettung der Begebenheiten gering und oft gar nicht vorhanden. Das Stück gibt fast nur eine Reihe von Belehrungen, Katechesen, Disputationen, die sich alle um einen Punkt drehen: es wird darin, wie D. selbst bemerkt, „kürzlich wiederholet die Summa und Inhalt unser christlichen Religion und reiner Lutherischen Lehr“. Diese didaktische Brauchbarkeit bestimmte noch einen schweizerischen Dichter des 17. Jahrhunderts, beide Dramen Dedekind’s mit anderen zu einer Trilogie zu verarbeiten, worin die Noth und Rettung Simons auf den christlichen Ritter übertragen wird. “ Es ist ein merkwürdiges, aber nicht vereinzeltes Phänomen, daß ein anscheinend so talentloser Dichter wie D. in seiner Jugend eines der poetischen Hauptwerke unseres 16. Jahrhunderts geschrieben hat. Der „Grobianus ist nicht so einflußreich wie das „Narrenschiff“, aber er ist mehr charakteristisch für die Zeit und für Deutschland. Die Gestalt de9 „Grobianus ist in ihrer Art ebenso bedeutsam wie die Gestalt des „Faust“. Wenn diese den tiefsten, so verewigt jene den häßlichsten Zug der Epoche, ihr unfläthiges Wesen, ihre wüste Roheit, ihre weitverbreitete Verachtung der seineren Umgangsformen, ihre dreiste Art mit Frauen zu verkehren.
Der Grobianer steht nach D. nicht vor 12 Uhr auf, er gibt niemand guten Morgen – damit ihm niemand zu danken brauche und weil ja solche Wünsche doch nichts helfen. Gähnend reckt er seine Glieder; die stärksten Unvollkommenheiten seiner Toilette stören ihn nicht; die Haare läßt er wild wachsen; Gesicht oder Hände zu waschen hält er für eine Schande; seine Zähne zu putzen weigert er sich und läßt sie gelb sein wie Safran, ist doch gelb auch daß Gold, das alle Welt liebt. Der Grobian hütet sich sorgfältig vor Bescheidenheit und Höflichkeit. Er putzt die Nase nicht, er läßt ihr lieber ihren natürlichen Schmuck, den Goldringen und Edelsteinen vergleichbar, welche die Indier darin tragen. Aber weil man Maaß halten soll in allen Dingen, so treibt er das nicht weiter als biss der Mund in Mitleidenschaft gezogen wird. Jedoch er schneutzt sich, er schnauft, er hustet, er niest möglichst laut, möglichst sichtbar, möglichst empfindlich für die Mitbewohner des Hauses. Den Functionen und Wechselfällen der gehinderten oder erleichterten Verdauung thut er keinerlei Zwang an. Scham und Anstand in der Rede zu beobachten, ist gegen die Natur. Wenn ein anderer etwas neues erzählt, so horcht er mit offenem Munde und lacht so laut, daß man es auf der Straße hört.
Das sind nur einige p:obeweis herausgegriffene Fragmente des lieblichen Bildees, daß uns D. entrollt. Auch er bedient sich keiner vorsichtigen Verhüllungen des Ausdrucks, wie sie hier angewendet werden, sondern nennt alle Dinge bei ihrem natürlichen Namen. Der Hauptaccent fällt auf daß unfläthige Benehmen bei Tische.
Als im 12. und 13. Jahrhundert sich die Deutschen unter der sanften Zucht der Frauen an bessere Manieren gewöhnten, da wurden Sittlichkeit, Sitte und Anstand auch in Versen gelehrt. Specielle Anweisungen der Tischzucht kommen damals wie noch im 16. Jahrhundert vor. Die rohe Lustigkeit des 15. Jahrhunderts drehte die Sache ironisch um und gab Vorschriften zur Unanständigkeit. Die Sittenlehren des Cato wurden so parodirt (Zarncke, Der deutsche Cato, S. 143). Als dann Sebastian Braut die Narren der Zeit auf sein berühmtes Schiff lud, da konnte er die groben Narren nicht übergehen: Glimpsius ist leider todt, die Sau hat die Krone auf, und ein neuer Heiliger, Sanct Grobian, den
[14] will jetzt feiern jedermann. Thomas Murner und Andere verbreiten diese glückliche Bezeichnung, und 1588 schreibt ein W. S. (Wilhelm Salzmann? vermuthet Goedeke) ein prosaisches Büchlein: „Grobianus Tischzucht bin ich genannt, denH Brüdern im Säuorden wohlbekannt.“ An ihn schließt sich D. Er gibt sich den Anschein, als wolle er die harmlose Einfalt ursprünglicher Sitten lehren; er lobt diejenigen, die daß; Urtheil der Menge verachten; und statt der Weisen ruft er an den Silvanus und die Faune, den Bacchus und die alma Rusrj0jts„8 r1ost1–0 Des mazcjms8O1O.
Die Form der durchgeführten .Ironie, die sich stellt, als wenn sie das roheste für das schönste hielte, hat er von seinen Vorgängern überkommen. Er verfehlt auch auf den heutigen Leser nicht eine gewisse Wirkung. Man staunt über die Erfindsamkeit im schmutzigsten Stoff, obschon gelegentlich Ekel aufsteigt. Bei den schlimmsten Streichen ertheilt der Autor seinem Schüler mit komischer apFeierlichkeit die Versicherung: so wirft du dich unfehlbar vor allen Menschen beliebt machen. Doch bekommt die Sache bald etwas eintönigetz. Das Material ist schlecht geordnet, vieles wiederholt sich; geistreiche philosophische Motivirungen für die ironischen Präcepte sind leider nicht häufig eingestreut; auch Geschichten werden nur selten erzählt, und beiläufige culturhistorische Belehrungen wie über die besten B.iersorten (l, 8) oder über Schwarzbrod und Weißbrod (1l, 1) begegnen nur ganz vereinzelt. Eins der hübschesten Capitel behandelt die Tischgespräche: wie einer Liebesgeschichten erzählt, der Soldat von Schlachten, der Jäger von Hunden redet; wie dann sich Meinungsverschiedenheiten erheben, hier über die Seelenwanderung, hier über Naturwunder, hier über Politik; wie es von Worten zu Thätlichkeiten kommt: die Anlage zu einer guten Satire ist gemacht, es fehlt nur die feste ausführende Hand. Der Charakter der Tischzucht überwiegt: als ob eine solche nur erweitert worden wäre. Die erste Ausgabe (1549) hatte zwei Bücher, in dem ersten ist der Grobianus als Sohn des Hauses oder als Diener gedacht, der bei Tische zu serviren hat; im zweiten ist er entweder selbst Gast oder empfängt Gäste. Gleich bei dem Erscheinen des Buches wurden deutsche Uebersetzungen versprochen, nur eine wohlgelungene von Kaspar Scheidt in Worms kam wirklich zu Stande 1551. Scheidt’s Vermehrungen benutzte zum Theil und fügte der zweiten Auflage seines Werkes ein drittes sehr gemischtes Buch hinzu (1552). In der dritten Ausgabe (1554) ist dann dem Grobianu;5 die Grobiana beigesellt, ein besonderes Capitel mit grobianischen Vorschriften für die Mädchen, wie sie dreist umherblickend, stark decolletirt und mit stark aufgehobenem Kleide über die Straße gehen, öffentlichen Schaustellungen nachlaufen, den Männern entgegenkommen, männlichen Gelagens beiwohnen und sich an dem vielen, was sie da sehen und hören können, ein Beispiel nehmen sollen. Auch der ewige Krieg der Frauen und Flöhe wird kurz geschildert, den Fischart später in der „Flöhhatz“ mit so großem Erfolge dargestellt hat.
Diese letzte Gestalt des Grobianues suchte, auf Grundlage der Arbeit von Scheidt, Wendelin Hellbach deutsch wiederzugeben (1567). Eine prosaische Fassung ging neben her (niederdeutsch 1583). Ein deutscher Grobianus von Georg Werner ist verloren. Wenzel Scherffer gab eine Bearbeitung in Alexandrinern (1640) und deren letzte Ausgabe (1708) bekundet schon durch den Titel „Der unhöfliche Monsieur Klotz“ die wieder höflich gewordene Zeit. Aber noch 1739 erschien eine englische Uebersetzung des lateinischen Textes. So lange hat der Geist Friedrich Dedekind’s auf die Nachwelt gewirkt.
Moller, 0jmb1–j:-t 1jt.terzts„ ll, 160 8. Jöcher. Flögel, Geschichte der komischen Litteratur 111, 309–817. Goedeke in der Zeitschr. des historischen Vereins für Niedersachsen 1852, S. 37O–385; 1?Jysizs–mmi S. 93–102.
[15] 221–222; Grundriß S. 380 f. 366. Wackernagel, Fischart 105. 110. Berner Hs. (Mitth. Von L. Hirzel). Bei Jördens u. A. Verwechselung mit – Constantin Christian Dedekind (s. o.). Scherer.
Dedekilld: Johannn Ludwig Julius D., braunschweigissher Jurist, A geb. 21. Februar 1728 zu Scheppenstedt, † 1787. Er studirte fett 1745 m . Hellsstitht lwu13des na-kh! sendiIe1ß f-IMien 3uezst Ix)f1Lßsts)ejßdem ZIgericht m o sen ü e , ann o erra ae un er1 u er zu eppenstedt,4 1783 aber herzogl. Lehnsfiscal und Kammerrath zu Wolfenbüttel. Als juristischer Schriftsteller trat er gegen Daniel Nettelbladt auf. mit der „O0m– msi1tm;jo jurj(1j(:z (16 00Utr3totu- quOm jr1´sgu18-1´s c1Sposjtum psi111bue1–unt“„ 1753. y 9zll:1;hl?sfas excheine ,js7sks71tzeitung zum Proceß der herzogl. Braunschweig-Wolfen- ü e’ en er1 e“, .
Weidlich, Biogr. Nachrichten von d. jetztlebd. Rechts Gelehrt. l, 131 f. Meusel, Lexikon. Stffh.
Dedekind: Julius Levin.UlJich D., geb. zu Holzminden im Herzogthum Braunschwe1g 9m 1J. Juyh 1.s95, besucht.e die dCJrt1ge gelehrHe Hehule, – bezo’g 1m ;816. die. UmveMtat Go–ttmgen, erhielt nsi ,.z. 1si.LJ .den 1urqtischgn Prs,tthab1llt1rts steh Cm 1?20 alsdPJvaFok:lens be1txr Huntischen ;IxaJllltgx in ingen un wur e na em To e es o eg1enra u e, am– . pr1
1822 zum Lehrer der Rechtswissenschaft und zum Syndicus des Collegium Carolinum in Braunschweig und zum außerordentlichen Professor, im J. 1823 aber zum ordentlichen Professor ernannt. 50 Jahre hindurch hielt er an der Anstalt Vorlesungen über verschiedene Materien der Rechteswissenschaft, über Statistik, Handels ZeogMpß)ie, Nationßlökonodmiö; sTefäRichte 2es Im J. 1II5t wuEded auchstLkhrer er iitärgeograp ie un e i e an er neu erri ) een a e esnan at in Braunschweig und erhielt daß Directorium des herzoglichen J)1Helligenzcompt;7irs und die Redaction des im J. 1868 eingegangenen Braunschwe1gischen Magazms, so wie er auch bis zur Aufhebung der Censur mit derselben über die in Braunschweig erscheinenden Schriften beauftragt war. Im J. 1835 wurde D. zum Porstgtnde der mercantilischen Abtheslung.des0 Collegium Ca.rolingm erJ1annte er- Telt 11s J. 1836 den Charakter als HoLsith,;en 25. Apr1l018lH1 also)g??1n1er ofrat und am 26. Aprill872, an we em age er sein 5 jä,riges ,„;u iäum als Lehrer am Collegium Carolinum feierte, daß Commandeurkreuz des Ord.ens jhFtz1tzrichßdes Löwßn. Crdßtceßrb 7k7 Jx1hße .c:ßt ztFi I:au1Issz)rJeig at;: fzlueß:1ft y P. ss. war em grün i er, ennnire1er e sgee rer un e i S-
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in der älteren und mittleren Zeit die Succession nach dem Rechte der CogNation Wertragen sei, und seine Bearbeitung der im J. 1821 von der Societät der issenschaften in Göttingen gestellte Preisaufgabe, eine auf Urkunden und zuverlässige Quellen gegründete Beschreibung der Gaue zwischen Elbe, Saale, Unstrut, Weser und Werra, wie sie im 10. und 11. Jahrhundert befunden sind. Diese Arbeit erhielt, „an sich des Preises ebenfalls würdig befunden“, das Accessit. Kenner wollen behaupten, daß sie der mit dem Preise gekrönten Schrift deeJ 5anddrosten v. Wersebe vorzuziehen sei, der -junge unbekannte Privatdocent aber em einflußreichen hannoverschen Beamten und bekannten Schriftsteller habe n(Ä?st?3he1J mütze1;ch– gehriFeJt ;1luchdaußer eßahlrex)chen kleineren Abhandlungen: „ r1 emer e l e er ..ue en es We selre ts und seiner Bearbeitung in sämmtlichen Staaten Europa’s. Braunschweig 1846. 8; „Grundzüge der Geschichte des Landes und Per Landwirthschaft des Hßrzogthums Braunschwtzig“, ebd. 1858. 8; „Scheverlmgenburg und Walle. Em Vertrag zur Gesch1chte
[16] welfischer Allodien und Stiftungen“. Braunschw. 1856. 8. In dieser Abhandlung, welche, wie die erwähnte Arbeit über die Gaue, nicht im Buchhandel erschienen ist, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, daß die Ermordung des Markgrafen Ekbert III. von Braunschweig im J. 1090 weder in der Mühle zu Eisenbüttel bei Braunschweig, noch in einem im Selkethale am Harze belegeuen Eisenhammer, sondern bei Isenbüttel an der Salke (Selicha) im Amte Gifhorn, als der Markgraf von Scheverlingenburg nach Braunschweig zurückkehren wollte, sich ereignet habe. Noch kurz vor Dedekind’s Tode wurde eine von ihm verfaßte Concurrenzarbeit über die „Geschichte der deutschen Landwirthschaft“ mit dem Preise gekrönt. Spehr.
Dedelley: Jakob D., geb in Freiburg in der Schweiz, † 1757, trat in den Jesuitenorden, übernahm in Ingolstadt 1730 die Professur der Logik und 1733 jene der Metaphysik; in den Jahren 1748 und 49 war er Rector des Jesuitencollegiums zu Dillingen. Er schrieb außer einer „1911j1Osop11is, morsijs (1733) ein Compendium der Logik unter dem Titel „8ummu1us 1Ogj0z9“„ welches bei seinen Ordensgenossen solchen Beifall fand, daß es von 1728–51 sieben Auflagen erlebte (dasselbe beruht wesentlich auf einem größeren Werke des im J. 1651 verstorbenen Jesuiten Oviedo); auch in der Ethik bewegte er sich ß lediglich in dem üblichen Fahrwaffer der Jesuitenlitteratur. Barker, Bib1j0t11. c1Os .es(:rjmj11S c1e 1A O0mps„gNjs (jls J(ssus l7. 1J. 167. I Prantl.
DedeloW: Nicolaus D., gebürtig aus Havelberg, ’s 1485. 30“ Jahre hindurch leitete er, wie aus dem Decanatsbuch hervorgeht, die Greifswalder Artistenfacultät, erwarb jedoch auch die theologischen Würden. 1457 als Canonicus und im Jahre darauf als Examinator genannt, übernahm er 1459 zum ersten Male daß in der Folge wiederholt verwaltete Decanat. 1461 ward er Baccalar der Theologie und las nun den Cursus über die heilige Schrift, später über „8S11tzntjse“ oder Dogmatik. Im Todesjahr des Stifters der Greifswalder Universität, des Bürgermeisters Heinrich Rubenow, 1462 verwaltete er daß Rectorat für den Herzog Swantibor. Später nach Magdeburg als Canonicus, j11 ms„j0rj z0O1esja St j11 t118010gjs, 19Ot0r 880umi8rjus berufen, kehrte er 1470 nach Greifswald zurück und bekleidete 1474 zum zweiten Mal das Rectorat. Nunmehr tmc:(zex18rjus korr11emi8 und 0O11Sxxjetcus geworden, erhielt er am 24. Oct. 1476 vom Vicekanzler Johann Parleberg die 1j(:c–znt.js zum Doctorate, wurde 1477 88„ers ps.gj118s 1jOsntjstus„ und verwaltete 1480 zum dritten Male daß Rectorat, bei dessen Uebernahme er tr1O010gjse 1jOsutjAt.us St j11 S-Mem 0r(1i118„rius genannt wird. Während dieses Rectorates brach jener heftige Streit zwischen dem Bischof Marinus von Cammin und seinem Domcapitel aus, in welchen der gesammte Clerus des Landes, sowie auch Rath und Bürgerschaft von Greifswald hineingezogen ward. Vom Papst ohne Zuziehung der Landesbehörden gewählt, beutete der Bischof eigensüchtig sein hohes Kirchenamt aus: und erregte dadurch allgemeinen Anstoß. D. war ein Freund des Greifswalder Bürgermeisters Smiterlow und unterstützte denselben nicht nur gegen die Bürgerschaft bei einem Aufruhr, den die persönliche Anwesenheit des Bischofs Marinus.s zur Beilegung jenes Streites in Greifswald veranlaßt hatte, sondern auch bei einem über die Lehrmethode ausgebrochenen Universitätsstreit, indem er mit demselben für die realistische Doctrin eintrat. 1482 heißt er (10(:tor 8et(J1–8„S t11S010gjse und yjOs– os 11cen8„rjus„ 1483 auch Cantor des Domcapitels. Er starb nach einem arbeitszvollen Leben an der damals herrschenden Pest. Kosegarten, Gesch. der Univers. Greifswald I. S. 90 und 152. – Pyl, Pom. Gen. 11. 270. 274 ff. Häckermann.
[17] Dcdo (Dedi), der Name mehrerer von den Ahnen des Hauses Wettin. Dedo I., Sohn des ’1’1180(10rj0us (1z trjbu Bu2j2i„ stand von Kindheit an bei seinem Verwandten, dem nachherigen Markgrafen Riddag von Meißen, in Dienst; im J. 974 drang er, wahrscheinlich im Zusammenhange mit dem Kampfe zwischen Kaiser Otto II. und Herzog Heinrich von Baiern, in welchem er des letzteren Partei ergriff, an der Spitze eines böhmischen Heerhaufens in Thüringen ein, vertrieb den Bischof Hugo von Zeitz, einen Anhänger Otto’s, entführte aus Calbe a. d. Saale seine Schwägerin, die Nonne Oda, Markgraf Friedrichs von Nordsachsen Tochter, für Miesco von Polen, dem sie bisher verweigert worden war, und nahm auch seine Mutter Jutta, eine Tochter des Grafen Bio von Merseburg, mit sich. Später, nach seiner Ausföhnung mit Kaiser Otto III., brachte er die Burgwart Zörbig, welche seine Vorfahren als Reichslehen innegehabt hatten, als Erbgut an sich und seinen Bruder und wurde 13. November 1009 unweit Tangermünde von Markgraf Wernizo von Nordsachfen in einer Fehde erschlagen. Von seiner Gemahlin Thietburg, Tochter des nordsächsischen Markgrafen Dietrich, hinterließ er einen Sohn Dietrich (s. d.). Dedo II., geb. 1012, des vorigen Enkel, 1034 Markgraf der Oftmark, in erster Ehe vermählt mit Oda, der Wittwe Graf Wilhelms d. ä. Von Orlamünde, in zweiter mit Adelheid von Brabant, der Wittwe Markgraf Otto’s von Meißen, welche ihm zwei Söhne, Heinrich von Eilenburg und Konrad, der von den Slaven erschlagen wurde, gebar. Durch sie bewogen erhob er Ansprüche auf die thüringischen Lehen ihres ersten Gatten, fiel, da sie ihm verweigert wurden, 1069 in Thüringen ein, bemächtigte sich der Burgen Beichlingen und Scheidungen, mußte sich aber nach deren Fall dem König Heinrich lD’. ergeben und seine Freiheit mit dem Verlust eines großen Theils seiner Erbgüter erkaufen, während sein gleichnamiger Sohn erster Ehe durch Meuchelmord endete, angeblich auf Anstiften Adelheids, weil er sich dem König angeschlossen hatte. Nach dem Gerstunger Frieden söhnte er sich zwar mit dem Könige aus, starb aber 1075 ohne seine Mark wieder erlangt zu haben. Markgrafen von Meißen nennt ihn Cosmas von Prag vermuthlich nur, weil er dort die Vormundschaft über Ckbert II. führte.
Dedo 1s., Sohn deck- Grafen Thimo von Wettin, besaß mit seinem Bruder Konrad gemeinschaftlich die Allode ihre Hausees, nahm seine verstoßene Gemahlin Bertha von Groitzsch auf Anmahnung der benachbarten Bischöfe wieder zu sich, gründete 1224 das Peterskloster auf dem Lauterberg, mußte aber dessen Vollendung, 26. December dessölben Jahres auf dem Rückweg aus Palästina vom Tode ereilt, seinem Bruder überlassen.
s Dedo Das., der Fette, des vorigen Neffe, erhielt als der dritte der von Markgraf Konrad von Meißen hinterlassenen Söhne aus dem väterlichen Erbe die Herrschaft Rochlitz, wozu 1144 von seines Oheims Wittwe Bertha, die ihn erzogen und an Kindesstatt angenommen hatte, die Grafschaft Groitzsch und 1185 nach seines Bruders Dietrich Tode die Grafschaft Eilenburg und die Mark Landsberg kam, mit welcher letzteren ihn Kaiser Friedrich I. erst nach Bezahlung von s 4000 Mark belehnte. Diesem folgte er wiederholt auf seinen Zügen nach Italien und starb 16. Aug. 1190 im Begriff Kaiser Heinrich 7l. nach Apulien zu begleiten, an den Folgen einer Operation, durch welche ein Arzt ihn von dem lästigen Fette befreien wollte. Ist begraben in dem 1174 von ihm gestifteten Kloster Zschillen (später Wechselburg). Flathe. Dcdo V. Goseck, jüngerer Bruder des Erzbischofs Adalbert von Bremen, Stifter des Klosters Gsseck, 1048 von Kaiser Heinrich 11I. mit Weißenfels und ls. y2
[18] 1052, angeblich als Belohnung für seine dem Kaiser gegen Ungarn geleisteten Dienste, mit der Pfalzgrafschaft Sachsen belehnt, wurde 1056 von einem Kleriker ermordet. Flathe.
Deecke: Heinr. Ludw. Ernst D., geb. 1. October 1805 zu Lübeck, f 24. April 1862 als Professor, erster Lehrer der Realschule des Catharineums und Bibliothekar ebendaselbst. Deecke’s Kindheit fällt in die Jahre der franzö- sischen Herrschaft und der Befreiungskriege. Der rasche Wechsel der Ereignisse, der unvermittelte Gegensatz des Alten und Neuen schärften die Veobachtungsgabe des lebhaften Knaben, dessen Vater eine Kaffeewirthschaft hatte, in welcher daß namhafte Publicum der Stadt verkehrte. Früh hat D. sich die gründliche Localkenntniß erworben, die ihn sein Leben lang auszeichnete, früh die Eigenthümlichkeiten verschwindender Bräuche, Sitten, Züge aus dem Volksleben auffassen und getreu behalten, auch wol selbständig wieder gestalten lernen. Bei bedeutenden geistigen Gaben, namentlich einem ausgezeichneten Gedächtniß und großem Formund Sprachtalent, legte er es schon in jungen Jahren auf ein ungewöhnliches Wissen an. 15 Jahre alt ward er Schüler der ersten Gymnasialclasse, erst nach 31,; Jahren bezog er die Universitäten Halle und Göttingen. Das gewählte Fach war die Theologie, D. trieb aber daneben Philosophie, alte und neue Sprachen, zu denen sich später die umfassendste Litterar- und Litteraturkunde gesellte. Geographie und Geschichte mit allen Hülfswissenschaften sind bald die Disciplinen gewesen, welche er als ein Meister beherrschte. In solche Polyhistorie führte ihn unmerklich immer mehr sein Beruf hinein, seine Anstellung als Lehrer 1829, sein Bibliothekariat seit 1847.
Zurückgekehrt in die Heimath war D. zwar 1828 Candidat der Theologie geworden, hat auch wiederholt gepredigt, widmete sich aber ganz dem Lehrfach, seit er 1829 an der Bürgerschule angestellt ward und mit der allmählichen Umbildung derselben zur Realschule nach und nach den Hauptunterricht in den obern Classen allein in seine Hand bekam. Die Mannigfaltigkeit der hiezu erforderlichen Lehrgegenstände traf mit Deecke’s Neigung zusammen, sich in allen Zweigen des Wissens heimisch zu fühlen. Eine gleiche Anforderung stellte an ihn die Verwaltung der öffentlichen Bibliothek, welche er nach Grautoff’s Tode zeitweilig übernommen, nach Professor Ackermann’s Pensionirung ganz erhalten hatte. Aber Deecke’s sämmtliches Wissen bildete doch nur die Grundlage für seine besondere Beschäftigung mit der Geschichte seiner Vaterstadt. Für diese hat er sein ganzes Leben hindurch nach allen Richtungen hin gesammelt und zahlreiche Collectctneen angelegt, wobei nichts aus dem weiten Gebiete der Alterthumskunde, seien es Quellen und Urkunden, geschichtliche Ueberlieferung und mündliche Sage, Reste der Kunst, Wappen, Münzen, Siegel etc. seinem Forschertrieb entging. Er hat diese, nach seinem Tode von der Stadtbibliothek erworbenen Sammlungen nicht nur sorgfältig geordnet, sondern für einen großen Theil derselben auch in einer Reihe von meistens Gelegenheitsschriften die Hauptzüge der Benutzung und Verwerthung selbst angegeben. Den Grundstein für die kritische Behandlung der ältesten Periode unserer Geschichte legte er in den „Grundlinien zur Geschichte Lübecks bis 1226“ (1839). Den ersten Band einer „Geschichte der Stadt Lübeck“ (bis 1300) gab er 1844 heraus. Er hat keinen zweiten folgen lassen: Q davon zurückgehalten hat ihn ebensosehr der noch unvollendete Zustand des urkundlichen Materials; (der zweite Theil des Lübecker Urkundenbuchs ward erst 1858 abgeschlossen), als die geringe Befriedigung, welche ihm selbst der erste Band gewährte. An der Herausgabe des Lübeckischen Urkundenbuches betheiligte sich D. mtr während der Arbeiten zum ersten Theile, auch die nach Grautoff’s Tode versprochene Fortführung der Lüb. Chroniken hat er kaum begonnen. Um so unermüdlicher benutzte er die oft gering zugemessene Muße, welche ihm sein Amt
[19] ließ, zum Zusammentragen kleinerer Geschichtsabschnitte, zur Erschöpfung des für . einzelne Gebiete Aufzufindenden oder zu knappen Uebersichten. So entstanden die „Lübischen Geschichten und Sagen“ (1852), die „Veschreibung der freien und Hansestadt Lübeck“ (1847 u. ö.). Unvergleichlich war D. in der Bereitwilligkeit, mit welcher er sein stets schlagfertiges Wissen jedem Forscher sofort zu Gebote stellte: mancher namhafte Historiker weiß davon zu rühmen.
Deecke’s Name wird mit lübischer und hansischer Geschichtsforschung immer verknüpft bleiben, nicht minder durch daß, was er in seinen Schriften geleistet, als was er an Material und Etnzelkunde vor dem Untergang gerettet hat. Als Lehrer fehlte ihm keine Eigenschaft, die ein erfolgreiches,z Wirken bedingt. Seinen “Mitbürgern war D. ein Gegenstand größter Verehrung, so daß ihm, außer anderen bürgerlichen Ehrenämtern, 1848 die Vertretung der Stadt in der Frankfurter Nationalversammlung übertragen ward. Schulprogramm des Catharineums, Ostern 1863, S. 33. 47 ff. Zeitschrift d. Vereins für Lüb. Geschichte 2, S. 561 ff. Mantels.
Deel: F. v. D., Mainzischer Rath, vgl. am Schluß des Buchstabens D.
Dee!: Johann Wilhelm D., geb. 1657 zu St. With im Regierungs– bezirk Aachen, trat in den Jesuitenorden und wurde Hofprediger des Herzogss Christian August von Sachsen. Er starb am 13. Juni 1721 als Vicar der Kirche zur heil. Ursula zu Köln. Er ist Verfasser mehrerer Schriften: „1–’rs– 88„gjz 110110rjs; „:z1tm´s 011rjstj :mgustunr; „8. Rum ysi“8jbus S2r-t:rwta“; „ls’0118 – yims; „7z11js 9J(8„1tsts.“.
Neyen, 13j0gr8–p11js 1u19mb0urg90ise. Baersch, 1Jii–1is„ j11ustrm;8„ t. III. VMS I. p. 41. Koltz, IC8„11uer c198 b0urs (1’stuci9S„ p. 472. Schoetter.
Deelen: Dirk van D., holländischer Architekturmaler. C. de Bie nennt ihn „8(:11j1c1er y-1.11 1–1Sus(jsir; er war also wol auch an letzterm Orte auf die Welt gekommen, und nicht zu Alkmaar, wie Manche angenommen haben. Des camps hat bekanntlich die Sitte, neben die von ihm besprochenen Maler eine .Jahreszahl zu stellen, welche die beiläufige Geburtszeit derselben angeben soll; neben unsern Dirk schrieb er 1635 hin, und so hat man denn blindlings, wie in so zahlreichen Fällen, dieses Jahr als daß der Geburt Dirk’s angenommen. Das ist indessen vollständig falsch, da bereits aus den zwanziger Jahren Bilder von D. exiftiren. Daß von Andern angenommene Geburtsjahr 1607 stände allerdings mit jener Thatsache wol in Einklang, auf einer sichern Angabe beruht es jedoch wol schwerlich. Am besten setzt man sein Geburtsdatum um 1605. Houbraken hat ihn zum Schüler des berühmten Haarlemer Malers Frans Hals gemacht. Das ist an sich schon auffällig, denn Hals war ein Porträtmaler, von ihm konnte D. sicherlich nicht seine Architekturen lernen. Nun kommt es zwar allerdings vor, daß Schüler schließlich eine ganz andere Kunstweise, als sie der Meister pflegte, ergreifen, allein ohne Noth werden wir doch nicht leicht` so etwas annehmen. Eine genaue Betrachtung der de Bie’schen Auslassungen überzeugt UnS, daß Houbraken eine Stelle derselben, die auf Ph. Wouverman ging, fälschlich zu D. gezogen hatte. Ich habe dies ausführlich in der Lützow-Seemann’schen Zeitschrift für bildende Kunst, 1)(. 1874. S. 95, gezeigt, woselbst es der geneigte Leser nachschlagen möge. Daß Houbraken sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, dem von ihm karrikirten Franz Hals durch D. (in Gemeinschaft mit Brouwer, der ebensowenig ein Schüler des Haarlemer Meisters war) einen Possenstreich ausüben zu lassen, kann nicht befremden, Herr Houbraken wünschte eben seinem Publicum eine amüsante Lectüre zu bieten, und die Gebote der Wahrheit und das Kopfzerbrechen moderner Kunstschriftsteller konnten ihn nicht geniren. Wer wirklich unserem Dirk daß Malen beigebracht hat, steht also noch 2d!-
[20] in Frage. Jedenfalls besuchte der Künstler, dem Strome seiner Landsleute folgend, Italien, denn im J. 1632 entstand eine Ansicht der St. Peterskirche zu Rom (Galerie zu Augsburg). Später ließ er sich zu Arnemuiden in Zeeland nieder, wo er, trotzdem man ihn zum Bürgermeister ernannte, doch nicht den Pinsel a1S seiner nunmehr unwürdig betrachtete. Dirk hatte daß Glück oder Unglück, sich dreimal verehelichen zu müssen: seine erste Frau, Maria van der Gracht, starb den 30. August 1650 im Alter von 62 Jahren, seine zweite, Katharina de Have, den 4. December 1652 im Alter von 34 Jahren, seine dritte, Johanna van Balen, den 16. December 1668 im Alter von 68 Jahren. In welchem Jahr der Künstler selbst das Zeitliche segnete, wissen wir nicht mit Bestimmtheit, der Tag jedoch ist uns erhalten, es war der 16. Mai, als D. 66 Jahre zählte. Jedenfalls ist er vor 1669 nicht gestorben. Zwischen dem 18. Sept. 1668 und dem 18. Sept. 1669 verzeichnet die Rechnung der Antwerpener Rhetorikerkammer zum Oelzweig (01ykteD10 die Thatsache, daß „der Herr Bürgermeister“ Van D. ein Bild der St. Lukasgilde daselbst schenkte. Es stellt eine Allegorie vor: im Vordergrunde sitzen die Personificationen der Dichtkunst und Malerei auf einem Thron; sie reichen sich die Hände auf die Aufforderung der Eintracht hin, welche in der Rechten zwei vereinigte Herzen trägt. Rechts umschlingen sich zwei Genien, links vertreiben zwei andere die Zwietracht, einige schwehen oben in der Luft. Dieser figürliche Theil ist von Theodor Boeyermans gemalt, die Architektur, eine riesige Halle, rührt aus der Palette des Gebets selbst her. Jetzt bewahrt daß Antwerpener Museum das Bild.
Dirks Gemälde sind wenig zahlreich. In der Galerie des Barons von Speck-Sternburg zu Lützschena (unweit Leipzig) zeigt man daß „Innere einer Kirche mit Säulen und– Bogen“, mit Figuren von Fr. Francken, dasselbe soll die Jahreszahl 1623 tragen, wäre demnach daß- früheste von Dirk uns bekannte Bild; denn daß zu Augsburg befindliche, das nach dem Kataloge die gleiche Jahreszahl trägt, scheint vielmehr von 1632 datirt zu sein. Nach der Zeit folgt ein Bild in der Eremitage zu St.Petersburg: in einer großen Säulenhalle geht die Geschichte von Christus und der Ehebrecherin vor sich (von 1627). Die Eremitage bewahrt noch zwei Werke Deelen’s. Der Säulenhof mit Ballspielern im Louvre zu Paris trägt die Jahreszahl 1628. Ein Interieur mit Bordellscene besitzt oder besaß, nach Chr. Kramm, der Graf Nahuys zu Utrecht, ein anderes Bild aus demselben Jahr ist auf dem Schlosse Wychen bei Nymwegen, ein drittes, ebenso datirt, besitzt Graf Harrach in Wien. Bei dem letztem befindet sich auch ein undatirtes Bild, mit merkwürdiger Staffage: Herzog Alba hält Gericht über die Niederlande, deren Provinzen in allegorischen Figuren vor ihm stehen. Vom J. 1632 ist, wie es scheint, die erwähnte große Ansicht des St. Petersplatzes zu Rom, mit reicher Staffage, in der kgl. Augßburger Galerie. Daß herzogliche Museum zu Braunschweig bewahrt einen Prospect zweier Gartenschlösser, vom J. 1685; dies Bild ist etwais hart und bunt, prachtvoll hell und klar dagegen daß undatirte: Inneres einer gothischen Kirche. Die kgl. Galerie zu Kopenhagen besitzt eine „Unterhaltung auf der Straße“ von 1638. Deelen’s Hauptwerke befinden sich in der glänzenden Galerie des kaiserl. Belvedere zu Wien. Daß eine, ein prächtiges Gartenpalais mit vornehmer Staffage, trägt s die Jahreszahl 1640; es ist von ungewöhnlichem Umfange (gegen 5 Fuß groß, 9 Fuß breit), allerdings zu groß für ein derartiges Architekturbild, dem doch weiter ap keine tiefere geistige Bedeutung inne wohnt, und das zugleich keinetzwegs als bloße Wanddecoration wirken soll. Das andere, mit keiner Jahreszahl versehene, ein Prachtbau mit Säulenhallen, ist, wennschon bedeutend kleiner, doch immer noch von ansehnlichen Dimensionen. Von 1642 befindet sich eine schöne Archi-
[21] tektur in der Galerie Steengracht imHHaag. Ein gutes Bild sieht man im Museum zu Berlin (1647). Sehr merkwürdig ist der Saal des Binnenhofes im Haag während der großen Versammlung derGeneralstaaten im J. 1651; die Figuren dazu rühren von A. Palamedes her.– Das Bild im Antwerpener Museum habe ich schon erwähnt, es ist vielleicht sein letztes Werk. – D. ist ein Maler von namhaftem Verdienste. Sehr richtig urtheilt Bode: „Dirk van D. wählt sich zur Darstellung große freie Räume: Prachtgemächer, Höfe von Palästen, die von Säulenhallen umgeben sind, oder denen sich französische Parkanlagen anschließen, zuweilen auch weitläufige Hallenkirchen. Ein helles gleichmäßiges Tageslicht beleuchtet diese Räume, deren Wände und Fußböden, deren Decken von der bunten Pracht der schönsten Steinarten, von farbigem und vergoldetem Holzgetäfel erglänzen. Durch seine frischen Farben, durch seine flüssige und leichte Behandlung und einen äußerst seinen Luftton weiß uns der Meister diese Prachtbauten in ihrem charaktervollen Stil, ihrer heitern und äußern Pracht so anziehend zu schildern, daß wir daß Element der Gemüthlichkeit nicht einmal für sie verlangen.“ Fügen wir zur Ergänzung dieser Schilderung hinzu, daß seine Bilder einen silbernen, klaren Ton, eine treffliche Zeichnung und Perspective haben, daß sie jedoch, gegen die Hervorbringungen der späteren Meister des gleichen Faches gehalten, etwas Hartes, häufig Buntes und Metallens nicht frejzuwerden vermögen. Palamedes, Codde, Dirk Hals, Boeyermans u. A. malten ihm die Staffage, eventuell er ihnen den Hintergrund.
W. Schmidt.
Dect: Nicolaus van D., auch „van der Nyenborh“ genannt, f zwischen 1490 und 1494, war der bedeutendste Rector des Fraterhauses der Brüder vom gemeinsamen Leben zum Grünen Hofe (yjrjcljs 110rtj) oder zu St. Michael in Rostock. 1462 ist er mit zwei Brüdern Heinrich v. Xanten und Heinrich Loi–3n aus dem Bruderhause zu Münster nach Rostock gekommen, heißt 1464 Senior des neugegründeten Hauseis, 1470–75 kommt er als dessen Procurator vor, und 1475 ernannte ihn der Rector des Hauses zu Münster Johannes Vege an Stelle des kränklichen Vorgängers Johannes von Iserlohn zum Rector des Rostocker Hauses, das unter ihm seine höchste wissenschaftliche Thätigkeit entwickelte. Gleich 1475 legte er die berühmt gewordene Druckerei der Michaelisbrüder an; 1480–88 baute er die Kirche, die mit dem Fraterhause selbst jetzt als Wollmagazin dient, nachdem sie früher Zeughaus und Kornspeicher waren. Auch die erste deutsche Schule hat Nicolaus in Rostock ineI Leben gerufen, oder doch die von seinem Vorgänger gestiftete zur Blüthe gebracht.
S. Lisch, Jahrb. 1K. Krause.
DeglMtz: Nicolaus D. ist insofern für die Geschichte der Medicin und die Universität Greifswald wichtig, als er neben dem Professor Vitalis Fleck und Dr. Johann Stalkäper zu den ersten medicinischen Lehrern in Greifswald gehört, sowie dadurch, daß er eine namhafte Schenkung medicinischer Bücher der Hochschule zuwandte und auf diese Art im J. 1459 Mitbegründer der GreifBwalder Universitätsbibliothek wurde. Da er schon 1459 in den Universitätssannalen S. 170 m9cjjOj11-te 1j0(zntjer.tus genannt wird, so ist es wahrscheinlich, daß er schon seit der Stiftung der Universität im J. 1456 imPakademischen Lehrfache thätig war.
- Kosegarten, Gesch. d. Univers. Greifswald 1, S. 1–05. 11, S. 170. Häckermann.
Degen: Jakob D., gewöhnlich Schegk genannt, ein Philosoph und Arzt, geb. 1511 zu Schorndorf, † 9. Mai 1587 zu Tübingen, bezog 17–Jahre alt die Universität Tübingen, promovirte daselbst 1529 zum Magister der Philosophie
[22] und begann über Philosophie und alte Classiker zu lesen. “ Das ihm übertragene Rectorat des Tübinger Stiftes gab ihm Veranlassung, sich eingehender mit der Theologie vertraut zu machen; vorübergehend fesselte ihn auch die Jurisprudenz, bis er sich endlich vorzugsweise der Medicin zuwandte. 1539 wurde er Doctor und 1543 Professor der Medicin und lehrte nun bis zu seinem Tode in Tübingen Philosophie und Medicin neben einander. 1577 hatte er das Unglück, zu erblinden, was ihn aber nicht an der Fortsetzung seiner Lehrthätigkeit hinderte. In der Philosophie ist er einer der Hauptvertreter der aristotelischen Richtung und genoß seiner Zeit ein großes Ansehen. Neben Commentaren zu aristotelischen Schriften ist sein Hauptwerk: „1)e c19m0118trAti0116 1jbb. I(7“„ Bsj1. 1564 ko1.s Diese Richtung veranlaßte ihn auch, gegen P. Ramus aufzutreten. Er schrieb gegen ihn: „ll)siIsrs.8pjst08 rsiJ0118j AC1 qus.t-uor Spjst01s 1?. R5tmj Oo11trs. SS Oäits Tübingen 1570.
Georg Liebler, 0rs tj0 (1S yjcz St m0rte .Jl. 8(:11. Tübingen 1584. – Brucker, kljst. Orjt. 17. p. 292 S8. A. Richter.
Degen: Jakob D., Mechaniker; geb. 17. Nov. 1756 im Schweizercanton Basel. Noch nicht 10 Jahre alt kam er nach Wien mit seinem Vater, welcher bei der von einem andern Schweizer, Namens Kännel, kürzlich (1764) in dem benachbarten Orte Penzing errichteten Seidenbandfabrik eine Werkmeisterstelle erhielt. Neun Jahre lang beschäftigte sich hier auch der junge D. mit Bandweben, endlich aber bestimmte eine lebhafte Neigung für die Mechanik ihn zur Erlernung der Uhrmacherei, womit er vier Jahre zubrachte. Nachdem er ferner über 10 Jahre als Uhrmachergehülfe gearbeitet, erwarb er 1793 das Meisterrecht. Sein über die Grenzen des Gewerbes hinausschweifendes Denken haftete schon längere Zeit an dem Projecte, eine zum Fliegen geeignete Maschine zu verfertigen. Im J. 1808 glaubte er das Ziel erreicht zu haben, und wirklich machte er zu jener Zeit mit seiner Flugmaschine kleine öffentliche Versuche, welche von Enthusiasten für Erfolg versprechend angesehen wurden, jedoch den Beweislieferten, daß der aus zwei großen Flügeln bestehende Apparat allein nicht hinreichte, den mit Anstrengung arbeitenden Künstler zu erheben. Zur Unterstützung bediente sich deshalb D. zuerst eines Gegengewichts von 75 Pfund und stieg so am 18. April 1808 in der kaiserlichen Reitschule mittelst 34 Flügelschlägen 50 Fuß hoch. Für das Aussteigen im Freien nahm er einen Luftballon zu Hülfe, und auf diesem Wege erreichte er bei zwei Vorstellungen auf dem Feuerwerksplatze im Wiener Prater (am 13. und 15. November 1808)s Höhen von 240 und 630 Fuß. Als ein großes Hinderniß gegen beliebige Lenkung des Fluges zeigte sich jedsmal der Wind. Vorzüglich aus diesem Grunde erntete der Künstler im J. 1818 zu Paris mit seinen Flugversuchen nur Mißlingen und selbst Spott. Einen befriedigenden Wirkungskreis fand er später als Werkmeister bei der Nationalbank in Wien, welche Stelle er noch 1834 einnahm. Auch in dieser Periode wurden aber die Flugversuche nicht ganz aufgegeben und namentlich im Garten zu Schönbrunn erneuert, jedoch ohne bessern Erfolg. Der erfinderische Mann, der sein Leben einer beharrlich festgehaltenen Idee gewidmet hatte, starb zuletzt in Dürftigkeit und Verschollenheit auf dem Lande in der Nähe von Wien; Ort und Zeitpunkt seines Todes sind 1mermittelt.
Karmarsch.
Degen: Johann Friedrich D., Sohn eines Predigers, geb. 16. Dec. 1752 zu Affalterthal in Franken, † 16. Jan. 1836. Vorgebildet auf dem akademischen Gymnasium zu Coburg bezog er 1772 die Universität zu Erlangen, um unter Harles, den er schon in Coburg als Lehrer gehabt, Philologie zu studiren. Seine erste Verwendung im Lehrfache erhielt er 1775 als Collaborator am Gymnasium zu Erlangen, 1776 wurde er als Lehrer der zweiten Classe an
[23] das Gymnasium zu Ansbach berufen, 1790 zum Director und Inspector der“ Füxftenschule zu Neustadt an der Aisch ernannt; zuletzt (1803) kam er als erster Professor an das Gymnasium zu Baireuth, und ward 1811 zu dessen Rector ernannt, wo er 19 Jahre wirkte, bis er 1821 in den verdienten Ruhestand trat. Als Schriftsteller entwickelte D. eine ungemein fruchtbare und fast polyhistorische Thätigkeit. Abgesehen davon, daß er sehr zahlreiche Beiträge zu Zeitschriften der verschiedensten Gattung lieferte und mehrere zeitweise selbst redigirte, hat er auch eine beträchtliche Anzahl von selbständigen Schriften verfaßt, von denen es genüge, folgende zur Charakteristik seiner bunten litterarischen Betriebsamkeit namhaft zu machen: „Ueber die Philosophie des (Pseudo) Anakreon“, 1776; „Einige Gedanken über den Roman“, 1777; „Ueber die Wahl der Gattin“, 1778; „Ueber die redende Grazie“, 1779–83. 2 Stücke; „Tibullts Elegien mit Anm.“, 1781; – „1)z jc1i0ms tibus gr:-DeOs.6 (1j0ti011js„ 1780–81; „t4t11z1(:rs011tjs Ozrmj1m“’ 1781. 1786 U. 1808, dieselben deutsch 1782 u. 1821; „Herodots Geschichten übersetzt“, 1783–91. 6 Bde.; „Deutsche Anthologie der römischen Elegiker“, 1784; „Gedichte“, 1786 (manche auch in Musenalmanachen); „Fränkische Blumenlese auf die J. 1785–87“; „Bibliothek für kleine akademische und scholastische Schriften, theolog. philolog. und pädagogischen Inhalts, 1795–96; „Litteratur der deutschen Uebersetzungen der Römer (1794 und 99) und der Griechen“, 1798 und 99; „0j0er0 (1S 0kiicjjs mit deutschem Commentar“, 1800. 1820 und 25; „Vorträge über Gegenstände der Bildung und Erziehung“, 1800 und 1818; „Beiträge zu den Wünschen und Vorschlägen zur Verbesserung der Schulen und ihres Unterrichts, 7 Stücke, 1800–3; „Ueber VorsehungsHbegriffe, ihre Entstehung und Aussbildung“, 1806; „1)(z j11y00ettj01sie 1J0Stj(38t Oejus(111S 0rjgin0 Sr usu“„ 1811; „1)e 11umm0 0885m0 St0.“„ 1817.
Biographische und litterarische Nachrichten von den Schriftstellern in den Fürstenthümern Anspach und Bayreuth von Andr. Meyer (1782), S. 28 ff. Christ. W. Bock, Sammlung von Bildnissen gelehrter Männer etc. 1. Heft 6. (Jäch Lebensmomente aller baier. Civil- und Militärbedienstigten, Heft 5, S. 7 ff. 1819. Halm.
Degen: Joseph Vincenz D., geadelt mit dem Prädicate „Ritter von Elsenau“, Buchhändler und Buchdrucker; geb. 23. Januar 1763 zu Graz in Steiermark, † 5. Juni 1827 in Wien. Nachdem er in Graz Philosophie und in Wien die Rechte studirt hatte, widmete er sich dem Buchhandel in letzterer Stadt und wußte es dahin zu bringen, daß sein Geschäft zu den vorzüglichsten derartigen Unternehmungen Oesterreichs und Deutschlands zählte.. Im J. 1800 brachte er die sehr gut eingerichtete Alberti’sche Buchdruckerei an sich und legte zugleich eine Schriftgießerei an, mit welcher er sich durch Einführung neuer geschmackvoller Typen große Verdienste erwarb. Aus der entsprechend gehobenen Druckerei gingen seitdem Erzeugnisse ersten Ranges, namentlich Prachtausgaben mehrerer Schriftsteller hervor, so z. B. Uz’ Werke 1804, Wieland’s Musarion 1808, Elemente Bondi’s poetische Schriften 1308, des Grafen d’Elci Lucanus 1811. Als im J. 1804 die österreichische Regierung die Hof- und Staatsdruckerei zu Wien begründete, geschah dies unter wesentlicher Mitwirkung Degen’s, welchem die Direction der neuen Anstalt übertragen und der Titel eines Regierungsrathes verliehen wurde. Karmarsch.
Degeufeld: Christoph Martin, Freiherr v. D., geb. im 1599 zu Eybach, dem Stammsitz seiner Familie, welche, ursprünglich in der Schweiz lebend, seit Mitte des 13. Jahrhunderts also begütert in Schwaben genannt wird, erhielt mä sammt seinen beiden älteren Brüdern nach dem frühen Tode seines Vaters unter Vormundschaft eine sehr sorgfältige Erziehung auf verschiedenen Universitäten und
[24] “ durch Reisen. Nach Vollendung des Bildungs gangs trat er mit seinem Bruder Christoph Wolfgang in kaiserliche Dienste und kämpfte zunächst unter Wallenstein in Ungarn gegen den Fürsten Gabor. Später kam er als Rittmeister unter Tilly’s Befehle zu stehen im Feldzug gegen Graf Ernst von Manö- felHd, zeichnete sich besonders bei Wimpfen und Höchst durch ritterliche Thaten aus und wurde deshalb vom Kaiser mit vielen Gnaden bedacht; es ward ihm insbesondere durch Diplom gestattet, das uralte Prädicat Freiherr, welches vor längerer Zeit der Familie verloren gegangen war, wieder zu führen. In der Folge diente der Freiherr unter Spinola in den Niederlanden und gegen König Christian von Dänemark. Darauf zog er sich auf seine Güter zurück, welche im J. 1631 nach dem Tode seiner beiden kinderlosen Brüder an ihn fielen. Aber nicht lange litt es ihn hier. Er war nach Abdankung seines Regiments aus kaiserlichen Diensten mit vielen Ehren entlassen und war somit zunächst an keins Herren Dienst mehr gebunden.
Trotzdem er Protestant war –– die Degenfeld waren schon vor Mitte des 16. Jahrhundertöz zur Reformation übergetreten –, hatte er, einmal in kaiserlichem Dienst befindlich und dort verpflichtet, gegen seine Glaubensgenossen gekämpft. Jetzt folgte er dem Zuge seines Herzens und trat in die Dienste des Schwedenkönigs, der eben den deutschen Boden betreten hatte und dessen Name damals der gefeiertste unter allen Kriegshelden war. Im J. 1632 stellte D. zwei Reiterregimenter auf, deren Oberst er wurde. An den Schlachten bei Nürnberg und Lützen nahm er rühmlichen Antheil. Später hatte er einige selbständige Unternehmungen in Schwaben auszuführen; so die Belagerung von Villingen, bei welcher Gelegenheit er den würtembergischen Major Wiederhold kennen und hochachten lernte. Trotz der Mißwirthschaft *im schwedischen Lager nach König Gustavs Tode unter seinen Generalen schien doch die Sache der Evangelischen gut vorwärts,5 zu gehen. D. für seine Person gerieth aber in Unmuth über den Verfall der alten schwedischen Kriegszucht und verließ, außerdem mit dem hochfahrenden General Panner in Spannung gekommen, den schwedischen Dienst noch vor der Nördlinger Schlacht.
Diese kehrte mit ihren Folgen sofort, in Süddeutschland wenigstens, alle Verhältnisse um. Schwaben wurde von kaiserlichen Völkern überschwemmt und mit so vielen anderen gingen auch die Degenfeldischen Güter verloren. Der Freiherr flüchtete mit seiner Familie nach Straßburg, wo ihm Anträge gemacht wurden, in französische Dienste zu treten. Er ließ sich auch bereit dazu finden und stellte zwei Reiterregimenter auf, zu welchen seine früheren deutschen Reiter gerne herbeiströmten. Im J. 1635 erhielt er die hohe Stellung eines (:o1o1181 gesnesrsD1 c1e 18. 0MeD118rjs (st1M1göJr(J und damit daß Commando über 16 Regimenter, mit welchen er sich bei mehreren Gelegenheiten auszeichnete. Doch veranlaßten ihn Intriguen und die Anfechtungen vonHNeidern 1642 den franzö- sischen Dienst zu verlassen und zu versuchen, ob er nicht durch kaiserliche Gnade wieder in den Besitz seiner Erbgüter gelangen könnte. Er betrieb diese Unterhandlungen von Genf aus, wo ihm zugleich Anträge gemacht wurden, unter sehr vortheilhaften Bedingungen in Dienste der Republik Venedig zu treten, welcher sehr daran gelegen war, einen so berühmten Kriegsmann für sich zu gewinnen. D. nahm an und der bald ausbrechende Krieg mit den Türken wies ihn auf eine glänzende kriegerische Laufbahn hin. Zum Generalgouverneur von Dalmatien und Albanien ernannt, landete er, von seinem ältesten Sohne Ferdinand , begleitet, im August 1645 in Zara. Trotz der knapp zugemessenen Streitkräfte, welche die argwöhnische Politik der Venetianer ihren commandirenden Generalen verwilligte, gelang es dem Geschick und der persönlichen, aufmunternden Tapferkeit des Generalgouverneurs doch, überall, wo er auftrat, in den Jahren 1645
[25] und 1646 entscheidende Erfolge über die Türken davonzutragen. Außer den Italienern und Morlaken zog sein Name auch viele Deutsche und Franzosen in den Kriegsdienst nach Dalmatien und diesen fremden Truppen war es insbesondere zu danken, daß die überlegenen Streitkräfte der Türken überall geschlagen . wurden. – Zunächst galt es Zara und Sebenigo zu entsetzen. Dann wurde weiter inis J1mere des Landes vorgedrungen und es gelang, den Türken außer vielen kleineren Plätzen und Burgen Hemoniko, Urana, Scardona abzunehmen. Endlich vertheidigte der Freiherr mit außerordentlichem Geschick und größter Bravour Sebenigo gegen die mit großer Uebermacht vordringenden Türken und schlug diese trotz seiner geringen Streitkräfte zurück. Dadurch rettete er gg,nz Dalmatien. Venedig überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen. Eine Medaille wurde auf die Beschirmung Dalmatiens geschlagen und diese dem Freiherrn an einer 8l-tz Pfund schweren goldenen Kette verehrt. Wo er sich zeigte in den dalmatinischen Städten, strömte ihm daß Volk entgegen, mit dem Rufe: My-t S. I18.1–0o S j1 Beu–011S! 1648 kehrte er nach Venedig zurück und im nächsten Jahr, in welchem seine siebenjährige Capitulation zu Ende ging, erbat er sich seinen Abschied, der ihm auch unter den höchsten Ehrenbezeugungen verwilligt wurde.
Seine Gesundheit hatte angefangen zu leiden unter den vielen Strapazen und bei dem ungewohnten Klima; seine Güter in Schwaben, vernachlässigt und halb zerstört, erfordertsn nothwendig seine Anwesenheit. – Nach glücklicher Ankunft in Eybach ging er daran, Güter und Gebäude in guten .Stand zu setzen; allein seine angegriffene Gesundheit ließ ihn des Wiedergewonnenen kaum recht froh werden. Zudem starb am 26. August 1651 seine herzlich geliebte Gattin, welcher der vielgeprüfte Kriegsmann selbst, nachdem er lange körperliche Leiden mit der größten Standhaftigkeit und Gelassenheit ertragen hatte, am 13. Oct. 1653 im Tode nachfolgte. Aber lebendig blieb sein großartiger Geist in einer Reihe von 10 Kindern; insbesondere lebte sein kriegerisches Feuer fort in seinen sechs Söhnen.
Verheirathet hatte sich der Freiherr, nachdem er kaiserliche Dienste verlassen hatte, mit Anna Maria Adelmann von Adelmannsfelden, einer Dame, geziert mit allen christlich-adelichen Tugenden. Ein trautes Heimwesen wußte sie dem unftet umhergetriebenen Gatten zu bewahren; den Kindern, welche des Vaters so oft entbehrten, war sie die sorgfältigste Erzieherin.
Der älteste Sohn, Ferdinand, war als fiebzehnjähriger Knabe mit dem Vater nach Dalmatien gezogen, hatte aber das Unglück, durch einen Schuß vor der Festung Urana daß Augenlicht zu verlieren. Dennoch gelang es dem erblindeten Mann durch rastlose geistige Thätigkeit und Regsamkeit beim Kurfürsten von der Pfalz hohe Ehrenstellen zu erringen und in treuer Fürsorge ein Väterlicher Vormund zu werden für seine Geschwister sowol, al4J namentlich für die K(nder seiner Schwester, der Raugräfin Louise. Wegen eines Privatgeschäftes nach Venedig gerufen, starb er dort 1710. – von den übrigen fünf Söhnen starb nur einer eines natürlichen Todes, der Stammhalter Maximilian. Die meisten der übrigen ruhen auf dem Felde ihrer Heldenthaten. Der zweite Sohn, Gustav, fiel als schwedischer Oberst beim Sturm auf Kopenhagen 1659. Der dritte, Adolf, in Venedigs Diensten stehend, erlag einer Wunde vor Kanea. Der nächste Sohn, Christoph, erhielt seines gefallenen Bruders Adolf Regiment auf Candia, wo er in einer Reihe von Gefechten manche Wunden erhielt, die ihm zwar erlaubten, ins Vaterland zurückzukehren, denen er aber doch 1685 erlag. (Kapff. Familienarchiv.) Pfister.
Hannibal, Freiherr v. D., der jüngste Sohn des vorigen, geb. 1648, f 1691 als Generalcapitän der Republik Venedig zu Nauplia. In der Schule
[26] des Kurfürsten Johann Georg III. von Sachsen, dessen kleines Heer damals den Ruf besonderer Kriegstüchtigkeit genoß, wurde D. gebildet; 1674–77 war er Oberst und Befehlshaber eines Fußregiments. Wie es die Sitte jener , Zeit mit sich brachte, wechselten die höheren Befehlshaber nach Umständen ihre Herren, je nach rascherer Beförderung oder Gelegenheit zur Auszeichmmg. So verließ denn auch D. daß kursächsische Heer und trat in die Dienste des Kurfürsten von Baiern, von welchem er 1682 zum Feldmarschall-Lieutenant und Präsidenten des Hofkriegsraths ernannt wurde. Im folgenden Jahre befehligte er unter dem jugendlichen Max Emanuel die 12000 Mann baierischer Hülfstruppen wider die Türken und zeichnete sich beim Entsatze von Wien in hohem Grade aus. Nachdem mit der Einnahme von Gran der Feldzug abgeschlossen war und die baierischen Truppen nach Hause zogen, folgte D. einer Aufforderung der Republik Venedig, in deren Dienst schon sein Vater gestanden, und übernahm daß Commando der für den beabsichtigten Feldzug gegen die Türken auf Morea bestimmten Landungstruppen; über ihm stand der Venetianer Morosini als Generalcapitän oder Befehlshaber der Land- und Seemacht. Im Jahre 1685 traf D. auf Morea ein, eroberte zuerst die Feste Koron und schlug hierauf mit seinem aus000 Mann und zwar zumeist deutschen Hülfstruppen, namentlich Sachsen bestehenden Heere die türkische Armee unter dem Kapudan-Pascha bei Kalamata dermaßen aufs Haupt, daß sie für dieses Jahr die Feindseligkeiten einstellte. Wegen fortwährender Zerwürfnisse mit Morosini nahm er jedoch im folgenden Jahre seinen Abschied, an seine Stelle trat Otto Graf v. Königsmark. Als jedoch Morosini Doge von Venedig geworden, als dessen Nachfolger Cornaro wie auch der tapfere Königsmark dem Fieber erlegen waren und der Nachfolger Cornaro’s, der Franzose Gadagne, sich der ihm gestellten Aufgabe nicht gewachsen fühlte, so erinnerte sich die Republik wieder Degenfeld’s und ernannte ihn 1691 im Frühjahr zu ihrem Generalcapitän gegen die Türken. Am 3. August verließ er mit neuen Truppen Venedig und traf am 4. September zu Nauplia ein. Doch schon am 12. October fiel auch er dem Fieber zum Opfer. Die Bestürzung über seinen Tod und die Rathlosigkeit wegen eines Ersatzes für D. soll in Venedig so groß gewesen sein, daß man sich gerne unter einigermaßen annehmbaren Bedingungen zum Frieden entschlossen hätte. Der 15jährige Türkenkrieg 1683–99, Carlowitz 1699. Münich, Geschichte der baierischen Armee, München 1864. Landmann.
Degeufeld: Maria Susanne Loysa (Louise) v. D., Raugräfin, Tochter des als: tapferen KriegBobersten bekannten Christoph Martin v. Degenfeld (s. o. S. 23). Sie kam im J. 1650 nach Heidelberg an den Hof des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, des durch den westfälischen Frieden rehabilitirten Sohnes des Kurfürsten Friedrich D’. und der schönen Elisabeth Stuart, zu eben der Zeit, als sich derselbe mit Charlotte, einer gebornen Landgräfin von Hessen, vermählt hatte. Die Kurfürstin besaß aber nicht die Eigenschaften, ihren schwer zu behandelnden und sinnlichen Gemahl auf die Dauer zu fesseln. Das von der Natur bevorzugte Fräulein v. D. übte bald genug eine un:Viderstehliche Anziehungskraft auf Karl Ludwig aus und er schreckte zuletzt Vor keiner Schwierigkeit zurück, sie zu besitzen. Die Kurfürstin Charlotte hatte ihm zwar drei Kinder geboren, darunter den Kurprinzen Karl und die später als Gemahlin des Herzogs von Orleans, des Bruders König Ludwigs R17., so berühmt gewordene Elisabeth Charlotte. Indeß weder dieser Umstand, noch daß Widerstreben seiner Gemahlin hielt den Kurfürsten ab, zur Ausführung seines Wunsches zu schreiten, als er sich der Zustimmung der Geliebten sicher wußte und seine Geduld erschöpft war. Im 1658 ließ er sich mit Maria Susanne soysa morganatisch vermählen, ohne von seiner ersten Gemahlin in aller Form geschieden zu sein. Diese blieb
[27] gleichwol nach wie vor am Hofe zu Heidelberg wohnen und kehrte erst 1662 ap nach Kassel zurück, nachdem alle ihre Versuche, die Nebenbuhlerin wieder zu verdrängen, mißglückt waren. Maria Susanne Loysa hatte nicht ohne Widerstreben und schwerem inneren Kampfe die Neigung des Kurfürsten erwiedert. Ihre Ehe war eine glückliche, obwol ihre Lage in Folge der Launen ihres Gemahles und mancher anderer ihr ungünstiger Verhältnisse keine leichte war. Sie hat ihrem Gemahle 14 Kinder geboren, von denen 8 die Eltern überlebten, alle talentvoll und tüchtig, aber nur wenig vom Glücke begünstigt. Die bedeutendste unter den Töchtern war die Raugräfin Louise (1661–1733), welcher in dem Briefwechsel, den ihre Stiefschwester Elisabeth Charlotte vom französischen Hofe aus mit ihr führte, ein unvergängliches Denkmal gesetzt ist. Bereits; im Jahr 1667 hatte Maria. Susanne Loysa im Namen ihrer Nachkommen auf alle Erbansprüche auf die Pfalz verzichtet und Karl Ludwig ihr und ihren Kindern den Titel von „Raugrafen“ und „Raugräsinnen“ ertheilt und sie zugleich mit den Lehen der seit Jahrhunderten erloschenen, jetzt aber erneuerten Würde der Raugrafschaft auß- gestattet. Maria Susanne Loysa ist – noch vor der Geburt ihres 14. Kindes – am 18. März 1677 gestorben. Ihre Asche wurde zuerst in der heil. Geist-Kirche zu Heidelberg, und später kraft einer Anordnung ihres Sohnes und Nachfolgers Karl Ludwigs in der Festungskirche zu Mannheim beigesetzt.
Vgl. Kazner, Louise, Raugräfin zu Pfalz, Leipzig 1798. – LipowZky, Karl Ludwig, Kurfürst von der Pfalz und Maria Susanne Louise, Raugräfin v. Degenfeld 1c. Sulzbach 1824. – L. Häusser, Geschichte der Rheinischen Pfalz, Bd. 2. Wegele.
Deguer: Johann Hartmann D., Arzt, geb. 19. Juli 1687 in Schweinfurt, hatte zuerst auf Wunsch seines Vaters in Halle Jurisprudenz studirt, sich jedoch gleichzeitig mit den Naturwissenschaften und der Medicin beschäftigt; nach dem Tode seines Vaters setzte er diese Studien fort und erlangte1717 in Utrecht die medicinische Doctorwürde. Nach einjährigem Aufenthalte in Elberfeld siedelte er nach Nymwegen über und erwarb sich hier durch seine ärztlichen Leistungen und seine Verdienste um die Förderung des Allgemeinwohles der Stadt solchen Ruf und solche Anerkennung, daß er zum Stadtphysikus, und 1751 zum Senator und Bürgermeister ernannt wurde. Er starb den 6. Nov. 1756. – Unter seinen übrigens sparsamen litterarischen Leistungen (vergl. daß Verzeichniß derselben in 13j0gr. mesä. 1ll. 408) verdient namentlich die vortreffliche Monographie über die Ruhrepidemie im J. 1736 in und um Nymwegen („lsijst.1vOä. (16 (1z´si1to1–js bj1j080–(:011mgj08z 8,11110 1734 Sto.“„ ’1’1–8,J. 1.(1 R11011. 1738. 8) hervorgehoben zu werden. – Ueber sein Leben vergl. (J0mmsi1t. 1.jps. M11. 1J. 554. A. Hirsch.
Dehu: Siegfried Wilhelm tüchtiger Musikgelehrter und Bibliothekar, Sohn eines Bankiers zu Altona, geb. daselbst 25. Februar 1799; studirte, nachdem er in Plön das Gymnasium absolvirt, in den Jahren. 1819–22 zu Leipzig die Rechte, trieb daneben aber zugleich eifrig Musik. In Berlin, wo er 1828 sich niederließ, wurde er Bernhard Klein’s Schüler und wählte die Musik, inszbesondere musikwissenschaftliche Fächer, zu seinem ausschließlichen ferneren Lebensberufe. Wiewol er auch in der praktischen Musik gut bewandert war und namentlich auf dem Violoncello ziemlich viel Fertigkeit besaß, beschäftigte er sich doch vorzugsweise mit der Geschichte, älteren Theorie und Bibliographie, worin er sehr ansehnliche und solide Kenntnisse sich erwarb. Im J. 1842 wurde er, nachdem er noch verschiedene Reisen gemacht hatte, als Conservator der musikalischen Abtheilung der königlichen Bibliothek zu Berlin angestellt und trug zur Vermehrung und Erweiterung derselben nicht unerheblich mit bei. In diesem Amte verblieb er bis zu seinem, 12. April 1858 erfolgten Tode. Von eigenen
[28] Arbeiten hat er hinterlassen: „Theoretisch-praktische Harmonielehre 1c.“, 1840; zweite vom Verfasser umgearbeitete Auflage 1860 (zu ihrer Zeit besonders durch viele auf die ältere Tonsatzlehre bezügliche Erläuterungen und Mittheilungen werthvoll); „Lehre vom Contrapunkt, Canon und Fuge, aus den hinterlassenen . Manuscripten herausgegeben von B. Scholz“, 1859: „Analysen dreier Fugen von S. Bach und einer Vocalfuge von A. M. Bononcini“, 1858. Ferner redigirte D. in den Jahren 1842–48 die von Gottfr. Weber 1824 begründete musikwissenschaftliche Zeitschrift Cäcilia, und lieferte eine mit Anmerkungen versehene Uebersetzung der schätzbaren biograph. Notiz über Orlandus Lassus von Heinr. Delmotte, 1837. Ins besondere hat er noch durch gute Ausgaben älterer Musikwerke manches Verdienst sich erworben: „Orlandus Lassus, 198z1mj 711 po9njtsi1tj:-t1es, Berlin bei Gust. Crantz, o. J., in moderne Partitur übertragen; , dessen Motetten „0ustat9 St yjc19ts„ Berlin bei T1autwein, o. J. und „cJ110 1z1s01srs.8 1070O. in 2 Chören, Berlin; „12 Hefte mehrstimmiger Gesänge des 16. und 17. Jahrhunderts“ (Stücke von Lassus, Palestrina, Phil. de Monte, Cost. Porta, Cypr. de Rore, J. de Wert, Feraboisco u. a.), Berlin bei Crantz, o. J.; ein Heft Choralbearbeitungen für die Orgel von Dietr. Buxtehude, Leipzig bei Peterss. v. Dommer.
Dehu-Rotfelser: Ha ns D.-R., geb. 1500, einem angeblich aus Franken nach Sachsen eingewanderten Geschlechte entstammt, Sohn Friedrich Dehn-Rotfelser’s, der Geheimerath Kurfürst Friedrich des Weisen war, herzoglich sächsischer Oberbau- Oberristmeister der Harnische und Forstmeister, ein bedeutender Architekt des Renaissanceftils, aller Wahrscheinlichkeit nach der leitende Baumeister beim Bau des Georgenschlosses, auch anderer von Kurfürst Moritz in Dresden errichteter Gebäude und Befestigungen, sowie der Schlösser Moritzburg und Senftenberg, 1540 Hauptmann der Aemter Radeberg, Senftenberg und Schlieben, starb 13. Juli 1561. Kaiser Rudolf II. erneuerte dem Geschlechte der D. im J. 1580 den Adel, dessen s Wiederanerkennung dasselbe in Kurhessen, wo es noch jetzt blüht, im J. 1844 erlangt hat. Flathe.
Deichsler: Heinrich D., geb. 1430, gest. zu Ende 1506 oder Anfang K150?, Bürger, Bierbrauer und Chronist zu Nürnberg. Aus einem seit lang bekannten ehrbaren“, wenn auch nicht rathszfähigen, Geschlecht entsprossen, lebte er als „Pierpreu“ in wohlhabend:-m Stande, verfah seit 1486 das städtische Amt eines „Bettelherrn“, d. i. Armenpflegers, und beschäftigte sich daneben mit Compilation einer Chronik, in deren erstem Theil er die früheren Jahrbücher der Stadt durch eine Menge von anderen historischen Materialien erweiterte und deren folgenden Theil er für seine eigene Lebenszeit bis kurz vor seinem Tode selbständig fortsetzte. D. ist als Schriftsteller, wie als Historiker, nur Dilettant: er schreibt im Volkston mit unbeholfener Ausdrucksweise und zeigt sich über die Zeitereignisse, über die Vorgänge im Reich und den Antheil seiner Vaterstadt an denselben, nicht weiter, als für alle Welt offenkundig war, unterrichtet; aber was er selbst erfahren und in der Nähe gesehen hat, erzählt er mit Wahrheitsliebe und zuverlässiger Genauigkeit. Seine Chronik ist daher ganz eigentlich eine Stadtchronik, wenig bedeutend für die politische Geschichte, aber werthvoll durch Schilderung der Sitten und Zustände in der vielbewegten Reichsstadt bei Ausgang des Mittelalters.
Ausgabe der Chronik Deichsler’s in Verbindung mit den älteren Jahrbüchern nach dem im k. Archiv zu Nürnberg befindlichen Originalmanuscript von Th. v. Kern und C. Hegel in den Chroniken der deutschen Städte, Nürnberg, Bd. 1s und 7. Hegel. Deideticus: D. (Deidrich), geb. zu Tt-kendorf in Siebenbürgen, fand seine Ausbildung an den Schulen zu Biftritz, Hermannstadt und Klaufenburg, sowie an der Akademie zu Straßburg, an welcher er seit 1587 studirte und auch die
[29] Würde eines Magisters der PhilosophieIerlangte. 1589 verließ er Straßburg, reiste nach Wien und dann nach Italien, wo er, der Evangelische A. C., in fröundliche Beziehung zu Papst Sixtus V. trat. In die Heimath zurückgekehrt, erhielt er 1591 das Rectorat am evangel. Gymnasium A. C. in Hermannstadt und arbeitete im Verein mit dem Schulinspector und Stadtpfarrer Lupinus, sowie dem für alles Gute begeisterten Königsrichter Albert Huet und dem Bürgermeister Johann Bayer mit Erfolg an dem Aufschwung desselben. Im zweiten Jahr seines Rectorates, 1’592, konnte er die durch milde Fürsorge und Unterstützung Huet’s in einer dem Schulgebäude nahen Capelle erfolgte bessere Einrichtung der Schulbibliothek durch Aufschriften feiern. 1594 nahm er den Ruf zur Pfarre nach Tekendorf an, nachdem er 1593 von der wegen seiner Beziehung zu dem Papst und den Jesuiten– erhobenen Anklage der Apostasie freigesprochen worden war; doch schon 1598 wurde er von der Pfarre ausgeschlossen, ohne daß der Grund hiervon bekannt ist. Bon Deidericus’ im Druck erschienenen Schriften sind zu erwähnen: „1z11et1zsjs 1–jbrj VI. 13t-11j0o1–um 1zrjse0te1js„(1 Nj0Omz(J11um„ c1O quj11q11e 11zbjtjbus j11ts!1Sc:tus: Arte- 8Ojsntje1’ 1?ru(1S11tjs„. 88pjenrjz„ St 1ntsi1igentjz- k’r8S8j(1S .l011.l.11(10yjc:ol–l-msenreutsisi). H 1589. „1J16gjs„ (16 0bjt.U O1. St l)00tjs. 1)jsi9 mesi110rja0 7jrj„ I1jc11891js BSu– t11S1–j, J. s. l). St lljst0r. ju 0018b. .4rgirsi18jum 1F08-(10mjs„ qu011(1s mi?r0ks01–js„ M pru(1er1tja„ yjrtut0 (100trj118„qus pr8„(J8temt9m 7jrun1- V. t“!1b9rtum llutt40rUr11- -lu(1jOsm RSgjum ln01. R8jpuh1jcsS (Jjbinjsnsjs ju sl’rzns)siM11is,„ 1’s t.r01111m Sunm Summs 0bsimi1tjs„ O01enc1um„ Bt11110 1588 S0rj1Jt:1„ 3. 0e0rgj01)9jc1rjOj0’ ’1e1esi18j– “1’rems 1589. „0r8tj0 Sub 8„usiJj0jis I1S1011i0rjs .lunjj„ Reck. .4estc1. –4rgsi1t. äS So: QuOc1 80irj7 (:OrroqrS pOrOj10j 11j11j1 p08Sjr in11zO wsjts 1589. „klocl0e– p0rj0011 jtj110ris t4rg011t0re1tsnsjs, j118jgnjum(1ue z1j(1u0t 1000r11m St urbjum, cum lI11gsijets’ tum ysi“0 ms(j111e (3er111mijz9 (1es(zrj1Jt j0ns k111yj0rum jr0m A0 111O11– tj11m qu01–un(18–m enIpsi1z1tj0n9S„ lijst.0rjOe1s c1811jquO 1101111un8,8- 5t1js„(1us 1eOtu 11cm j11Ju01111c18„ 0011tj11ens„ S0rjptum z es0rgj0 Ll)ejc1rj0j0- ’1H91cenSj–’1’r8-118“’ 1599 (?). Trausch, Schriftstellerlexikon der Siebenbürger Deutschen, Bd. I., Kronstadt 1868. K. Schwarz, Vorstudium zu einer Geschichte des städtischen . Gymnasiums A. C. in Hermannstadt (Programm ditsetz Gymnasiums für daß Schuljahr 1860–61), Hermannstadt 1861. Herbert.
Deinhardstein: Johann Ludwig D., Dichter, geb. zu Wien 21. Juni 1794, † daselbst 12. Juli 1859. Nach Vollendung der Universitätsstudien in den Staatsdienst eingetreten, erhielt D. 1827 nach L. Haschka’s Tode die Stelle eines Professors der Aesthetik an der theresianischen Ritterakademie Und die Supplirung der gleichen Professur an der Wiener Hochschule, welche er durch mehrere Jahre bekleidete. Nach der Pensionirung Schreivogel’s wurde er auf Anregung des Grafen Czernin Vicedirector des Hofburgtheaters und bekleidete diesen Posten bis 1841, worauf er, nachdem er schon seit 1829 die Geschäfte eines Censors versah, bis 1848 als stabiler Censurreferent der Polizeihofstelle und nach dieser Zeit als Beirath der Landesregierung in litterarischen, hauptsächlich Theater-Angelegenheiten thätig war. In der Zeit von 1829–49 führte er auch die Redaction der Wiener Jahrbücher der Litteratur und erhielt 18L–34 den Titel eines k. k. Regierungsrathesz. D. trat schon 1816 als dramatischer Dichter auf und errang im Laufe der Jahre mit mehreren seiner Lustspiele, wie „Hans Sachs (1827), „Garrick in .Briftol“ (1882), „Gönnerschaften“ (1838) und „Zwei Tage aus dem Leben eines Fürsten“ dauernde Erfolge. Er schuf seine Dramen mit Vorliebe auf historischer Grundlage, besaß große Bühnenkenntniß und entwickelte im Dialoge Witz und Geist; aber seinen Lustspielen fehlte der ideale Gehalt, die tiefere Charakteristik und Auffassung geschichtlicher Charaktere und der seine poetische Sinn. Durch die Gabe eines leichten Schaffens ließ er
[30] sich zur Flüchtigkeit und Maffenproduction verleiten. Die Hinneigung Deinhardstein’s zum Schau- und Lustspie–l kam auch in seiner dramaturgischen Thätigkeit zum Ausdrucke. Unter seiner Leitung behauptete daß Burgtheater nicht mehr jenen Rang, welchen es unter Schreyvogel einnahm. Er vernachlässigte die Aufführung classischer Werke, im Repertoire überwog daß Salonoder Conversationsstück und wurde den Uebersetzungen französischer Theaterstücke ein ungebührliches Uebergewicht gestattet. Unter seiner Direction hatten übrigens Bauernfeld; Halm und Hebbel ihre ersten Bühnenerfolge errungen. Daß es D. ungeachtet seines oft von Heiterkeit überfprudelnden, genußfüchtigen Naturells, seiner mangelhaften Bildung und seiner beschränkten dichterischen Richtung nicht an einem ernsteren Sinn und einem lebhaften Interesse an wissenschaftlichen Aufgaben fehlte, bezeugt seine Redaction der Wiener Jahrbücher der Litteratur, welche dieses Unternehmen zum Brennpunkte der litterarischen Kritik in Oesterreich, ja für Deutschland zu gestalten wußte. Die gefeiertsten Männer traten durch Deinhardstein`8 Bemühungen in die Reihe der Mitarbeiter der Jahrbücher, wie Goethe, Wilh. v. Humboldt, J. Müller, A. W. Schlegel, Immermann, Gentz, Endlicher, Böttiger, Littrow, Feuchtersleben, Carus, Crüger, Grimm, Prokesch-Osten, Ritter, Rückert, Schaffarik, Tischendorf, Chmel, Hammer-Purg– stall, Hebbel, Miklofich etc. Als die Märztage des J. 1848 kamen, hatte D. wegen seiner als Censor und Anhänger Metternich’s eingenommenen Stellung viel zu dulden, da seine geschmeidige Natur ihn zu mancher ungebührlichen Strenge verleitet hatte. Uebrigens lag auch seinen ganzen Anschauungen jener agitatorische Geist ferne, welcher vor und nach 1848 fast alle geistigen Gebiete beherrschte, um die politische Wiedergeburt Oesterreichs anzubahnen und dasI4 Rechts und Freiheitsbewußtsein des Volkes zu wecken. – Einige seiner Uebersetzungen aus dem Französischen veröffentlichte D. unter dem Pseudonym: 1)r. Römer.
J. G. Seidl, Biographie Deinhardstein’s im Album öfter. Dichter, Wien 1852. – H. Laube, Daß Burgtheater, Leipzig 1868, S. 128. – C. v. Wurzbach, Biogr. Lexikon Rs 207. K. Weiß.
Deinhurdt: Johann Heinrich D., Schulmann, geb. in Niedersimmern bei Weimar am 15. Juli 1805, † in Bromberg am 16. Aug. 1867. Er war der Sohn tüchtiger Landleute, unter sechs Geschwistern daß jüngste. Seine erste Bildung erhielt er in der Dorfschule, 1815 wurde er in die Parochial- oder Predigerschule nach Erfurt gebracht, in der er so gute Fortschritte machte, daß er bereits nach 11,-sp2 Jahren in die Tertia des Gymnasiums aufgenommen werden konnte. Die Schule war damals in nicht besonderer Verfassung und wurde erst durch die Umgestaltung 1820 zu einem guten Gymnasium, an dem neben dem Director Straß Lehrer wie Spitzner und nachher Kritz wirkten und tüchtige Schüler zogen. Zu Deinhardt’s Mitschülern gehörten unter anderen Ritschl und Benary. Zu Ostern 1825 verließ er das Gymnasium mit einem Zeugnisse ersten Grades und bezog die Universität Berlin. Den Plan, Theologie zu studiren, hatte er aufgegeben; er wollte Schulwissenschaften, besonderes Mathematik studiren. Er hörte bei Ohm und Ideler mathematische, bei Encke, der ihm auch einen Theil der Rechnungen für einen Jahrgang seines astronomischen Jahrbuchs übertrug, astronomische, bei Link und Ermann naturwissenschaftliche Vorlesungen, versäumte aber auch nicht philologische und sprachwissenschaftliche bei Böckh und Bopp, geschichtliche bei v. Raumer, geographische bei Ritter und war besonders eifrig in den philosophischen Hegel’s und Henning’s. Damals lebte noch in der studirenden Jugend daß lebhafteste Interesse für die Philosophie. Dieser Beschäftigung dankte D. die gründliche Durchbildung und die ideale Richtung seines ganzen Strebens. Zu Ostern 1828 wurde er als stellvertreten-
[31] der Lehrer der Mathematik und Physik nach Wittenberg berufen und mgehte bald darauf die Oberlehrerprüfung. Michaelis 1828 wurde er ordentlicher Lehrer, später Oberlehrer. Dem Director gegenüber, der als strenger Philolog die alten Sprachen bevorzugte, mußte sich D. für die durch ihn vertretenen Diöciplinen erst Boden gewinnen; es gelang ihm bei den Schülern die besten Erfolge zu erzielen und dadurch das Widerstreben Spitzner’s zu besiegen. Als Lehrßr und noch mehr durch seine litterarische Thätigkeit hatte er die Aufmerksamkeit “ der Behörden. auf sich gelenkt, die ihm 1844 das Directorat des Gymnasiums in Bromberg übertrugen, nachdem er vorher das 0o110c1ujum pro r8(:tors„tu vor der wissenschaftlichen Prüfungtscommifsion in Halle gemacht hatte. In voller Manneskraft trat er in die neue Stellung ein, in der er 23 Jahre hindurch verblieben ist. Es waren in einem theilweise widerstrebenden Lehrercollegium große Schwierigkeiten zu überwinden und auch die Schüler begr1ffen nur allmählich, was seine Leitung und sein Unterricht bezweckten. Durch Betathung mit seinen Collegen wurden die Classenziele festgesetzt, Einheit –und Zusammenhang in die Lehrverfassung gebracht, Mängel in der Methode einzelner Lehrer möglichst beseitigt. Es wurden Classenprüfungen eingeführt, Redeacte, Turnfeste und gemeinsame Spaziergänge veranstaltet. Durch Ausarbeitung genauer Disciplinargesetze (1844, umgearbeitet 1854 und 1866) wurde der Sinn für Ordnung in den Schülern befestigt. Die 1845 eröffnete Vorbereitungsclasse erwuchs zu einer dreiclassigen Vorbereitungsschule, die erst .1864 aus seiner privaten Leitung in die Hände deck- Staates überging und damit ein integrirender Theil des Gymnasiums wurde. Mit 200 Schülern hatte er die Schule übernommen, die in 6 Classen vertheilt waren; ihre Zahl stieg auf 432 in 14 Classen. Dabei waren der polnischen Schüler immer weniger geworden und das deutsche evangelische Element erhielt daß Uebergewicht. Es ist ihm auch gelungen die äußere Lage der Lehrer zu verbessern und aus dem Honorar für gehaltene Vorlesungen die Stiftung einer deutschen Prämie (1850), eine andere für unverheirathete Töchter von verstorbenen Lehrern (1853) ins Leben zu rufen und die Wittwen- und Waisen-stiftung (1857) kräftig zu fördern. Den Neubau eines Gebäudes hat er nicht mehr erlebt.
Daß gute Verhältniß, in welchem er zu den Behörden stand (namentlich Johannes Schulze ehrte ihn durch sein Vertrauen), wurde durch die politischen Stürme des Jahres 1848 vielfach gestört. Schon im J. 1846 hatte der deutsch gesinnte Mann der polnischen Bewegung gegenüber entschieden Stellung genommen und sich zur praktischen Theilnahme an dem politischen Leben veranlaßt gefühlt. 1848 ward er ein entschiedener Vertreter des Liberalismus oder, wie die Denuncianten der Kreuzzeitung ihn nannten, eines der Häupter der Bromberger Demokratie und ein gefährlicher Verführer der Jugend. Selbst seine Berliner Gönner (Schulze und Kortüm) wandten sich von ihm ab und man dehnte den Verweis wegen der politischen Haltung auch auf seinen Unterricht aus, den er zu einem akademischen steigere und seine Schüler zu Schwätzern mache. In dieser Zeit reactionärer Bedrängniß wäre ihm eine Berufung nach Parchim (1850) oder nach Anclam (1852) willkommen gewesen, aber sie erfolgte nicht, weil er politisch verdächtig erschien. Er dachte auch wol daran an einer Universität sich niederzulassen und philosophische Vorlesungen zu halten. Inzwischen hörte diese Unruhe auf, nachdem wiederholte Revisionen die Behörde von dem guten Zustande der Schule überzeugt hatten, und die letzten Jahre brachten ihm zu der ungetrübten Wirksamkeit auch wiederholte Anerkennung. Die philosophische Facultät der Berliner Universität ernannte ihn bei dem Jubiläum 1860 110n0rjs 0eu188„ zum Doctor, ja er erhielt sogar bei der Krönung des KöNigs Wilhelm in Königsberg 1861 den rothen Adlerorden vierter Classe. In den letzten Jahren
[32] gebot ihm eine zunehmende nervöse Reizbarkeit, verbunden mit ernstlichen katarrhalischen Leiden, eine größere Zurückgezogenheit vom öffentlichen Leben und nöthigte ihn Milderung durch den Gebrauch von Seebädern oder durch Gebirg-S- reisen zu suchen. Auch 1867 war er zu diesem Zwecke nach Thüringen gegangen, kehrte aber am 26. Juli krank nach Bromberg zurück. Die Feier des 50jährigen Jubiläums seiner Schule stand in den letzten Tagen dieses Monats bevor; er versuchte seinen für die Festfeier vorbereiteten Vortrag zu halten, sank aber nach kurzer Zeit zusammen und mußte die Festversammlung verlassen Die Krankheit nahm rasch einen nervösen Charakter an und am 16. August erlag er derselben.
Auf seine Lehrerthätigkeit legte D. großes Gewicht. Er hatte zunächst mathematischen und physikalischen Unterricht zu ertheilen und that das mit großer Einfachheit und Klarheit. In Bromberg wählte er später mehr die Lehrgegenstände, die auf Geist und Gemüth des Schülers am meisten wirken, wie Religion (Sitten- und Glaubenslehre nach der Anleitung des Neuen Testaments), deutsche Litteratur zur Erweckung des nationalen Enthusiasmus, philosophische Propädeutik. Dem polizeilichen Discipliniren der Schüler war er nicht hold; die Weckung des wissenschaftlichen Interesses und die Anregung des Fleißes hielt er für das beste Mittel gegen alle Ausschreitungen. Aber Trägheit und Unsittlichkeit strafte er mit oft leidenschaftlichem Zorne, in dem er wol auch fehlgreifen konnte. ap Unter seinen wissenschaftlichen Arbeiten steht nicht blos der Zeit nach voran: „Der Gymnasialunterricht nach den wissenschaftlichen Anforderungen der jetzigen Zeit“, Hamburg 1837, in welchem Buche er das preußische Gymnasial– wesen gegen die Lorinser’schen Angriffe vertheidigt und die Aufgabe des Gymnasiums als einer Bildungsanstalt der theoretischen Stände und die daraus sich ergebende Entwicklung des wissenschaftlichen Sinnes klar hinstellt. Die dazu dienenden Lehrgegenstände, deren Verknüpfung zu einem organischen Ganzen und die dabei zu beobachtende Methode werden fast zu umständlich und durch Hegel’sche Terminologie oft unklar dargelegt. Das Buch fand wohlverdiente Anerkennung; es ist 1858 noch in das Holländische übersetzt. An den Grundanschauungen hat D. festgehalten; nur manche seiner Ansichten hat er in späteren Aufsätzen und Abhandlungen modificirt oder weiter entwickelt. Schon in der Centralbibliothek von Brzoska erschienen 1838 und 1839 Aufsätze zur Empfehlung gymnaftischer Uebungen, über die Berechtigung Oer philosophischen Propädeutik, allgemeine Bestimmung über den Zweck und die Mittel der Gymnasialdisciplin; in der Berliner Zeitschrift für Gymnasialwesen: über die Themata zu deutschen Aufsätzen, über die zweckmäßige Einrichtung der Schulprogramme u. a. Namentlich hat er zu der Encyklopädie von Schmid eine große Zahl von Artikeln geliefert, die ebensowol die allgemeinen Bildungsfragen (ästhetische Bildung, Bildungsideal, Erkenntnißvermögen, Fleiß, Gemüth, Gedächtniß, Gewöhnung, Phantasie), als auch die geschichtliche Entwicklung (Fröbel, Kant, Lorinser, Plato, Schaub u. a.) betreffen. Auch einige seiner Schulprogramme (er hat deren von 1830–1867 zwölf verfaßt) gehören hierher. Bereits 1838 hatte er Vorschläge zur Gründung einer Zeitschrift für wissenschaftliche Pädagogik gemacht. 1843 wurde er von dem Cultusminister Eichhorn aufgefordert, den Entwurf einer Instruction für den Religionssunterricht auf Gymnasien auszuarbeiten, der sich von dem damals gültigen Plan, die Kirchengeschichte und eine wissenschaftlich zusammenhängende Glaubens– und Sittenlehre in den vier letzten Schuljahren zu behandeln, nicht unterscheidet. In diese Zeit fallen seine „Beiträge zur religiösen Erkenntniß“ (Hamburg 1844), die aus Vorträgen in der litterarischen Gesellschaft in Wittenberg entstanden sind. Mit behaglicher Breite, aber auch in oft unklarer Sprache
[33] behandelt er den Begriff der Religion, die Offenbarung Gottes in der Welt, Pantheismus, Deismuß, den Begriff der Persönlichkeit, die Idee der Freiheit. Manche spätere Abhandlungen über den Gegensatz des Pantheismus und des Deismu2 in den vorchristlichen Religionen (1845), Begriff der Religion (1859), über die Vernunftgründe der Unsterblichkeit der menschlichen Seele (1863) ergänzen jene Arbeit. Schärfste Wissenschaft und lebendiger Glaube wirken bei ihm zusammen zum Finden der Wahrheit. In daß Gebiet der alten Philosophie kam er durch seinen Unterricht in der philosophischen Propädeutik; für sie war bestimmt daß Schriftchen: „Der Begriff der Seele mit besonderer Rücksicht auf die aristotelische Psychologie“ (1840) und „Ueber den Inhalt und Zusammenhang von Platon’s Gastmahl“ (1865). Viele dieser Abhandlungen hat H. Schmidt gesammelt unter dem Titel „Deinhardt’s kleine Schriften“ (Leipzig 1869). Von seinen Schulreden sind nur wenige in diese Sammlung aufgenommen. Schließ- lich ist noch zu erwähnen „Leben und Charakter des Wandsbecker Boten M. ClaudiuS“ (Gotha 1864), für den er bereits in der ersten Wittenberger Zeit eine besondere Vorliebe gefaßt hatte. s
Es ist eine große Zahl von Schriften und Abhandlungen, die D. neben den Mühen seines Amtes nur durch geordnete Thätigkeit und bei seiner Schnelligkeit im Arbeiten vollenden konnte. Trotzdem war er heiterer Geselligkeit und biederer Gastfreundschaft zugethan, ein offener, zuverlässiger Freund und bei seiner Begeisterung für alles Gute und Schöne zur Unterstützung allgemeiner Interessen immer bereit. Im October 1833 hatte er sich mi1der Schwester seines Freundes H. Schmidt verheirathet und ein wahrhaft glückliches Familienleben begründet, daß durch den im J. 1863 erfolgten Tod der Gattin getrübt wurde. Drei verheirathete Töchter haben den Vater überlebt. J. Fechner in der Berliner Zeitschr. für daß; Gymnasialwesen 1868, S. 77–79. Th. Bach, J. H. Deinhardt, ein Beitrag zur Geschichte des preuß. Gymnasialwesens in Masius’ Jahrb. für Pädagogik 1873 und in einem Separatabdruck, Leipzig 1874. Eckstein.
Deinleill: Georg Friedrich D. (1)Sj111j11us)„ Rechtsgelehrter, geb. 18. Decbr. 1696 in Altdorf, wo sein Vater Rathsältester und Bürgermeister war, starb daselbst 11. Mai 1757. Er bezog 1711 die Universität seiner Vaterstadt, wo er 1714 Magister der Philosophie wurde, vollendete seine Studien 1716–18 in Halle unter Thomasius, Böhmer, Gundling, und machte eine Reise durch Deutschland, besonders nach Wien. Ende 1718 nach Altdorf zurückgekehrt, erwarb er 1719 die juristische Doctorwürde und begann seine Laufbahn als Privatdocent der Philosophie und Jurisprudenz. 1730 wurde er außerordentlicher Professor der Rechte und außerordentlicher Beisitzer der Juristen- Facultät, 1781 Professor der Logik und zugleich ordentlicher Professor der Rechte, 1738 Professor der Institutionen und ordentlicher Beisitzer der Juristen- Facultät, 1740 Confulent der Reichsstadt Nürnberg und Professor der Pandekten, 1744?r0kes0r Ju1–js prjmsijus und Senior der Juristen-Facultät. Seine juristischen Schriften bestehen in akademischen Dissertationen und Programmen, von denen die „0bs(z1s78.cjo1188 Jurjs 111jscIs118„e“„ 08-1J. l–y- Altdorf 1740–46, die umfänglichsten sind. Auch verfaßte er einige deutsche Gedichte. – Weidlich, Gesch. d. jetztlebd. Rechtisgel. 1, 181 ff. u. dessen Zuverl. Nachrichten 1, 259 ff. –U’, 365 ff. 1’r0gr8„mmz 8„(1 0S19brjt:-1tsm kun61cjs C-. k’. 1)Sjll1j11j- Altdorf 1757, Fol. Georg Andr. Will, Merkwürdige Lebensgeschichte F. Deinlein’s, hinter d. Leichenpredigt von Joh. Augustin Dietelmair, Nürnberg 1757, Fol. Desselben Nürnberger Gelehrten–Lexikon l, 238 ff. 7, 201 Zeidler, Vjts.e pr0k088orum jurjs„ qui j11 :108„c1. .41t,ctorküns. yjz(9runr .1ll- 87 S8. Steffenhagen.
V. Z
[34]
Deisch: Johann Andreas D., Geburtshelfer in Augsburg in der Mitte des 18. Jahrhunderts Er hat dadurch eine höchst traurige Berühmtheit erlangt, daß er sich in seiner Praxis der rohsten und barbarischsten Entbindungsmethoden bediente und sein Verfahren in eignen Schriften zu rechtfertigen bestrebt war. Schon seine 1740 zu Straßburg erschienene Inauguralschrift handelte von de„r Nothwendigkeit der scharfen Instrumente in der Geburtsshülfe, seine Thätigkeit aber wird am besten durch die zuverlässige Angabe beleuchtet, daß er im Jahre 1753 unter 61 Geburten 29 Mal scharfe Instrumente in Anwendung zog, und das von den Müttern 10 starben. Die Sache war so arg, daß sogar die Gerichte ihn zur Rechenschaft zogen und eine Anfrage bei der Universität Helmstädt veranlaßten, welche seine Arbeiten sehr nachtheilig beurtheilte. Obgleich er sich in verschiedenen Schriften energisch zu vertheidigen suchte, wurde er 1761 gezwungen, einen Eid zu leisten, er wolle der Augsburgischen Hebammen- und Accoucheur-Ordnung, sowie dem Befehle der medicinischen Facultät zu Helmstädt künftig nachkommen, und nie ohne Zuziehung eines anderen Arztes von seinen Instrumenten Gebrauch machen. – Die Hauptschrift von D. ist betitelt: „Kurze und in der Erfahrung gegründete Abhandlung, daß weder die Wendung, noch englische Zange in allen Geburtsfällen vor Mutter und Kind sicher gebrauchet, und dadurch die scharfen Instrumente gänzlich vermieden werden können“, 1754, 2. Aufl. 1766. Vgl. Meusel, Lex. Hecker. Deisinge1s Hans D., Meistersänger am Anfang des 17. Jahrhunderts, von dem eine gereimte Bearbeitung des 45. Psalmis sich in einer Jenaer Meistersängerhandschrift des 17. Jahrh. findet. Vgl. Wiedenburg, Nachricht von alten teutschen Msf. in der Jenaischen Bibliothek, S. 152. Bartsch.
Deiters: P. D., Jurist, geb. 12. Febr. 1804 in Münster, † 30. März 1861 in Bonn, studirte in Berlin und Bonn, wo er, 1825 zum 1)0(:t01– Jurjs promovirt, sich 18s .5 als Privatdocent habilitirte, 1830 außerordentlicher, 1836 ordentlicher Professor des deutschen Rechts wurde, Mitglied und längere Zeit Vorsitzender des Gemeinderaths der Stadt Bonn und von dieser 1848 zum Abgeordneten in daß Frankfurter Parlament gewählt. Schriften: „1)8 Ojyj1j cog- 118rj0119 St ks„mj1jssi–j 11eJc11 SJ( sju1s R0msi10 Or 0Srm:1-11j00 1)is. j11A„ug.“„ 1825 – „Die eheliche Gütergemeinschaft nach dem Münster’schen Provinzialrechte“, 1831. “ Stintzing.
Dekema oder Dekama. Friefisches Adelsgeschlecht, schon im 11. Jahrhundert genannt, dessen Sprossen mehrmals.- den deutschen Kaisern nach Italien folgten. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war Sytse Haupt der Schieringer und zugleich der nationalen Partei gegen die Holländer. Ebenso sein Sohn Hette D. Eine völlig von dem stolzen kriegerischen Charakter seines Geschlechts abweichende Persönlichkeit war Juw D., Hette’s Sohn, der, seines hervorragenden Einflusses und wol auch seiner Fügsamkeit wegen von der österreichischen Partei vorgeschoben, 1494 zum Potentaten von Friesland erwählt wurde. Dieses hat zu dem Märchen geführt, Friesland sei, wenigstens in Kriegszeiten, von Potentaten regiert worden, wozu z. B. auch Sytse D. erhoben sein soll, während es erwiesen ist, daß dieses Amt da niemals früher bekannt war. Es gelang dem verständigen, aber schwachen Potentaten nicht, sich in den wogenden Parteien Geltung zu verschaffen. Bald war er vertrieben und erst unter Albrecht von Sachsen kam er zu neuen Ehren als Mitglied des Justizrath4-. Bis zu seinem nach 1528 erfolgten Tod blieb er eifrig österreichisch gesinnt, wie auch sein Geschlecht, das erst nach 1579 sich den nationalen Bestrebungen und der Reformation anschloß. P. L. Müller.
Dekker: Cornelis D. (Decker), holländischer Landschaftsmaler, Sohn eines Gerrit, ward lange Zeit aus Verwechselung mit dem späteren Kupferstecher
[35] Konrad Decker, Coenraet genannt. Er kommt 1643 in den Aufzeichnungen der St. Lucasgilde zu Haarlem vor. Wie daraus zu schließen, mag er etwa um 1620 geboren sein. Er gehörte zu den Künstlern, welche noch jung in den folgenreichen Umschwung der Haarlemer Landschaftsmalerei in den 40er Jahren geriethen; daher stammt seine Verwandtschaft mit Jakob van Ruisdael, welcher als der größte jener Künstler hervorging. Auffallend ähnlich ist er dem Landschaftsmaler Roelof van Bries, der gleichfalls ein echtes Haarlemer Kind, wenigstens als Landschaftsmaler, war, und wie bei letzterem ist beiD. die Jahreszahl „ 1643 das frühest bekannte Datum auf einem Bilde. Doch zeigt sich Bries dem –Cornelis immerhin überlegen, sowol in der Mannigfaltigkeit der malerischen Anschauung, als dem geistvollen Vortrag. D. stellte gern Bauernhäuser am Wasser und unter Bäumen, Waldpartien und dergleichen dar, seine Werke ermangeln allerdings der düstern Poesie des Ruisdael, bieten dagegen hübsche, friedlich idyllische Bilder. Seine Behandlung ist zuweilen zu einförmig und peinlich. „Sein erstes datirtes Bild (von 1643)“, sagt W. Bode, „steht in effectvOller Beleuchtung, in breiter, fast einfarbiger Behandlung dem Isaak Oftade sehr nahe.“ Weitere Bilder von ihm befinden sich in München, Schleiß- heim, Paris (2 Bilder, in eines malte der französische Rokokomaler H. Fragouard die Figuren), Frankfurt, Kopenhagen (schönes Waldbild, von 1666) u. a. O. Man würde seinem Namen häufiger begegnen, wenn man die Bilder nicht auf Ruisdael und Hobbema getauft und gefälscht hätte. D. zeichnete meistens C. D. Der Künstler fandsseine Ruhestätte am 3. März 1678 in der St. Vavokirche zu Haarlem; da sich die Kosten des Begräbnisses blos auf 4 Gulden beliefen, so hat D. wol nur in mäßigen Verhältnissen gelebt. – W. Schmidt.
Delbrück: E. L. Berthold D., geb. 28. Sept. 1817 zu Magdeburg, war der Sohn des Regierungsrathes Gottlieb D, der von 1831 bis zu seinem Tode im J. 1842 als Curator der Universität Halle wirkte. Er besuchte die Schulen zu Magdeburg und Halle und studirte seit dem Herbst 1836 auf den Universitäten Göttingen, Berlin und Halle die Rechtswissenschaft. Nach Absol- Virung der drei juristischen Examina während der Zeit von 1841–45 wurde er im Herbst des letztgenannten JaL,res als Mitglied des Kreisgerichtes zu Bergen auf der Insel Rügen angestellt und im J. 1859 zum Appellationsrath in Greifswald ernannt. Den besten Theil seiner Mannesjahre hat er in dem Kreisrichteramte auf Rügen verbracht. Weder die Abgeschiedenheit seines Wohnortes noch das Unbefriedigende seiner Lage, kärglicher Gehalt, schwankende Gesundheit, amtliche Zurücksetzung in Folge seines liberalen Verhaltens während der Bewegungsjahre, haben ihn niederzudrücken oder ihm die geistige Kraft und Freiheit zu rauben vermocht, um sich neben seiner Berufsthätigkeit wissenschaftlichen Arbeiten hinzugeben, die ihm bald einen Namen in der juristischen Litteratur verschafften. Galten seine frühesten Veröffentlichungen Gegenständen der praktischen Rechtsksreform, so verfolgte er in den spätern schwierige theoretische Fragen, die unter seiner Anregung lange hin Themata der Debatte geblieben sind. Aber auch die hierher gehörigen Schriften hatten ihren Anstoß von der Beobachtung des praktischen Rechtslebens empfangen und erstrebten als ihr letztes Ziel eine Reform der rechtswissenschaftlichen Thätigkeit. Er sieht den Mangel der bisherigen Untersuchungen auf dem Gebiete des Privatrechts in der ausschließlichen Beachtung des römischen oder des deutschen Elementes während die` Geschichte der Verarbeitung dieser beiden Stoffe zum modernen Rechte von dem Romanisten dem Germanisten und von dem Germanisten dem Romanisten zugeschoben wird. Er fordert deshalb immer wieder dazu auf, der Geburtsstätte des heutigen Rechts, dem Zeitalter der Glossatoren, Postglossatoren und älteren Praktiker, in welchem die Versöhnung und Herstellung des lebendigen Zusammen- 3s!-
[36] hanges der beiden Rechtselemente mit Feuer und Hammerkraft vollzogen wurde, Aufmerksamkeit und Fleiß zuzuwenden; denn das Recht, wie es im Volke lebt, ist ein in sich einiges, und diese materiell bereits vorhandene Einheit muß auch in der Wissenschaft zurErscheinung gelangen. Dazu ist es aber e1forderlich, die Umgestaltungen, welche daß römische Recht in Deutschland erlebt, gründlich zu verfolgen, wobei sich oft genug- in dem, was man geringschätzig Verirrungen der mittelalterlichen Praxis oder Irrthümer der Neueren genannt hat, ein Einfluß gesunder, dem strengen römischen Rechte fremder, Rechtsgedanken zu erkennen geben wird. In diesem Sinne sind die beiden Monographien, die den Namen des Verfassers erhalten werden, geschrieben: „Die Uebernahme fremder Schulden nach y gemeinem und preußischem Recht“ (Berlin 1353), die ihm den Ehrendoctor der juristischen Facultät beim Jubiläum der Universität Greifswald im Herbst 1856 eintrug, und die „Dingliche Klage des deutschen Rechts (Leipzig 1857), mit welcher ein erst aus seinem Nachlasse veröffentlichter Aufsatz in Jhering’s Jahrb. für die Dogmatik des Rechts, Bd. Ii (1871) zu verbinden ist. Außerdem sind von ihm einzelne Abhandlungen in der Zeitschrift für deutsches Recht, Bd. R17 und R7, in den citirten Jahrbüchern Bd.111, in der Kritischen Ueberschau Bd. ll, veröffentlicht. Zunehmende Kränklichkeit hat ihn, als seine Lage eine freiere und sein Wirkungskreis ein anregenderer geworden, in seiner Thätigkeit gelähmt. Er starb am 17. Mai 1868 zu Greifswald. Ein schönes Denkmal hat dem Menschen und dem Schriftsteller Windscheid gesetzt.
Windscheid, Zur Erinnerung an B. Delbrück (Krit. Vierteljahrschr. für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, Bd. 10). Delbrück, Recension von Lenz, Daß absolute Recht (Krit. Ueberschau Bd. 2). Frensdorff.
Delbrück: Johann Friedrich Ferdinand D., geb. 12. Aprill772 in Magdeburg, gest. in Bonn 25. Jan. 1 848, Sohn eines Rathmannes, machte die Vorbereitungsstudien an der Domschule seiner Vaterstadt und bezog zu Ostern 1790 die Universität Halle, wo er hauptsächlich bei Friedr. Aug. Wolf, daneben aber sowol bei dem Kantianer Jakob als auch bei Eberhard, dem Gegner der kantischen Philosophie, Vorlesungen hörte und sich viel in Niemeyer’s Haus bewegte. Eine im Mai 1794 angetretene Erzieherstelle bei dem Grafen Stollberg in Eutin gab er in Folge religiöser Differenzen alsbald wieder auf und ging von dort nach Kiel, um bei K. L. Reinhold zu hören; hierauf übernahm er eine Hauslehrerstelle bei einem reichen Kaufmann in Hamburg, wobei ihm die Gelegenheit wurde, Klopstock persönlich kennen zu lernen. Im J. 1796 nach Magdeburg zurückgekehrt, setzte er für sich seine Studien fort, veröffentlichte eine Schrift „Ueber die Humanität“ (1796) und arbeitete eine Dissertation aus „ll0mOrj r81jgj011js (1use z(1 bene bsatequs yiysn(1-um 11Sr0i0is tsmp0rjbus kuerjt yis auf deren Grund ihm die Universität Halle die Doctorwürde verlieh (1797). Nun ging er nach Berlin, wo er in Gedike’s Lehrer-Seminar eintrat und alsbald (Herbst 1797) als Collaborator am Gymnasium zum grauen Kloster angestellt wurde. Er durfte sich hier nicht nur eines näheren Umganges mit Buttmann, Spalding, Heindorf, Schleiermacher und Nicolai erfreuen, sondern trat auch, nachdem sein ältester Bruder (Joh. Heinrich Gottlieb) seit 1800 Erzieher des damaligen Kronprinzen geworden war, den Hofkreisen näher und ertheilte einige Zeit hindurch dem Prinzen August und der Prinzessin Charlotte (nachmaliger Kaiserin von Rußland) Unterricht. In diese Zeit fällt seine erklärende Ausgabe der Oden Klopstock’s (1800) und eine lebhafte Betheiligung an der Allg. Litt.- Zeitung sowie an der Jenaer Litt.seitung. Im Jahre 1809 wurde er als Rath bei der oftpreußischen Regierung angestellt und zugleich zum außerordentlichen Professor an der Universität Königsberg ernannt, in welcher Eigenschaft er über „Theorie, Kritik und Litteratur der schönen Künste“ zu lesen hatte; es
[37] knüpften sich ihm hieran auch öffentliche ästhetische Vorlesungen sowie die Ver- öffentlichung der Schrift „Ein Gastmahl, Reden und Gespräche über die Dichtkunst“ (1809). Sowie er in seiner amtlichen Stellung überhaupt tüchtigst Hand anlegte in Ausführung der damaligen inneren Reform Preußens, so brachte er auch in der Zeit des kriegerischen Aufschwungs durch seine „Erläuterung :n der königlichen Verordnung über den Landsturm“ (1813) eine durchschlagende Wirkung hervor. Da er gegen Ende des Jahres 1814 in Folge einer schweren Krankheit und einer fast noch schwereren Reconvalescenz eine Aenderung des Wohnortes für unerläßlich halten mußte, kam die Regierung seinen Wünschen entgegen, indem sie ihn (Anfang 1816) als Regierungs und Schulrath nach Düsseldorf versetzte, woselbst allerdings seine amtliche Thätigkeit eine weniger angenehme war, da die ganze Provinz dem neuen preußischen Regime mehr Abneigung als Zuneigung entgegentrug. Um so freudiger ergriff er es, als er die Anfrage erhielt, ob er an der neu zu gründenden Universität Bonn einen Lehrstuhl zu übernehmen geneigt sei. Ende October 1818 siedelte er nach Bonn über, wo ihm „Schöne Litteratur“ und Philosophie als Hauptfächer übertragen waren; daneben führte er (1819–2s) daß Commissariat über das Bonner Gymnasium und (1821–24) die Vorstandschaft der wissenschaftlichen Prüfungs Commifsion. Auch veröffentlichte er nun mehrere Schriften, nämlich: „Sokrates, Betrachtungen und Untersuchungen“ (1819), „Christenthum, Betrachtungen und Untersuchungen“ (1822–27, 2 Theile, deren zweiter gegen Ueberschätzung Melanchthon’s gerichtet war, sowie der dritte in gleicher Weise über Schleiermacher handelte), „Lehrsätze, Rathschläge und Fragen über Erziehung und Unterweisung der Jugend“ (1823, ein Auszug aus seinen Vorlesungen über Pädagogith, „Xenophon, zur Rettung seiner durch Niebuhr gefährdeten Ehre“ (1829), „Grundriß einer Anweisung zur gehörigen Einrichtung des akademischen Leben:-s und Studiums (1835), „Der verewigte Schleiermacher“ (1837, eine Vertheidigung gegen Vorwürfe, welche ihm aus obiger Beurtheilung Schleiermacher’s erwachsen waren), „Ergebnisse akademischer Forschung“ (1843, Aphorismen über verschiedene Gegenstände und Fragen der Theologie; eine Fortsetzung derselben gab aus Delbrück’s Nachlasse Nicolovius heraus, 1848), „Das Volkslied „Was ist des Deutschen Vaterlands nebst Zuschrift an Arndt“ (1846), „Zum Gedächtnisse K. Dietr. Hüllmann’s (im 6. Bande der von W. A. Schmidt herausgegebenen Allg. Zeitschrift für Geschichte, 1846); dazu kommen noch zahlreiche Gelegenheitsreden, deren frühere D. selbst in 2 Bänden gesammelt herausgab (1831). In den letzten Monaten seines Lebens hatte er körperlich durch Asthma und noch mehr psychisch durch Trübsinn und Schwermuth zu leiden. Er war eine edel angelegte Natur, von übergroßer Bescheidenheit, strengstem Rechtsgefühle und innig schlichter Religiosität; er suchte bei Beurtheilung der Dinge und der Menschen mit Vorliebe einen vermittelnden Standpunkt zu gewinnen, gleich ferne von Ueberschätzung wie von Verkleinerung, und insbesondere in Bezug auf Religion war er mild und versöhnlich, da er das religiöse Denken als freie individuelle Herzensangelegenheit eines jeden Einzelnen betrachtete; so suchte er auch den Katholiken gerecht zu werden und erklärte sich bei gebotener Gelegenheit entschieden gegen den Uebereifer mancher protestantischer Theologen. Seine philosophische Ans schauung näherte sich vielfach dem Gefühlsstandpunkte Jacobi’s, war aber zugleich Von Kant-Schiller her ästhetisch angehaucht. .
Alfr. Nicolovius, Ferd. Delbrück, ein Lebensumriß. Bonn 1848. rantb
Delff: Willem Jacobszoon (Sohn des Jacob) D., gebHBzu Delft 15. Nov. 1580, gest. daselbst 11. April 1638. Die Familie nahm den Namen von der Vaterstadt und nannte sich Delft, 1)S1p11us 1)91p11jus. Der Vater des
[38] Künstlers, Jakob, war auch Maler und zugleich Lehrer seiner drei Söhne. Vom Vater befindet sich im Stadthause zu Delft noch ein Bild der Bürgergarde. Er starb 5. Mai 1611. Ein Bruder unseres Künstlers, Cornelis genannt, malte Stillleben, ein zweiter Bruder Rochus war Bildnißmaler. Willem lebte in einem Kreise von Künstlern; besonders hatte die Freundschaft des Mierevelt den nachhaltigsten Einfluß auf ihn und, obgleich er früher malte, scheint er durch diesen ganz dem Kupferstich zugeführt worden zu sein. Er ehelichte auch 1618 dessen Tochter Gertraud. Im J. 1622 erhielt er von den Generalstaaten ein Privilegium auf seine Werke, doch mußte er ein Exemplar vor der Ausgabe präsentiren. D. stach seine meisten Blätter, die durchweg in Porträts bestehen, nach Mierevelt Und dieser ist durch den Grabstichel seines Schwiegersohns verewigt worden. Es sind Porträts des dreißigjährigen Krieges, darunter Gustav Adolfs, Axel Oxenstierna’s, vieler Prinzen des Hauses Oranien, dann berühmter Persönlichkeiten der Zeit, wie Colligni, Villiers v. Buckingham, Radziwill, Friedrich (der Winterkönig) und dessen Gemahlin Elisabeth. Zwei seiner Blätter erschienen erst nach seinem Tode, Radziwill 1639 und Wilhelm von Nassau 1644. Die Blätter des Künstlers gehören zu den gesuchten und sind eine Zierde öffentlicher wie Privatsammlungen.
D. Franken, Monographie über den Künstler, Amsterd. 1872.
Wessely.
Delius: Christoph Traugott D., ausgezeichneter Berg- und Hüttenmann, geb. im J. 1728 zu Wallhausen in Thüringen, gest. 21. Jan. 1779 zu Florenz. D. entstammt einem altadelichen, in den Kriegszeiten verarmten Geschlechte Thüringens. Nachdem er die Schulen zu Quedlinburg und Magdeburg absolvirt hatte, bezog er die Universität Wittenberg, um die Rechtswissenschaft zu studiren, betrieb aber zugleich auch mit großer Liebe mathematische und naturwissenschaftliche Studien; er trat dann, wahrscheinlich durch äußere Verhältnisse genöthigt, auf kurze Zeit in den Militärdienst und wandte sich hierauf nach Wien, wo der Stiefbruder seiner Mutter, v. Justi, eine einflußreiche Stellung besaß, um sich in Oesterreich ein Fortkommen zu verschaffen, weshalb er auch daselbst zur katholischen Religion übertrat. Von der Kaiserin Maria Theresia mit einem Stipendium zum Besuche der Vergakademie Schenmitz begnadigt, that er sich hier durch seine mathematischen Kenntnisse hervor, so daß er schon 1756 also Markscheider nach den Bergwerken im Banat .abgeordnet wurde, 1761 die Stelle eines Bergverwalters, 1764 die eines Oberbergverwalters und Assessors des Bergeollegiums erhielt und 1770 als Professor der.Metallurgie und Mineralogie nach Schemnitz berufen wurde. Hier schrieb er eine Abhandlung: „Vom Ursprung:- der Gebirge und den darin befindlichen Erzadern“ und verfaßte den ersten Entwurf zu dem später auf Staatskosten heraus gegebenen, sehr geschätzten Werke „Anleitung zur Bergbaukunst“, welches 17?s in erster, 1806 in zweiter Auflage erschien, auf Befehl Ludwigs ITM. auch ins Französische übersetzt und auf königliche Kosten 1778 gedruckt wurde. Dieses Werk ist daß beste, umfassendste und lehrreichste über Bergbau mit Einschluß der Erzaufbereitung, namentlich in den öfter1eichischen Ländern- welches wir aus jener Zeit besitzen. Seiner Vorzüge wegen erhielt sich dasselbe unverhältnißmäßig lange in Gebrauch und blieb ein zuverlässiger Rathgeber für den praktischen Bergmann bis in die neuere Zeit. Nach kaum 2 Jahren seiner Lehrthätigkeit in Schemnitz wurde D. 1772 nach Wien berufen, zum Hofcommissionsrath und Assessor beim Oberberg- und Münzcollegium ernannt und beauftragt, die ungarischen Bergwerke zu bereisen, um entsprechende Verbesserungen bei denselben einzuführen.. Er erhielt nach seiner Rückkehr 1776 als Anerkennung seiner hervorragenden Leistungen die Ernennung zum wirklichen Hofrath und Referenten in Bergwerks und Münz-
[39] sachen. Mit seiner Thätigkeit in dieser Stellung beginnt eine neue Periode des Aufschwungs in dem österreichischen Montanwesen. In Folge großer, Anstrengung zog er sich ein Leiden zu, für dessen Heilung er Hülfe in den Bädern von Pisa suchen wollte, starb aber auf der Reise dahin in Florenz. Außer den genannten zwei. größeren Publicationen ist noch eine kleine Abhandlung über den Opal von D. zu erwähnen, welche in den Schriften der böhmischen Privatgesellschaft erschien. Vgl. Nov. Act. Ac:. 0zr01. Nett. 0urj08. ’1’. 71Il. p. 211. Wurzbach, Biogr. Lex. III. S. 221. Gräffer und Czikann, .-For. dls„t. 13110zs01. I. 694. y Gümbel.
Delius: Christian Heinrich D., Geschichtsforscher, geb. zu Wernigerode 24. Oct. 1778, † daselbst 14. April 1840, einziges Kind des Bürgermeisters und Stadtsyndicus Jakob D., besuchte seit 1787 die lateinische Schule, daß jetzige gräfliche Gymnasium seiner Vaterstadt, wo der strebsame Knabe und Jüngling bald glänzende Fortschritte machte. Seine entschiedene Richtung auf die Geschichte, besonders des deutschen Vaterlandes und seiner engeren Heimath, zugleich aber sein kritischer auf die Quellen zurückgehender Sinn, trat schon damals deutlich hervor. Als Schüler sammelte er mit emsigem Fleiß an Ort und Stelle die Inschriften der monumentalen Gebäude der Grafschaft Wernigerode und im 18. Jahre arbeitete er bereits eine nur auf die sorgfältig selbst gelesenen Urkunden gegründete in geschichtliche Perioden abgetheilte Geschichte der Stiftskirche in seiner Vaterstadt aus. Von 1796 –1798 baute er auf fester Grundlage, durch treffliche Lehrer unterstützt, auf dem Pädagogium zu Jlfeld an sei ner Fortbildung weiter, um dann zu Michaelis des letzteren Jahres zu Göttingen die Rechtswissenschaft als Fachstudium zu treiben. Dabei verließ er aber nicht im geringsten seine geschichtliche Richtung, denn die Erforschung der rechtlichen und staatsrechtlichen Entwicklung der deutschen Stämme und Gebiete war von Anfang an der Hauptgesichtspunkt seines wissenschaftlichen Strebens. Michaelis 1800 ging er nach Halle, wo er, von seinem Vater unterstützt, den Grund zu der später bis auf etwa 13000 Bände und 10000 Landkarten gebrachten und für die gräfliche Bibliothek erworbenen trefflichen geschichtlichen Bibliothek legte. Michaelis 1801 kehrte er nach Vollendung seiner Universitätsstudien nach Wernigerode zurück, nachdem er eine Aufforderung, die akademische Laufbahn zu ergreifen, aus derselben überaus starken Liebe zur Grafschaft Wernigerode- Welche schon dem Vater und Großvater eigen gewesen war, abgelehnt hatte. Im Jahr 1801 begann er seine Laufbahn bei der gräflichen Regierung, bei welcher ihm, seit 1802 als Archivassistent, 1804 als Archivar gerade der Wirkungskreis er- öffnet wurde, zu welchem Studien, Neigung und Befähigung ihn besonders bestimmten. Er begann denn auch bald die Ergebnisse seines Forschens litterarisch zu verwerthen. Schwer wurde der echte Patriot betroffen, als über Deutschland und auch über seine engere Geburtsheimath die französische Fremdherrschaft hereinbrach. Als solcher verschmähte er es, die sonst lockende Stelle als Archivar des Königreichs Westfalen anzunehmen, welche der Minister Joh. v. Müller ihm antrug. Als geschickter und treuer Berather seiner Herrschaft in staatsrechtlichen Fragen begleitete er den Erbgrafen 1807 nach Paris, 1814 und 1815 zur Zeit des Congresses nach Wien, 1822 bei dem Abschluß eines neuen Recesses .mit der Krone Preußen nach Berlin. Ueber alle Rechtsfragen des Stolbergischen Hauses arbeitete er auf Grund eingehender geschichilicher Forschungen Deductionen aus. Als gräf*licher Beamter stieg er bis zum Director der Regierung, was er von 1834 ab bis zu seinem Tode war.
D. war entschieden Specialhistoriker. Nicht als ob die allgemeine Geschichte des Vaterlandes ihn nicht tief bewegt hätte oder der Gegenstand seines Forschens
[40] gewesen wäre – vielmehr suchte er das Einzelne als Glied des größeren Allgemeinen zu erkennen und darzustellen. Auch bereitete er z. B. nach einem größeren Plane eine mittelalterliche Geographie Deutschlands vor und lieferte bezügliche Artikel für die Allgemeine Encyklopädie von Ersch und Gruber, sowie allgemeine Aufsätze für Gräter’s Bragur und Sulzer’s Nachträge zur allgemeinen Theorie der schönen Künste. Aber theil?z seine gründliche Durchforschung des ihm anvertrauten Urkundenschatzeß, theils seine bis zum einseitigen Partis cularismus gesteigerte Liebe zu seinem „Vaterland“ Wernigerode, veranlaßten die räumliche Beschränkung seines Forschungtzgebiets. Jedoch durch seine gründlichen Monographien trug er – wiederholt aus ganz bestimmten Anlässen – kräftig dazu bei, den unkritischen, feichten Pfuschereien von Halbwissern entgegen zu treten. Einer ganzen Reihe bedeutender Forscher half er aus der Fülle seiner urkundlichen Kenntnisse durch schriftliche Auskunft. Chroniken schätzt er verhältniss mäßig gering, den Volksüberlieferungen in der Geschichte gegenüber hören wir ihn wol ein: O(1j 1JrOiemum ausrufen. Gegenüber der zu seiner Zeit als Wissenschaft ausgebildeten deutschen Mythologie war er als Diplomatiker skeptisch, aber gerade Jak. Grimm schätzte ihn als selbständigen gelehrten Gegner, dessen Widerspruch ihm lieber war, als die Mitarbeit unkritischer Dilettanten. Schade ist es, daß eine ganze Reihe schätzbarer specialgeschichtlicher Arbeiten in dem nur in wenigen Exemplaren erhaltenen Wernigerödischen Intelligenzblatt, daß er von 1808 bis 1840 redigirte, verborgen sind. Das von ihm und Holzmann in Goslar 1805 begründete Unternehmen einer allgemeineren Zeitschrift – daß Hercynische Archiv – mußte damals wegen der Ungunst der Verhältnisse beim ersten Jahrgange stehen bleiben. Manche seiner Arbeiten erschienen dann in v. Ledebur’s Archiv. Von seinen selbständigen Schriften heben wir hervor: „Die Hildesheimische Stiftsfehde“, Leipzig 1803; „Ueber die Grenzen und Eintheilung des Erzbisthums Bremen“, Wernigerode 1808; „Beiträge zur Geschichte deutscher Gebiete und ihrer Beherrscher“, A) Bruchstücke aus der Geschichte des Amts Elbingerode, Quedlinburg 1813; b) Nachrichten zur Geschichte der Landstände in der Grafschaft Wernigerode, das. 1817; „Untersuchungen über die Geschichte der Harzburg und den vermeinten Götzen Krodo“, Halberstadt 1826.
Im Druck erschien über Delius ’ Lebensumstände bald nach seinem Ableben in Wernigerode eine „Kurtze Nachricht“ (12 Seiten 4.), welche der Hauptsache nach in den Neuen Nekrolog der Deutschen, Jahrg. 1840 übergegangen ist. Jacobs.
Delius: Heinrich Friedrich D., Arzt und Naturforscher, geb. zu Wernigerode 8. Juli 1720, gestorben zu Erlangen 22. Oct. 1791. Da sein Vater, der gräfliche Consistorialrath und Prediger zu U. L. Frauen Jakob D. seinen Sohn für den durch mehrere Generationen von Gliedern der Familie erwählten geistlichen Stand bestimmt hatte, so wurde demselben eine dahin gerichtete gründliche Vorbildung, besonderös in den claffischen Studien, zu Theil, wozu die Grundlagen bies. zum 18. Jahre auf der lateinischen Schule seiner Vaterstadt gelegt wurden. Schon damals hatte sich aber eine entschiedene Richtung auf die Naturwissenschaft und die Heilkunst offenbart, die er bereits weiter verfolgte, al-is er unter seinem hisherigen Lehrer, dem Rector Euftachius Schütze, daß neugegründete akademische Gymnasium zu Altona von 1738 – 1740 besuchte. Die beiden folgenden Jahre studirte er in Halle, ging dann ein Jahr lang, besonders zu semer weiteren Förderung in der Anatomie, nach Berlin, dann wieder nach Halle, wo er am 21. Oct. 1743 die Doctorwürde erwarb. Gegen drei Jahre lang übte er dann in seiner Vaterstadt eine erfolgreiche ärztliche Praxis, beschäftigte sich daneben aber eifrig mit den Naturwissenschaften und gab seine
[41] „z111o0njtsttes msäi0aO“ heraus. Die kaiserl. Akademie nahm ihn 1747 als ihr Mitglied auf, und in demselben Jahre berief ihn der Markgraf von Baireuth zum Landphysicat daselbst. Schonch zwei Jahre später wurde ihm die fünfte medicinische Professorstelle zu Erlangen übertragen und bald häuften sich auf ihn alle möglichen Ehrenbezeugungen und Mitgliedschafte1; gelehrter Gesellschaften. Im. J. 1788 wurde er.Präsident der kaiserl. Akademie der Naturforscher, mit welcher Stellung der Re1chsadel verbunden war, ebenso Pfalzgraf, ka1serlicher sowie bra1IdenburgiscHer geheimer Hofrath. Es war nicht sßine .stärkfttz CsFeite, ßaß :rvaus ssche HW;1J:den zznddEh7xnbezeIungen besoö1d.?8 vielßhHelHß1ß;e sDeraup on t un emen - er ten en. agegen wir 1 m gro e o wo en, GutmüthigHeit, Frejmuth und strengste Rechtlichkeit nachgerühmt. Mit besonderer Vorliebe tr1eb Hr die Pflanzenkunde und sammelte eifrig Mineralien„und allerlei Naturmerkwürdigkeiten. Von den nicht wenigen Quellen über Delius’ Leben und Verdienste ist die von Harleß verfaßte 1llsm0rja 1)e1jj- Erl. 1791, 4, der besonders hterauf fußenhe Aufsqtz in Schlichtegroll’s . Nekrolog .auf das Jahr 1791, 305–321 und die Chromk der Aerzte des Reg1erungsbez1rks Magdeburg 11„ 23–30 hervorzuheben. Sein Bildniß vor dem 5. Bde. der fränk. Samml. u. a. a. . v v v ,JacolJ3.
D.! ß1ser der gelehrte1te1s AHrzte semer Zelt-. vonemer.enormen lltterarischen Producttv1tat vgl. daß Verze1chmß ferner Schmten m B1ogr. rn3(1. 11l- 412), repräsentirt den strengen Conservativismus in der Medicin; einer der eifrigsten Anhänger Stahl’s, war er ein Feind aller Neuerungen, denen er, wenn auch in gemessener, doch sehr entschiedener Weise entgegentrat. Er war der erste, der (in „,33nin18„c(Zy(J1sjo;1(Jse. j11 (:100rrinsm ä9 j1Jrjts„bj1jmts ßto.“„ 1752) g.egen die scöllerLehe Szrr1zHbälltaHZlehre Ind :1ameWlich gßgßn Kssißgßr, HetxchI3eFrumI dsr „e re on er e exre1zung, – ron ma e, wo er er u r1gen m om an – p.unkte veiner. exacten Beoba;htunAg tzder ds Expßrimentes, sondern auf„dem Wege ex:nes dr;rlekt1sshen Rat1.sInallsmuß die Ansichvfen 1ener. zu widerleg(;1J suchte, hurch Ile er T1tcI),swieLeth erkltLte, lm Jll3;osenlIfwisfen veJetzt l;gI)tle, da stszu en go oen e ren .9e a e r1e, erana ung gege en a en. – on
sßinßr Anhänglichkeit an Stahl’schev Grundsätze, wexche er selbst in dieser Arbeit ubr1gens m Abrede stellt, g1bt 1eme kle1ne Schrift „Den8„ onst p1z119„ mA1o– 1–1g1r„ Erl. 1752 hi;1reichende BenJeise. Einige Verdienste hat sich D. um die Fofderung der Chemie erworben (seme „l)rjms 1j11ests O11emjs0 k0rsnsjs„ 1771 fin der erste, allerdings sehr kümmerliche Versuch einer Bearbeitung der Lehre von der 13ntersuchung und Beurtheilung der Vergiftungen ju k01s0), auch ist D. der Begrunder der „Fränkischen Sammlung von Anmerkungen aus der Naturgesch1chte, Arzneigelahrtheit :c.“, von welcher, zum Theil unter seiner Redaction, 8?änd;e (Nijrnbseeßg 1755–63) erschienen sind, die manche interessante klinische un epi emio ogi e Beiträge enthalten. A. Hirsch.
Delius: Matthäus D., von 1534–1565 Rector des Johanneums in isan;burg.D Er wurde 19. Juli 1520 zu Wittenberg inscribirt und zwar als 8-r1zus j1jj (1e k1Srmestsc1 llet1be1–8tmien. (1i09. Ein Ort Hermstadt ist innerhalb dßr Grenzen des dcgmasigen Halberstädter Sprengels nm; zwar bitzher vom U1Jterze1chneten mcht aufzufmden gewesen; dennoch ist keinsfalls an Hermstadt bet Apolda zu denken, das nach Fulda zinste; auf daß Halberstädtische weist für den Geburtsort. unseres D. auch die Angabe einer alten niedersächsischen Chronik, deyzusylgß Aßpm und D. Landsle1zte gewesen sind, sowie auch die Bemerkung C1sellU.s m der Vorrede zu Sch1;1dler’s 1.SJ(10011 1?entzg10cr0n„ der in Helmstadt schre1bt und von der. Famille unferes D., den er allerdings fälschlich Matthtas nennt, sagt, daß ste See 118O yj0injs„ gebürtig sei. Auch daß Geburts!- 1ahr unseres D. 1st nicht bekannt; da sein ältester Sohn im J. 1523 geboren
[42] ist, so können wir auch bei Annahme einer frühen Verheirathung seine Geburt doch nicht später als 1500 und müssen sie wahrscheinlich einige Jahre früher ansetzen. In Wittenberg hat er sich besonders an Melanchthon angeschlossen, der ihm auch hernach immer in enger Freundschaft verbunden blieb, wie die noch vorhandenen Briefe desselben an ihn und andere Zeugnisse beweisen. Sonst ist aus dem Wittenberger Aufenthalt unseres D. uns nur noch bekannt, daß er sich, wie schon angedeutet, dort verheirathet hat, und zwar mit einer Freundin von Melanchthon’s Frau. Ob er bis 1528 in Wittenberg geblieben ist, und falls daß, in welcher Stellung er sich dort befunden hat, wissen wir nicht. Wahrscheinlich am Ende des J. 1528 ging er von Wittenberg nach Hamburg, wo er Bugenhagen traf, der seit dem 9. Oct. 1528 dort weilte. Es spricht alles dafür, daß unser D. der in einem Briefe Bugenhagen’s an Luther vom Ende October 1528 zweimal erwähnte Mattheus ist. Darf daß angenommen werden, so ersehen wir aus diesem Briefe (Burkhardt, Luther’s Briefwechsel, Leipzig 1866, S. 145–148), daß Luther unserm D., als er von Wittenberg nach Hamburg reiste, einen Brief an Bugenhagen (der von Braunschweig aus nach Hamburg gekommen war) mitgegeben hat, daß Bugenhagen sich schon früher schriftlich Melanchthon gegenüber verpflichtet hatte, für D. in Hamburg sorgen zu wollen, so daß Bugenhagen in dem angeführten Briefe an Luther versichern kann, es bedürfe dessen nicht mehr, daß sie ihm den D. noch weiter empföhlen. Es gewinnt danach -den Anschein, als wenn D. in Wittenberg doch nicht recht eine geeignete Stellung finden konnte. Auf Bugenhagen’s Empfehlung hin, so werden wir nun weiter uns den Zusammenhang denken dürfen, wurde D. also im J. 1529 in Hamburg Conrector (d. h. zweiter Lehrer) an dem neugegründeten Johanneum; hernach, als der Rector, IC. Theophil Freytag, wahrscheinlich wegen seines Alters, der Schule nicht mehr vorstehen konnte, wurde D. erst im J. 1534 sein Adjunct und hernach 1536 oder 1587, als jener pensionirt wurde, sein Nachfolger (Theophil starb am 21. Dec. 1537). Nun erst scheint D. sich in Hamburg wohl gefühlt zu haben, während er vokher (1532) ernstlich daran gedacht hatte, Hamburg wieder zu verlassen. Unter seiner Leitung gelangte daß Johanneum auch schnell zu großer Blüthe und bildete tüchtige Männer heran. In dem größern Kreise von Schülern und Freunden Melanchthon’s, der damals in Hamburg lebte, in welchem ein reges Leben sich fand, mag er eine angesehene Stellung eingenommen haben. Wie er und andere Genossen dieses Kreises mit Wittenberg in stetem Verkehr blieben, so reichten seine Beziehungen andererseits auch nach England hinüber. JU Hamburg war er besonders befreundet mit Aepin, auf dessen Seite er auch in den bekannten Streitigkeiten stand, ohne daß dadurch seiner Freundschaft mit Melanchthon Abbruch geschah. Sind die nachweißbaren Spuren seiner Wirksamkeit auch gering, so spricht doch alles, was uns im einzelnen nach den angedeuteten Beziehungen hin aus seinem Leben bekannt ist und worauf weiter einzugehen hier zu weit führen würde, dafür, daß er in einer gesegneten Thätigkeit stand und großeis Ansehn genoß. Er starb JO. Sept. 1565 an der Pest, die auch seine Frau und mehrere Kinder dahinraffte.
Matthäus D. 11., Verfasser der oft gedruckten „l.jbrj 4 (1e Arte jo- Os-nc1j“„ wurde als Sohn des vorigen im J. 1523 zu Wittenberg geboren und scheint bis zu seinem frühen Tode diese Stadt nicht auf längere Zeit verlassen zu haben. Als sein Vater im October 1528 nach Hamburg ging, blieb er mit seinem wol nur wenig jüngern Bruder wahrscheinlich in Wittenberg zurück; ob mit der Mutter oder ob vielleicht bei Verwandten der schon verstorbenen Mutter muß dahingestellt bleiben. Im Sommerdes Jahres 1532 wurden beide Brüder dort inscribirt, – grm;11jt0 insOrjptj Sum; – I!lzt.t11Aeus er J011eun198 1)j11jj R?jttsnb9r–
[43] gen-SSS- krstrOs„ wie es im Album der Universität heißt, ohne Angabe des Datums der Infcription, was bei ihrer Jugend wol mehr als eine ihrem Vater erwiesene Ehre anzusehen ist. Daß Matthäus dann hernach in Wittenberg seine theologischen Studien wahrscheinlich Ostern 1589 begann und darauf schon am 12. Aug. 1544 nach kurzer Krankheit an der Schwindsucht starb, wäre fast Haß einzige, was wir noch von ihm wüßten, wenn nicht Melanchthon aus seinem Nachlasse die schon erwähnte Schrift, ein längeres Gedicht „1)S arte joe-111c:1i“„ herausgegeben hätte. Die Herausgabe dieser Schrift nämlich, die 1555 zu Wittenberg zuerst erschien und hernach noch mehrfach gedruckt ist, begleitete Melauchthon mit einer längeren Zuschrift an den Vater Delius’, seinen Freund, in welcher er ausführlicher von den Studien, dem Charakter und der Krankheit des Sohnes spricht. Hier lernen wir den letzteren als einen besonders reich begabten, in jeder Hinsicht ausgezeichneten Jüngling kennen, der trotz seiner Jugend schon in der Theologie großes leistete und zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Seine übrigen Schriften seien nicht vollendet gewesen und darum auch nicht sorgsam aufbewahrt; dieses Gedicht, daß er zur Erholung von ernsteren theologischen Arbeiten verfaßt habe, sei daß einzige, was gerettet sei. Auf den Inhalt der Verse kann hier nicht weiter eingegangen werden; in gutem, fließendem Latein geben sie eine Anweisung zu einem geistreichen und gebildeten Gespräche, in welchem ernster Inhalt und gefällige Form, auch wol in Witz und Scherz, sich verbinden.
Außer diesem seinem ältesten Sohne hatte der ältere D. noch 2 oder 4 Söhne; einen noch aus der ersten Ehe, Johannes, und 2 oder 2 aus der zweiten Ehe, Martinus, Joachim und wahrscheinlich einen jüngeren Matthäus, der wol erst nach dem Tode seines gleichnamigen ältesten Bruders geboren ward und dann dessen Namen erhielt. Johannes, den wir nur aus zwei Briefen Melanchthon’s kennen ((J01–pus Reif. V1- 726 und NI- 430), studirte auch zu Wittenberg und war, als Melanchthon seines Bruders Bücher 1)e ut„8 j0oAnäj herausgab, schon gestorben, also auch sicher keine 30 Jahre alt geworden. Martinus, geb. um 1538. studirte auch in Wittenberg, ward 1568 Prediger in Groden bei Ritzebüttel und starb daselbst H158:2; er hinterließ ein „08„r111en cjs OA-usjs m0rris 0111–jstj zu Wittenberg 1561 in 4 erschienen. Joachim, um 15–40 geboren, war seit Herbst 1561 in Wittenberg und stand später in Diensten des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig; seiner gedrnkt in ehrenwerther Weise Caselius in der Vorrede zu Schindler’s 1–8J;jcO11 pO11ts.si0tt011„ in der Ausgabe klA110rists 1612 k01.„ auf der ersten Seite des 4. Blattes (wo sein Vater fälschlich Matthias statt Matthäus genannt wird). Endlich Matthäus III., den Andere, z. B. Jöcher einen Sohn des jüngeren Matthäus sein lassen, was aber wenig wahrscheinlich ist, da Melanchthon an dem mehrfach gedachten Orte sicher nicht unerwähnt gelassen hätte, daß Matthäus I1. verheirctthet gewesen und einen Sohn hinterlassen, ward Jurist, studirte in Straßburg. übersetzte dort die Beuther’sche Fortsetzung zum Sleidan ins Lateinische und war hernach Reisegefährte des Grafen Ludwig von Hanaus als,s solcher soll er von Frischlin in `der Vorrede zur Uebersetzung des Kallimachus sehr gelobt werden. Er scheint seine Studien sehr ausgebreitet und ein recht bewegtes Leben geführt zu haben. Im J. 1584 gab ev zU Frankfurt den Anfang seiner „I1o(jjmrjO11es (1(3 11ist0ria 1unväi“ heraus. Melanchthon’s Briefe, namentlich fünf an den älteren Delius gerichtete. I5011S1–j 0jmbrjs 1jt(-rx2tt.:-t- Tom. Tl. Lexikon der Hamburgischen Schriftsteller b1Hz.zur Gegenwart, Bd. 2, S. 29. Ferner eine anonyme Schrift: Die Fa- 1mlle Delius in Hamburg zur Zeit der Reformation, Bielefeld 1875, wahrscheinlich als Manuscript für die Familie gedruckt. Bertheau.
[44] ap Delrio: Martin Anton D., Jurist, Philolog und Theolog, geb. den 17. Mai 1551 in Antwerpen, † zu Löwen den 29. Oct. 1608. Sohn eines spanischen Edelmanns, vollendete er seine in Paris begonnenen, in Douai und Löwen fortgesetzten juristischen Studien in Salamanca, wo er im J. 1574 die juristische Doctorwürde erhielt, trat 1575 als Senator in daß Regierungscolle– gium von Brabant ein, wurde 1577 zum Generalauditor der Armee, 1578 zum Generalprocurator ernannt. Bald aber legte er dieses Amt nieder und ging nach Spanien, wo er 1580 zu Valladolid in den Jesuitenorden eintrat. Von 1589–1604 wirkte er nacheinander als Professor der Philosophie, der Moraltheologie und der heiligen Schrift an den Lehranstalten der Jesuiten in Douai, Lüttich, Löwen und Graz, kehrte dann nach Spanien zurück, siedelte aber nach kurzem Aufenthalt in Salamanca nach Löwen über, wo er sein Leben beschloß. Er war ein Mann von ausgebreiteten philologischen und historischen Kenntnissen, aber ohne alle kritische Schärfe und daher von grenzenloser Leichtgläubigkeit, die am krassesten in seinem „1)jsqujsjtionum mzgj(srum 1jbrj 8ezc“ (Löwen 1599 u. ö.) hervortritt, worin er den Glauben an Besessenheit und Teufelsaustreibung, sowie an die verschiedenen Arten magischer Künste in Schutz nimmt und durch eine Menge ganz unglaubwürdiger Erzählungen zu stützen sucht. Außerdem hat er noch einige theologische Schriften, ein Paar Streitschriften gegen L. Scaliger, ein juristisches Werk (-I1jsOen81168 8crj1Jt0rum 8(j unjysrsum jus Ojyj18“„ Paris 1580, Lyon 1606), eine historische Schrift über die Ereignisse in den Niederlanden in den Jahren 1592–94 („00mi11S11tzrjus rsium jo Be1gjO g9StArum a 1I8t1–o llEz11rjqu92 C19 1z2VO(10 (19 k*uent98 Madiid 1610 unter dem Pseudonym R-018m(1us Mjrjtsus 0118„tj11us veröffentlicht), endlich zahlreiche philologische Arbeiten verfaßt, die sich durchgängig auf dem Gebiete der römischen Litteratur bewegen. Die umfänglichste und wenigstens für ihre Zeit verdienstlichste derselben ist die von ihm veranstaltete erste Sammlung der Ueberreste der tragischen Poesie der Römer („8J’11ts„g1ns„ ’krs g09(1j-1e 1s tcj118„S Szu krs„g111J11te1„ y(–zterum trAgj– (:0rum St 1.. :zv115tej 8S11S0e1e ’1’1sAg0z(1is.S cum o0mmsi1tsr.rijs Antwerpen 1593, Paris 1619. III. R’011.). Vorher hatte er den sog. Polyhistor des C. Juliuis Solinus (Antwerpen 1572), Anmerkungen zu den Gedichten des Claudianus (ebd. dgl.) und die Tragödien des Seneca (Antw. 1576) herausgegeben; später folgten noch „K0ts mj 01Jjt0men (1Sc:8(1um ’kjtj I.jyjj“ (St. Gervais 1606). Vgl. Baur in Ersch’ und Gruber’s Encykl. S. l, Bd. I0(1ll, S. 423. van der Aa, Bj0g1–8t1J11js(J11 Wo0r(18nb0915 (1er N9(1e1–18.11(1(z- IN1, 1J. 347 S. Bursian.
DelWig: Heinrich v. D., General, geb. den 15. Oct. 1620 in Livland, ein Sohn des dort angesessenen Walter v. D., eines Nachkommen des Melchior v. D., welcher, einem alten rheinländischen Adelsgeschlechte angehörig, mit einem Heermeister des deutschen Ordens nach Livland gekommen war. – Nach dreijährigem Pagen- und Leibgardisten-Dienste am Hofe des Königs von Polen, machte er unter dem General Grafen Friedr. zu Dohna dessen Kriegszüge mit, z. B. die Belagerung des Genepper Hauses, die Eroberung der Veste des Sasses vor Gent, die Einnahme der Stadt Hulst. Sodann bewies er in königl. französischen Diensten unter Gassion, Turenne und Condcz seine Tapferkeit und militärischen Talente bei Cortrick, Ypern, Bordeaux etc. Hierauf trat er in den Dienst seines Landesherrn, des Königs Karl Gustav von Schweden; er kämpfte unter dem Grafen de la Gardie gegen Polen, begleitete dann seinen König nach Holstein und Dänemark, activen Theil nehmend an Eroberung mehrerer Städte und festen Plätze. Im J. 1665 commandirte er die aus Schweden nach Deutschland geschickten Truppen und führte dieselben 1669 nach Schweden zurück. Zum Generalmajor ernannt, erhielt er nunmehr die Inspection über alle schwedischen
[45] Truppen im Herzogthum Bremen und die Commandantur in Stade, woselbst er Generallieutenant wurde. – Vermuthlich war seine im J. 1666 erfolgte Vermählung mit einer Hamburgerin, Catharina geb. Wördenhoff, seiner beiden Cameraden, des Obersten Sander und des Generalmajor Tellier Wittwe (welche ihm ansehnliche Güter im Mecklenburgischen zugebracht), die Veranlassung seiner Erwählung zum Commandanten in Hamburg. Im Febr. 1676 trat er in den Dienst dieser Reichsstadt, verließ denselben aber schon im nächsten Jahre, um einem ehrenvollen Rufe der Generalstaaten von Holland zu folgen. Hier machte – er beide Feldzüge gegen Frankreich mit. Die Vertheidigung von Mons und die Eroberung von Bonn steigerten seinen Kriegsruhm. Weg en letzterer That wurde er vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dessen Bruftbilde beschenkt, vom Kaiser Leopold aber in den Reichtzfreiherrnstand erhoben. Im J. 1691 verließ er den holländischen Dienst und gedachte fortan auf seinen mecklenburgischen Gütern zu leben, aber schon im Jan. 1692 folgte er einem abermaligen Rufe nach Hamburg, woselbst er als Obercommandant der Festung und gesammter Garnison noch einige Jahre verdienstvoll thätig war. Er starb den 7. Jan. 1696, beerdigt am 12. Febr. mit militärischem Ehrengepränge in der großen St. Michaeliskirche. Hier hatte er sich noch während seiner Lebenszzeit ein schöness Denkmal aus weißem Marmor errichten lassen, auf welchem er selbst in natürlicher Größe im vollen Harnisch, den Commandostab in der Rechten, von dem französischen Künstler Franc;ois Dieussarts dargestellt war, – freilich nicht für die spätere Nachwelt; denn bei Einäscherung dieser Kirche im J. 1750 hat dies Denkmal seinen gänzlichen Untergang gefunden. Er hinterließ eine zweite Frau als Wittwe und 2 Töchter aus zweiter Ehe. Seinen in jeder denkbaren Weise geschriebenen Namen (auch Dalwig und Dalwigk kommen vor) schrieb er selbst ebenso verschiedenartig, z. B. Delwig, Delwich, Dellwigh etc. Vgl. Pastel, Lebensentwurf des Frhrn. v. Delwig etc. (ein Programm seiner Begräbnißfeier), Hamburg 1696, Fol. O. Beneke.
DemuUtius: Christoph D., Tonsetzer und Lehrer in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts; geb. 1567 zu Reichenberg, 1596 Cantor zu Zittau, 1604 Cantor zu Freiberg bis zu seinem 20. April 1648 erfolgten Tode. Seine zahlreichen, theils geistlichen, theils weltlichen, zwischen 1595 und 1620 im Druck erschienenen Tonwerke zeigen ihn als gewandten, die Stimmführung mit Geschick handhabenden Tonsetzer: „Neue deutsche weltl. Liedlein 5 y0O.“, Nürnb. 1595; „Der Spruch Joel 1l, 16, 8 y0cz.“, Nürnb. 1596; „Ungerische Heerdrummel &c.“, Nürnb. 1600; „77 neue liebliche polnische und deutsche Tänze 2e.“, Nürnb. 1601; „’1’rjs„c1es 1zrscum yspert. Nürnb. 1602; „00117iyi0rum c191iOjsts„ Intraden und Auszüge etc.“, Nürnb. 1608; „00m7jmijum O0110811tuUm kzrrrts0„ Teutsche Madrigalia, Canzonetten, Villanellen 1c. 6 u. 8 700.“, Nürnb. 1609; „’1’111´si10c1jA9- sehnliche Klaglieder etc.“, Leipz. 1611; „l4ets0j0u1us 0I1Oroc1ietrum Nürnb. 1618; „Neuer teutscher Lieder 2 Theile“, Leipz. 1615; -–kl’)smpsmum mi1jts.1–9- 21 Streit- und Triumphlieder– 5–10 700.“, Nürnb. 1615; „Oor0ns 118trm0nj08„ außerlesene Sprüch aus den Evangel. 6 700. 69 Gesänge, „08ll!JjOUll1 8T, LTUguSf;j13j 8L 8L. 34rllhr08jj; 6 y00.z. Freib- 1618; „’krjsß(198 8j011js„8 lntr0jt. ICjs. c-t 191s08. 5–8 700. 8 Messen und 13 Gef., Frelb. 1619; „’.l’111´snoc1j:1S„ auserlesene trostreiche Begräbnißgesänge, 4–6 70o. Freib. 1620. Auch werden angeführt „1lls gnik1es.t4„ 5- 6 700. 8(1 8 usjtAt08 St 12 1Nl0(108 musjO08“„ Frankf. Daß die ihm früher zugeschriebtznen bekannten Kirchenmelodien: „Freu dich sehr, o meine Seele“ ; „Von Gott wtll ich nicht lassen“; „Ach Gott, mich armen Sünder“ (Herzlich thut mich verlangen) mcht von D. herstammen, ist längst erwiesen. Stark und lange in
[46] Gebrauch gewesen ist sein Lehrbuch: -„188-g0gs -1rtjs 1M1Si(zrts mj j11Oj1Jj(si1tjun1 os ptum 11m:cjms AO0Ommoc18.t-xs. Kurze Anleitung recht und leicht singen zu lernen &c.“, lateinisch und deutsch; zuerst Freiberg 1607 und dann bis 1617 zu Freiberg, Nürnberg und Jena noch vielfach aufgelegt. v. Dommer. Demeliusl Christian D. (Demel), Cantor zu Nordhausen, geboren zu Schlettau bei Annaberg 1. April 1643. Den ersten Unterricht empfing er von dem dortigen Organisten Christoph Knorr, war darauf 5 Jahre lang Discantist auf der Zwickauer Schule, kam 1663 auf die Schule zu Nordhausen und studirte 1665–69 zu Jena, wo er zugleich bei Adam Drese der Composition sich befleißigte. Ende 1669 wurde er als Cantor und Schulcollege nach Nordhausen berufen und starb 1.Novbr. 1711. Man hat von ihm: „Vortrab von 6 Motetten und Arien, 4 V00.“, Sondershausen 1700; „1’jr0cJj11jum musj068„ SJcbjbO118 1llusj(J8„0 8.rtjs pr21-ceesi)tz tzbu1jsy110ptjcjs in01us. 9t0.“„ Nordhausen ohne Jahr und Namen des Verfassers; „Schriftmäßiges Gesangbuch etc., absonderlich der Kirchen-Gemeinden in Nordhausen“, Nordhausen 1686; siebente Aufl. 1713, Vorrede von Christ. Demel, 0xmt. St 8011o1s 0011ege1. v. DOmmer.
Demeter: Ignaz Anton D., Erzbischof von Freiburg, geboren am 1. Aug. 1773 in Augsburg, † am 21. März 1842. Sailer, dem er als Student zu Dillingen bekannt geworden, empfahl ihn dem Grafen Schenk von Stauffenberg, der ihn (1802g– zur Pfarrei Lautlingen in Würtemberg präsentirte; Wessenberg, der auf seine pädagogische Thätigkeit aufmerksam geworden war, veranlaßte (1808) seine Berufung zur Pfarrei Rastatt und zur Direction des dortigen Präparandeninstitutes. Leidende Gesundheit zwang D., sich 1818 auf die Landpfarrei Satz-bach zurückzuziehen, von wo aus er (1826) als Ministerial– rath bei der katholischen Kirchensection nach Karlsruhe gezogen wurde, eine Stelle, die er jedoch bald wieder mit seiner Landpfarrei vertauschte. 1833 berief ihn Erzbischof Boll als Domcapitular nach Freiburg und nach dessen Tode wurde D. am 11. Mai 1836 zum Erzbischof gewählt und am 29. Mai 1837 consecrirt. Seine Amtsverwaltung ist für die kirchenpolitische Geschichte dadurch wichtig geworden, daß während derselben die ultramontane Partei in Baden ihren Feldzug gegen die Regierung begann, der durch die viel genannte Brochure „Die katholischen Zustände in Baden“, Regensburg 1841 (eine 2. Abthl. erschien 1843) litterarisch eingeleitet wurde. Während hierbei die extremen Parteiführer auch den Erzbischof selbst beschuldigten, daß er die Rechte der Kirche nicht genügend wahre, wurde D. Von dem liberalen Theile seines Diöcesanklerus, unter der Führung des Constanzer Decans Kuenzer, durch daß Verlangen nach Einführung gemischter Diöcesan-Synoden bedrängt. D., eine durchaus conciliatorische Natur, suchte nach allen Seiten zu beschwichtigen und es gelang ihm, einerseits den offenen Ausbruch des Kampfes mit der Staatsgewalt zu vertagen, andererseits den Resormprojecten der liberalen Geistlichen durch Abhaltung bischöflicher Kirchenvisitationen die Spitze abzubrechen; Die Verwaltung der Erzdiöcese leitete D. mitKraft, Aufopferung und Verständniß. Ein bedeutendes Vermächtniß, daß er zu diesem Zwecke hinterließ, machte seinem Nachfolger die Einführung des Ordens der barmherzigen Schwestern in Baden möglich. Vgl. Bad. Biographien l, 168–171. v. Weech.
Denken: Michael D., Buchhändler, trieb sein Geschäft von 1623–62. Er lernte den Buchhandel bei seinem Schwager Peter Henning. Eine eigene Presse hatte ev nichts, sondern er ließ seine Verlagswerke in andern Officinen drucken. Seine Frau hieß Aletchen Königstein, die ihm neun Kinder gebar; sein Sohn Hermann war in erster Ehe mit Catharina Brafsart, in zweiter mit Anna Gertrud Dulman vermählt. Wir kennen 115 Werke seines Verlags, von denen viele schön verzierte Titelblätter zeigen. Hermann übernahm 1665
[47] daß Demen’sche Geschäft. welches er bis 1723 führte. Von seinen Kindern heirathete eine Tochter den Buchhändler Thomas v. Cöllen. Hierdurch ging die Demen’sche Buchhandlung an die Familie v. Cöllen über. Ennen.
Demian: Johann Andreas D., Geograph, Statistiker und militärischer Schriftsteller, geboren zu Preßburg 1770, † 1845, hatte in seiner Jugend hauptsächlich in Folge seines schroffen Charakters viel widerwärtige Schicksale und Mangel zu ertragen.- Er trat frühzeitig in die k. k. österreichische Armee ein, gab jedoch schon 1808 seine Officiersstelle auf, und war seit 1804 bei der officiellen Sammlung. statistischer Materialien der Militärgrenze verwendet. 1808 trat er wieder als Unterlieutenant beim Hofkriegsrathe ein, quittirte aber schon nach wenigen Monaten und verließ nun gleichzeitig sein Vaterland, um fortan unabhängig, bald am Rhein, bald in Berlin als Schriftsteller zu leben. Schon seine erste größere Arbeit: „Statistisches Gemälde der österreichischen Monarchie, ein Lesebuch für denkende Unterthanen desselben“, 1796, zeigt uns D. als einen ebenso kenntnißreichen und formgewandten, wie selbständig denkenden Schriftsteller; es war der erste Versuch, eine Statistik des ganzen Kaiserstaates in systematischer Ordnung und gedrängter Kürze, natürlich ganz im Geiste der Achenwall-Schlözer’schen Schule, zu entwerfen. Obwol er hier im wesentlichen nur Thatsachen mittheilt und mit seinem eigenen Urtheil und Raisonnement äußerst zurückhaltend ist, so erkennt man in diesem Werke doch einen freisinnigen Denker, der insbesondere auch in nationalskonomischen Fragen dem herrschenden Liberalismus geneigt war, wenngleich mercantilistische Nachklänge nicht fehlen, wie er z. B. Oesterreich ein Land nennt, daß jährlich sein Nationalcapital aus den Tiefen seiner Gebirge vermehren kann. – Diesem kurzgefaßten Werke folgte dann die ausführliche „Darstellung der österreichischen Monarchie nach den neuesten statistischen Beziehungen“, 4 Bde. in 6 Abthl., 1804–7, von welcher ein Theil auch in französischer Uebersetzung (von Roth und Raymond 1809) erschien. Nachdem D. Oesterreich verlassen hatte, wendete er seine geographisch-statistischen Arbeiten den verschiedenen Ländern zu, in denen er sich jeweilig aufhielt, und veröffentlichte, meistens gestützt auf ungedruckte Quellen und reiche eigne Anschauungen, eine Reihe von Handbüchern der Geographie und Statistik des deutschen Bundes, Preußens, der Rheinbundstaaten, von Baden, Hessen und Nassau, unter denen daß „Handbuch der neuesten Geographie von Preußen“, 1818, besonder5z hervorgehoben werden mag, weil es zeigt, wie der Verfasser durch die Vielschretberei in seiner eigenen wissenschaftlichen Weiterbildung aufgehalten wurde. Denn wenn auch der geographische Theil, besonders bei der Darstellung der einzelnen Provinzen aus gebildeter ist, so blieb doch die allgemeine Uebersicht ganznach dem Plane angelegt, welcher schon dem „Statistischen Gemälde von Oesterreich“ zu Grunde gelegt war. – Außerdem sind von D. mehrere Reisebeschreibungen und Reisehandbücher von Paris, dem Rhein etc. vorhanden; aus seiner früheren Periode stammt noch die seiner Zeit als tüchtiges Handbuch anerkannte, von Einigen sogar als sein vorzüglichstes und gehaltvollstes Werk angesehene „Anleitung zum Selbststudium der militärischen Dienstwissenschaft“, 3 Bde., 1809s–12, deren 1. Theil (Waffenlehre) 1812 u. 1813 von Rittig v. Flammenftern m neuer Auflage herausgegeben wurde. Oesterr. Nationalencyklopädie 1835, Bd. 1. S. 694. Oesterr. Militärconversationslexikon von Hirtenfeld und Meynert, 1851, Bd. II. S. 44. – Wurzbach, Oesterr. Biogr., wo auch ein ausführliches Verzeichniß seiner Schriften. . . „ „ Inama.
Demmny: Karl Frtedr1ch D.,–Maler, geb. 1768 zu Breslau, fzu Dresden 1823, machte seme Studien auf der Kunstakademie letztgenannter Stadt und wurde 1812 an der Gemäldegallerie daselbst angestellt. Nach Joh. Anton
[48] Riedel’s Tod, 1816, wurde er erster Inspector jener Sammlung. Er gab gemeinschaftlich mit dem Unterinspector Schweigart einen französischen und Heinen deutschen Katalog derselben heraus. Der französische Katalog, welcher 1817 erschien, führt den Titel: „0ztz1Ogue SJcp1i08,tjt’ (1SS tsb1ezuJe C18 18 0z1Srj9 R0– y-1.1S (1e 1)resc1s“; der deutsche, von 1822, betitelt sich: „Neues Sach- und Ortsverzeichniß der Königl. Sächsischen Gemälde-Gallerie zu Dresden“. Beide Kataloge sind ohne eine selbständige, fachgemäße Kritik geschrieben. In die Zeit seiner Amtirung fällt die Entwendung eines Bildes der Gallerie, welches nie wieder erlangt worden ist. Dasselbe wird als „Dianenbad;von Joh. Rottenhammer“ bezeichnet; wir vermuthen, daß es daß Original zu einem, aus dem Verlage von Justus Sadeler stammenden Stiche war. D. ist für diesen Unglücköfall nicht verantwortlich zu machen; er soll mit Hingebung und Treue sein ’ Amt verwaltet haben. Was seine künstlerische Thätigkeit betrifft, so malte er hauptsächlich Bildnisse, die jedoch nur einen subjectiven Werth für die Besitzer haben und größtentheils bereits verschollen sind; auch im historischen Fache versuchte er sich, wovon ein Oelgemälde der Dresdner Gallerie, die Herausgabe der BriseIS darstellend, zeugt. Er hinterließ den Ruf ein4es gebildeten und rechtschaffenen Mannes. G. K. Nagler, N. Allg. Künsterlexikon. C. Clauß.
Demme: Hermann Christian Gottfried D., Generalsuperintendent zu Altenburg, geb. 7. Decbr. 1760 zu Mühlhausen, † 24. Decbr. 1822 zu Altenburg, studirte zu Jena Theologie und Philologie, war anfangs Subeon– rector am Gymnasium seiner Vaterstadt, wurde dann 1796 Superintendent ebendaselbst und folgte hierauf (1801) einem Rufe als Generalsuperintendent und Consistorialrath nach Altenburg. Als solcher leitete er mit großer Treue und Geschicklichkeit dte Kirchen- und Schulangelegenheiten des Herzogthums Altenburg. Er schrieb anfänglich unter dem Namen Karl Stille: „Pächter Martin und sein Vater“ (1792–93, 2 Bde.; 3. Aufl. 1802, 3 Bde.). Wieland empfahl dieses Werk zuerst als ein in echt sokratischem Geiste abgefaßtes. Von seinen anderen Schriften sind zu nennen: „Sechs Jahre aus Karl Burgfeld’s Leben“ (1793); „Abendstunden in dem Familienkreise gebildeter und guter Menschen“ (si804, 2 Bde.); „Gebete und Betrachtungen“ (1818). Ausgezeichnet war D. auch als geistlicher Liederdichter und viele seiner Gesänge sind in andere Gesangbücher aufgenommen worden; so z. B. „Betet Brüder an im Staube“, „Wir eilen mit dem Strom der Zeit“, „Lobt Gott, lobt Alle Gott“. Fr. Hesekiel, Ersch’ und Gruber’s Encyklopädie, Sect. 1, Th. 24, S. 31. s e ck.
Demmer, ein in der Theatergeschichte öfters wiederkehrende Name, bekannt geworden namentlich durch Heinrich D., geb. 1. Novbr. 1790 zu Mannheim, f 14. Aug. 1851 zu Karlzruhe. Sohn eines wenig bedeutenden Schauspielers betrat der junge D. nach vollendeten Gymnasialstudien 1809 in Mannheim zuerst die Bühne, der er sich 1812 völlig widmete. Er spielte zunächst Liebhaberrollen, doch mit wenigem Beifall und ging, 1816 für das Karlsruher Hoftheater engagirt, 1818 bereits in daß Fach der Intriganten und Charakterrollen über. Auf diesem Gebiet entwickelte er rasch schöne Anlagen und schuf eine Reihe trefflicher künstlerischer Gebilde, unter denen sein Wurm, sein Carlos (Clavigo), Shylock, auch Falftaff und Millerche (Bürgercapitän), ebenso Possert, Klingsberg und Perrin obenan standen. Mit klarem Geist tief eindringend in die darzustellenden ’Charaktere, ernst im Streben, stets den Zielen echter Kunst folgend, war er ein echter Künstler, der das Beste wollte und jeder niederen Richtung Feind war. – Auch Demmer’s Schwester, Auguste, besaß ein für die Darstellung nicht gewöhnliches Talent, das im Lustspiel zum glänzendsten
[49] Ausdmck kam und ihr die ungetheilte Gunst der Mannheimer, wie später des Karlsruher PuslictL18herwarb. Leider zwang sie frühzeitig ein Nervenleiden zum Rücktritt von er ü ne. Auguste D. † 3. März 1859.
Vgl. v. Weech, Badische Biographien 1875; über die anderen den Namen D. führenden, hier nicht genannten Theaterangehörigen den betr. Art. im Allg. Theaterlexikon, der allerdings mit Reserve aufzunehmen ist. Joseph Kürs–chner.
Deuaisi11s: Peter D., Jurist und Dichter, geb. 1. Mai 1560 (nicht 1561) zu Straßburg, wohin seine Eltern als politische Flüchtlinge aus Lothringen eingewandert waren; er ward am 24. Juli 1588 zu Basel Doctor der Rechte., Bald darauf ernannte ihn Johann Casimir, als Vormund des Kurfürsten Friedrich l7., zum pfälzischen Rath und verwendete ihn mehrfach zu Gesandtschaften nach Polen und an Königin Elisabeth von England. 1590 ward er Assessor des Reichskammergerichts zu Speier. Er starb 20. Sept. 1610 in Heidelberg. Seine juristischen Schriften (-.lus c:zmsi“81e“„ 1600, 1605 und öfter; „1)jsiz1J. cke Jurs merj jmperji S. (16 Ju1–js(1jctj0ne OsmerA0 8pjr–9118js„ 1605) und seine „1)jse1–t. äz 1ä010 1–18119v8j“ 1605 (gegen des Lipsius „1)jy8. 7jrg0 lls„118nsjs) haben gegenwärtig keine Bedeutung mes. Als Dichter erscheint er unter dem Heidelberger Kreis, den Zincgref in der orrede zu seiner Ausgabe der Gedichte des Opitz als dessen Vorläufer bezeichnet, indem sich bei ihnen zum ersten Mal eine Hinneigung Gelehrter zur Dichtung in deutscher Sprache zeigt. Auch Adam (s. u.) erhebt seine deutschen Gedichte, von denen uns jedoch nur ein von Zinegref a. a. O. mitgetheiltes Hochzeitgedicht erhalten ist (wieder abgedruckt in den Zürcher Streitschriften 2 St. 9, S. 7 ff.). Mehr volksthümlicher Art Und im Fischart’schen Stil ist sein „J esuiterlatein“, 1607, eine Antwort auf dek- (pseudon.) Hermann Joseman „Predicantenlatein“, 1607.
M. Adam, sitze 1(Jtorum 1620, p. 444 S. v. L.
Dengler: Leopold D., Forstwirth, geb. 17. Nov. 1812 zu Karlsruhe, –s 27. Jan. 1866 daselbst. Als Sohn gering bemittelter Eltern hatte D. schon von Jugend auf mit Entbehrungen aller Art zu kämpfen. Der Schulbildung auf dem Lyceum seiner Geburtsstadt folgte ein praktischer Cursus bei dem Oberförster Hubbauer in Baden und von 1832–34 der theoretische Facheursus auf der neugegründeten Forstschule des Polytechnicums in Karlsruhe. Nach bestandener Prüfung trat er 1885 als Secretariatsprakticant bei der damaligen badischen Forstpolizeidirection (zur Beaufsichtigung der Communal- und Privatwaldwirthschaft am 1. Mai 1834 ins Leben gerufen, aber schon am 10. April 18–49 wieder entschlafen) ein; 1836–39 vollzog er als Forsttaxator in den Forst- ämtern Pforzheim. Wolfach und St. Blasien großartige Waldtheilungen, z. B. ` der Thalvogtei Todtnau. 1839 wurde ihm die Verwaltung der Vezirk53forstei s.si:olliF1Hge13 vorübergehend übertragen; 1840 wurde er definitiv als Bezirksförster !ür an ern angestellt. Im J. 1848 vollzog sich ein Wendepunkt in seiner beruflichen Laufbahn durch seine Ernennung zum ersten Forstlehrer (für Waldbau, Wegebau etc.) an der Forstschule des Polytechnicums zu Karls ruhe. Gleichzeitig wurde ihm übrigens die dortige Bezirksforstei übertragen. In. dieser Doppelstellung verblieb er bis zu seinem Ableben, seit 1864 durch den Titel Forstrath ausgezeichnet. – D. war eine strebsame Kraft, durchaus praktisch angeIegt, eifrig bemüht, in forstlichen Dingen das wirthschaftliche Moment dem rem spe;ulativen gegenüber zur Geltung zu bringen. Die ihm übertragenen Waldthe1lungen vollzog er nicht nur zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten BehiJrden., sondern auch der betheiligten GemeinderJ. Als Verwalter der Vez1rkssorster Kandern entfaltete er insbesondere im Gebiete des WegebaueLs eine 7. 4
[50] umfassende Thätigkeit. (Die Werrathalstraße im südlichen Schwarzwald ist vor-j zug Sweise sein Werk.) –Als Lehrer wirkte er durch faßliche, gründliche und praktische Vorträge mit großem Erfolg. Ausgedehnte und häufige Reisen, daß Anknüpfen vieler Fachverbindungen, eifrige Theilnahme am forstlichen Vereinswesen“ (namentlich am badischen Forstverein, welchen er mit gründen half und wiederholt als Präsident zu leiten hatte) haben ihn in den forstlichen Kreisen Deutschlands außerordentlich bekannt und zugleich beliebt gemacht, da er mit ehrenhaftem, offenem Charakter und warmem Sinn für Freundschaft zugleich eine unbegrenzte Gemüthlichkeit zu vereinigen wußte. Endlich hat er sich auch als warmer Förderer der Landwirthschaft erwiesen (Directions mitglied des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Karlsruhe). – Dengler’s litterarische Erzeugnisse gehören vorwiegend dem Gebiete der forstlichen Productionslehre an. 1858 übernahm er die Redaction der von H. v. Gwinner 1857 gegründeten „Monatschrift für daß Forst- und Jagdwesen“, welcher er eine vorwiegend praktische Tendenz bewahrte. In demselben Jahr gab er: „Gwinner’s Waldbau in erweitertem Umfang“ in vollständig umgearbeiteter vierter Auflage heraus. 1863 erschien seine „Weg-, Brücken- und Wasserbaukunde für Land- und Forstwirthe“ (in zweiter Ausgabe 1868). Außerdem verdankt ihm die forstliche Journallitteratur (insbesondere die Vereinsverhandlungen) zahlreiche Beiträge. Am besten sind wol Dengler’s Arbeiten im waldbaulichen Gebiet, obschon immer mehr den süddeutschen Verhältnissen (Tannenwirthschaft im Schwarzwald) sich anpassend. Der neueren Bewegung im Gebiete der forstlichen Betriebslehre gegenüber (Forststatik; Lehre von der Umtriebszeit) blieb er fremd, indem er als ein entschiedener Gegner der Herabsetzung der Umtriebszeiten auftrat.
Baur, Monatschrift für das Forst- und Jagdwesen 18C36, S. 161. Grunert, Forstliche Blätter, 12. Heft, 1866, S. 229. v. Loeffelholz–Colberg, Forstliche Chrestomathie 11. 1867, S. 189 u. 481. Heß.
Deuich: Joachim D. (auch Teining), Rechtsgelehrter, geb. 1560 in Brüssel, † 27. März 1633 zu Ingolstadt. Er wurde daselbst 1590 –Ordinarius der Institutionen, nachdem sein Schwiegervater Lagus zu seinen Gunsten verzichtet hatte, 1594 Professor der Pandekten, übernahm 1612 das canonische Recht und ward 1629 emeritirt. In den Kämpfen der Universität gegen die Jesuiten (1611–13) spielte er al4s Gegner der letzteren eine hervorragende Rolle. Seine ansehnliche Büchersammlung wurde 1656 dem Jesuitencollegium geschenkt. Seine Schriften betreffen daß Civilrecht und den Proceß. Handschriftlich von ihm in München „’1Ir8-0tmtus j11 V8-rjOs 1ibr08 1)jg08t01–u1n“. – Mederer, .4111r-1-1SS ll1g018t. .4OAt1. 1l- 67, 119, 121, 266. Kobolt, Baierisches Gel.-Lex. S. 121, 151 und Nachträge S. 61. Prantl, Ludwig-Maximilians Univ. 1, 353, 360, 370, 372, 400, 418, 512. 1l, 499. (I8rs.10gus 00c1j0um 1.8t. 1Jjb1. reg.1ll0118,c–. II. 1. n. 591- Stffh.
Denich: Kaspar D. (in Erlach), Rechtsgelehrter, ein Sohn Joachimes, geb. 1591 zu Ingolstadt, † ebenda 2. Jan. 1660. Erward 1612 zum Doctor der Rechte promovirt, studirte dann in Italien und wurde in seiner Vaterstadt 1614 außerordentlicher Professor, 1616 nomineller Ordinarius, 1620 Kämmerer der Universität, 1623 wirklicher Ordinarius der Institutionen, 1624 der Panidekten, 1634 Professor des canonischen Rechts, 1643 und 1650 Rector. Krankheitshalber 1644 von Rathsbesuch und Jurisdictionssitzungen mit einem Ehren- –geschenke enthoben, lag er bis zu seiner 1655 erfolgten Emeritirung dem Lehramt ob. Er war allgemein geachtet seines Fleißes, seiner Frömmigkeit und aufopfernden Uneigennützigkeit wegen und schrieb über Civilrecht und Proceß. Ein –nachgeschriebenes Collegienheft seiner Vorlesungen zum Lehnrecht (1615) in
[51] Mü11chen. – Joh. Jae. Lossius, 0r6ttio kunSbrjs in 0bitum 0.1)e.-11i(:11ii. ll1g018t. 1660. Mederer, E).1msi. 111g018t. :zOs(j. 1l„ 209, 215, 304, 321, 352–354. Kobolt, Baierisches Gel.-Lex. S. 152. Prantl, Ludwig-Maximilians Universität I, 421 f., 486. 1l, 499. 08ts„1Ogus 00(1j(z. 1L.-tr. bjb1.reg.1ll0118-o. 1.3. u. 925. Stffh–
Denis: Michael D., Dichter und Bibliograph, geb. 27. September 1729 zu Scharding, † 29. Sept. 1800 zu Wien, war der Sohn eines Beamten und Oekonomen zu Heidenburg bei Vilshofen in Niederbaiern, absolvirte daß Gymnasium in Passau, trat am 17. Febr. 1747 in Wien in den Jesuitenorden ein und wurde im October 1756 in Graz zum Priester geweiht. Nachdem er schon Hals Theologe an den Jesuitengymnasien in Graz und Klagenfurt als Lehrer und ein Jahr in Presburg als Prediger gewirkt, erhielt er 1759 eine Stellung als Lehrer für Logik und Metaphysik an der Therefianischen Ritterakademie in Wien, übernahm 1761 daselbst die Professur der Rhetorik, einige Jahre darauf die Aufsicht über die Garelli’sche Bibliothek und wirkte in diesen Stellungen bies zur Aufhebung des Jesuitenordens in Oesterreich (1773). Dadurch seines Lehramtes enthoben, führte D. die’ Aufsicht über die Garelli“sche Bibliothek fort und hielt Vorlesungen über Bücherkunde und Litteraturgeschichte, bis er 1784 nach Aufhebung der Theresianischen Akademie als zweiter Custos an die k. k. Hofbibliothek kam. Im J. 1791 rückte er unter gleichzeitiger Ernennung zum Hofrathe in die Stelle des ersten Custos vor, welche er bis zu seinem Tode bekleidete. D. war eine reichbegabte Dichternatur, welche sich, unter den ungünstigsten Lebensverhältnissen entfaltend, deshalb besondere Beachtung verdient, weil sie voll mächtigen patriotischen Gefühles in Oesterreich zuerst den Sinn für deutsche Poesie und Litteratur wiederbelebte. Schon als Gymnasiast zeigte sich sein Hang zur Dichtkunst in den Nachbildungen römischer Dichter. Durch Regensburger Buchhändler, welche die Messe in Passau besuchten, wurde er mit deutschen Dichtern wie mit Hofmannswaldau näher bekannt und von ihnen zu poetischen Versuchen in seiner Muttersprache angeregt, wiewol er von deutscher Orthographie und Grammatik noch nichts wußte, noch weniger einen deutschen Vers nach Regeln zu bauen verstand, weil sich die Jesuitengymnasien in ihrer einseitigen Richtung damit nicht beschäftigten. Nach seinem Eintritte in den Jesuitenorden als Novize strenge auf das Studium der Kirchenväter und der heiligen Schrift angewiesen und jedes weltlichen Buches beraubt, ruhte demungeachtet nicht sein dichterischer Drang, er schrieb „Aphorismen ascetischen Inhalts und trug die Namen berühmter Ordensglieder, begleitet von lateinischen Versen, in einen Kalender ein. Als Theologe chaldäische, hebräische und italienische Sprachftudien betreibend, nahm er gleichzeitig wieder die Lectüre lateinischer Dichter auf und Verfaßte daß Schuldrama „(3t.28t01r„ welches im J. 1751 am Jesuitengymnasium in Graz zur Aufführung kam. An diesem Orte lernte D. die Werke des Martin Opitz kennen und von diesen angezogen wandte er sich wieder mit Vorliebe und, durchaus im Widerspruche mit den Tendenzen seines Ordens, der deutschen Dichtung zu und es erregte nicht geringe Verwunderung, als er am Schlusse seines late1mschen.Drama’s „(388r01r von seinen Schülern deutsche Chöre absingen ließ Hund x7.53 m KHagenfurt den Bürgern ein deutsches Lustspiel zum besten gab. So t1es hatte sich überdies schon damals seine Liebe zur Muttersprache festgewuxzelt, daß er zu derselben Zeit für die Jugend eine Mustersammlung von Br1efen und Proben der in der deutschen Sprache üblichen Silbenmaße herausgab. De.r Ausbxuch des siebenjährigen Krieges weckte in D. den patriotischen Geist. M1t Begeisterung der großen Kaiserin ergeben, feierte er die Ereignisse und deren he.rvorragendste Theilnehmer in einer Reihe von Gedichten, welche unter dem T1tel „Poetische Bilder der meisten kriegerischen Ereignisse in Europa seit 1756“,
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[53] schichte Wiens 1792–1795 der 1P. Band der „0Oc1iOs IC88. t11So10giOj 18tjuj 3„1js„1–11mqu0 –000iC10llt-is 1i11gus„rum Bib1jot11S(s.S 1s’z18.tj118S 7j11(10bonensis (in. s Theilen). Daß seit seiner Jugend lebendige Natm:gefühl führte D. auch zu sentomologischen Studien und er gab 1776 mit Schiffermüller ein Verzeichniß der Schmetterlinge der Witzner Gegend heraus. In seinen letzten Lebensjahren gab er einige theologische Schriften zur Erbauung heraus. Sanften und treuherzigen Charakters bleibt D. eine der edelsten Erscheinungen in der Sturm- und “Drangperiode des 18. Jahrhunderts.
I1jO118S1js 1)S11jsjj 00mmsi1tsrj0rum (1S vim 8us 1jbrj 7. Fragment einer Selbstbiographie, um 1799 niedergeschrieben. – J. Freih.Hormayr, Oesterr. Plutarch. l?. Bd. – Hist.-politische Blätter für das katholische Deutschland, 1S. Bd. – Amand Baumgarten, Mich. Denis, eine litteraturgeschichtliche Biographie im Gymnasialprogramm des Stiftes Kremsmünster f. d. J. 1852 und C. v. Wurzbach, Biogr. Lexikon s, 238. K. Weiß.
Denk: Johann D., Wiedertäufer. Im Baierischen geboren, begegnet D. zuerst 1521 als Corrector und Student in Basel, dann 1523 als Rector der Schule zu St. Sebald in Nürnberg, wo er, ein eifriger Anhänger des daselbst weilenden Thomas Münzer, wiedertäuferisch und antitrinitarisch im Abendmahl „zwinglisch lehrte. Auf Osiander’s Betreiben aus der Stadt verwiesen, machte er, nach kurzem Aufenthalt in St. Gallen, vielleicht auch zu Mülhausen im Elsaß, 1525 Halt in Augsburg und erhob eine Zeit lang zusammen mit Hubmaier die dortige (früher durch Hetzer geleitete) Gemeinde für längere Zeit zum Mittelpunkt des Wiedertäuferthumö. Als Urban Rhegius und die anderen Prediger ihn verdrängten, ging D. nach Straßburg zu Hetzer und half ihm bei Verdeutschung der alttestamentlichen Propheten, einem Werk, daß, seit 1527 an verschiedenen Orten oft gedruckt, auch Luther’s Anerkennung gewann. Auf eine öffentliche Disputation, 2L. December 1526, wobei Vutzer dem Häretiker vorwarf, daß sein Büchlein „Vom Gesetze Gottes die Sünde zu einem leeren Wahne mache, wurde er auch aus dieser Reichsstadt verwiesen. Nun suchte er mit “Hetzer in der Pfalz die Bauern und die Juden zu gewinnen. Doch auch hier war ihres Bleibens nicht, sie gingen über Nürnberg nach Augsburg und Constanz, D. bald nach Basel, wo ihm durch Oekolampadius’ Vermittlung auf seine Schrift „Widerruf, Protestation und Bekenntniß“ hin der Aufenthalt gestattet wurde. Aber schon im November 1527 starb der Vielumhergetriebene –an der Pest. Vadian in St. Gallen rühmt Denk’s glänzendes Talent, Rhegius nannte ihn den Abt, Butzer den Papst der Wiedertäufer. Sein Wandel war besser, als sein wenig fester Charakter. Seine Lehre vom inneren Licht und inneren Wort, welche daß äußere Schriftwort, vollends die Sacramente für den Frommen überflüssig machen, von dem nur vorbildlichen Werk Christi, der Wiederbringung aller Dinge, erscheint als ein theilweise speculativer, mystisch .angehauchter Rationalisismus.
„ Vgl. Heberle, Studien und Kritiken, 1851 u. 1855. Keim, Jahrbücher s. deutsche Theol., 1856. Uhlhorn, Urb. Rhegius, S. 111 ff. L. Heller in Herzog’s theol. Realencykl. 1. Suppl.-Bd. Meyer, Zeitschr. d. hist. Ver. f. Schwaben und Neuburg 1. 1874. J. Hartmann d. J.
n Denk: Joseph D., tüchtiger Schauspieler, geb. 15. October.180lin Munchen,„’s 10. Octkgr; 1873 zu Karlsruhe. D. war ursprünglich zum Geistltchtzn, spater zum Mrlltär bestimmt, ging aber, von einem inneren Drang dazu gevtrteben und obgle1ch er bereits die Stelle eines Actuars an der Militärkanzlei ferner Paterstadt einnahm, 1818 zum Theater. In Salzburg debutirte er, versuchte sich dann an verschiedenen österreichischen Bühnen im Liebhaber-, hierauf
[54] im heiteren und ernsten Charakterfach, um endlich nach vorausgegangenen Engagements in Passau, Regensburg und Freiburg i. Br. (wo er auch einige Zeit die Direction führte), 1851 sich dauernd an Karlsruhe zu binden. Seine Darstellung alt-komischer .und Väterrollen erwarben ihm die Gunst des dortigen Publicums, den Beifall des Kenners. Am 1. Oct. 1868 beging D. als Leberecht Müller (Störenfried) sein 50jähriges Künstlerjubiläum und starb 4 Jahre später, nur in den letzten Monaten vor seinem Tode durch Krankheit an der– Asübung seines Berufes gehindert. Joseph Kürschner.
Deuner: Balthasar D., berühmter Porträtmaler, geb. den 15. Novbr.s 1685 zu Hamburg als der Sohn des Altonaer Mennoniten-Predigers Jakob D.. Im achten Jahr that Balthasar einen schweren Fall, der ihn zeitlebens hinken, aber auch zum Künstler machte. Genöthigt nämlich, in Folge des Unglückes, viel zu sitzen, zeichnete der Kleine zur Unterhaltung Kupferstiche nach, und dies fiel so gut aus, daß kundige Leute den Alten bestimmten, sein Söhnchen Malers werden zu lassen. Man that ihn im elften Jahre zu einem Miniaturmaler, Amama, der ihn für einige Monate die Behandlung in Wasferfarben lehrte, dann übte D. sich selbst weiter, ließ sich jedoch im J. 1698 noch einmal von Amama Unterricht ertheilen. Bald darauf kam er zu einem Maler in Danzig, der ihn für kurze Zeit in die Geheimnisse der Oelmalerei einweihte. Nun aber drohte seiner Künstlerlaufbahn ein plötzliches Ende: die Eltern nämlich glaubten seine Zukunft durch die Malerei zu wenig sicher gestellt und thaten ihn zu einem reichen Oheim in Hamburg aufs Kaufmannscomptoir. In D. aber ließ sich der Künstler nicht mehr ersticken, er benutzte jede freie Stunde zum Malen und brachte es endlich dahin, daß man ihn 1707 nach Berlin auf die Akademie wandern ließ. Im folgenden Jahr malte er das erste Porträt, wofür er Geld bekam, 1709 den Herzog Christian August, Administrator von Holstein-Gottorp, und dessen Schwester. Hiermit beginnt Denner’s glänzende Laufbahn. Die Porträtis fielen nämlich so zur Zufriedenheit des Prinzen aus, daß dieser unsern Künstler nach Gottorp einlud, wo der letztere im J. 1712 den Herzog mit seiner Familie und seinem Hofstaate Pharao spielend auf Ein großes Bild (jetzt im Schlosse zu Eutin) malte. Es sind zusammen 21 Porträts, darunter auch das Denner’s. Als später Peter der Große Holstein in Besitz nahm, stach ihm jenes Gemälde so in die Augen, daß er es nach Petersburg nehmen wollte, und nur durch viele Bitten gelang es, den großen Mann zur Zurücklassung der Beute zu bewegen. Im J. 1710 besuchte der Reisende Zach. Conr. Uffenbach unsern D. zu Altona; dessen Bericht ist so interessant, daß wir ihn folgen lassen: „Wir gingen erstlich zu dem berühmten Maler B. D. Er ist nicht über fünfundzwanzig Jahre alt, er malt gewiß sehr sauber und wohlgleichend, wie wir denn verschiedene Porträte von guten Freunden in Hamburg gesehen. Sein Preis ist fünfzehn Reichstha1er. Er malt auch Su mjg–us,ru1´s„ davor man ihm zwanzig Thaler bezahlt, wenn er aber S11 busts mit den Händen malt, vierzig. Er hatte in einem Zimmer viele Porträte und Copien von anderen Gemälden hangen, darunter ein Nachtstück, zwei alte Köpfe und eine Copie von Pousfin waren, davon daß Original in Danzig bei einem Kaufmann ist, bei welchem sich Herr D. vor diesen aufgehalten. Der Vater von diesem D. ist der berüchtigte Quäker, so alle Sonntag mit großem Zulauf, auch von Hamburgern, allhier predigt und von Profession ein Blaufärber ist. Sie scheinen sonst alle gar seine und fromme Leute zu sein.“ Im J. 1712 verheirathete sich der Maler mit Esther Winter, die ihm 6 Kinder schenkte und auf seinen Reisen eine treue Begleiterin war. Kurz danach malte er Friedrich 1l?. Von Dänemark. Im J. 1713 wurde ers nach Husum berufen, um daß Bildniß der Fürstin von Schleswig in Miniatur zu malen, was er auf verschiedene Weise that, auch einige Herren ihres Hofes
[55] conterseite er in Oelfarbe. Kaum nach Hamburg zurückgekehrt, mußte er zu Wandsbeck den Fürsten Mentschikoff porträtiren, wofür ihm der entzückte Russe 100 Ducaten mit eigener Hand hinschob. In deni J. 1714 machte er mit s seiner Frau eine Vergnügungsreise nach Amsterdam, malte daselbst einige Bildnisse und kehrte im October nach Hamburg zurück. Im folgenden Jahr verweilte er 6 Wochen in London. Ein Jahr später, 1717, berief ihn der König von Dänemark nach Husum und ließ sich hier wol zwanzigmal von ihm conterfeien, dann lud er ihn nach Kopenhagen ein, wo D. nebst seiner Frau im December anlangte. Hier fand er so viele Beschäftigung bei der vornehmen Welt, daß er wol 10 Monate dort verweilte und einen gespickten Beutel davontrug. Im J. 1720 ließ ihn die regierende Herzogin von Braunschweig–Wolfenbüttel nach Wolfenbüttel kommen und sich von ihm mehrmals: darstellen. Von dort begab er sich nach Hannover, wo viele englische Lords und Ladies zu Vorwürfen seines Pinsels dienten; auch lud man ihn ein, nach England zu kommen. Der Künstler folgte diesem Rufe mit Frau und Kindern im folgenden Jahr und nahm daß Porträt einer alten Frau mit, daß in London wahrhaft Furore machte; man überlief sein Atelier und es wurden ihm 500 Guineen geboten, wofür er es jedoch nicht hergeben wollte. D. war aber dadurch in weiten Kreisen bekannt geworden und die vornehme Welt drängte sich, um ihm zu sitzen. Einige Zeit danach sandte D. daß genannte Kunstwerk an den Wiener Hof und Karl 71. ließ ihm 4700 Kaisergulden dafür auszahlen. Der Monarch war so enthusiasmirt, daß er den Schlüssel des Kastens, worin es eingeschickt worden war, bei sich trug und nur in seinem Beisein das Behältniß öffnen ließ; selbst . die hohe Gnade gewährte er dem Ueberblinger, daß er ihn zum Handkuß beiließ. Daß Bild befindet sich jetzt im k. Belvedere. Im Sommer 1727 machte Balthasar mit seiner Familie einen Besuch in Hamburg; kaum daselbst angelangt, fand sich der kaiserliche Gesandte Graf von Starkenberg bei ihm ein mit dem Auftrag, als Gegenstück zu jenem weiblichen Kopfe einen männlichen für den Kaiser zu malen, worauf D. einging. Auch in Hamburg malte er einige Porträts, doch kehrte er bald nach London zurück; unterwegs überraschte ihn ein gewaltiger Sturm und erst nach vielem Ungemach kam er nach England. Lange noch kränkelte er, ehe die Strapazen dieser Meerfahrt überwunden waren. Er ging jetzt daran, jenes Männerbildniß zu fertigen und schickte es dann durch den kaiserl. Residenten Baron v. Palm nach Wien ab, von wo man ihm die gleiche Summe von E700 Kaisergulden zu Theil werden ließ. Auch dies Porträt befindet sich im Belvedere, es trägt die Jahreszahl 1726. Da der Künstler den Steinkohlendunst in London seiner Gesundheit nachtheilig fand, ging er 1728 nach Hamburg zurück. 1729 wurde er nach Blankenburg citirt, um die Bildnisse des Herzogis und der Herzogin zu malen. Von da zog er nach Dresden, wo er den König von Polen, August II., darstellte und ihm zwei Köpfe um den Preiß von 500 Ducaten verkaufte. Im J. 1730 ging er von Dresden nach Berlin, von da wieder nach Hamburg, bald darauf mit seiner Frau und seiner Hjltestes Tochter nach Amsterdam, von wo er nach Ablauf eines vollen Jahres !lch wieder nach Hamburg wandte. Im J. 1734 malte er Christian ’71. von Dc;nemark, der sich damals in Altona befand. In demselben Jahr that er eine Jke1se nach Braunschweig und erhielt dort von Herzog Ludwig Rudolf die Bestellung zu emem für die Gallerie zu Salzdahlum bestimmten Gemälde. 1735 wurde er nach Neustadt im Mecklenburgischen berufen und malte daselbst mehr- 1winals den. Hexzog Christian Ludwig nebst der ganzen fürstlichen Familie. Sein kaum 131.ährtgegr Sohn spielte zu gleicher Zeit zur Verwunderung der vornehmen Gesellscha1t.aus der Geige. In dem gleichen Jahr begab sich D. wieder nach Braunschwetg, um den Herzog Ferdinand Albrecht und dessen Familie zu malen.
[56] , -– Unglücklicher Weise jedoch starb der Fürst an demselben Tage, der für die erste Sitzung festgesetzt war. Im J. 1736 porträtirte Balthasar zu Altona die Prinzessin Sophie Charlotte, Schwester des Königs von Dänemark und mehrere Herren vom Hof. Noch in demselben Jahr begab er sich mit seiner ganzen . Familie nach Amsterdam, wo er 8U2 Jahre blieb und viele Porträts malte. Wanderlustig jedoch, wie er war, ging er wieder nach Hamburg, und kurze Zeit darauf, 1740, auf den Wunsch des Herzogs von Holstein-Gottorp, später als Peter III. Kaiser von- Rußland, nach Kiel, wo er denselben zwei Mal darstellte. Nach diesen Originalen wurden verschiedene Copien nach allen Höfen von Europa verschickt, besonders an den Hof in Petersburg. 1741 wurde er nach Ploen bestellt, um daselbst auf verschiedene Art den Herzog sammt Familie abzuschildern. Eine glänzende Einladung der Kaiserin Katharina von Rußland, nach Petersburg zu kommen, schlug der Künstler aus. Daß J. 1743 verschaffte ihm den Besuch des schwedischen Thronfolgers Adolf Friedrich von Holstein-Gottorp, der sich im Hause des Künstlers verschiedenartig porträtiren ließ und während des Sitzens durch Vocal- und Instrumentalmusik, worauf sich D. und seine Kinder vortrefflich verstanden, unterhalten wurde. Im folgenden Jahr ließ sich der Kurfürst von Köln, der sich gerade zu Hamburg befand, von D. verschiedentlich, so lebensgroß als klein, malen und belohnte ihn reichlich. Das J. 1747 sah den Herzog von Holstein-Gottorp in Dennex’s Atelier zu Hamburg, auch diesem wurde die Last des Sitzens durch eine angenehme Musik erleichtert. In demselben Jahr malte D. zu Braunschweig die Wittwe des Herzogs August Wilhelm verschiedentlich, desgleichen die regierende Herzogin von Braunschweig und viele hervorragende Leute; er gefiel sich daselbst so, daß er mit dem Gedanken umging, sich in Braunschweig ständig niederzulassen. Im folgenden Jahre fand er überreichliche Beschäftigung am Mecklenburgischen Hofe, starb aber 14. April 1742 zu Rostock. Bei D. muß man wol zwei Manieren unterscheiden. Im großen Publicum ist er fast nur bekannt als der Verfertiger unsäglich ausgeführter Köpfe alter Männer und Weiber. Es ist in der That fast unbegreiflich, wie weit er die Vollendung des Einzelnen trieb, die kleinste Falte, die kleinste Pore, s daß kleinste Härchen stellte er dar, so daß sich seine Gemälde füglich mit der Lupe betrachten lassen. Man ist ganz außer sich, und der Laie schwelgt in Entzücken. Wer jedoch in dem Begriff eines wahren Kunstwerkes immer noch ein ideales Moment sucht und sich nicht mit der sklavischen Abschrift der Natur zufrieden gibt, den werden solche Bilder wenig angenehm berühren. Es ist absolut kein Geist in diesen Köpfen, sie reden nicht, und die glatte, weichliche Farbe verstärkt noch den Eindruck des Wachsfigurenartigen. Ganz besonders:8 charakteristisch hierfür sind die genannten Köpfe im Wiener Belvedere. Andere der Art in verschiedenen Gallerien. Allerdings war dies seine Specialität und kein Nachahmer hat ihn erreicht, sein Ruf wird deshalb stets auf diesen Werken beruhen. An sich jedoch erfreu!icher ist er in seinen gewöhnlichen Porträts, deren es noch sehr viele, namentlich in Norddeutschland, gibt. Hier ist er fast allen gleichzeitigen Malern überlegen, seine Behandlung ist fleißig, jedoch nicht peinlich, seine Farbe klar und angenehm, wenngleich im Sinne der Zeit etwas süßlich und glatt. Seine ungeschickte und nachlässi ge Gewandbt-handlung fand schon zu seinen Lebzeiten vielen Tadel, er soll das Beiwerk auch oft von seinen Schülern und Kindern haben malen lassen, woran theilweise die Schuld liegen mag, daß )es so schlecht ausfiel. Auch im historischen Fache wagte D. in seiner früheren Zeit einige Anläufe, so werden eine hl. Magdalena, eine Putiphar und eine auß- dem Bad steigende Nymphe erwähnt; noch 1731 entstand ein hl. Hieronymus (Dresdener Museum). Dieselben sind höchst unbedeutend, besser dagegen seine Blumen- und Fruchtstücke, die hin und wieder vorkommen, „der Staub auf den
[57] Aurikeln, der Flaum auf den Pfirsichen, Weintrauben und Pflaumen sind mit seltener Täuschungwiedergegeben“, sagt daß Hamburger Künstlcrlexikon. Zu Denner’s Ruhm ließ der Hofrath Weichmann in Braunschweig schon zu Lebzeiten des Künstlers eine Medaille fertigen; auf dem Avers sieht man sein Brustbild in Profil, mit der Umschrift: 13.–5t1tll. 1)Sm:19r ll9.mb.?j(zts. ju 8u0 gsner9 unjOus auf dem Revers die Legende: 0d 1nu1rjks.rjs asr9qu9 pOrsnnj0rz yjrtutjs ü(1Sj z1–tjs (100umens zmj00 bs11Smsi´si1cj k. k. O. 1ö’. W9i(:11ms.1111 1739. Der hamburgische Dichter Brockes hat den Maler in mehreren Gedichten besungen. Denner’s bester Schüler ist sein Schwager Dominicus van der Smissen. Gestochen haben nach ihm u. a. Bause, Bernigeroth, J. Canale, Folin, C. und F. Fritsch, J. J. Haid und Wolfgang. H
Siehe namentlich die mit warmer Verehrung geschriebene Biographie in J. van Gool, 1)0 11jsuNs So110uburg 11er N9(1Sr18.11(18011S 1cunSts011j1c1er8„ Haag 1751, 2. Bd., S. 62 f. W. Schmidt.
Deuner: Johann Christoph D., berühmter Blasinstrumentenmacher zu Nürnberg, Erfinder der Clarinette, geb. 13. Aug. 1655 zu Leipzig, wo sein Vater als Horndreher, Wildrufmacher und geschickter Verfertiger von Traversflöten sich aufhielt. Als er kaum acht Jahre alt war, siedelte sein Vater mit ihm nach Nürnberg über und nahm ihn in die Lehre; doch veranlaßten ihn seine Liebe und Anlage zur Musik, in welcher er ohne fremde Anleitung ziemliche Fertigkeit erlangte, ganz auf die Blasinstrumentenmacherei sich zu legen. Er war nicht allein ein fleißiger und strebsamer, sondern auch ein begabter Mann, der auf Verbesserungen und Erfindungen in seinem Fache eifrig bedacht war. So gab er der Flöte eine reinere Stimmung und Temperatur, als sie bis dahin gehabt hatte, in Folge dessen seine Flöten weit und breit begehrt waren. Ebenso verbesserte er die Intonation und den Klang der Oboe. Daß Rackett, ein altes zur Gattung der Schalmeien gehörendes Baßinstrument, nahm er wieder auf und suchte ihm eine vollkommnere Einrichtung zu geben. Dieses Instrument, welches Prätorius, Syntagma 1l, 39 beschreibt, war wegen seines geringen Umfanges, starken Windverbraucheß’:, schweren Ansprache und anderer Uebelstände nie viel im Gebrauche gewesen, wiewol es bei der Kleinheit seines Corpus sich bequem handhaben ließ. Aber auch in der durch unter dem Namen Rackettfagott oder Stockfagott, ihm verliehenen vollkommneren Gestalt scheint es keine große Verbreitung gefunden zu haben. Denner’s wichtigste Erfindung, durch welche sein Name heute noch unter uns fortlebt, ist die Clarinette (1696), wiewol sie anfangs von ihrer gegenwärtigen Vollkommenheit, zu welcher sie erst nach verschiedenen Verbesserungen u. a. durch Theodor Böhm und Jwan Müller gelangte, noch weit entfernt war; sie hatte nur 7 offene und 2 durchKlappen gedeckte Tonlöcher. Auch verbreitete sie sich nur langsam, und in die Opernu;1d Concertorchefter drang sie erst seit etwa 1760. D. † 20. April 1707 und hjsiterließ zwei Söhne, welche ebenfalls durch Fleiß und Geschick ihrem Namen Eyre machten. v. Dommer.
Denso: Johann Daniel D., geb. zu Neustettin am 24. Decbr. 1708, nJurde 1731 Professor des Stils und der Veredsamkeit am Gröningischen Collegu;m zu Stargard in Pommern, 1751 Professor der Beredsamkeit und Dichtkunst am Gymnasium zu Stettin und am 9. Febr. 1753 Rector der großen Stadtschule (Gymnasium) zu Wismar. Er erwarb sich große Verdienste um die Hebung des S.chulwesgns und –besonders durch Schrift und Wort um. die Belebung v naturwtssenschaftlicher Studien in Mecklenburg und Pommern. Am 6. Apr;l 1793 quiescirt, starb er am 4. Jan. 1795. – von seinen Schriften, welche In den Jahrgängen 1753–63 der Rost. gel. Nachr. aufgeführt sind, sind zu erwahnen: Uebersetzung der Mineralogie (1750) und der Hydrologie (1751)
[58] des Wallerius. – Uebersetzung der Naturgeschichte des Plinius, 2 Bde.,1764. – “ „Plinianisches Wörterbuch“, 1766. – „Physikalische Briefe“–(12 St.), 1750. – „Monatliche Beiträge zur Naturkunde“ (12 St.), 1752. – „Physikalische Bibliothek“, 2 Bde., 1754–61. Dr. J. H. F. Groth, Beiträge zur Geschichte der Wismar’schen Stadtschule, 1820. – Or. E. Boll, Archiv des Vereins der Freunde der Naturgesch. in Mecklenburg 7l, 1852, S. 151 ff. Fromm.
Denzel: Bernhard Gottlieb D., der erste Rector des 1811 errichteten ersten würtembergischen Schullehrerseminars, ist geb. zu Stuttgart 29. Decbr. 1773. Er war, wie so viele, die hernach ihre Kraft und ihren Fleiß dem Schulwesen widineten, von Haus aus Theolog, und nach seiner Studienzeit nur vorübergehend Hauslehrer, wurde jedoch als solcher persönlich schon mit Pestalozzi bekannt. Im Jan. 1806 erhielt er eine Pfarrstelle (in Pleidelsheim am Neckar); dort schon arbeitete er neben treuer Erfüllung der Pastoralpflichten mit einem damals noch seltenen Eifer an der Hebung des Volksunterrichts. Ein Theil der Gemeinde wußte daß immerhin zu würdigen und ließ ihn gewähren, eine starke Partei aber fand darin so gefährliche Neuerungen, daß er höchsten Orts deshalb verklagt wurde; die Behörde gab ihm jedoch vollständig Recht. Auch unter den Schullehrern der Umgegend suchte er in gleichem Sinn zu wirken. Auf Grund dieser schon bewiesenen Tüchtigkeit und Hingebung wurde er 1811 an daß neu errichtete Schullehrerseminar in Eßlingen als dessen Vorstand berufen. Die Regierung war aber in Betreff der Ausstattung desselben sparsam bis zum Uebermaß und D. hatte noch Jahre lang zu klagen, theils darüber, daß die Zöglinge in zu frühem Alter aufgendmmen und zu früh entlassen wurden, theils daß er und seine ersten Collegen, um überhaupt zu exiftiren, noch ein städtisches Pfarramt daneben zu versehen hatten. Um so höherer Ehre ist es werth, daß der Mann aushielt und geduldig wartete, bis allmählich alle Verhältnisse sich besserten, ob er gleich die längst zuvor nothwendig gewordene Errichtung eines zweiten Seminars nicht mehr erlebte. Selbst von der ehrenvollen Thätigkeit in Nassau, wohin er 1816 berufen wurde, um zu Idstein ein Seminar y einzurichten, und wo man so gern ihn festgehalten hätte, kehrte er an die heimathliche Stätte seiner Mühen zurück und ließ sich nur den Titel eines Nassauischen Schulraths gefallen, zu welchem 1832 der Titel und Rang eines Würtembergischen Prälaten gefügt wurde. Wenn in jenen Jahrzehnten auf kirchlicher und pietistischer Seite ein antichristlicher Einfluß von der Schullehrerseminarbildung befürchtet wurde, so hat D. dazu nicht den mindesten Anlaß gegeben; er war, allerdings noch in den Formen der Storr’schen Schule, in religiöser Beziehung durchaus positiv gesinnt und hat diese Gesinnung auch in seinem Leben stets bewährt. – Außer verschiedenen kleinen Schulschriften ist seine litterarische Hauptarbeit die „Einleitung in die Erziehungs und Unterrichtslehre für Volksschullehrer“, 2 Theile, vollständig zuerst 1820 erschienen, später wiederholt aufgelegt. Das Buch stellt kein originelles System auf, wurde aber als Handbuch für diejenigen, denen er es bestimmt hatte, lange Zeit dankbar und mit gutem Erfolg benützt; der Standpunkt ist im allgemeinen derselbe, wie ihn Niemeyer repräsentirt hat, der Standpunkt christlich-humaner, psychologisch begründeter und zeitgemäßer Volksbildung. – Er starb kinderlos, aber von einer Menge Schülern und Freunden betrauert, am 13. Aug. 1838. Palmer. Deoduinus oder Theoduinus, ein Verwandter Kaiser Heinrichs 1ll., war von 1047–1075 Bischof in Lüttich und schrieb: „1j1pjst01et 8„c1 1–lsnrj(:um 08.11jets rege-2m c1e 0orp01´s Or Semguj11S 1)0111j11j“.
. Mabillon, ’1’Om. 17. Anz1eOt. Th. Wenzelburger.
[59]
Depping: Georg Bernhard D., Historiker, geb. zu Münster in Westfalen am 18. Mai–1784, besuchte das Gymnasium und die ehemalige Universität seiner 5Vaterstadt. Im J. 1803 reiste er in Gesellschaft eines französischen Emigranten nach Frankreich, nur in der Absicht, Paritz zu sehen, entschloß sich aber bald, daselbst zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung zu bleiben. Er widmete sich dem Lehrfache und wurde auch bald als Professor an der polymathischen Schule angestellt. Nach einigen Jahren legte er aber diese Stelle wieder nieder, um ungestörter den Wissenschaften leben zu können. Er verlegte sich nun ganz besonders auf die verschiedenen lebenden Sprachen Europa’s und widmete sich ernsten Studien in der Geschichte, Geographie und in der älteren und neueren Litteratur der europäischen Völker. In Paris machte er die Bekanntschaft des dänischen Gelehrten Malte-Brun und der dänischen Dichter Vaggesen und Oehlentz schläger. Ebenso trat er auf seinen wissenschaftlichen Reisen zu vielen Gelehrten in persönliche Beziehungen. In München erhielt er von dem Könige von Baiern den Auftrag, Kunstwerke für die Münchener Sammlungen und für die des Grafen Karl v. Rechberg anzukaufen. Solvins gab ihm einen ähnlichen Auftrag. Die durch eigene Studien gewonnenen Kenntnisse und seine vielseitigen Erfahrungen im Bereiche der Wissenschaft und Kunst veröffentlichte er in besonderen Werken sund gab eine große Anzahl von Schriften geschichtlichen und geographischen In– halts heraus. Dabei betheiligte er sich auch an vielen gelehrten Zeitschriften Frankreichs und anderer Länder. Er war Mitglied mehrerer gelehrten Gesellschaften in Parits und bereicherte ihre Denkschriften mit zahlreichen und werth- Vollen Notizen. Im J. 1822 erhielt er von der 1Fce1clsmjs c108 j118Orjptj0118 St c1S8 benS8 1ettres den Preis für sein Werk: „Ursachen der Auswanderung der Normänner im Mittelalter und ihrer Niederlassung in Frankreich“. In seinem kurzen Berichte über das Leben und die Werke Depping’:8 nennt Maury den Verfasser des gekrönten Werkes „einen würdigen Gelehrten und unermüdlichen Forscher“. Im J. 1828 erhielt er von derselben Akademie den Preis von 1500 Fres. für die beste Lösung der im Jahre vorher von der Akademie gestellten Aufgabe: „Ueber die Handelsverbindungen Frankreichs mit Syrien und Aegypten bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Durch diese vorzüglichen Leistungen auf dem Gebiete der Geschichte und durch die anderen von ihm schon herausgegebenen Werke hatte er die Aufmerksamkeit vieler gelehrten Männer in Paris auf sich gezogen. Man hatte ihn veranlaßt, sich um eine Stelle an der Akademie zu bewerben. D. jedoch, den, wie es in der Bjogrspllis unj– y–e1si1S von ihm heißt, eine seltene Bescheidenheit zierte, und der sich von allen Ränken fern hielt, konnte nicht dazu gelangen und mußte sehen, daß ihm Mitbewerber vorgezogen wurden, deren Ansprüche geringer waren, als die seinigen. Das entmuthigte ihn indeß nicht, sondern er fuhr fort, auf schriftstellerischem Gebiete thätig zu sein. Seine meistens in französischer Sprache geschriebenen Werke haben in anderen Ländern Europa’s ein folches Ansehen gemacht, daß mele davon ins Deutsche, Englische, Dänische, Italienische etc. übersetzt sind. Im 1846 wurde er von der philosophischen Facultät der Akademie zu Münster zum Doctor der Philosophie ernannt. In den letzten Jahren seines .LFbens beschäftigte ihn die Abfassung eines umfangreichen Werkes über die Reg;erung Louis’ )c1Rs. Drei Bände hatte er bereits vollendet; er war mit dem v1erten und letzten Bande beschäftigt, als ihn der Tod ereilte. Er starb- zu Paris am 5. Septbr. 1853.
Vgl. Erinnerungen aus dern Leben eines Deutschen in Paris, Leipzig 1.882. – Bj0gr8,p11je unj7Sr8en8„ Paris, Bd. I(111, S. 701f. – Nachrichten von dem Leben und den Schriften münsterländischer Schriftsteller des 18. und 19. Jahrhunderts von E. Raßmann, Münster 1866, S. 72 f. Raßmann.
[60]
Dereser: Anton D., zu Fahr im Würzburgischen am 9. Februar 1757 geboren, † 1827, trat in den Orden der unbeschuhten Karmeliten und empfing hier den Namen Thaddäus a S. Adamo. Nachdem er in Würzburg und Heidelberg Theologie und Philosophie studirt, an letzterem Ort auch selbst bereits unterrichtet hatte, wurde er 1788 an der Bonner Akademie als Docent für Orientalia und Exegese des alten Testaments angestellt. Bei der Erhebung der Akademie zur Universität (1786), deren „Einweihungsgeschichte“ er selbst beschrieben hat, forderte er in der von ihm gehaltenen Einleitungsrede zur theologischen Disputation, daß die katholische Theologie „auf Hermeneutikgegründet, mit Geschichte) verbunden und in der Volkssprache vorgetragen“ werde. Seine von solchen Anschauungen getragene akademische und litterarische Thätigkeit erregte mannigfache Aufmerksamkeit, Beifall im liberalen katholischen wie im protestantischen Deutschland, veranlaßte andererseitis heftige Angriffe von Seiten des Kölner Domcapitels. Der Bonner Aufenthalt wurde D. verleidet; so ging er 1791, von Kurfürst Max Franz ehrenvoll entlassen, nach Straßburg, als Professor der Theologie und zugleich als Prediger an der Domkirche und Superior am bischöflichen Seminar. In dieser Stellung fand ihn die Priesterverfolgung der französischen Revolution. D. wurde zur Deportation, dann zur Guillotine bestimmt und eingekerkert. Nach 10monatlicher Haft befreit, erhielt er 1796 die Erlaubniß zur Rückkehr nach Deutschland; seit 1797 hielt er in Heidelberg Vorlesungen über Orientalia. 1799 zum Ordinarius für dieses Fach ernannt, laß er außerdem K:atechetik, Homiletik und Pastoraltheologie. 1807 wurde er nach Freiburg versetzt, 1810 aber als Stadtpfarrer in Karlsruhe angestellt. Als solcher hielt er 1811 eine Gedächtnißrede auf Karl Friedrich, die Anstoß bei Hof erregte (vgl. darüber die in Benkert’s Athanasia [Würzburg 1827], 1–70 abgedruckte, 1814 verfaßte Schrift über Derefer’s „Mißhandlung und Vertreibung“ und die Gegenbemerkungen in der Zeitschrift für die Geistlichkeit des Erzbisthums Freiburg 1828, 252 ff.); D. verlor seine Stelle und wanderte aus Baden nach der Schweiz, wo er Lycealprofessor und Regens des bischöflichen Seminars in Luzern wurde. Bald erfolgten Anklagen seines „Indifferentismus, die der päpstliche Nuntius unterstützte; Wessenberg und Dalberg erklärten indeß die D. gemachten Vorwürfe für unbegründet. Die 1814 neu eingesetzte Regierung beschloß aber schon am 26. Februar seine Entlassung. So fand er eine ruhigere Wirkungsstätte erst in seinen letzten Lebenisjahren in Breslaus freilich gerieth er auch hier 1824 in einen Conflict mit Altenstein. 1815 an die Breslauer Universität berufen, deren Rector er 1819,-“20 wurde, laß er hier seit 1816 Dogmatik, theologische Encyklopädie und Exegese des alten und neuen TestamentsB und bekleidete daneben die Würde eines Canonicus am Dom, bis er in der Nacht vom 15. auf 1S. Juni 1827 starb. Von seinen zahlreichen Schriften sind die meisten der Erklärung des alten Testaments gewidmet; wol am weitesten verbreitet wurde daß „deutsche Brevier“, daß zuerst 1791 und noch bei Dereser’s Lebzeiten in 8. Auflage erschien.
Verzeichnisse s. bei Felder, Gelehrten- und Schriftstellerlexikon der deutschen kathol. Geistl. 1, 163 ff.; Monatsschrift von und für Schlesien, herausgegeben von Hoffmann, 1829, 270 ff.; Nowack, Schlesisches Schriftstellerlexikon 1, 32 ff; Varrentrapp, Kurkölnische Universität Bonn, 44 ff. Außer diesen und den dort angeführten Schriften vgl. über Dereser’s Leben noch Psyffer, Gesch. der Stadt und des Kantons Luzern 2, 220 ff.; Movers, Denkschrift über die katholisch-theologische Facultät in Breslau (Leipzig 1845) 18 ff. s Varrentrapp.
Derfflil!ger: Georg Reichsfreiherr v. D., kurbrandenburgischer General- Feldmarschall, wurde 1606 zu Neuhofen, einem Dorfe in Ober-Oesterreich, geboren.
[61] Seine Eltern waren arme Leute; von seinem Jugendleben, seiner Erziehung, von dem Unterricht, den er empfangen, haben wir keine Kunde; mit seinen evangelischen Eltern verließ er während der Unruhen kurz vor Ausbruch des 30jährigen Krieges seine Heimath.s Als einer der Reiter unter Graf Thurn scheint er nach der Schlacht am weißen Berge in Schlesien gefochten zu haben; nach der Einnahme von Glatz durch die Kaiserlichen trat D. 1622 in sächsische Dienste und wurde dort Officier. Nach Gustav Adolfs Landung trat er in schwsdische Dienste. Hier muß er sich ausgezeichnet haben, denn der deutsche Officier, dem Vermögen und Connexionen fehlten, war schon 1685 Oberstlieutenant. Er diente als Reiterführer besonders in Baüer’s und Torstenson’s Heeren, wurde auch zu diplomatischen Missionen verwendet, und nach Baüer’s Tode als Deputirter ders im schwedischen Heere dienenden deutschen Officiere nach Stockholm geschickt, um die Soldrückstände von der Krone Schweden einzufordern. Diesen schwierigen Auftrag führte er zur Zufriedenheit beider Parteien aus. Ebenso schickte ihn Torstenson 1642 zu Ragozy nach Ungarn und im folgenden Jahre nach Stockholm, wo er von der Königin zum Generalmajor zu Roß ernannt wurde. 1646 heirathete er Fräulein v. Schaplow, eine reiche Erbtochter, und zog nach dem westfälischen Frieden und der Abdankung des schwedisch–deutschen Heeres nach deren Gut Gusow.
Hier lebte er als thätiger Landwirth; er hatte viel im Kriege erworben und wußte den Werth der erheiratheten Güter durch Bauten und andere Verbesserungen zu heben. Als ein neuer Krieg 1654 drohte, zog ihn der große Kurfürst in seinen Dienst und ernannte ihn zum Generalmajor der Reiterei. Bei dem Ruf, den sich D. im 30jährigen Kriege erworben, gelang es ihm leicht, neue Reiterregimenter zu bilden; in der dreitägigen Schlacht bei Warschau, Juli 1656, erstürmte er das befestigteKloster Prement und wurde dafür zum Generallieutenant ernannt, dann verjagte er den General Czarniecki, der verwüstend und plündernd in die Neumark eingefallen war. 1657 wurde er geheimer Kriegsrath, dann 1658 Feldzeugmeister, als solcher begleitete er den großen Kurfürsten auf all dessen Feldzügen gegen die Schweden bis zum Frieden von Oliva 1660. Dann kehrte er auf seine Güter zurück, heirathete, nach dem Tode seiner ersten Frau, 1662 ein Fräulein v. Beeren. Aber auch in der Friedenszeit blieb er thätig in Staatsgeschäften und in dauernder Verbindung mit dem Kurfürsten, der ihn 1670 zum Feldmarschall ernannte und ihm die Leitung des gesammten Kriegswesens, namentlich die Ausbildung der in jener Zeit so wichtigen Reiterei und die der Artillerie übergab. In der Armee führten ein Cürassier–, ein Dragoner- und ein Infanterie-Regiment zu gleicher Zeit seinen Namen. Als 1672 Ludwig?(IV. in Holland eingefallen, nahm D. in Begleitung des Kurfürsten an dem Feldzuge Theil, ging nach dem Frieden von Vossem nach Gusow zurück und erhielt 1674 die Würde als kaiserlicher Reichsfreiherr.
1CJ74 wurde D. nach Holland geschickt, um über die Subsidienzahlung bei dem Wtsderausbruch des Krieges mit Frankreich zu verhandeln. Trotz der Energie des Kurfürsten blieb der Krieg am Oberrhein refultatlos, der kaiserliche Feldherr BotzIn.onville weigerte sich 9mit seinen Truppen am Angriff theilzunehmen. Der Kur!ur1t bezog bald darauf Winterquartiere in Würtemberg und wurde durch Len von Frgnkreich veranlaßten Einfall der Schweden in die Mark im folgenden ,„zahre doJrthm gerufen. In schnellen Märschen hatte er am 11. Juni Magdeburg„eFre1ehF, der Kurfürst und D. beschlossen, den in der Mark zerstreut stehenden isen1d Uberrgschend anzugreifen. Am 15. Juni, Nachts, überfiel D. Rathe- 9 now, wo schwedische Besatzung stand; was nicht niedergehauen, wurde gefangen. De; hurch D. vorbereitete und ausgeführte Ueberfall der Stadt ist ein glänzendes Be1fptel solcher Unternehmungen. D. zeigte hier so viel Kühnheit und Energie
[62] als List und Vorsicht. Zum Siege bei Fehrbellin trug er viel dadurch bei, daß er einen Hügel durch Artillerie besetzte, deren Feuer die Cavallerie unterstützte. Wie überall focht er auch dort persönlich an der Spitze seiner Reiter. Gegen des Kurfürsten erste Absicht drang er auf energische Verfolgung, die er selbst leitete und 8 Kanonen und 200 Wagen, viel Gefangene und viel Vieh erbeutete. Nur mit den Trümmern seines Heeres konnte sich der schwedische General Waldemar Wrangel nach dem Mecklenburgischen retten. Im J. 1676 leitete D. die Belagerung von Stettin, das in Folge des Bombardements nach mannhafter Vertheidigung am 29. Dec. 1676 capitulirte. 72 Jahre alt bat um seinen Abschied, den ihm der Kurfürst, da er ihm unentbehrlich sei, nicht gewährte. So nahm er 1678 an der Eroberung von Rügen Theil, setzte sich selbst an die Spitze der zuerst ausg eschifften Dragoner und warf die weit überlegenen schwedischen Reiter zurück. Im October und November eroberte er Stralsund und dann Greifswald. In demselben Winter brachen die Schweden unter Horn in Ostpreußen ein, und in Eilmärschen, mitten im Winter, ging D. mit der kleinen Armee, zu der später der Kurfürst stieß und das Commando übernahm, nach Ostpreußen. Bei strengster Kälte wurden die Operationen begonnen, die Truppen oft auf Schlitten gesetzt und die Schweden überall zurückgedrängt. Nach dem Siege der Brandenburger bei Splitter, in der Nähe von Tilsit, am 20. Januar 1679, gingen die Schweden von Görtzke bis Meilen vor Riga verfolgt, in voller Auflösung nach Livland zurück.
Als der Friede zu St. Germain en Laye im Sommer1679 geschlossen war, wurde D. auf seine Bitte in den Ruhestand versetzt und lebte mit seiner Familie auf seinen Gütern und am Hofe, vom großen Kurfürsten wie später von Friedrich I. mit hoher Auszeichnung behandelt. Zwei Jahre nach dem Tode des großen Kurfürsten, dessen Tod D. tief betrauerte, rückte er 1690 noch einmal gegen die Franzosen ins Feld und ging dann nach Güsow. Am 4. Febr. 1695 starb er an Altersschwäche und wurde in der von ihm erbauten dortigen Kirche beigesetzt.
D. war nicht nur einer der kühnsten und gewandtesten Reitäführer seiner Zeit, er gehört auch zu den Begründern der brandenburgisch-preußischen Armee, die er organisiren und ausbilden half. Früh schon erkannte er die Bedeutung der Artillerie und verstand sie zu verwenden; obwol er ohne Schulkenntnisse war, wußte er den Mangel durch seinen scharfen Verstand, seine reiche Erfahrung und seine Lebensklugheit so zu ersetzen, daß er oft und mit Erfolg zu diplomatischen Missionen verwendet werden konnte. Friedrich II. sagt von ihm: „1’zr111j 19S gesi1SrzuJe (1e 1’13190teur r)S1skk1j11gsi“ St 1S prj110S (14111181t 8.mi9nt 1A 1z!us g1–a11c1e r(Hputstj011. 1.e 1zrj1–100 (1’..4n10et1t 1Ists„jt 1sz0ur Säge- 1)e1–kt1j11gsi“ pour o11tre– p1Sv811t- Oe (10r11j9r 8eryjt hj911 8011 mwit1´s Jet 18- 8urVrjs(z ä8 1Tat11911(ms LD 1x1 p0u1suite (1S8 8usc10js1Jrßs 1senrbsi1j11- et- S1 1191„t9r 1A c1j1jgen0e (J1rr9t0r(1j118cjre (1S8 tr0u13S8 (18„118 1A 0a1111J8„g11(J (1S 1I1–us.“ von D. werden viele Anekdoten erzählt, die alle seinen derben Mutterwitz, seine Heiterkeit und Laune beweisen, bei den Soldaten war er im hohen Grade beliebt, sie vertrauten ihm unbedingt; obwol er ohne allen Unterricht im wildesten, sja rohesten Kriegslt-ben sich entwickelte, war er doch lebensklug und gewandt, ein Italiener jener Tage (Letis) schildert ihn als einen Mann von seinen und sanften Sitten, der sich am Hofe sehr wohl darstelle. –Obwol er freigebig .war und große nützliche Ausgaben nicht scheute, war er doch zugleich sparsam und in allen Dingen maßhaltend. Er hatte im Kriege Vermögen erworben, bezog ein hohes Gehalt, und hatte bedeutende Einkünfte von seinen drei Regimentern. Der Kurfürst hatte ihm bei verschiedenen Gelegenheiten S2000 Thlr. und eine Verschreibung auf die Comthurei Wildenbruch im
[63] Werthe von 102000 Thlrn. geschenkt. So hinterließ D. ein großes baares Vermögen und die Güter Gusow, Wulkow und andere in der Kurmark, der Neun;X:k UM i1ßtPreuIni endlich ein von Nering für ihn erbautes Haus am köllni en ar e in er in.
Söhne hatte er zwei aus seiner zweiten Ehe, die er auf den Universitäten in Frankfurt wia. O., dann in Tübingen studiren ließ. Der älteste diente der Republik Venedig, trat dann in brandenburgische Dienste und wurde Generallieutenant († 1724 ohne Kinder). Mit dem Tode der Wittwe (geb. v. Ofterhausen) erlosch der Name Derfflinger. Der jüngere Sohn war schon 1686 vor Ofen geblieben.
Die Töchter erster und zweiter Ehe heiratheten die Generale v. Marwitz,– Dewitz, Zieten und den Obersten V. Marwitz. – Die Familien der Fürsten v. Schönberg, der Grafen Stolberg, Haugwitz und Podewils, der Herren v. Marwitz, Zieten, Bismark, Bonin ö1ennen, von den Töchtern abstammend, mit berechtigtem Stolz D. ihren Ahn errn. – D. war ein wohlgebauter, großer kräftiger Mann; nur eine so eiserne Natur konnte die gewaltigen Anstrengungen seines 70jährigen Kriegslebenz ertragen und seine Geistesfrische bis in sein 89. Jahr erhalten. Nach einer älteren Schilderung „zierte starkes krauses Haar sein Haupt; sein Gesicht ist durch die breite Stirn, starke Augenbrauen, lebhafte Augen, große Nase, starkes Kinn, volles Gesicht und Unterkehle kenntlich, welches der Bart über der Oberlippe und etwas stehen gebliebenes verstutztes Haar unter der Unterlippe noch mit mehreren Merkmalen versehen“.
Er war ein fromm gläubiger Lutheraner, ließ sich täglich aus Arnd’s „wahrem Christenthum“ vorlesen, und verlebte seine letzten Jahre still und glücklich in seiner Familie. Seiner Bestimmung gemäß war sein Leichenbegängniß höchst einfach, und der Prediger in Gusow durfte in der Leichenrede weder seine Person noch sein Leben erwähnen, wodurch der Nachwelt eine in solchen Fällen sehr wichtige Quelle über seine persönlichen Erlebnisse entgangen ist. Biographische Denkmale von Varnhagen von Ense. Thl. 11. Artikel Derfflinger in Wagner’5J Staats und Gesellschafts Lexikon. h F. v. Meer eimb.
Deroy: Bernhard Erasmus Graf D., baie1–ischer General der Infanterie, geb. 11. Dec. 1743 zu Mannheim, † 23. Aug. 1812 zu Potozk. – Das Geschlecht der D. stammt aus der Picardie, von woher ek-o im 17. Jahrhundert theilweise nach Deutschland übersiedelte; ein de Roye, so schrieb sich früher die Ja;1Oilie, fochtzF1mter Ernst von Mansfeld im 30jährigen Kriege. Der Vater des He en war eneral in kurpfälzischen Diensten.
Schon 1750 zum Fähnrich im kurpfälzischen Fußregiment Zweibrücken e1- nannt, machte D. den 7jährigen Krieg beim Reichsheere mit und rückte während hesselben bis zum Hauptmannsgrade Vor; als großer Verehrer Friedrichs des Gr. kehrte Hr aus demselben zurück. Die 1777 vollzogene Vereinigung von Baiern und Psalz hatte unmittelbar keinen wesentlichen Einfluß auf Deroy’s Laufbahn; nachdem ßr inzwischen in anderen Abtheilungen gestanden, kam er 1789 als Oberst wieder in sein altes Regiment Zweibrücken (jetzt 6. Inf.-Regt.). – 1792 nsurde D. Generalmajor und Truppenbefehlshaber in dem festen Platze YJkannhßtm, übex ihm stand Graf Belderbusch als Gouverneur. Der Krieg 1794 suhrte diJzrepubllkanischen Heere an den Rhein; die Division Vachot rückte gegen Mannhe1m vyr und forderte die Uebergabe der Rheinschanze, welche als Brückenkopf den Rhemübergang deckte und dessen Besatzung von D. befehligt wurde. Von letzterem abgewiesen, ließ Vachot die Stadt und die Rheinbrücke beschießen. Belderbusch, durch daß Bombardement ei11geschüchtert, übergab die Rheinscha11ze
[64] den Franzosen, welche dafür Mannheim zu schonen versprachen. Als jedoch 1795 Pichegru vor Mannheim erschien und mit Beschießung drohte, übergab Belderbusch ohne Weiteres auch die Stadt, wozu er nur im äußersten Nothfalle vom Kurfürsten ermächtigt war. Die Besatzung durfte mit allen Kriegsehren abziehen gegen das Versprechen, in diesem Kriege nicht mehr gegen Frankreich zu kämpfen. Obwol nun D. nach der Wiedernahme Mannheims durch Wurmserin seine vorige Stellung zurückkehrte, so war er in Folge dieses Versprechens,z von weiterer Vetheiligung an den Kämpfen der deutschen Heere ausgeschlossen. Im J. 1798 wurde er zum Inspecteur der Infanterie ernannt und nach München berufen; ein Commando bei der Feldarmee durfte er erst 1800 annehmen. In diesem Jahre stellte Baiern außer seinem Reichscontingent mit englischem Gelde noch eine vollständige Armeedivision unter General Zweibrücken, deren erste Brigade D. (die zweite stand unter Wrede) vom-Versammlungsorte Donauwörth gegen den Feind führte. Der österreichische Oberbefehlshaber Kray kämpfte ohne Glück. Vom Wiener Hofe zu spät zur Offensive beordert, wurde er von den über den Rhein vorgerückten Franzosen unter Moreau bei Stockach, Möskirch und Engen zum schließlichen Rückzuge nach Ulm gezwungen; hier stieß auch die Brigade Deroy zum Heere und betheiligte sich von da ab an den Gefechten von Memmingen und Neuburg a. D., sowie an der verhängnißvollen Schlacht von Hohenlinden. Bei diesen Gelegenheiten hart in den Kampf verwickelt, vorzugsweise um den Rückzug der Oesterreicher zu decken, zeichnete D. sich mit seiner Brigade in hervorragender Weise aus; in dem Versuche, den Sieg um jeden Preis auf die deutsche Seite neigen zu machen, fiel er bei Hohenlinden verwundet mit 38 seiner Officiere in feindliche Gefangenschaft. In den Kriegen gegen die französische Republik hatte sich gezeigt, daß durchgreifende Verbesserungen im Heerwtsen unbedingt nöthig waren. Nachdem nicht lange vorher die Tüchtigkeit des baierischen Heeres so gering angeschlagen worden war, daß nachgewiesener Maßen die mit dem Ankauf von Truppen für den Krieg in Amerika beauftragten englischen Commifsäre in Baiern seinerzeit ein schlechtes Geschäft zu machen geglaubt hatten, so war dasselbe durch den nach Baiern berufenen Engländer Thompson als Kriegsminister wenigstens so weit gebracht worden, daß es den Truppen der übrigen deutschen Staaten nicht unbedingt nachstand. In Bezug auf Stärke, Heerordnung und taktische Ausbildung blieb jedoch noch viel zu wünschen übrig; von vielen Regimentern waren nur noch Stammabtheilungen vorhanden, die Zeughäuser waren leer, die Cavallerie schlecht oder gar nicht beritten, als Kurfürst Karl Theodor starb. Zur Hebung der bestehenden Mängel wurde von dem neuen Regenten Kurfürst Max Joseph 1801 ein Ausschuß niedergesetzt. Als Mitglied desselben erwarb sich D. hervorragendes Verdienst, auch ließ er sich die taktische Ausbildung des Fußvolks entsprechend der von den republikanischen Heeren allgemein in Geltung gebrachten neuen Kampfweise insbesondere angelegen sein. Wenige Jahre genügten, und sdas baierische Heer war ein vollständig anderes geworden, vielleicht eben so kriegstüchtig wie daß- französische, an dessen Seite es in den nächsten Jahren kämpfte. Zum Kriege 1805 konnte Baiern bereits zwei Divifionen unter D. und Wrede stellen. Dieselben standen im October d. J. bei Nürnberg und traten dann bei Weißenburg a. S. unter den Oberbefehl Davoust’s, welcher mit seinem Corps den linken Flügel der strategischen Front Napoleon’s bildete. Währe1xd sich die Katastrophe von Ulm vollzog, hatten die Baiern die Verfolgung des von dort abgedrängten österreichischen Corps Kienmeyr durchzuführen, und als Napoleon mit dem Haupttheil der Armee nach Wien vorrückte, wurde D. beauftragt, mit seiner Division die baierische Südgrenze gegen den in Tirol stehenden Erzherzog Johann zu decken und später den von Westen her im Gebirge vorrückenden
[65] Marschall Ney zu unterstützen; Wrede hatte vorläufig gegen Salzburg vorzugehen. Zu genanntem Zwecke rückte D. nach Reichenhall und von da gegen die Strubpässe vor. Nachdem die Oesterreicher bei Unken zurückgegangen waren und den ersten Strubpaß nach hartem Kampfe überlassen hatten, wurde D. beim Angriff auf den zweiten Strubpaß schwer verwundet. Der Rückzug der Baiern aus Tirol war die weitere Folge, D. wurde nach München gebracht. – von seiner Wunde genesen, erhielt D. das Commando in den durch den Presburger Frieden an Baiern abgetretenen Provinzen Tirol und Vorarlberg, in welcher Stellung er durch sein einsichtsvolles und menschenfreundliches Verfahren sich in hohem Grade die Liebe der dortigen Bevölkerung erwarb. Von diesem Posten rief ihn der Krieg 1806 gegen Preußen und Rußland bald wieder ab. Dem neunten Corps - (Hieronymus Bonaparte) zugetheilt, fiel D. mit seiner Division und dem würtem– bergischen Contingent die Belagerung der schlesischen Festungen zu. Breslau, Brieg und Glatz öffneten nach hartnäckiger Vertheidigung ihre Thore, Kosel, Glogau und Silberberg hielten sich jedoch bis zum Friedensschlusse 1807, der D. wieder nach Baiern zurückführte. – Im Feldzuge 1809 stand das baierische Heer, nun drei Divsionen stark, unter dem Franzosen Lesebre. Als Erzherzog Karl Anfangs April mit seinem Heere in Baiern vordrang, erhielt die Division D. den Auftrag, demselben den Uebergang beiLandshut möglichst lange zu vermehren, um hierdurch für den Anmarsch der Franzosen Zeit zu gewinnen. Die Meisterschaft, mit welcher er hier und auf dem weiteren Rückzuge gegen die Abens der Uebermacht Widerstand leistete, wurde auch von Erzherzog Karl anerkannt. In der Schlacht von AbeneJberg, 20. April, bildete :Deroy’s Division die Reserve der Baiern, Tags darauf lieferte er dem Feinde das glänzende Gefecht bei Schierling, in dessen Besitz er sich setzte, und in der Schlacht von Eggmühl am L2. April trug er, im Centrum der Schlachtlinie zur Verwendung gekommen, durch Wegnahme des Dorfes Unterleuchling wesentlich zum Siege bei. Beim weiteren Vormarschenapoleon’s wurde Lesebre mit den Baiern zur Unterwerfung der aufgestandenen Tiroler abgesendet. entsetzte Kufstein und rückte in Inns - bruck ein, nachdem Wrede die Oesterreichrr bei Wörgl, Rattenberg und Schwaz geschlagen hatte, während die Division des Kronprinzen um Salzburg verblieb. Nach der verlornen Schlacht von Afpern zog Napoleon alle verfügbaren Truppen an sich und D. wurde mit seiner Division allein in dem kaum unterworsenen Lande zurückgelassen. Tirol erhob sich von neuem; D., nicht im Stande, sich gegen den im Gebirge ihm überlegenen Feind zu halten, zog sich in die Ebene zurück und beschränkte sich auf die Deckung der Grenze gegen feindliche Einfälle. Der Sieg von Wagram machte wieder Truppen verfügbar; nach eingetroffener Verstärkung ordnete Lesebre abermals den Vormarsch an, aber kaum war das nördliche Tirol unterworfen, so mußte es nach kurzer Besetzung wiederum geräumt werden. Erst bei der dritten Invasion, als die drei baierischen Divisionen V.on Norden und französische Heertheile von Kärnthen und Italien her in TiroI emrückten, machten die Landesvertheidiger Frieden.
–Diefe Kämpfe in Tirol, mit Truppen, die für den Gebirgskrieg weder auß- gerüstet noch autsgebildet waren, gegen einen Feind, den man nicht fassen konnte, P waren-Deroys schwerste Zeit, und es ist erstaunlich, daß der schon am Greisenalter stehende Mann den geistigen und körperlichen Anstrengungen derselben nicht erlgtg. So rüstig blieb er, daß er sich trotz seiner 70 Jahre von König Max Joseph mcht zurückhalten ließ, als daß Machtgebot Napoleon’s 1812 die Baiern N.9ch Rußland rief. Unter Gouvion St. Cyr daß sechste Armeecorps bildend, rk1ckten die baierischen Diyisiot1eu unter D. und Wrede im März und April diesese J’ahres über Dreck-den und Posen an die Weichsel und von da über Kowno nach W1lna. Schon an der Weichsel hatte sich der Einfluß der großen Märsche, V. Z
[66] sowie der mangelhaften Verpflegungs und Lazarethverhältnisse in erschreckender Weise fühlbar gemacht. Der großen Umsicht Deroy’s gelang es, daß seine Division in mehr kampffähigem Zustande erhalten blieb, als dies bei andern, insbesondere bei französischen Heertheilen der Fall war. Während der Haupttheil der großen Armee nach Moskau zog, blieben zwei Armeecorps, darunter daß baierische, dem russischen Heere unter Wittgenstein gegenüber zur Deckung der linken Flanke zurück. Nach einzelnen unbedeutenden Gefechten kam es am 28. August zur Schlacht von Polozk a. d. Düna. Neben der Division Wrede, welche den rechten Flügel bildete, stand Deroy’s Division; links neben der letzteren kämpften französische Abtheilungen. Noch schwankte die Schlacht, da führte D. persönlich eines seiner Regimenter zum Angriff gegen die russische Mitte vor, – hier traf ihn die verhängnißvolle Kugel. Die Verwundung des verehrten Führers, der aus dem Gefecht getragen werden mußte, und vieler anderer Officiere brachte die Angriffsbewegung ins Stocken und es war Gefahr, daß die bereits errungenen Vortheile wieder verloren gingen, als Wrede sich rechtzeitig an die Spitze der führerlosen Division stellte und sie zum endgültigen Siege vorführte. – Wenige Tage darauf starb D.; das,s Schreiben Napoleon’s, worin detselbe ihn auf die Nachricht seiner Verwundung in Anerkennung seiner Verdienste .mit der franzö- sischen Reichsgrafenwürde und mit einer Dotation beschenkte, traf ihn nicht mehr am Leben. Beide Auszeichnungen gingen daher auf seine Familie über und wurde letztere auch in Baiern in den Grafenstand aufgenommen. D. war zweimal vermählt gewesen, sein ältester Sohn stand 1812 als Oberst eines Infanterie- Regiments bei der Division Wrede.
Empfänglich für alles Große und Erhabene, liebenswürdig und einnehmend im gesellschaftlichen Leben, gleich gewandt auf dem Parquet wie im Feldlager, war ein Edelmann im schönsten Sinn des WorteeJ. Er besaß die Eigenschaften, welche den höheren Truppenführer kennzeichnen, insbesondere die Gabe, seine Organe an sich zu fesseln und zur höchsten Leistungsfähigkeit zu bringen. Geistesgegenwart in der Gefahr, rascher Entschluß und folgerichtige Durchführung des einmal Gewollten und eine bis zum Tode unveränderliche geistige und körperliche Rührigkeit zeichneten ihn vor Anderen aus. Wenn er trotz seiner Fähigkeiten und trotz der Erfahrungen seiner vielen Feldzüge nie mehr als eine Armee- Division zu führen bekam, so liegt der Grund hiefür darin, daß Napoleon grundsätzlich seine Armeecorps nur von Franzosen befehligt wissen wollte, waren sie auch unfähig wie Jerome Bonaparte. Die zeitgemäße Kriegssausbildung der Infanterie durch Einführung ausgezeichneter taktischer Vorschriften und die Hebung des Officiercorps dieser Waffe lassen ihn mit Recht als den Reformator H der baierischen Infanterie bezeichnen; er ist es, der sie zu siegen fähig machte. Seine stete Sorge für das Wohl der Officiere und Soldaten bewahrten ihm auf lange ein treues Andenken, wol noch selten hat der Tod eines Führers im baierischen Heere so allgemeine Trauer hervorgerufen, als jener des Vatertz Deroy. Zu München ist ihm ein Standbild errichtet worden, wie die Inschrift besagt: Vom baierischen Heere.
Heilmann, Leben des General Deroy. Augsburg 1855. – Hasse, Zeitgenossen. 2 Reihe. Bd. Leipzig 1831. – Völderndorff, Kriegsgesehichte von Baiern. München 1826. Landmann.
Derrer: Sebastian auß Nördlingen (nach der Freiburger Matrikel; er selbst Nennt sich .4rstis„3sj0119nsjs), Jurist im J. 1512 in Freiburg im Br. immatriculirt, 1513 dort Baccalaureus und 1514 Magister, dann Lehrer der Mathemätik, widmete sich unter Ulrich Zasius der Rechtswissenschaft und ward 1524 zum Doctor promovirt. Nachdem er noch beisafiues’ Lebzeiten die 1S(zru1–8 00äjOjs erhalten (1524) ward er am 1. December 1835 als dessen Nachfolger
[67] zum sl9r0kOs801– prjmzrjus in der juristischen Facultät ernannt und bekleidete dieses Amt bis zu seinem Tode am 31. Juli 1541. Er hat öfters das Decanat, neunmal daß Rectorat verwaltet und ist vielfach in den Geschäften der Universität verwendet worden. Merkwürdig ist seine Schrift „.1urjspruä9ntjs„8 1jbsi– 13rj1ck1us instur äisojp1ins j118t;jcurus Ot(:.“„ I.o7z11. 1540, 1552. 8.„ als einer der frühesten Versuche systematischer Darstellung des Civilrechts. In der „1J1Jjst018„ t1e(1jes t0rjs„ 8.c1 08tro1. 7. er 1?’sräj118-11(1um Jl?’rs„tm–s (datirt1s’riburgj (J81. .18,11. 1540) berichtet er, daß Maximilian ;l. den Plan einer umfassenden systematischen Codification des Civilrechts gehegt und sich ein Verzeichniß der namhaftesten 1)O(:r0r9S .jurjs habe anfertigen lassen, um daraus diejenigen auszuwählen, denen er das Werk anvertrauen wollte. Mehr als der „l.jbsr prjmus – ist nicht erschienen.
Vgl. Zsjj 13J1Jjst0186 Sc1. Rj9ggsi“ p. 80. 33. 192. 202. J. Spiegel, N0msi1018turA Jurjspsrjt0rur11. Senkenberg, I1St110(1us Jurjspruä911tis.0. Apps11(1. III. 1J. 101. Schreiber, Geschichte der Univ. Freiburg, 2. S. 330 ff. Stintzing.
Derschan: Christian Reinhold v. D., † 1742, stammte aus einer polnischen Familie in Westpreußen aus der Gegend von Dirschau, die am Anfange des 17. Jahrhunderts in den österreichischen–Adelstand erhoben wurde. v. D. trat in preußische Dienste, war ein großer, schöner Mann und wurde von König Friedrich Wilhelm 1. zum Generaladjutanten ernannt. Er war ein gerne gesehenes Mitglied des Tabakscollegiums und begleitete den König oft bei dessen Ritten in der Umgegend von Potsdam. D. war zuletzt Generalmajor und Chef eines Infanterie-Regiments. – Karl Friedrich v. D., † 1753, war 1747 Chef eines Infanterie-Regiments und Generalmajor geworden. v. Meerhei mb. Derschau: Christoph Friedrich v. Dichter, ein Neffe des Christian Reinholds; geb. 12. Jan: 1714 zu Königäberg in Preußen, studirte auf der dortigen Universität besonders Philosophie und Mathematik und wurde Mitglied der dortigen deutschen Gesellschaft, ging nach achtjährigem Aufenthalte nach Berlin und begab sich dann in den Jahren 1785 und 1736 auf Reisen, namentlich nach Holland. Nach seiner Zurückkunft begegnete er in Berlin dem König Friedrich Wilhelm auf der Straße, erhielt den Befehl, sich ihm zu nähern, und wurde zum Fähn– drich ernannt; als solcher machte er die ersten Feldzüge desst schlesischen Krieges mit. Ging 1742 als Lieutenant ab und–wurde Consistorialrath und Asfessor der Oberamtsregierung zu Glogau, 1749 geheimer Regierungesrath zu Cleve, 1751 Regierungspräsident zu Aurich und erhielt auf sein Anfuchen 1785 seine Dienstentlasfung, worauf er sich auf sein Landgut zu Wilhelminenholz bei Aurich zurückzog und daselbst am 14. Dec. 1799 starb. Er machte sich durch mehrere gedruckte Dichtungen bekannt. Friedrich d. Gr. zählte ihn in seiner Schrift „Ueber die teutsche Litteratur“, Berlin 1750, wegen seinss Gedichtes über die zu Emden ßrJcichtete Handelscompagnie zu den vorzüglichsten Dichtern seiner Zeit. Unter 7emen Schriften ist zu nennen: „Orest und Pylades, ein Trauerspiel, 1757; „Lutheriade“, 1769, Auflage unter dem Titel: „Die Reformation“, 1781, 3..Aufl.1797; „Poetisches Andenken an meine Freunde“, 1772; „Betrachtungen ßl;13IG1Jeises über die Religion“, 1785; „Kleine theologische Aufsätze eines Layen“, etc.
. Vgl- Goedeke, Grundriß S. 552 und 553; Goldbeck, Litterarische Nach- Uchten von Preußen l, 150. ll, 131–133 etc. Rotermund, Gel- Hannover, 1– 450– Kelchner.
Detschau: Reinhold v. D. (Dersczaw) der Aeltere, preußischer Jurist, geb- ItzAPril 1600 zu Königsberg in Preußen, † daselbst 5. April 1667. Er PWMov1rte,y nachdem er Holland, England, Frankreich, Spanien und Italien os
[68] bereist, 1628 zu Straßburg, wurde 1639 19r0ks0r „jurjs 1Jrin18t1–jus in seiner Vaterstadt, legte jedoch 1643 die Professur nieder, um in daß Hofgericht einzutreten, und ward 1657 Tribunalrath. 1663 bestätigte ihm der Kurfürst den väterlichen Adel. Er veröffentlichte außer einigen akademischen Abhandlungen einen Abriß des Lehnrechts: „80j9„grs„1z11js„ jurjs ksuäwijs„ 1639. Seine nachgelassene und irrthümlich dem Theologen Bernhard Derschow beigelegte „lloä0– 8op11js vis reo1js 011rjstjs.ni. Das ist: Die Christliche Wanderschaft Des Christlichen Wandersmanns auff dem Wege des Lebens, eine Nachahmung des Cebes, wurde von seinem Sohne, Reinhold D. dem Jüngern, 1675, 2. Aufl. 1684, herausgegeben. Sein Sohn Friedrich, ebenfalls Jurist, geb. 1. März 1644 zu Königsberg, 1673 Präsident des pomefanischen Consistoriums, 1679 Mitglied des KönigBberger Oberappellationsgerichts,z, 1686 Bürgermeister der Altstadt, 1692 kurfürstlicher Hofrath, sf 5. April 1713, machte sich als geistlicher Liederdichter bekannt. Arnoldt, Historie der Königsb. Univ. 11„ 243, 496. Schweikart in Kamptz’ Jahrbüchern, Hft. 52. S. 365. Pisanski, Preuß. Litterärgesch. 11- 163–64, 166, 182, 244. Steffenhagen.
Desllerger: Franz Eduard D., Mathematiker, geb. zu München 6. Jan„ 1786, † ebenda 20. Mai 1843. Er war das schwächliche Kind armer Eltern. Der Vater war ein seines Meisterrechts verlustiger Schuhmacher, die Mutter trieb einen kleinen Handel mit Heiligenbildern, Rosenkränzen u. dgl. In der Volksschule zeigte er 1792–97 große Fähigkeiten in allen Fächern mit Auß- nahme des Rechnens, und seine Lehrer Fischer und Wankerl bestimmten die Eltern, den Knaben studiren zu lassen, wozu einige Wohlthäter die Mittel spendeten. Auf dem Lyceum. welches D. 1804 bezog, entwickelte sich ganz plötzlich unter Professor Holzwart’s Leitung sein mathematisches Talent, und von nun an hielt er die einmal gewonnene Studienrichtung bei. Nur seine erste Veröffentlichung, ein Aufsatz „Ueber Völkerwanderungen“„ der 1805 in dem 5. Bande der von seinem Gönner Joh. Christ. v. Aretin herausgegebenen „Beiträge zur Geschichte und Litteratur“ erschien, ist nicht den mathematischen Wissenschaften oder deren Anwendung entnommen. 1807–14 war D. als Geodät bei der Landeskatastrirung thätig, legte alsdann sein Lehrerexamen ab, und ernährte sich, da er noch Schulden abtragen mußte, äußerst dürftig durch Privatunterricht. 1816 bis 1818 gehörte er als Lehrer dem Fellenberg’schen Institute bei Bern an, kehrte dann nach Baiern zurück, wurde im März 1822 als Lehrer der Physik und Mathematik am Lyceum zu Dillingen, im April desselben Jahres in gleicher Eigenschaft an der neuerrichteten landwirthschaftlichen Schule zu Schleißheim bei München angestellt, nachdem eine Commission der Akademie der Wissenschaften seine ausgezeichnete Befähigung anerkannt hatte. 1824 wurde jene Anstalt mit der Staatsgüteradministration vereinigt; die Lehrstühle für Mathematik, Physik und Chemie gingen ein, und D. wurde mit einer Summe von 800 f1. jährlich auf Wartegeld gesetzt. Seine Verheirathung 1826 mit einer gleichfalls vermögensk-losen Braut brachte ihm zwar häusliches Glück, aber auch erhöhte Geldsorgen, welche ihn bis zu seinem Tode nicht verließen und bei seiner Kränklichkeit doppelt drückend waren. Kurz nach seiner Vermählung wurde er, freilich ohne Gehaltaufbesserung, zum außerordentlichen Professor der Mathematik an der Universität ernannt, welche damals von Landshut nach München verlegt worden war, und 1827 wurde er erster Lehrer der Mathematik an der gleichfalls in München neu errichteten polytechnischen Schule, 1830 Inspector derselben, 1841 Rector, welche letztere Stellung er die noch übrigen zwei Jahre seines Lebens inne hatteth Ueberdies gehörte er seit Februar 1828 dem Centralverwaltungsausschusse des polytechnischen Vereins an und redigirte in dessen Auftrage daß
[69] Kunst- und Gewerbeblatt. Seit 14832 war er Mitglied des Reorganisationscomitcz für die technischen Schulen, später Prüfungscommissär. In dieser letzteren Eigenschaft scheint er durch ziemliche Strenge bei den Candidaten bekannt gewesen zu sein. Als Lehrer wirkte er mit großemErfolge, wenn auch nur bei Schülern von einer gewissen geistigen Reife. Er bürgerte die französischen analytischen Methoden auf dem Katheder ein, während vor ihm wenigstens auf den bairischen Hochschulen diese Methoden noch nicht in Uebung waren. Insbesondere die darstellende Geometrie war vor D. hier noch nicht gelehrt worden. Zu den Schriften Desberger’s zählen außer vielen Aufsätzen im Kunst- und Gewerbeblatt seine „Arithmetik“, 1832, „Algebra oder die Elemente der mathematischen Analysis, 1881, „Statik der festen Körper, 1. Buch: Die Gesetze des Gleichgewichtes bei freien festen Systemen“, 1835. Daß 2. und 3. Buch sollten die Lehre vom Schwerpunkte und von dem Gleichgewichte bei nicht freien und ver- “ ` änderlichen Systemen enthalten, sind aber nicht erschienen. Auch in diesen Büchern scheint D. sich nicht gerade an niedrig begabte Leser gewandt zu haben. Ueber die Algebra heißt es wenigstens in einer Necension in der Leipziger Litteraturzeitung vom 1. Sept. 1882 (Nr. 215. S: 1715–16): Der Darstellungsweise fehlt es zwar nicht an Eleganz und Rundung, sie ist aber, wie der Gegenstand an sich selbst, schon zu verwickelt, um dem Anfänger mit Nutzen vorgetragen werden zu können.
Vgl. N. Nekrolog 183, S. 476–483. Cantor.
Deschwaudeu: Joseph Wolfgang v. D., Polytechniker, geb. 1819 zu Stanz im Schweizercanton Unterwalden, † 11. April 1866 in Zürich. Er genoß den ersten Schulunterricht in seinem Geburtsorte, machte 1884–37 die Gymnasialstudien an der Cantonsschule zu St. Gallen, bezog 1838 die Industrie– schule in Zürich, um dort seine mathematische, naturwissenschaftliche und technische Bildung fortzusetzen, welche er 1840–41 durch den Besuch der Universität zürich vollendete. Jetzt schon, wie später in noch umfassenderer Weise, erwarb er schätzbare praktisch-technische Kenntnisse durch fleißigen Verkehr in der großen Maschinenbau-Anstalt von Escher, Wyß und Comp. in Zürich. Auch fällt in diese Zeit eine technologische Reise durch die östliche Schweiz mit besonderer Rücksicht auf Spinnerei und Weberei. Als 22jähriger Jüngling erhielt er an der Züricher Industrieschule eine Hülfslehrerstelle im Maschinenzeichnen, und ein Jahr später (1842) die ordentliche Professur der Maschinenlehre, des Maschinenzeichnens und der darstellenden Geometrie. Von 1844 an hielt er außerdem Vorträge über mechanische Technologie. Jedes Jahr machte er technische Reisen und besuchte so nach einander Süddeutschland, Elsaß, Belgien. 1847 zum Rector der Industrieschule ernannt, beschränkte er seine Lehrthätigkeit auf den Vortrag der angewandten Mathematik. 1849 machte er eine größere technische Reise nach England und Schottland; 1851 führte ihn die erste Weltausstellung wieder nach London, und später folgten noch mehrfach kleinere wissenschaftliche Reisen nach Baden, Würtemberg, Baiern, der Lombardei. Bei Errichtung deseidgenössischen Polytechnikums in Zürich (1855) wurde er zum Director dieser Anstalt ausersehen, welche unter seiner Leitung schnell einen großen Aufschwung nahm. Die letzten Jahre seines thätigen Lebens wurden durch Kränklichkeit getrübt, und eine Lungenkrankheit entriß ihn vorzeitig einem Wirkungskreise, in dem er sich Achtung und Liebe erworben hatte. – Schriften (nebst verschiedenen Abhandlungen in Zeitschriften): „Bewegung der Wagenzüge auf atmosphärischen Eisenbahnen“, 1846; „Ueber Locomotiven für geneigte Bahnen“, 1847; „Ueber die in den Beharrungszustand gelangte Bewegung der Flüssigkeiten“, 1848; „Abriß der Mechanik“, 1848. Karmarsch.
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DeschWaudeu: Theodor D., Maler, geb. zu Stanz 20. Febr. 1826, f daselbst 19. Dec. 1861. Der Sohn eines schweizer Officieres in römischen Diensten yund der jüngste Bruder Joseph Wolfgangs (s. d. Art.), wurde D. 1840 der Leitung seines aus Italien zurückkehrten Vetters, des noch lebenden Malers Paul D. übergeben. 1845 bezog D. die Akademie in München, bildete sich dann im Anfange der fünfziger Jahre zu Antwerpen und Brüssel an der älteren und neueren niederländischen Schule, in Paris nach Murillo; 1858 hatte eine Reise nach Oberitalien das Studium der lombardischen und venetianischen Schule zum Zweck. Während D. in seiner früheren Periode, auch nachdem durch seine Reisen sein Pinsel sichtlich an Selbständigkeit gewonnen hatte, sich vorzüglich der religiösen Malerei, gleich seinem ersten Lehrer Paul D., gewidmet, malte er in seiner letzten Zeit dasjenige Bild, welches durch die verdiente Popularität, –die ihm alsbald zu Theil wurde, den Ruf Theodor Deschwanden’s aufrecht erhalten wird. Wie eine seiner ersten Compositionen, Struthan von Winkelried, der Drachentödter, schon der heimathlichen Sagengeschichte entnommen war, so stellt dieses Gemälde – die Ehrengabe der Frauen und Töchter von Stanz für daß eidgenössische Schützenfest daselbst 1861 – den Abschied Arnoldß von Winkelried von seiner Familie dar. Ein Lungenübel setzte der Thätigkeit des jungen Künstlers, dessen große Befähigung am richtigsten aus einer Musterung des reichen Inhalts seiner verlassenen Werkstätte hervorgeht, ein verfrühtes Ende. Karl Deschwanden.
Desider?ius, König der Langobarden, 756–774. Daß Reich der Langobarden in Italien war darauf hingewiesen, Rom zur Königsstadt zu machen, die Anfänge selbständiger weltlicher Stellung des römischen Bischofs zu beseitigen und die Byzantiner aus der Halbinsel zu verdrängen. Von Anbeginn verfolgten alle bedeutenden Könige der Langobarden diese Ziele: der Uebertritt von dem Arianismus zum Katholicik-muß konnte hieran nichts ändern. Seit der gewaltigen Entfaltung des fränkischen Reiches und dem engen Bündniß der rö- mischen Bischöfe mit den Hausmeiern, später Königen, aus dem Geschlecht der Arnulfingen, war die Lage des langobardischen Reiches eine schwer bedrohte: als natürliche Bundesgenossen boten sich ihm die benachbarten Bajuvaren, welche vergeblich der immer wieder straffer angezogenen fränkischen Herrschaft widerstrebten. Dies war die politische Lage, als D., bisher (1u1 von Tuscia, nach dem Tode König Aistulfs (December 756) zum König erhoben wurde: wie es - scheinen will, unter Einfluß der Franken, deren König Pippin nach Besiegung Aistulfs den Byzantinern, Rom und den Langobarden beherrschend gegen- überstand. Eine Erhebung des aus der klosterzelle in die Welt zurück kehrenden früheren Königs Rachis scheiterte. Die schwankenden Schritte, zu welchen D. gedrängt wurde, indem er bald Rom und die dem römischen Stuhlgehörigen Städte mit Waffengewalt zu gewinnen, bald wenigstens einen ihm ergebenen Mann zum Papst zu machen trachtete, bald mit den Franken gegen die Byzantiner, bald mit den Bajuvaren gegen die Franken sich zu verbinden suchte, können hier im einzelnen nicht verfolgt werden. –Obwol durch fränkischen Einfluß erhoben, mußte D. alsbald der nationallangobardischen gegen die Franken gerichteten Politik folgen: er beseitigte die fränkisch gesinnten Herzöge Alboin von Spoleto und Johannes von Benevent: letztern ersetzte er durch Arichis, dem er seine Tochter Adalperga vermählte. Nach dem Tod des Papstes Stephan II. 757 forderte der den Franken ergebene Paull.lange vergeblich von D. die Herausgabe der Städte, zu welcher Pippin die Langobarden verpflichtet hatte; nach vorübergehender Annäherung an die Byzantiner schloß D. 760 zu Pavia unter fränkischer Vermittelung Friede mit dem Papst und nöthigte sogar, nach Aufforderung Pippins, die Byzantiner und ihre Anhänger im Süden Italiens zur Nachgiebig-
[71] keit gegen Rom. Neuer Streit mit den Franken knüpfte sich an die gewaltsamen Vorgänge bei den Wahlen des Nachfolgers Pauls I. (767), wobei die langobardische Partei zu Rom (unter Priester Waldipert) ihren Candidaten Philipp nicht zu behaupten vermochte. Stephan III. (seit 1. Aug. 769) rief gegen die römischen Parteien und die Langobarden, welche noch immer nicht alle Städte dem römischen Stuhl heraus gegeben, die Hülfe der Franken an. König Pippin war (24. Sept. 768) gestorben und sein Reich unter (den Großen) und Karlmann getheilt. Herzog Tassilo von Baiern, der seit 763 eine sehr selbständige Stellung gegenüber den Franken eingenommen, suchte im folgenden Jahre 769 D. in Italien auf, dessen Tochter Liutberga er geheirathet hatte. Es scheint, daß die Königin Mutter Bertha, welche 769–770 Karlmann, Tassilo, D. und den Papst aufsuchte, die seit 768 zwischen ihren beiden Söhnen und den übrigen genannten bestehenden Span- L nungen mit Erfolg zu heben trachtete: 770 vermählte sich Karl mit Desiderius’ , Tochter Desiderata: viele der zwischen Rom und den Langobarden streitigen Städte wurden damals, wol in Folge der Vermittlung Bertha’s, von D. heransgegeben. Fränkische Große, welche Bertha zu D. begleitet hatten, darunter Karl Vetter Adalhard, bekräftigten durch Eide die Gültigkeit der Ehe und wol auch daß Bündniß zwischen Karl und Auf daß leidenschaftlichste eifertePapst Stephan gegen diese „arge Verbindung“ seiner fränkischen Beschützer mit seinen Elangobardischen Gegnern und gegen die bereits geschlossene Ehe (sowie gegen den angeblichen Plan einer Vermählung der [erst dreizehnjährigen] Schwester der fränkischen Könige, Gisela, mit Desiderius’ Sohn Adelchis). Da diese Vorwürfe nichts fruchteten, verständigte sich der Papst selbst mit D., welcher im J. 771 Vor Rom zog, angeblich nur, um am Grabe St. Peters zu beten: in zwei Unterredungen mit dem Papst versprach die Forderungen des römischen Stuhls (wegen jener Städte) zu erfüllen: dafür gab Stephan seine beiden biß- herigen Berather, Christophoros und Sergius, heftige Feinde des Königs, Preiss nach einem verunglückten Versuch gegen den Papst selbst wurden beide von den Langobarden gefangen und geblendet: jener starb, dieser wurde gefangen gehalten im Lateran; der leitende Beamte des Papstes wurde Paul Afiarta, daß Haupt der langobardischen Partei. Diese eigenmächtige Verbindung zwischen dem Papst und D. erregte den Unwillen der fränkischen Könige: und doch war sie nur Wiedervergeltung der ein Jahr vorher zwischen ihnen und den Langobarden gegen den Papst geübten Politik. Karlmann warf sich zum Rächer der Frankenfreunde Christophoros und Sergiuts auf, Karl aber brach für immer mit D., indem er dessen Tochter ohne Verschulden verstieß, lediglich aus politischen Gründen, weil er den Bruch mit den Langobarden wollte: vergeblich bemühten sich Königin Bertha und Karls Vetter Adalhard für die langobardische Fürstin. Nach dem Tode Karlmanns (4. Dec.. 771) floh dessen Wittwe Gerberga mit ihren Söhnen zu D.: Karl hatte mit Zustimmung der geistlichen und weltlichen Großen seines Bruders Reich in Besitz genommen: D. sollte die Thronfolgerechte der Waisen geltend machen. Im J. 772 wurde Karl durch den Beginn seines großen Unternehmens, der Unterwerfung der Sachsen, in Anspruch genommen. Aber im Laufe dieses Jahres bereiteten sich in Italien die Dinge, welche daß Geschick des Langobardenreiches und seines Königs vollendeten. D. hatte schon StephanIII. gegenüber seine Versprechungen nicht erfüllt. Der neue Papst Hadrian 1. (seit 1. Februar 772) erwies sich bald als Gegner der Langobarden, verwarf den Bündnißantrag des Königs und war auch durch die Waffenerfolge Desiderius’, welcher in daß Exarchat und bis Otricoli vordrang, nicht zur Nachgiebigkeit zu bewegen: er weigerte sich, diesöhneKarlmanns zu Königen zu falben, was D., um ihn dauernd mit Karl zu verfeinden und um die gefährliche Einigung der
[72] fränkischen Macht wieder zu lösen, eifrig betrieb. Paul tm Afiarta, der Führer der langobardischen Partei zu Rom, ward auf Befehl des Papstes zu Ravenna verhaftet und auf Anordnung des dortigen Erzbischofs hingerichtet. D. zog mit seinem Sohn und yMit-König Adelchis, mit Gerberga und deren Söhnen drohend gegen Rom und besetzte alle Straßen, so daß Hadrian seine Boten„ welche Karl um Hülfe anrufen sollten, zur See nach Marseille senden mußte. Aber mit diesen trafen auch Gesandte Defiderius’ am Hofe Karls zu Diedenhofen ein (März 773), welche betheuerten, der König habe alle die bestrittenen Städte und Rechte dem römischen Stuhl längst herausgegeben und überwiesen: der Papst habe keinen Grund zur Beschwerde. Karl, durch den Sachsenkrieg beschäftigt, hielt den Augenblick zum Losschlagen gegens D. noch nicht für gereift: er suchte zu vermitteln: er bot, indem er Gesandte an den Papst und an den König schickte, diesem sogar eine Geldentschädigung, wenn er alle vom Papst geforderten Städte herausgeben wollte. Aber D. scheint seinerseits die Lage der Verhältnisse einer Eröffnung des doch schwerlich zu vermeidenden Kampfes mit Karl gerade jetzt als günstig angesehen zu haben: unzufriedene fränkische Große weilten bei ihm: sie mögen ihm Aussichten auf eine Erhebung zu Gunsten der Söhne Karlmanns in dessen Reich gemacht haben: D., der auch seine grundlos verstoßems Tochter zu rächen hatte, wies die Anträge Karls zurück.
Nun entbot Karl die große Reichs.s und Heeresversammlung der Franken nach Genf (nicht nach Genua!) und ließ diese seine Kriegserklärung gegen die Langobarden bestätigen. Gleich von Genf aus führte Karl ein Heer über den Mont Cenis, ein zweites sein Oheim über den (seither nach ihm benannten großen) Bernhard: vor den „o1usu1–8–9“ (Engpäffen) von Susa vereinigten sich beide. Aber D. hatte diese Pässe rechtzeitig besetzt und verschanzte noch seine von Natur aus so feste Stellung: Karl konnte nicht hoffen, mit Gewaltangriff die „O1usu1–8(–z“– zu nehmen: er erneuerte seine früheren Vorschläge. D. wies sie abermalszurück. Inzwischen scheint sich Karls militärische Lage gebessert zu haben: er stellte D. neue, aber miner günstigesedingungen: er erbot sich zum Rückzug gegen Vergeiselung dreier vornehmer Langobarden für Herausgabe der bestrittenen Städte an den Papst, aber ohne weiter die früher versprochene Geldentschädigung von 14000 Solid. zu erwähnen. Nach (und vielleicht schon vor) abermaliger Ablehnung Defiderius gelang es Karl, die im Frontalangriff unbezwingbare Stellung der Langobarden zu umgehen: eine erlesene Schar überstieg auf schwierigen Wegen die Kämme der Felsengebirge und bedrohte die Langobarden vom Rücken her. Aus der Volksfage und Kunstdichtung, welche sehr bald diese Vorgänge umschleierte – ein langobardischer Spielmann sollfe gegen einen echt sagenhaften Lohn die Franken über die Jöcher zu führen sich erboten haben – wird man im Zusammenhange mit glaubhaften Geschichtsquellen, welche von dem Abfall lango– bardischer Großen zu Karl und von deren Drängen zum Kriege berichten, wol wenigstens entnehmen dürfen, daß diese Umgehung nicht ohne Verrathgelinget1 konnte. Nunmehr räumten die Langobarden eilig die unhaltbar gewordene Vertheidigungtzstellung im offenen Feld vor der fränkischen Uebermacht: D. zog sich nach der Hauptstadt Ticinum zurück- Adelchis warf sich in daß feste Verona. Die Einschließung Ticinums begann im October 773. Mit sehr großer Standhaftigkeit vertheidigte sich hier D., während Karl gegen Verona einen, wie er– scheint, erfolglosen Versuch machte: besser gelangen Unternehmungen gegen andere Städte am linken Ufer des Padus. Karl verließ im April das Lager und verständigte sich in Rom mit dem Papst. Von D. fiel einftweilen daß ganze Herzogthum Spoletium ab und die Städte Firmum, Ancona, Auximum: auch ein alter Gegner Desiderius, der einflußreiche Abt Anselmus von Nonantula, der, verschwägert mit dem früheren König Aistulf und ehemals Herzog von
[73] Friaul, später aber Mönch geworden, wegen gefährlicher5Umtriebe aus dem Reich verbannt war, scheint von Monte Casino aus gewirkt zu haben wider den König, dessen Ausdauer allein ohne Unterstützung von außen Ticinum und das Reich nicht retten konnte: nach einer neunmonatlichen Vertheidigung – Seuchen hatten die Belagerten geschwächt – ergab sich die Stadt (Mitte Juni 774): Karl bemächtigte sich der Person des Königs und des wichtigen Königszschatzes: auch Verona capitulirte nun: Adelchis entf1oh nach Byzanz: und ohne weiteren Widerstand unterwarf sich sofort das ganze Reich mit Ausnahme des t1u(s„tus “ bsi1eyentemus„ wo Herzog Arichjs, des D. Eidam, sich noch bis 789 in Selbständigkeit behauptete. Karl nahm nun den Titel König der Franken „und der Langobarden“ an: eine Einverleibung des Landes in den fränkischen Reichsverband fand nicht statt. D. wurde mit seiner Königin Ansa (die angeblich von â Paulus Diaconus verfaßte Grabschrift für diese ist unecht) und einer Tochter gefangen nach Lüttich gebracht und der Aufsicht des Bischofs Agilfrid überwiesen, später soll er bis zu seinem Tod in Corbie an der Somme gelebt haben. Sehr früh hat Volkssage und Kunstdichtung den letzten Langobardenkönig und sein Haus geschmückt zugleich und verhüllt.
Sig. Abel, Untergang des Langobardenreiches. Göttingen 1859. – Jahr- – bücher des fränkischen Reiches unter König Pippin von L. Oelsner. Leipzig 1871. – Jahrbücher des fränkischen Reiches unter Karl d. Gr. Von Sig. Abel. 1. Bd. Leipzig 1865. – Dahn, Paulus Diaconus (1. Band der Langobardischen Studien), Leipzig 1876. – Dahn, Königeder Germanen, L11. Würzburg 1877. Dahn.
Desing: Anselm D., Benedictiner des Stiftes Ensdorf in der Oberpfalz, geb. zu Amberg 1699, dem Orden angehörig seit 1718, lehrte eine Zeit lang in Freising, und wurde zuletzt zum Abte seines K1osters gewählt, dem er bis zu seinem Tode vorstand († 1773). Seine zahlreichen Schriften (Aufzählung derselben in Meusel’s Schriftstellerlexikon Bd. I1, S. 336 ff.) lassen ihn theils als: Schulmann, theils als Gelehrten erkennen, als welcher er am wissenschaftlichen Zeitleben seinets Jahrhundertes regen Antheil nahm und über die hervorragenden Erscheinungen desselben ein selbständiges Urtheil hatte. Mit besonderem Interesse verFolgte er die durch Hugo Grotius angeregte Entwicklung der neueren naturrechtlichen Theorien, wie dieselben insbesonderte in Deutschland während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sich gestalteten; auch Montesquieu’s 138p1–jt cjes 10js zog seine Aufmerksamkeit auf sich und wurde von ihm in zwei besonderen Schriften beurtheilt. Seine zwei Hauptschriften über das Naturrecht sind: „1u1–js 118,ru1st(z 18ry8 c19rrA0ts„ 1jb1–js 19ukksi1c101–kjst11js„ W01kiiswinjs k1Sj11Sc0jeu1js 0t(:.“ und: „.1us 11zt„11r:-DS 1jbe1–sttum etc: 1se1Ju1–9:zt.um A. prj11(Jj1Jjjs 1ubrj0js. Beide Schriften erschienen, in einem Foliobande vereinigt und mit einem Anhange über dir Principien des Völkcrrechtes;’o versehen („Jus g(zurjum 1–9ä8„Ot.11m 8„c11j111jts 8u08“) zu München, 1753. Seine Kritik der von ihm bekämpften naturrechtlichen Theorien läuft in den Vorwurf aus, daß in ihnen daß Naturrecht von seinem Zusammenhange mit der Moral, mit der Theologie und dem bürgerlichen Rechte abgelöst werden wolle. Damit ist seine eigene Stellung gegenüber den zeitgenössischen Bewegungen auf dem genannten Gebiete gekennzeichnet. Mit der Wolff’schen Philosophie setzt er sich aber auch noch nach anderen Seiten ausein– ander, und bekämpft namentlich die mathematische Demonstrirart derselben (-1)js„trjbs cjr0A met-11o(1um W01kö8„11811r„ 1752. –R91J1j08 1Jr0 O1zrjs. -.4. (3s. 1is.S8tr1S10 8u1ze1s 1110t110c10 W01kkisum 1754). Als Knabenlehrer verfaßt:- er mehrere Schulschriften, welche sich auf den Unterricht in Geographie, Geschichte und in der lateinischen Sprache bezogen, darunter eine Schulauä-gabe des 0urtjus R11kus 1)e gstjs :!1S18„nc11sj (Regensburg 1738, 4. Aufl., München 1768), ferner
[74] „ll18tjt.utj01188 8tj1j 11jst,0rjcj„ 0urtjj St 1.iyjj rDrwesit:im jmjtm;j011j 8.0(:0mm0äats9“ (5. Aufl. Augsburg 1772).s Ja er versuchte sich selbst als Historiker in seiner „Reich43geschichte von dem alten freien Teutschlande und der fränkischen Monarchie bis auf Ludwig das Kind“ (1. Theil, Augsburg 1768 Fol.), die durchaus quellenmäßig gearbeitet und in einem für jene Zeit ziemlich lesbaren Stile geschrieben ist. Wir haben ihn nach allem, was im vorstehenden angeführt wurde, für einen der unterrichtetsten Männer unter seinen damaligen Ordensgenossen anzusehen, der* es verdient, daß sein Andenken in der deutschen Gelehrtengeschichte erhalten bleibe. Werner.
Despauterius: Johannes D. (van Pauteren), Schulmann und Humanist, geb. zu Ninove in Flandern (daher Nj11jyjts„11us genannt), promovirte– in Löwen zum Ill:-r.gjster 5wrjum 1501 (ReuseuS, I?r0m0tj0118 C19 18. ks„(zu1tes ä98 8-rts c1e 1’un. cje 1.ouy8j11„ p. S6), † um 1520; unterrichtete an den Schulen zu Ryssel, Herzogenbusch, Wynoxbergen und Commins. Viel gebraucht wurden zu seiner Zeit die grammatischen Arbeiten von D. („0ommsntet1–jj g1–amn18.tj0j“„ 1512- „S1smmA.tjc:8–Ez j11Stjtutj011js ruäin1entA“„ 1514). Fabricius, Bjb1. meä. msyj ’1’. 11„ p. 67. Van der Aa, W00rc1S1Jb. Crecelius.
Dessauer: Joseph D., Claviervirtuose und Compositeur, geb. 28. Mai- 1798 zu Prag, † am 8. Juli 1876 zu Mödling bei Wien, war Schüler des Prager Conservatoriendirectors Friedr. Dionys Weber, und besuchte, wie Jul. Schulhof, Ed. Hanslik u. A. zum Abschlusse ihres anderweitigen Unterrichtes einen Cursus bei Wenz. Tomaschek behufs des sogen. höheren Vortrags. Damit offenbar schon entschieden für den Eintritt in die Künstlerlaufbahn, mußte sich der :20jährige D. doch vorläufig noch von seinen Eltern beim Kaufmannsstande zurückhalten lassen, bis es ihm 1821 gelegenheitlich einer Reise nach Neapel gelungen war, sich dort als Virtuose hervorzuthun. Von da ab ausschließlich Musiker, folgten dem Uebertritte auf freie Bahn sofort auch eine Reihe gefälliger Compositionen – Lieder, Trios, Quartetten etc., durch welche zunächst wieder den Prager Kunstrichtern die Anerkennung abgewonnen wurde. Zu weitergreifenden Erfolgen führten allerdings erst die 1831 u. 1832 unternommenen Reisen, mit längerem Aufenthalte in Italien, Frankreich und England. Die meiste Bedeutung bleibt indeß seinem Verweilen in Paris zuzuschreiben. Nicht blos weil es ihm hier möglich geworden, gegenüber dem melodiös gering entwickelten „O118.11t“ der Franzosen, dem Liede im Sinne der Deutschen Eingang und Geltung zu Verschaffen, als vielmehr wegen der im Gegensatze hierzu an D. selber vollzogenen Bekehrung zur neufranzösischen Schule. Zwar noch weniger ausgesprochen in seiner ersten, 1836, in den Festtagen der Krönung Kaiser Ferdinands 1. zum Könige von Böhmen in Prag zur Aufführung gekommenen Oper „Lidwinna“, tritt diese neue Aneignung desto entschiedener in der folgenden, 1888 für daß Dresdener Hoftheater vollendeten komischen Oper „Der Besuch in Saint Cyr“ zu Tage. Doch abgesehen von diesem wahrnehmbaren Einflusse von Halc-Vy, namentlich von Adam, dem Componisten des „Postillon von Lonjumeau“, hebt sich diese Oper, unterstützt durch ein treffliches Libretto vom geistreichen Lustspieldichter Bauernfeld, fast durchweg über die Gewöhnlichkeit und bezeichnet jedenfalls auch den Höhepunkt der Künstlerschaft Dessauer’s. Eine nächste, ernste Oper „Paquita“ mit Text von Otto Prechtler – 1851 am Hofoperntheater in Wien zur Aufführung gebracht -– erreichte gleich wenig die Höhe der vorigen, wie die nachfolgende komische „Dominga oder die Schmuggler in den Pyrenäen“. Unabhängiger und darum originelleren Wesens zeigt sich in seinen Liedercompofitionen, in welchen er meist wieder auf seine ursprüngliche deutsche Schulung zurückkommt, und feinfühligster Weise Gedichte von Eichendorf, Brentano, Wilh.
[75] Müller, Geibel etc. musikalisch interpretirt. – Als Mensch nach Art alter Junggesellen ein Sonderling, unterlag D. z. B. der eigenthümlichen Selbstqual, daß er, sobald von Irgend einem Aufsehen erregenden Krankheitsfalle, besonders vom Ausbruche einer Epidemie die Rede war, sich für den nächst Gefährdeten hielt, und immer erst durch daß herzhafteste Auslachen und den Hinweis auf sein wohlbehäbiges Aussehen zu Humor gebracht werden konnte. Uebrigens hatte er mit seiner hohen gutbeleibten Gestalt, abgeschlossen von einem, gleichfalls in größerm Umfange angelegten Haupte, mit weitgreifender breiter Stirn, dunklen ausdruckBvollen Augen, etwas ungewöhnlich Gewinnendes und geistig Anregendes, weshalb er denn auch trotz seiner gewissermaßen berüchtigten Ungeselligkeit stets gerne gesucht blieb. Seine früheren Claviercompositionen erschienen in Mailand, spätere nebst einigen Romanzen: „l.9 0j91 98r 1Ju1“„ „1.8 (:011tr0ban(1isi““ etc. bei M. Schlesinger in Paris; die Mehrzahl seiner deutschen Gesänge verlegte Pietro Mechetti in Wien. Rud. Müller.
Dessoir: Ludwig D. (eigentlich Leopold Desfauer), einer der bedeutendsten Schauspieler des 19. Jahrhunderts, geb. 15. Decbr. 1809 zu Posen, f 30. Decbr. 1874 zu Berlin. Wollte man zwischen dem berühmten Dawison und dem hervorragenden D. einen Vergleich anstellen, bei dem die Popularität der Künstler entscheiden sollte, so würde ohne Zweifel der erstere im Vortheil sein; fragt man jedoch, wessen Bedeutung für die Kunst am größten gewesen ist, so muß unbedingt D. die Palme zuerkannt werden. Letzterer war in vieler Beziehung daß grade Gegentheil seines von äußerem Glücke im ganzen weit mehr begünstigten Collegen, denn während dieser mehr und mehr dem künstlerischen Egoismuß verfiel, folgte jener in den meisten seiner Darstellungen dem allein richtigen Grundsatz: der einzelne Theil muß harmonisch dem Ganzen sich einfügen. Mit ebensoviel edler Bescheidenheit, als gerechtem Selbstbewußtsein sagte er von sich selbst: „Bessere Schauspieler als mich gibt es und hat es gegeben; aber in der wahren, völligen Hingabe an die Kunst weiche ich keinem.“ D. entwickelte seine Aufgaben nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen heraus; er gehörte nicht zu den mit Routine reproducirenden Schauspielern, vielmehr zu den selbstschöpferischen, durch ihr Genie den Dichter unterstützenden Künstlern. Wie er bei der Verkörperung des dichterischen Werkes auf daß Ganze sah, so speciell bei der Darstellung seiner Partie auf daß Große, d. h. er war kein Künstler in der Manier der sein detaillirenden holländischen Meister, sondern schuf aus dem Vollen, zeichnete in kühnen, markigen Strichen. Daß innerste Seelenleben, namentlich der tiefe Seelenschmerz und das Dämonische, wie alle, hieraus sich entwickelnden Erscheinungen fanden in ihm einen trefflichen, schwerlich oft übertroffenen Darsteller. Aus diesem Grunde waren Shakespeare’sche Charaktere sein hauptsächlichstes Feld, und es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn man ihn den namhaftesten Shakespeare–Interpreten auf der Bühne beizählt. Stellte doch der feinsinnige Goethebiograph Lewes in „1’11S 1.Setc19r’s Dessoir’s Othello über den Kean’s, daß „Athenäum“ dieselbe Leistung über die eines Brooks und Macready. Und bei alledem war D. nicht allzugünstig von der Natur bedacht. Im Gegentheil! Seine Figur war nur mittelgroß, sein Organ hier und da nicht so biegsam, seine Haltung nicht immer so geschmeidig, wie es wol für den Künstler wünschenswerth gewesen wäre; aber die seines genialischen geistes obsiegte über die Mängel und Laien wie Kenner fühlten“sich hingerissen angesichts seiner gigantischen Schöpfungen. s
Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns, hatte D. seine erste Bildung durch Privatlehrer und den Besuch der Bürgerschule zu Posen erhalten; ebenda .er- öffnete er 1825 mit der kleinen Rolle des Nanky in Körner’s „Toni“ seine theatralische Laufbahn. Nachdem er vom Director Couriol anderthalb Jahre
[76] ebensowol als Schauspieler, wie als Secretär, Billeteur und Rollenschreiber verw endet war, machte nur Couriol’s Bankerutt dieser zwar vielseitigen, aber wenig ersprießlichen Thätigkeit ein Ende. Nachdem D. die Fruchtlosigkeit seines Be- „ strebens am Berliner Hof- oder Königsberger Stadttheater zu gastiren eingesehen “ hatte, ging er auf Veranlassung des Königsberger Regisseurs Nagel zu Krausnik nach Spandau, erwarb sich hier Saphir’s Anerkennung, bereiste dann mit ambulanten Truppen eine Anzahl kleinere Städte (Coburg, Schönebeck, Wriezen, Krossen), bis ihn Haake von Lübeck aus für die vereinigten Theater von Wiesbaden und Mainz, hierauf Ringelhardt von 1834–36 für Leipzig engagirte. Von 1836–37 dem Breslauer Stadttheater gewonnen, gastirte er in letzterem Jahre in Prag, Brünn, am Wiener Burgtheater und in Pest, wo er bis 1839 ein Engagement annahm. Von Fr. Haizinger wurde er zum Nachfolger Karl Devrient’s nach Karlsruhe, von da durch Hrn. v. Küstner an Hoppes’s Stelle . nach Berlin berufen. D., der von Karlsruhe aus Gastspiele in– Stuttgart, Wien, St. Gallen, Mannheim 1c. unternommen hatte, war auch in Berlin schon 1847 an sechs Abenden als Hamlet, Bolingbroke, Uriel Acosta und Othello mit glänzendem Erfolg aufgetreten und wurde nun durch sein dauerndeseine der kräftigsten Stützen der dortigen Hofbühne. Von seinem Debut ale; Othello (6. Oct. 1849) bis zu seinem letzten Auftreten (10. Juli 1872) als Talbot in der „Jungfrau von Orleans hat D. in Berlin 110 Rollen gespielt. Neben dieser regen Thätigkeit gastirte er auch während dieser Zeit an vielen Bühnen, u. a. 1853 in London neben Lina Fuhr und Emil Devrient. Vis 1849 hatte D. mit Ausnahme des Othello, Hamlet und Tasso ausschließlich dem Liebhaberfach angehört, von diesem Zeitpunkt an ging er zum Charakterfach über und trat zumeist nur in classischen Schöpfungen auf. – Außer in den Shaktspeare’schen Rollen: Richard III., Hamlet, Othello, Lear, Shylock, Dromio von Ephesus, Mare Anton, Marcus Brutus, Narr (Was ihr wollt und Lear), Coriolan, König Johann, Clarence, Macduff, H. Percy und Jachimo zeigte D. seine seltene Künstlerschaft auch in Faust, Mephistopheles, Tasso, Tempelherr, Derwisch, Alba, Mulcy Hassan, Geßler, Philipp II., ferner Narciß, Caligula (Fechter von Ravenna), Aegisth (Klytämnestra), Ludwig R1. (Gringoire) u. a.
In der Ehe war D. weniger glücklich, als in der Kunst. Von seiner ersten Gattin (f. u.) trennte er sich kaum ein Jahr nach der Verheirathung; die zweite, Helene Pfeffer aus Pest, die er 1844 ehelichte, verfiel beim Tod ihres KindeiJ unheilbarem Wahnsinn.
Therese D., geb. Reimann, beliebte Schauspielerin, geb. 12. Juli 181( 9 in Hannover, † 7. April 1866 zu Mannheim. 1835 mit D. verheirathet. trennte sie sich schon 1836 von ihm. Die gerichtliche Scheidung wurde 1842 in Karlsruhe vollzogen. Therese, die Tochter des Oberfeldapothekers Reimann, betrat 1827 die hannoversche Hofbühne in „Die kleine Zigeunerin“, wurdeinfolge des Beifalls, den sie in der Titelrolle des Stückes fand, sogleich engagirt und kam, nachdem sie sich unter Holbein tüchtig ausgebildet hatte, als erste Liebhaberin 1882 nach Leipzig. Hierauf einige Zeit in Breslau engagirt, kehrte die Künstlerin nach ihrer Trennung von dem Gatten nach Leipzig zurück, machte Gastreisen an die bedeutendsten Theater mit glänzendem Erfolg und folgte 1845 einem Ruf nach Mannheim. Bereits aus dem Fach jugendlicher Heroinen und munterer Liebhaberinnen in daß der älteren Heldinnen und Anstandtsdamen übergegangen, vertauschte sie 1848 Mannheim mit Stuttgart, kehrte aber nach drei Jahren für immer in erstere Stadt zurück. In ihrer Glanzperiode gleich vortrefflich in tragischen, wie munteren Rollen, waren ihre Hauptleistungen: Griseldis, Julia, Maria Stuart, Katharina v. Rosen (Einfaltvom Lande), Baronin (Ball zu Ellerbrunn), Isaura (Schule des Lebens ) u. a. – Aus der Künstlerin
[77] Ehe mit dem vorigen stammt der (am 29. Jan. 1886 zu Breslau geborene) Schauspieler Ferdinand D.
. Vgl. E. M. Oettinger, Prachtalbum für Theater und Musik, Heft ks; Max Ring in der Gartenlaube 1868, auch Rötscher’ßs Kritiken und dramaturg. Abhandlungen, Leipzig 1859; Fischer, Schiller als Komiker, Frankf. a. M. 1861; Philarßte Chasles, I.8. 1jtt(zrs.turs St 1SS 1n06Ur8 C10 1’A11(-r118.g119 zu I(1)(9 Sj(?z01e„ Ps trjs 1861„ yo1. ll- namentlich aber Gensichen’s vorzügliche Analyse in den „Berliner Hofschauspielern“, Berlin 1872, desselben Verfassers Aufsatz Zur Erinnerung an Lud. Dessoir in Gettke’s Almanach der Gen. deut. Bühnen–Angeh., 1876, S. 108–114 und endlich-den gleichfalls von Genfichen verfaßten, erst in der Voss. Ztg., dann im Entsch’schen Bühnen- Almanach 1876, S. 173–179, erschienenen Nekrolog. J os. Kürschner. H
Destouches: Franz Seraph v. D., Musiker, geb. zu München am 21. Januar 1772, † daselbst am 10. December 1844. Die D. sind eine bis ins 13. Jahrhundert nachweisbare französische Familie. Ihr berühmtester Sprosse in Frankreich ist der Lustspieldichter, Diplomat und Minister Philipp Nericault D., † 1754. Von seinen Lustspielen, die bekanntlich auch auf der deutschen Bühne höchst beliebt waren, erschien 1756 eine deutsche Gesammtausgabe. Ein Zweig der Familie lebte in den Niederlanden; von hier folgte Claudius D. dem Kurfürsten Max Emanuel in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach München. Sein Enkel war Franz von D., den der Vater, nachdem er ihn zuerst bei dem Augustiner Theod. Grünberger in der Musik hatte unterweisen lassen, zu Joseph Haydn schickte. D. ward Cellist in der Esterhazy’schen Capelle. 1791 nach München zurückgekehrt, schrieb er dort seine erste Oper „Die Thomasnacht“, machte darauf Concertreisen, ward 1797 Musikdirector in Erlangen, 1799 aber Concertmeister in Weimar, wo er zu Goethe, Schiller und Herder in freundschaftliche Beziehungen trat. Zu Wallenstein? Lager, Jungfrau, Braut von Messina und Tell schrieb er Musiken; ebenso zu Werner? Wanda, Kotzebue’s Hussiten, dazu die Operetten „Das Mißverständniß“ Von Wolf und „Die blühende Aloe“, nebst Concerten, Kammer- und Kirchenmusiken („Die Anbetung am Grabe Jesu“ von Herder; .4g11us c1(2j und Messen). 1-810 kehrte er nach München zurück, ging aber bald darauf als Professor der Harmonielehre an die Landshuter Universität und 1816 als Hofcapellmeister zum Landgrafen vonHessen. 1842 trieb ihn jedoch die Sehnsucht nochmals zur alten Heimath zurück, wo er gestorben ist, nachdem er noch die komische Oper „Der Teufel und der Schneider“ (Text von seinem Neffen Ulrich D.) geschrieben hatte. Joseph Anton v. D., der ältere Bruder des vorigen, geb. 12. März 1767, trat 1788 zu München in den StaatsIdienst, ward 1790 Rentkammerrath in Amberg, 1792 Hofkammerrath, 1797 Kammerfiscal, 1799 Landesdirectionsrath, 1808 Kreisrath für den Naabkreis, 1817 Kronfiscal und kehrte 1820 als Regierungsrath, auch im Reichsarchiv beschäftigt, nach München zurück. Hier ist er 1832 gestorben. 1810 hatte ihn die baierische Akademie der Wissenschaften zum correspondirenden Mitglied ernannt. Es waren nämlich seit 1799 eine Reihe historisch-statistisch-staatswirthschaftlicher Arbeiten von ihm erschienen, darunter namentlich die „Geschichte und Statistik der Oberpfalz und des Naabkreises, 1809. 1827 folgte auch eine „Beschreibung der köngl. Haupt- und Residenzstadt München“. In weiteren Kreisen aber ward D. durch seine dramatischen Arbeiten bekannt: „Schauspiele“, 1791; „Friedrich 1K. oder der Fanatiö-mus in der Oberpfalz“, 1795; „Alix“, 1800; „Der Bürgerfreund“, 1800; „Die Rache Alberts 1ll.“, 1804; „Graf Arco“, 1806; „Arnulph, König von Baiern“, 1820; „Zenger, vaterländ. Schauspiel“, 1822.
Auch sein Sohn Ulrich v. D., geb. zu Amberg 14. Oct. 1802, † zu
[78] München 27.Jan. 1863, hat sich als Dichter und Schriftsteller bekannt gemacht. s Auf dem Münchener Gymnasium und Lyceum gebildet, gründete er 1827 das Münchener Tageblatt, dessen Redaction er 1836 verließ, um als städtischer Bibliothekar in die Magistratsverwaltung einzutreten. Die von ihm unternommenen, aber nicht zu Ende geführten Arbeiten für eine Chronik der Stadt gingen nach seinem Tode in die Hände seines Sohnes Ernst (geb. 4. Jan. 1848) über. 1839 erschienen zwei Bände seiner „Erzählungen und Gedichte“, darunter das damals gern gesehene dramatische Gedicht „Der treue Uhlane“, dem später „Der Findling und die Kaiserstochter“ folgte. Besonders beliebt aber waren seine auf den Vorstadtbühnen gespielten Volkszstücke „Die Bergknappen“, 1838J „Teufel und Schneider“, 1843; „Staberl auf der Eisenbahn“, 1850 und andere Staberliaden; „Das Octoberfest in München“, 1850; „Der Gang nach dem Bockkeller“, 1856 und „Der Schäfflertanz in München“, 1857. . Vgl. Ernst v. D., Aus der Jugendzeit. München 1866, S. 1 ff. v. L.
Determe: Johann Baptist D., geb. in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Sonles im Großherzogthum Luxemburg, verließ daß Elternhaus im Alter von zehn Jahren und begab sich nach Deutschland, wo er bei einem reichen Herrn väterliche Aufnahme fand. Er wurde hier mit den Söhnen des Hausererzogen, bezog mit ihnen die Universitäten Prag und Wien, studirte Philosophie und Rechte, nebenbei auch Theologie. Nach Absolvirung ihrer Studien kehrten die jungen Barone nach Haus zurück. D. blieb in Wien, promovirte zum Doctor der Philosophie Sun1mjs cum 1o„u(1jbus zum Doctor der Rechte c–J;jmjjs cum 18,uc1ibus und, nachdem er auch Doctor der Theologie geworden, trat er in den Priesterstand. D. zog bald die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Sein Ruf drang bis in die Hofburg und die Kaiserin Maria Theresia wählte ihn zn ihrem und ihres Sohnes JofephS II. Beichtvater; dieselbe Stellung bekleidete er bei Marie Antoinette bis zu ihrer Ueberfiedlung nach Frankreich. Kaiser Joseph war ihm mit wahrer Liebe zugethan und disputirte anläßlich seiner politischen und religiösen Reformen häufig mit ihm über Philosophie und Theologie. D. starb am 18. Januar 1787.
Neyen, Bj0g181J11ie 1u1(3111b0u1–g00js(z. Arneth, „001–resi;. Sec“1–. entre I18„rje Hl’11ß-rLzsj11 er Il0lcJ) I. 463. 11. x?. Schoetter. Dethardillg: Bartolduis T., I1zg. mst.- stammte aus Herford in Westfalen, wurde 1560 zweiter Prediger an der Marienkirche zu Rostock und starb 1577. Er trat sofort nach seiner Ernennung in den Streit der herrschsüchtigen Pastoren gegen den Rostocker Rath ein, der nach Ausstreibung deck- Heßhusius in allen protestantischen Kirchen der Hanfestädte und den lutherischen Universitäten Wiederhall fand. Die Geistlichen forderten vom Rath Bekenntniß seiner unchristlichen Handlung im Beichtstuhl, hetzten die nach Sechzigern verlangende Gemeinde gegen den Rath und verfolgten den Bürgermeister Peter Brümmer (s. diesen) erbarmungslos bis auf das Todtenbett. D. hielt daß für seine christliche Predigerpflicht. Später muß er im Streit der He1zoge mit der Stadt (Accisestreit) sich dem Rathe mehr zugeneigt haben, da jene seine Bestallung als Prediger zum heil. Kreuz 1564 beanstandeten, welche Stelle er jedoch auf Fürbitten des geistlichen Ministerii erhielt. An der Auslehnung gegen den vom Rathe eingesetzten Superattendenten Kittel hatte er 1561 eifrigst theilgenommen, ein Pasquill hält ihm dafür sein westfälisches Brüllen vor. Lucas Bacmeister und David Chyträus scheinen viel von ihm gehalten zu haben. Die späteren Dethardinge stammen von ihm. s
Rostock. Etwas 1f. S. 721 Luc. Vacmeister in v. Westphalen,
1V1011. i11ec1. I. Jul. Wiggers in Lisch, Jahrb. R13. S. 130 f. Daß Paß- quill in der Gratulationsschrift des Rost. Gymn. für Fritzsche, 1875. Krause.
[79]
Detharding: Georg D., Arzt, den 13. Mai 1671 in Stralsund geb., gehört einer berühmten ärztlichen Familie an; sein Großvater, Michael D., lebte als Arzt in Stralsund, sein Vater in gleicher Eigenschaft anfangs hier, später als Leibarzt des Herzogs von Mecklenburg in Güstrow; er selbst machte, nachdem er seine Universitätsstudien in Rostock und Leyden beendigt hatte, eine wissenschaftliche Reife durch England, Frankreich, Deutschland und Italien, erhielt, nachdem er nach seiner Rückkehr in Altdorf die Doctorwürde erlangt hatte, 1697 einen Ruf als Professor der Medicin nach Rostock und wurde 1732, nach Frankenau’s Tode, in gleicher Eigenschaft nach Kopenhagen berufen, wo er mit Ehren überhäuft am 23. Octbr. 1747 starb. – D. war ein sehr gelehrter Arzt und ein fleißiger Schriftsteller (vgl. daß Verzeichniß seiner Schriften in Biog1–. mE3c1. III. 456), ohne jedoch Hervorragendes geleistet zu haben; zu seinen be deutendsten Arbeiten gehört die Schrift „1)S m0r110C10 8uby911jsv.(1j Submsisjs per 1zr)711g0t-0mizm“„ 1714 (abgedr. in Haller, 1)js. 011ir11rg. II. 427), in welcher D., als: der Erste, Laryngotomie bei Erstickungsgefahr Erkrankter empfiehlt; in seiner Abhandlung „1)e ksbrjb118 1FJyc10r08ts.(1i9118jbus Spj018III. 0t0.“„ 1735 (abgedr. in Haller, 1)js. pr8or. 7. 255) wird eine gute Schilderung der holstein’schen Marschfieber nach den Beobachtungen im J. 1732 gegeben. – D. hinterließ drei Söhne, darunter Johann Georg, der in die Fußftapfen seines Vaters trat und dessen Sohn G eorg Gustav die Reihe dieser ärztlichen Familie schließt. A. Hirs ch.
Detharding: Dr. Georg Christoph D., geb. zu Güstrow am 10. April 1699, studirte zu Rostock 1715–20, Leipzig 1720 und Halle 1721, arbeitete hernach an den Lazarethen in Amsterdam, Leyden, London u. a. Q. und ließ sich 1722 als praktischer Arzt in Rostock nieder. Am 19. Sept. 1733 wurde er an der dortigen Universität Professor der anatomischen Medicin und Mathematik, am 16. April 1749 Hofrath, 175O Kreissphysikus, ging dann 1760 mit der Akademie nach Bützow, wo er erster Professor der Medicin wurde und im 1784 starb. Seine zahlreichen Schriften sind verzeichnet bei Koppe, Jetztleb. gel. Meckl. 11. S. S9.
Biographie von seinem Sohne Georg bei Koppe a. a. O. – Rost. Etwas Tl. 117. 320. – Börner, Lebensumstände berühmter Aerzte etc. Bd. l, Wolffenb. 1749 und die Baldinger’schen Ergänzungen dazu.
Fromm.
Detharding: Dr. Georg ältester Sohn des vorigen, ist geboren zu Rostock am 15. Avril 1727. Er studirte Theologie zu Kopenhagen 1744, Rostock 1747, wurde hier Magister, ging dann 1750 nach Göttingen und habilitirte sich 1751 in Rostock. Am r2. August 1755 wurde er Prediger an der St. Jacobi-Kirche daselbst, promovirte zu Göttingen (5tbs.) 1764, wurde l)jr90t0r 11linistsi–ii 1794 und starb am 3. Juli 1813. – Seinen Ruf hat er durch seine Schriften begründet, welche bei Kappe, Jetztleb. gel. Meckl. 1ll. S. 105 verzeichnet sind. Die daselbst S. 88 gegebene Biographie beruht auf Detharding’s eigenen Angaben. Fromm.
Detharding: Georg August D., geb. 9. Decbr. 1717, † 13, October 1786, war ein Sohn des Profesfors der Medicin Georg D., welcher bis 1732 in Rostock, später in Kopenhagen stand. Von Georg Augusts älteren beiden Brüdern war der eine Professor der Medicin in ,Rostock nach dem Vater, der zweite Anwalt in Lübeck, später Rathsherr und Bürgermeister. Georg August ward Professor des Staatsrechts und der Geschichte am Christianeum in Altona, führte nacheinander die Titel eines königl. dänischen Kanzleiassessors, Justizraths und Etatsraths und ward seit 1752 Syndicus des Domcapitels zu Lübeck. Es
[80] gibt eine Reihe von Gelegenheitsschriften von ihm, welche seine lebhafte Theilnahme an den Ouellenforschungen über deutsches Recht und Geschichte bezeugen, die in Norddeutschland Und Dänemark Dreyer, Westphalen u. A. damals ver- –traten. D. übersetzte auch Herodian’s Römische Historie nach L. v. Holberg’s Vorgange (Kopenhagen und Leipzig 1747). Mantels.
Dethleffs: Sophie D. (nach dem Kirchenbuch Sophie Auguste Detlefs), geb. 10. Febr. 1809 in Heide, Dithmarschen, Holstein, † 13. März 1864 im Schröder“stift in Hamburg. Sie war die jüngste Tochter eines königlichen Beamten, Branddirectors. Ihre Mutter starb gleich nach ihrer Geburt. Der Vater lebte in Sorge bei spärlicher Besoldung mit vier Kindern und einer nicht ungebildeten Haushälterin seinem Amte und seinem Garten, bis er, als Sophie eben confirmirt worden , wegen Unordnung in der ihm anvertrauten Casse, die er in der Noth des Lebens angegriffen hatte, seines Dienstes entlassen wurde. Er lebte bis Anfang der vierziger Jahre bei seinem erstgeborenen Sohn, Kirchspielarzt in Delve, bald von diesem im Tode gefolgt.
Sophie fand nach dem Verfall des Vaterhauses Aufnahme und Beschäftigung in einer befreundeten kinderlosen Beamtenfamilie ihres Geburtsortes„ und dort im Umgange mit der hochgebildeten Frau des Hauses, bei Muße und freundlicher Behandlung, in einer ausgewählten Bibliothek Gelegenheit ihre bis dahin nur beschränkte Bildung zu erweitern und zu vertiefen. Eignem Fleiße verdankt sie das meiste. Ihr poetisches Talent zeigte sich zunächst bei festlichen Gelegenheiten in andern befreundeten Beamtenfamilien. Sophie war allgemein beliebt und wurde es dadurch noch mehr. Erst als: der bekannte Improvisator Bärmann in den vierziger Jahren in Heide auftrat und auch in dem Freundeskreise von Sophie D. seine Virtuosität zeigte, kam es zum oft sieghaften Wettstreit mit diesem. Bärmann wurde aufmerksam, lernte Gedichte von S. kennen und soll die erste Veranlassung gewesen sein- daß S. D. ihre „Fathrt an de Isenbahn“ hat drucken lassen. Sichere Zeitangabe darüber fehlt (1846–47?). Jedenfalls war „De Fahrt an de Isenbahn“ daß erste plattdeutsche Gedicht im neueren würdigen Ton, daß veröffentlicht worden ist. Das Gedicht, daß beinahe mit der Eröffnung der ersten Eisenbahn in Holstein, von Kiel nach Altona zusammentraf, machte großes Ansehen, wurde auch in Abschriften allgemein bekannt und endlich die Veranlassung, daß die bescheidene Dichterin eine Sammlung hochdeutscher und plattdeutscher Gedichte halb an die Oeffenlichkeit gab: die erste Auflage ging nur an Freunde. Den Muth dazu hatte sie während des schleswig– holsteinischen Aufstandes 1848 in befreundeten Häusern in Kiel empfangen, wo bei Minister Boysen, ihrem Spielkameraden aus Heide, der Präsident der provisorischen Regierung Beseler und Professor Droysen verkehrten. Hier fand auch ihr Patriotismus natürliche Nahrung und Stärkung. Ihre patriotischen Lieder und ihre Idyllen sind daß beste was sie geliefert hat, und die plattdeu.tsche Sprache dafür ihr stimmungsreichsteis Instrument. Ihre „Gedichte in hochdeutscher und plattdeutscher Mundart“ erschienen in Hamburg bei R. Kittler 1861 in 4. Auflage. Zweiter Theil, daselbst, zweite Auflage, letztere meist unbedeutendc Gelegenheitsgedichte. Von den übrigen muß man, auch von den hochdeutschen, sagen, daß sie echt und wahr empfunden sind. Es geht ein Ton frommer, stiller Entsagung durch die meisten, der ja auch zu ihren Schicksalen stimmt, und freundlicher Humor gibt manchen eine behagliche Stimmung. Ihre Gedichte verschafften ihr, als die schleswig-holsteinische Erhebung zusammenbrach und ihre Freunde meist in die Verbannung wanderten, 1853, die Aufnahme ins Schröderstift in Hamburg für sich und ihre augenkranke ältere Schwester, die noch dort ganz erblindet lebt. Sophie D. sah noch das Morgenroth der neuen Erhebung ihres Vaterlandes. Eins ihrer letzten Gedichte nennt sich: „Gedanken beim “
[81] Läuten der Glocken auf den Tod des dänischen Königs Friedrich 711. November 1863“. Ihre Freunde haben der Dichterin ein bescheidenes Denkmal aufs Grab gesetzt, wozu ihr unterzeichnete): Landsmann und Nachbarssohn einen Spruch gedichtet. Klaus Groth.
Detlef: Karl D., mit ihrem Familiennamen Clara Bauer, zeichnete sich durch eine Reihe bedeutender Dichtungen aus, welche ebenso Tiefe des Gemüths und Reichthum der Gedanken, wie Feinheit der Auffassung und Schönheit der Darstellung erkennen lassen. Am 23. Jutji1836 geboren, eine Tochter des Landrathes Bauer in Krotoschin, erlebte sie schon in früher Jugend schwere Prüfungen, unter ihnen die stürmische Bewegung des Jahres 1848, welche daß Glück ihres elterlichen Hauses trübte und den Tod ihres Baters herbeiführte. In dieser Schule der Leiden früh gereift, gelang es ihr durch sorgfältige Auß- bildung ih-res musikalischen Talentes eine selbständige Lebensstellung zu erringen. Sie verließ Deutschland und wirkte mehrere Jahre in Rußland, anfangs in Petersburg, später auch im Innern des Limdes, wo sie aus den vielseitigen Eindrücken, welche die fremde Nationalität im Gegensatze zu ihren vaterländischen Empfindungen auf sie ausübte, die Anregung zu dichterischem Schaffen empfing. In der Folge in die Heimath zurückgekehrt, fand sie ihren Wohnsitz in Dresden und erwarb sich hier durch ihre beiden vor einem Zeitraum von 10 Jahren erschienenen Erstlingswerke „Bis in die Steppe“ und „Unlsliche Bande“ eine allgemeine Anerkennung. Beide Dichtungen und eine große Anzahl ihrer folgenden Schriften schildern russische Zustände mit ebenso seiner Beobachtungsgabe, als inniger Gemüthswärme, so daß nicht nur die objectiven Thatsachen in plastischer Darstellung hervortreten, sondern auch die subjective Empfindung des .schöpferischen Geistes dieselben mit idealer Färbung vsrklärt, eine wo“hlthuende Vereinigung, welche die harmonische Wirkung auf den Leser begünstigt. Von besonderer Bedeutung unter diesen Culturbildern sind „ Daß stille Herrenhaus “ und „Das Document“, von denen jenes in Westermann’s Mouatsheften, dieses in der Deutschen Roman–Bibliothek erschien. Während diese dem slavischen Culturleben abgelauschten Bilder durch den fremdartigen Reiz und ihre sprechende Wahrheit besonders fesseln, führt uns die Dichterin, durch eine 1872–73 unternommene Reise angeregt, in zwei anderen Werken „Die geheimnißvolle Sängerin“ und „Benedicta“ (jenes in Ueber Land und Meer, dieses in der Romanzeitung) nach Italien. Während sie in diesen italienischen Bildern, welche auf einem reichen landschaftlichen Hintergrunde erscheinen, den Höhepunkt ihres Schaffens erreichte, erlag ihre irdische Hülle einem Bruftleiden, welches sich schon seit einigen Jahren entwickelt hatte und am 29. Juni 1876 im Hause ihrer Schwester in Breslau ihren Tod herbeiführte.
Nekrolog in der Schlesischen Presse, Breslau, 1. Juli, Nr. 451. y Th– Pyl–
Detlev (von Reventlow), erster evangelischer Bischof von Lübeck, war ein Sohn Detlevs v. Reventlow auf Nixdorf in Holstein, geistlich erzogen, Dr. „jurjs„ Propst zu Reinbeck und Domherr zu Hamburg und Schleswig. Dr. D. war–Kanzler des Herzogs und späteren Königs Friedrich I. von Dänemark und seines Sohnes und Nachfolgers Christian III. Als solcher erscheint er bei allen wichtigen Regierungssacten beauftragt, so z. B. beim bordesholmischen Vergleich von 1522, bei der Union des J. 1533; er war unter den Beisitzern des flensburgischen Religionsgesprächs (1529), welches die Ausweisung des Melchior Hofmann und seiner Anhänger aus Holstein zur Folge hatte. Nach dem Tode des Bischofs Heinr. Bokholt (15. März 1535), eineiz eifrigen Katholiken, wählte daß lübische Domcapitel des Königs Kanzler, um so der von Christian angeregten Competenzfrage nach Mitbesetzung des Bischofsstuhls zu entgehen und daß Rss. S
[82] inseinen Händen befindliche Eutinische (es war die Zeit der Grafenfehde) herauszubekommen. D. führte die Reformation im Stift völlig durch, starb aber schon „vowir Jahresfrist.
Christiani, Nachricht von der Abkunft des Reventlowischen Geschlechts in Heinze’s Kielischem Magazin 1, S. 235 ff. Mantels.
Detmar: Bruder D. wird nach Jakob v. Melle’s Vorgange von den s Neueren der Lesemeister des Frane iscanerklosters in Lübeck genannt, welcher 1s85 von den Gerichtsherren der Stadt den Auftrag erhielt, die seit dem schwarzen Tode (1350) nicht fortgeführte Stadtchronik wieder anzufangen. y In Testamenten der sechziger bis achtziger Jahre des 14. Jahrhunderts kommt nämlich als Lesemeister bei den Francis canern D. vor, 1396 ein Johann von Oesnabrück. Dark man, was nicht über allen Zweifel erhaben ist, die Lesemeisterstelle für eine constante halten, so ist D. der Name des Chronisten gewesen, jedenfalls aber hat er die Arbeit nicht über 1395 fortgesetzt, da sich, auch aus Vergleichung der Handschriften, für dieses Jahr ein Abschnitt in der Chronik nachweisen läßt. D. hat nicht die alte Stadtchronik nach 1350 einfach fortgeführt, sondern laut seiner eigenen Erklärung sie mit Weltchroniken und Localaufzeichnungen neu compilirt. Der für uns werthvollste Theil ist daher die Zeit seiner eigenen Crleb- „ nisse, etwa LO Jahre. Uebrigens behält daß Ganze seine hohe Bedeutung alH Sammlung vieler sonst nicht erhaltenen Nachrichten über Norddeutschland und den europäischen Norden, und ist mit den sehr verschieden gearbeiteten Fortsetzungen .bis 1482 ein hervorragendes Denkmal niedersächsischer Prosa. Chronik des Franciscaner Lesemeisters Detmar, herausgeg. Von H. Grautoff, 2 Thle. Hamburg 18:M3CJ1. Koppmann in Hans. Geschichtesbl. 1871, S. 75 1872, S. 157 Mantel–2“s. y
Detmar (Thietmar), Bischof von Osnabrück 1003–23, war einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit und, nach dem Zeugniß des Geschichtschreibers Ditmar von Merseburg, sowol wegen dieser Eigenschaft, als auch wegen seiner übrigen Vorzüge von seinen Zeitgenossen geachtet und geehrt. In Obersachsen geboren, ward er auf der Domschule zu Magdeburg gebildet und daselbst zum Canonicus befördert. Csrzb. Gieseler schätzte ihn sehr und trat ihn ungern dem Erzbischof Willigis von Mainz ab, der ihn in seine Dienste zu nehmen wünschte. Kaiser Heinrich II. jedoch fesselte ihn an seine Person, indem er ihn zum Propst in Aachen machte. Als osnabrückische Gesandte hierher zum Kaiser kamen, um nach dem Tode Wodilulfs einen neuen Bischof für ihr Stift zu erbitten, waren für alle Stimmen, und Erzbischof Heribert von Köln vollzog an ihm die Weihen. Als solchem begegnen wir ihm auf den Kirchenversammlungen zu Dortmund 1005 und Frankfurt 1007, sowie auf den Reichstagen zu Grone 1018 und Dortmund 1016. Auch war er bei Einweihung der von Kaiser Heinrich II. gestifteten Kirche zu Bamberg zugegen. In OsInabrück gründete er 1011 daß Collegiatstift Johannis des Täufers sowie die Dombibliothek, welcher er 50 mit eigener Hand geschriebene Bücher schenkte. Er starb erblindet 18. Juni 1023. Es gab eine von ihm selbst verfaßte eigene Lebensbeschreibung, die leider verloren gegangen ist. Bei seinen gelehrten Studien und allen So1–genseinees Amtes hat er auch der Poesie gehuldigt, sowie auch eine poetische Grabschrift sein Andenken am Orte seiner Wirksamkeit erhält.
Möser, Osnabr. Gesch. Th. II. S. 24. Schaumann.
Detmold: Johann Hermann D., geb. 24. Juli 1807 zu Hannover, f 1856, war der Sohn eines angesehenen, vielbeschäftigten und begüterten Arztes, des Hofmedicus der mit seiner Familie vom Judenthum zum Christenthum übertrat. Auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt vorgebildet, studirte
[83] er in Heidelberg und Göttinge1i und ließ sich 1830 als Advocat in Hannover nieder. Mehr als die juristische Praxis zogen ihn Kunst und Litteratur an; selbst ein talentvoller Zeichner, lebte er vorzugsweise im Umgange mit Künstlern und Schriftstellern, soviel deren damals die kleine Residenz barg. Ueber die Kreise der nächsten Bekann4en hinaus drang sein Name, als er, veranlaßt durch die erste hannoversche Gemäldeausstellung, daß satirische Büchlein: „Anleitung “ zur Kunstkennerschaft oder Kunst in drei Stunden ein Kenner zu werden“ (Hannover 1834, neuer Abdruck 1845), in dem die landläufige Kunstkritik in treffendster Weise gegeißelt war, erscheinen ließ. Die positive Ergänzung dazu bildeten die in den Jahren 1835 und 1836 von ihm im Verein mit dem Maler Ofterwald und andern Freunden während der Aus stellungen herausgegebenen „Hannoverschen Kunstblätter“, ein damals einzig in seiner Art dastehendes Organ. Daß dieses Verdienst in der journalistisch nicht verwöhnten, aber doch recht anspruchs,Svollen – Stadt nicht leicht errungen wurde, deuten die zierlichen Titelbilder von Detmold’ts– Hand, welche die Fabel von dem mit Sohn und Esel zur Stadt ziehenden Mann darstellen, genugsam an. Eine größere Reise, welche D. in der nächsten Zeit unternahm, galt gleichfalls vorwiegend künstlerischen Interessen: die geistreichen Briefe über den Pariser Salon von 1837, im COtta’schen Morgenblatt vom Mai bis Juli veröffentlicht, sind ein Denkmal des Aufenthalts in der französischen Hauptstadt, der auch zur Wiederanknüpfung freundschaftlicher Beziehungen zu Heine führte. Die Reise wurde unterbrochen durch die Bewegung, welche der hannoversche Regierungswechsel von 1837 hervorrief. So wenig Politiker bis jetzt gewesen war, so entschieden trat er in den Kamp? für daß Staatesgrundgesetz ein, und sein Geist wie sein Wissen verschafften ihm bald einen der wichtigsten Posten. Daß gilt weniger von seiner nur kurze Zeit wäh1endeu Thätigkeit als Abgeordneter. Im Frühjahr 1838 für die Stadt Münden erwählt, schloß er sich allen Schritten des passiven Widerstandes an, welche die Opposition für geboten erachtete. Als dadurch die Kammer im Sommer 1839 beschlußunfähig wurde, zwang die Regierung ihn und Christiani, die in der Residenz anwesend waren, durch Volizeibt–fehl zum Erscheinen und erklärte ihn und seine Collsgen, alss sie der Ständeversammlung die Rechtmäßigkeit abgesprochen und den Schutz de–s deutschen Bundes angerufen hatten, ihres Mandas für verlustig. Daß Wahlcollesgium der Stadt Münden, zu einer Neuwahl zusammenberufen, weigerte die Vornahme, da der bisherige Deputirte nicht verzichtet und sein ständisches Verhalten den Beifall seiner Committenten habe. Damit endete Detmold’s Wirksamkeit in der Volksvertretung. So lebendig und witzig seine Rede in der Privatunterhaltung f1oß, so wenig war er für öffentliches Au?treten geeignet. Im rechten Gegensatz zu seinem beredten Genossen Christiani, mit dem er sonst mancherlei Berühr1mgspunkte darbietet, war er der Mann der Feder. Hier kocht er in der vordersten Linie. Unermüdlich führte er die Sache der Opposition in einer Reihe öffentlicher Blätter, durchgehends auswärtige1, da eine einheimische Presse kaum exiftirte. Die Allgemeine Zeitung, der in Stuttgart erscheinende Deutsche Courier, Gutzkow’s Telegraph und andere Hamburger oder Bremer Blätter wurden von ihm oder jüngeren Freunden wie Alb. Oppermann unter seiner Anleitung fortgesetzt mit Beiträgen versorgt. In dem Parterresimmer der Duvenstraße, daß er im elterlichen Hause bewohnte, flossen gar viele von den Fäden der oppositionellen Politik zusammen. Von allen Seiten mit Nachrichten versehen über das, ,was crm Hofe, in den Behörden, in den einflußreichen Kreisen des Landes und der Stadt vorging, Hführte er eine ausgedehnte Privatcorrespondenz, die, unter der Adresse befreund(-ter Kaufleute befördert, die Führer von allen wichtigen Vorfällen unterrichtete und den Mitgliedern der Partei Anweisungen zu einem übereinstim- 6s
[84] menden Verhalten zugehen ließ. In Gemeinschaft mit Stüve war er thätig, durch das „Hannoversche Portfolio“ (4 Bde., 1888–41) sämmtliche Actenstücke des Verfassungsstreites dem Publicum alsbald zugänglich zu machen. Wie sehr die Regierung in ihm einen gefährlichen Gegner fürchtete, verriethen die polizeilichen Maßregeln, die sie ergriff, als ihr der Incompetenzbeschluß der deutschen Bundesversammlung vom 5. Septbr. 1839 Muth zum persönlichen Vorgehen gegen die Oppositionshäupter gemacht hatte. D. wurde confinirt: nicht blos Reisen ins. Ausland wurden ihm untersagt, sondern zu jedem Besuch der nächsten Umgebung seines Wohnortes, z. B. der eine Stunde von Hannover entfernten Dörfer List, Limmer, Herrenhausen bedurfte er specieller Erlaubniß und der Begleitung eines Gensdarmen, dem er auf Fahrten einen Platz im Wagen anweisen mußte. Die Maßregel wurde verhängt kraft königlichen Befehls und begründet „mit der zum Zwecke der Erhaltung der Staaten von der Regierung unzer– trennlichen vorkehrenden Sicherheits Polizeigewalt“, eine Rechtfertigung, die wie die Verstrickung auch dann noch festgehalten wurde, als D., dessen Civilklage gegen den Minister durch Cabinetsintervention dem Gerichte entzogen war, sich bei der Ständeversammlung wegen Verfassungsverletzung beschwert und fast die gesammte zweite Kammer ohne Parteiunterschied eine solche administrative Beschränkung der persönlichen Freiheit mit dem Rechte der Unterthanen und der Verfassung des Landes für durchaus unvereinbar erklärt hatte (11. Juni 1841). Die Maßregel der Confination, deren Ausführung der Schalk D. den beauftragten Beamten unendlich sauer zu machen verstanden haben soll, war auch motivirt mit dem Hinweis auf eine noch gegen ihn schwebende peinliche Untersuchung. Der dreisten Regierungssophistik jener Tage war keine Waffe zu schlecht; denn abgesehen davon, daß dann die Freiheitsbeschränkung von Gerichtswegen hätte verhängt werden müssen, waren die Hauptinculpaten jenes Processes s, dieMitglieder des Magistrats der Stadt Hannover, im Gegensatz zu D., der blos ihre an den Bundestag gerichtete Vorstellung vom 15. Juni 1889, welche daß königliche Cabinet zum Gegenstand einer so schweren Anklage gemacht hatte, verbreitet haben sollte, fortwährend im Besitz ihrer vollen Freiheit verblieben. Mit dem Asgange des Processes, dem Urtheil des Celler Oberappellationsgerichts vom 12. Mai 1843, schließt daß Drama, dessen Schauplatz Hannover seit Jahren war, auch für D. ab. Der König begnadigte die Verurtheilten mit Ausnahme Detmold’s, den die zweithöchste der erkannten Strafen, sechs Wochen Gefängniß oder ZOO Thaler, traf. Zur Deckung der Strafe veröffentlichte er unter dem Titel: „Randzeichnungen“ (Braunschweig 1844) zwei schon länger in seiner Mappe fertige Scherze, ein politisches Kindermärchen und die so populär gewordenen Verhandlungen eines Kunstclubs, in dem die Herren Meyer des ganzen Alphabets über die schwierige Aufgabe der Restauration ihrer unter Nr. 14 des Juventars verzeichneten Venusstatue debattiren. Ein derselben Zeit angehöriger Roman: „Die todte Tante“ (Hannover 1845) ging erfolglos vorüber. Auf die politische Bühne führte ihn daß J. 1848 zurück; sie hieß jetzt nicht mehr Hannover, sondern Frankfurt. Durch den Einfluß seiner Osnabrücker Freunde erhielt er einen Platz im Parlamente: der für den 23. hannoverschen Wahlbezirk, Versenbrück im –Osnabrückischen, erwählte Abgeordnete Buddenberg nahm das: Mandat nicht an, das nun auf den Ersatzmann D. überging. Er schloß sich der äußersten Rechten an, die im Steinernen Hause, später im Cafs Milani ihre Clubversammlungen hielt, und gehörte zum kleinen Häuf1ein derer, die mit Strenge auf dem Vereinbarungsstandpunkte beharrten. Während er sich aber in der Opposition gegen die Alleinberechtigung der Nationalversammlung noch mit tapfern Preußen und guten Deutschen wie Georg v. Vincke und dem Grafen Schwerin zusammenfand, war er, sobald es sich um positive Ausgaben handelte,
[85] auf die Gesellschaft von Ultramontanen, Oesterreichern und Particularisten angewiesen. So namentlich in der Oberhauptsfrage, die er nach dem Rotenhan’schen 4 Antrage durch ein sechsköpfiges Directorium Oesterreichs und der Königreiche mit H einer alle vier Jahre zwischen Oesterreich und Preußen wechselnden Vorstandschaft zu lösen dachte. Als die Anhänger dieses Planes sich im März 1849 mit der Linken verbündeten, um die Reichsverfaffung, deren Zustandekommen man nicht mehr hindern konnte, den Regierungen möglichst unbequem zu machen, betheiligte sich D. offen bei dem Votum, welches den Reichsrath, eine zu Gunsten der Einzelstaaten vorgeschlagene Einrichtung, stürzte, bei den beiden berüchtigten Abstimmungen über das fuspensive Veto (§§. 101 und 196) in mehr verschämter Weise, durch unentschuldigte Abwesenheit während dieses Theils der Sitzung. Von seinen Landsieuten hielten sich zu ihm nur zwei oder drei. Ihre Mehrzahl â und darunter die alten Kampfgenossen von 1837 gingen andere Wege. Selbstverständlich blieb er auch der Erklärung fern, welche 21 von ihnengegen das den Separatismus zum erstenmale offen enthüllende Schreiben des Ministeriums Stüve vom 7. Juli 1848 richteten. Wie schade, daß der vorzeitige Schluß der durch jenen Schritt hervorgerufenen Debatte vom 14. Juli die Paulskirche um daß Schauspiel brachte, als Vertheidiger des Königs Ernst August den Mann auftreten zu sehen, den sieben Jahre zuvor eine königliche Proclamation desselben Tages mit der Anwendung eines Gesetzes über die Gefangenhaltung sicherheitsgefährlicher Subjecte in polizeilichen Werkhäusern bedroht hatte! Je weniger D. mit seinen Landsleuten im Parlamente harmonirte, um so enger war er mit dem leitenden Staatsmanne Hannovers, mit Stüve verbunden. So grundverschieden die beiden Charaktere waren, die gemeinsame Opposition gegen den schnöden Rechtsbruch hatte sie zusammengeführt, wie sie jetzt die gleiche Abneigung gegen alles, was deutsche Einheit und Preußen hieß, auf lange Zeit zu gemeinschaftlichem Handeln verband. Die ganze Beurtheilung der Frankfurter Verhältnisse, die im hannoverschen Ministerium vorherrschte, war wesentlich durch Detmold? Anschauungen und Berichte beeinflußt, wie er andererseits die kümmerlichen Recepte nationaler Reform, die Stüve im Sinne hatte, in Frankfurt vertrat, wenn man so ein gelegentlichetz Andeuten und vorzugtzweise negatives Verhalten nennen darf. Eine Ironie des Zufalls, wie er bei der Wahl durch die Abtheilungen wol vorkommen konnte, hatte D. mit Paul Pfizer zusammen in den Verfassungsausschuß gleich bei dessen Constituirung gebracht, an dem Aufbau einer einheitlichen Verfassung ihn mitzuwirken berufen, dem „das Geschrei nach Einheit nur Opposition gegen das Vestehende“ bedeutet hatte. Gegenüber dem rüstigen Vorwärtsschreiten der Ausschußmehrheit sah er sich zum Schweigen verurtheilt. Nur selten findet man seinen Namen in den Verhandlungen, noch seltener allerdingsin den Berichten der Nationalversammlung selbst. Schon seine kleine mißwachsene Gestalt verhinderte ihn am öffentlichen Auftreten. Nur einmal hat man ihn auf der Tribüne erblickt, am 16. October, als er das Reichsministerium interpellirte, was es gegen die angeblicheAmnestirung der Mörder des österreichischen Kriegsministers Latour zu thun gedenke, eine gewiß in sich sehr begründete Anfrage, die aber doch noch mehr als eine treffende Verhöhnung demokratischer Interpellationssucht und der unablässigen Versuche, das Reich zur Intervention zu Gunsten der W*kener Revolution aufzustacheln, empfunden wurde. Der Spott war überhaupt die Waffe, mit der er in Frankfurt focht und seine isolirte Stellung zur Geltung brachte, und zwar mit solcher Meisterschaft, daß er, der unscheinbare und schweigsame Mann, eines der bekanntesten und gefürchtetsten Mitglieder war. Zahlreich flogen seine beißenden Witzworte in Versen und Prosa durch die Versammlung, bald links, bald rechts einschlagend, heute Phrasenhaftigkeit und Phantasterei der Demokraten, morgen die Selbsttäuschung und das Hochgefühl der Mehrheit ver-
[86] höhnend. Ohne Glauben an die Aufgabe der Versammlung, ohne Theilnahme für ihre Arbeiten, inmitten einer erregten Menge kühl bis ans Herz hinan, sah er seiner kritischen und künstlerischen Neigung gemäß seinen Beruf darin, e daß politische Treiben selbst, daß ihn umgab, zu beobachten, die lächerlichen Seiten seiner Gegner – und die ganze Versammlung waren seine Gegner – zu erspähen und im Bilde zu geißeln. Unter den Carricaturenzeichnern der Zeit nimmt er einen hohen Rang ein. Und daß ganze Genre hat vielleicht seinen vollkommensten, über den vergänglichen Tag hinausdauernden Ausdruck in jenem Bildercyklus gefunden, zu dem er sich mit dem genialen Maler Adolf Schrödter, der damals von Düsseldorf- nach Frankfurt gekommen war, verband. „Die Thaten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur constituirenden Nationalversammlung“ sind eine Satire auf jene unfterbliche Sorte von Politikern, die schwankend zwischen der eigenen Ansicht und dem Vedürfniß nach Popularität stets im Zweifel sind, ob sie nicht in Anbetracht der neuesten Zeitereignisse zweckmäßiger mit ihren politischen Ueberzeugungen etwas weiter links oder in Anbetracht der allerneuesten etwas weiter rechts rücken sollen. Am letzten Ende läßt D. seinen Helden, nachdem er ein Viertel des Verdienstes errungen, die Reichsverfassung zu Stande gebracht zu haben,.im höfisch metamorphosirten Costüm nach Berlin reisen – um etwas zu werden. hatte er nicht so weit. Am 16. Mai 1849 wurde die Nationalversammlung von der Nachricht überrascht, der Reichsverweser, der die Entlassung Heinrichs v. Gagern schon länger angenommen, habe endlich ein neues Ministerium und zwar aus Mitgliedern der äußersten Rechten gebildet. Unter Gelächter und Unwillen wurden die Namen Grävell, Detmold, Merck, Jochmus genannt. D. war der Nachfolger Roberts v. Mohl geworden. Die Antwort erfolgte Tags darauf in dem mit 199 gegen 12 verneinende und 44 abstinirende Stimmen gefaßten Beschlusse, daß die Nationalversammlung zu diesem Ministerium nicht daß geringste Vertrauen haben könne, sondern dasselbe unter den obwaltenden Umständen als eine Beleidigung der Nationalrepräsentation betrachten müsse. Das Reichsministerium hat sich bekanntlich dadurch nicht beirren lassen und nicht nur daß Mißtrauensvotum, sondern auch die Votanten selbst überlebt. D. speciell hielt beim Reichsverweser bis zum Ende aus. Er gehörte zu den drei Ministern, die ihn bei der Niederlegung seiner Gewalt in die Hände der zum Interim verordneten österreichischen und preußischen Commissare am 20. Dec. 1849 umgaben, und vereinigte zuletzt in seiner Person drei Ministerien, außer der Justiz noch daß Innere und den Handel, ein deutliches Zeichen, daß die Last keine allzu drückende war. In die Oeffentlichkeit ist nicht Viel mehr von seiner Thätigkeit gelangt als eine die letzte Nummer des deutschen Reichgesetzblattes füllende Verordnung vom 25. Mai, - die Anwendung von Laternen zur Vermeidung des Zusammenstoßes von Dampfschiffen betreffend, und ein leichtsinniger Erlaß vom 8. Nov. 1849, der in den noch rechtshängigen Bentinck’schen Erbfolgestreit einzugreifen versuchte. Der Eintritt DetmOld’s in daß Reichsministerium ist vielfach commentirt worden. Man hat darin einen Beweis seiner Eitelkeit, seines Ehrgeizes oder seiner boeshaften Spottsucht erblickt, die als letzten Trumpf die eigene Person, wo es die Verhöhnung des Gegners galt, auszuspielen sich nicht scheute. Es liegt weit näher an einen Oesterreich und dem Particularismus erwiesenen Dienst zu denken, der vor allem verhüten sollte, daß nicht etwa Preußen bei der drohenden Auflösung aller Verhältnisse die Leitung der deutschen Angelegenheiten in die Hand nahm, und der deshalb aushielt, bis wieder ein von allen Regierungen anerkanntes Organ zur Stelle war. Oesterreich dankte D. durch daß Commandeurkreuz des Leopoldordens, Hannover durch die Ernennung zum Legationsrathe und zum Bevollmächtigten bei der neuen
[87] Bundescentralcommission. In diese Zeit fällt auch seine Vermählung mit einer Dame aus den ersten Kreisen der Frankfurter Gesellschaft, der Tochter des Schöffen v. Guaita.
In dem Fahrwasser der österreichischen Politik verblieb D. bis am? Ende seiner Laufbahn. Man kennt die Sehnsucht Stüve’s nach Wiederherstellung des Bundestages. Als sich Oesterreich im Mai 1850 zur Erfüllung des Wunsches anschickte, vertrat D. die hannoversche Stimme in den Sitzungen der sogenannten Bundesplenarversammlung. Bei den Verhandlungen über den österreichischen Antrag auf vollständige Reactivirung des verfassungsImäßigen Bundesorgans zeichnete sich daß hannoversche Votum wohlthuend vor allen übrigen dadurch aus, daß es8„118 xz11r888 Oesterreich dankte und beipflichtete. Die hessische Sache bot alsbald Gelegenheit zu zeigen, daß trotz aller Redensarten von Verjün- y gung und zeitgemäßer Umgestaltung die Bundespolitik die alten Wege zu wandeln gedachte; denn nicht genug daß man die Wünsche des Kurfürsten und seines Hasfenpflug zu Bundesbeschlüssen erhob, man stützte sie obendrein auf die vom Bunde selbst im März H1848 aufgehobenen Ausnahmegeft-tze von1832. Für den Bundesbeschluß vom 21. Septbr. 1850 stimmte auch obschon ohne alle Instruction seiner Regierung. Der Schritt wurde verhängnißvoll, zunächst für Stüve, im weiteren Verlaufe für ihn selbst. Als daß Ministerium ihn zur Verantwortung nach Hannover berief, wurde ihm anstatt einer Desavouirung eine freundliche Aufnahme bei Hofe und der Guelfenorden, mit dessen Vierter Classe der Inländer und Anfänger in der königlichen Gunst sich begnügen mußte, zu Theil, wie er sich wahrscheinlich bei seinem Votum in der hessischen Sache auf einen hinter dem Rücken der Minister ertheilten königlichen Befehl hatte stützen können. Daß Ministerium Stüve hätte zu keiner Zeit diese Behandlung oder jene Zustimmung zu einem Beschlusse, dessen Motive seine eigene Basis untergruben, ruhig hinnehmen können, am wenigsten jetzt, wo seine Stellung schon bedenklich erschüttert war. D. scheint so wenig den drohenden Sturz des Ministeriums und den Bruch der alten Freundschaft gescheut zu haben, als ihn die Vom Rechtsboden her entnommenen Bedenken seiner Auftraggeber genirten. So wurde sein, des langjährigen und engverbundenen Genossen, Verhalten ein Nagel zum Sarge des hannoverschen Märzministeriums. Am October 1850sp wurde es durch das Ministerium Münchhausen ersetzt. D. war seit dem 15. October wieder auf seinem Posten in Frankfurt, Verblieb aber den ganzen Monat hindurch ohne Instruction in der die- Bundesversammlung vorzugsweise beschäftigenden kurhessischen Angelegenheit. Als er endlich in den Besitz der Aufträge des neuen Cabinets gekommen war, mußte er am 8. November der Bundesversammlung erklären, daß er in der Sitzung vom 21. September beim Abgeben der hannoverschen Stimme mit specieller Instruction seitens seiner Regierung nicht versehen gewesen sei, und das dieselbe die B1.ndesbeschlüsse vom J8. Juni 183:2 als ein durch den Bundesbeschluß vom 2. April 1848 aufgehobene–:z Ausnahmegesetz ansehe und stets so behandeln werde. Bis in den Frühling 1851 blieb D. noch Bundestagsgesandter; am 14. Mai zeigte er der Versammlung seine Beurlaubung an. Tags zuvor hatte Ernst August, der seit einiger Zeit sich wieder Preußen genähert hatte, den Freiherrn v. Schele zu seinem Nachfolger ernannt. Die letzten Jahre verlebte D., zur Disposition gestellt, in Hannover, vorzugsweise wieder künstlerischen Interessen sich zuwendend, Von den alten politischen Freunden getrennt, aber in Verkehr mit Notabilitäten der Diplomatie, der Wissenschaft und der Kunst. Er starb am 17. März1856. Dingelstedt, Wanderbuch 1, 104 ff. Hannov. Portfolio 4, 225 u. 230 ff. B. Hausmann, Erinnerungen 236. Oppermann, Zur Geschichte Hannovers Bd. 1 und 2 1J:-tsjm; derselbe, Hundert Jahre 6, 184. 284; 7, 128; 8,
[88] 280. Laube, Das deutsche Parlament 2, 42 ff. 108; Z, 7. 427. Biedermann, Erinnerungen 204 ff. Haym, Nationalversammlung 2, 281 ff.; Z, 160 ff. Frensdorff.
Deubeuet: Hieronymus D. aus Stadtilm, als GelehrterHunter dem Namen 19Srjstorjus bekannt, wurde 1561 von den gräflichen Räthen zu Arnstadt der Gräfin Catharina „der Heldenmüthigen“ zu Rudolstadt als Ludimoderator und Rector empfohlen. Als Flacianer mußte er das Pastorat Thü- rungen bei Kelbra, wohin er berufen worden, bald niederlegen. Durch des berühmten Historikers Cyriacus Spangenberg Verwendung wurde er 1566 Diaconus in Regentzburg. Seine im J. 1574 erschienene und nach der Zeit von Spangenberg widerlegte Abhandlung: „Christliches Bekenntniß und Antwort auf den Wirtenbergischen Extract von der Erbsünde“ brachte ihm seine Entlassung auch aus Regensburg. Nach wechselndem Aufenthalt in Villach und wieder in Regensburg, und nachdem er seine vorigen Behauptungen über die Erbsünde widerrufen hatte, begab er sich nach Graz und unterschrieb dort als Rector am Gymnasium die Concordienformel 1580. Er starb als Pfarrer in Grävenwerda. Vgl. J. Th. Poehn, R-Oct. 1’01j1m.- 1I)–rz111j(1. 11men8. 1J. 22; Scheibe, I1e1Ap„yr8–. re1Jurg. Progr. 12T- 4; Raubach, 19rsbzstsro10gjs„ t4ustrjs08. 1741- p. 136 S8.; J. L. Hesse, Verzeichniß geborner Schwarzburger etc. 3. St., Rudolstadt1807. Schulprogramm. Anemüller.
Deuschle: Karl Aloys Julius Gymnasiallehrereund philosophischer Schriftsteller, geb. 18. Decbr. 1828 zu Dorheim in der Wetterau, wo sein Vater kurfürstl. hess. Rentmeister war. In Hanau auf dem Gymnasium vorgebildet, studirte er seit 1847 in Berlin, wo er mit dem Altersgenossen Paul Heyse eng befreundet wurde, in Bonn und Marburg; .er wurde 1851 Lehrer in Marburg, 1852 in Hanau, 1855 in Magdeburg am Pädagogium zum Kloster U. L. F., 1858 in Berlin am Friedrich-Wilhelms Gymnasium, und starb daselbst nach mehrjährigen schweren Leiden 16. Sept. 1861. Sein Hauptstudium bildete Plato, über den er eine Reihe von geschätzten Abhandlungen geschrieben hat. Gymn. Programme sind: „Die platonische Sprachphilosophie“, Marburg 1852; „Ueber platonische Mythen“, Hanau 1854; „Ueber den platonischen Politikos, Magdeburg 1857. Andere Abhandlungen und Analysen platonischer Dialoge sind in Zeitschriften erschienen (die werthvollsten sind verzeichnet bei Ueberweg, Grundriß der Gesch. der Philosophie des Alterthums, 4. Aufl. Berlin 1871, S. 115–131); Uebersetzungen mehrerer platonischer Dialoge in der 5Osiander-Schwab’schen Sammlung; Ausgaben des Gorgias 1859 und des Protagoras 1861 in der Teubner’schen Sammlung. D. besaß emsigen Fleiß und seine Arbeiten zeugen von Sorgfalt und Scharfsinn; letzterer freilich hat ihn zuweilen verleitet, in Plato hineinzudeuten. Seinem bedeutenden Talent war nicht Zeit vergönnt um auBzureifen. Lasson.
Deusing: Anton D., Arzt, den 1.5.Octbr. 1612 in Mörs (im ehemaligen Herzogthum Jülich) geb., genoß seine wissenschaftliche Ausbildung in Leyden, wo er sich zuerst mit der Philosophie, der Mathematik und den orientalischen Sprachen (arabisch, türkisch, persisch), später aufs eifrigste mit dem Studium der Medicin beschäftigte. Nach Erlangung des Doctorgrades kehrte er 1637 in seine Vaterstadt zurück, wo ihm der Lehrstuhl der Mathematik übertragen wurde: allein schon im Jahre darauf folgte er einem Rufe als Professor der Mathemathik und der Physik an die Universität in Harderwijk und wurde hier alsbald zum Stadtarzte und im J. 1642 zum Professor der Medicin ernannt. Vier ,Jahre später erh ieLt er einen Ruf als erster Professor der Heilkunde nach Grö- ningen, den er trotz der Anstrengungen, welche die Behörde in Harderwijk gemacht
[89] hatte, um ihn an ihre Universität zu fesseln, annahm; hier wurde er mit – Ehren überhäuft, 1648 zum Rector der Universität, 1652 zum Leibarzte des Grafen von Nassau ernannt. Im Winter 1665 zog er sich auf einer Reise, die er zu dem schwer verwundeten Grafen machen mußte, eine heftige Erkältung zu, in Folge deren er erkrankte und am 30. Jan. 1666 erlag. – D. verband mit einer ungewöhnlichen Gelehrsamkeit, welche ihm die größte Anerkennung seitens seiner Zeitgenossen verschafft hatte, Mangel an Kritik und an gutem Geschmacke; ein ungerechtfertigtes Selbstvertrauen auf seine wissenschaftliche Ueberzeugung verwickelte ihn in zahlreiche gelehrte Streitigkeiten mit den bedeutendsten Aerzten seiner Zeit, mit Sylvius de la Bos, Borrich u. A., wobei er stets den Irrthum vertrat; er scheute sich nicht, an die Lösung der schwierigsten physiologischen Probleme zu gehen, ohne sich jemals ernstlich mit dem Studium der Anatomie befaßt zu haben, und so hat der Ruhm, den ihm seine zahlreichen litterarischen Producte (vgl. das Verzeichniß derselben in Haller, Bjb1. x-ms.r. I. p. 43 und 13jb1. pr8„0t. II. p. 701- 13j0gr. msC1. III. 1J. 462) verschafft haben, sein Leben nicht überdauert. A. Hirsch.
Deusing: Hermann D., geb. am 14. März 1654 zu Gröningen, Sohn des Mediciners Anton D., von dem späteren Leydener Professor Christ. Wittich 1z1–juNz.tjm vorbereitet, studirte seit 1670 Jura, machte 1682 wissenschaftliche Reisen durch Holland und Deutschland. Von Cocceji’s Schriften angezogen, gab er sich theologischen Studien hin. Als alttestamentlicher Ausleger folgte er ganz der allegorisirenden Richtung dieser Schule, vorzugsweise in seinem „I1Os,8 e-y8„11ge1j28„118 1719. Seine „1)c–z1110118tr8„cj0 8-11Ig0rjs 11jstorjzO V. er N. kl. Jun0tA r0ye1zrjo110 m)stsrjj S8. ’1’rjs–(10S“ zog ihm die Excommunication zu. Er starb den 3. Jan. 1722 als Privatgelehrter.
Jöcher. Diestel, Gesch. des A. T. S. 457. 481. Siegfried.
Deutinger: Dr. Ma–rtin v. D., Dompropst und Geschichtschreiber, geb. 11. Novbr. 1789 in Wartenberg bei Erding, studirte in Freising und Landshut und wurde 21. März 1813 zum Priester geweiht. Nach seiner Promotion kam er 1814 als Registrator und Taxator in daß Generalvicariat zu Freising. Hier, am Sitze der alten Bischöfe, im Anblicke der Ruinen, in welche durch die SäcularisatiOn die einst von ihm selbst noch geschauten, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Schöpfungen derselben sich aufgelöst hatten, mochte sich in ihm zuerst der Gedanke regen, wenigstens schriftlich der Nachwelt die Kunde von dem zu vermitteln, was die neuere Zeit nicht mehr hatte überdauern können. Der Umgang mitMännern wie mit dem hochverdienten Heckenstaller konnte ihm nur förderlich sein. Als Registrator im Generalvicariate ,hatte er am besten Gelegenheit, diesem Hange nachzugehen und er arbeitete mit einem unermüdlichen Fleiße daran, der ihn auch später unter der größten Last von Amtszgeschäften stets Zeit zur Fortsetzung der Arbeiten finden ließ. Seine Gründlichkeit und Genauigkeit, sowie die Liebenswürdigkeit seines Charakters war allgemein aner- P kannt„ Freie Zeit hatte er so gut wie keine. Schon damals war seine Arbeit, die Ordnung der Acten nach den Stürmen der Säcularisation, eine ungeheuere. Bei Errichtung des Erzbisthums München-Freising kam er (28. Oct. 1821) als der jüngste Domcapitular nach München. Dort blieb er k-is zu seinem Tode, wurde 31. Decbr. 1825 Oberki1chenrath und Schulrath im Ministerium des Innern, 28. Oct. 1836 Generalvicar, 1837 Mitglied der königl. baierischen Akademie der Wissenschaften, 9. Juni rz41 Dompropst, 10. Oct. 1846 Director “ des allgemeinen geistlichen Rathes und des Metropolitangerichtes. Er starb als eines der Opfer, welche sich die officiell für erloschen erklärte Cholera aus den höheren Schichten der Münchener Gesellschaft holte, am 30. Oct. 1854. Unter
[90] seinen schriftstellerischen Arbeiten (die er selber aufzählt im akademischen Almanach 1843, 211; 1849, 129) ist besonderer Erwähnung werth die Diöcesanbeschreibung R der alten Diöcese Freising, jetzigen Erzdiöcese München-Freising. Es bestehen j seit bald 600 Jahren bis zu der neu begonnenen (von Anton Mayer) deren nur vier: die erste durch Bischof Konrad slll. Von Freising im J. 13l5 veranlaßt, die zweite des Generalvicars Stephan Sunderndorfer, die er 1524 bei Gelegenheit einer Diöcesanvisitation fertigte, die dritte von Fr. Jos. Ant. Schmid, Canonicus –bei S. Andrä in Freising, 1788–48 verfaßt, endlich die 1820 durch D. herausgegebene „Tabellarische Beschreibung“. Natürlich ist sie für die heutigen Bedürfnisse nach so vielen Veränderungen meist unbrauchbar. Aber geschichtlich ist sie von größtem Werthe und sehr zur gelegenen Zeit gemacht, weil sie beiH Mangel anderer Nachrichten von den Folgen der Säcularisation über diese vielfach ausschließlich Kenntniß nehmen läßt. Später hat er auch „Die älteren Matrikeln des Bisthums Freising“ neu erscheinen lassen in 3 Bänden (1849 u. 1850). Daneben zeichnen sich durch großen Werth aus die in 6 Bänden von D. im Vereine mit anderen Geschichtsforschern herausgegebenen „Beiträge zur Geschichte, Topographie und Statistik des Erzb. M.-Fr.“. Ein wirklich bedeutendes Verdienst erwarb er sich durch die von ihm geförderte Umgestaltung des „Schematismus der Erzdiöcese. Sonst war dieser, nach Art der Staats - und Hofhandbücher, nur eine trockene liste- der Geistlichen, mit allen Titeln und Würden, der Pfründen und allenfalls der Seelenzahl der Gläubigen. Er aber machte aus dem Münchener Schematismus eine sehr wichtige Quelle für Geschichte Und Statistik der Specialkircheugeschichte. Den größeren Theil derselben nehmen jetzt statistische Tabellen ein über die Verhältnisse der Seelsorge, der Schulen, dann eine Jahreschronik über die Ereignisse in der Diöcese, an den Verschiedenen in ihr gelegenen kirchlichen und Unterrichtsanstalten, über die frommen und gemeinnützigen Stiftungen, Sammlungen, Vereine, über kirchliche und staatliche auf die Kirche bezügliche Erlasse, über Errichtung und Aenderung von Pfründen, über die vom Diöcesanclerus gefertigten schriftstellerischen Arbeiten, Biographien verdienter Geistlicher u. s. f. Die meisten baierischen Diöcesen haben diese vortreffliche Einrichtung nachgeahmt, und so, wie Schulte (8ts.tus c1iOeesjum„ (3sjs8(z 1866„ p. 1L) anerkennt, eine dankenswerthe Unterstützung Für kirchenrechtliche, statistische und geschichtliche Arbeiten geliefert. Außerdem war D. für die Förderung der Zwecke des historischen Vereins von Oberbaiern sehr thätig, dessen Jahresberichte für 1852 u. 1853 von ihm sind. Münchener gelehrte Anzeigen 1835, Nr. 4, J8 f. Beilage zur Augesburger Postzeitung, 13. Dcbr. 1854. Schematismus der Erzdiöcese München- Freising 1855, 216–231. A. Weiß.
Deutinger: Martin D., geb. in der Schachtenmühle bei Langenpreising in –Oberbaiern am 24. März 1815, † in Pfäffers am 9. Sept. 1864, fand an seinem gleichnamigen Oheime (f. d. Art.) von frühester Jugend an einen För- . derer seiner Erziehung und Bildung, besuchte die vorbereitenden Studienanstalten zu München und Freising, dann (1832; daß Lyceum zu Dillingen und hierauf (1833) die Münchener Universität, wo er sich insbesondere durch Schelling Baader und Görres angeregt fühlte. Nachdem er das Studium der Theologie in Freising zum Abschlusse gebracht und (1837) die Priesterweihe empfangen hatte, wirkte er zunächst bis 1840 als Coadjutor in Rosenheim und hierauf als23 Krankencurat und Militärprediger in München. Gegen Ende des 1841 wurde er zum Lehrer der Philosophie am Lyceum zu Freising ernannt, und, nachdem er ein paar Monate hindurch der Münchener Universität als außerordentlicher Professor angehört hatte, im März 1847 an das Lyceum zu Dillingen versetzt. Als er 1852 in den erbetenen Ruhestand trat, siedelte er nach München um,
[91] wo er später das Amt eines Universitätspredigers übernahm. Von einem Gehirnleiden ergriffen (1864), suchte er Hülfe in St. Moritz, eilte aber bald vondort nach Pfäffers, wo er starb. Sowie er schon in seiner Knabenzeit eine frische Begabung des Geistes und des Gemüthes zeigte und auch in späteren Jahren als Katechet oder Prediger und als öffentlicher Lehrer sein bedeutendes rednerischeß Talent mit Erfolg verwerthete, so entwickelte er auch mit sprudelnder Lebendigkeit eine reiche schriftstellerische Thätigkeit. Sehen wir hierbei von jenem, was in verschiedenen Zeitschriften zerstreut vorliegt, sowie von einzelnen gedruckten Predigten ab, so folgte auf einige kleinere Aufsätze (z. B. „Ueber daß Verh. d. Hermes’schen Systems z. christl. Wissensch.“) bald der Beginn seinsc Hauptwerkes, welches unter dem Titel „Grundlinien einer positiven Philosophie“ in mehreren Abtheilungen erschien, nämlich: „Propädeutik“ (1843), „Seelenlehre“ (1843), „Denklehre“ (1844), „Das Gebiet der Kunst im Allgemeinen“ (1845), „Das Gebiet der dichtenden Kunst“ (1846), woran sich anschließt „Beispielsammlung aus allen wesentlichen Entwicklungsstufen der Dichtkunst“ (1846); hierauf „Moralphilosophie“ (1849J und „Geschichte der griechischen Philosophie“ (1852 f.). Daneben veröffentlichte er (abgesehen von Grundrissen der Logik und der Moralphilosophie, welche für seine Zuhörer bestimmt waren, 1847 f.) als Frucht mehrfacher in kunstgeschichtlicher Absicht unternommener Ferienreisen „Bilder des Geistes in Kunst und Natur“ (1846 u. 1850, eine Fortsetzung gab aus Teutinger’s Nachlaß Kastner heraues, 1866). Im J. 1850 gründete er eine Zeitschrift für religiösen Fortschritt „Siloah“, welche jedoch bald wieder einging; auch ein von ihm gestifteter Verein für christliche Wissenschaft, als dessen Ergebniß unter seiner Leitung zwei Bände „Der Geist der christlichen Wissenschaft“ (1850 f.) erschienen, löste sich aus Mangel an dauernder Theilnahme wieder auf. Nach einer kleinen Schrift „Wallfahrt nach Oberammergau“ (1851) und einem Programm „Die organische Entwicklung der Philosophie in der Geschichte“ (1851) folgten noch: „Das Princip der neueren Philosophie und der christlichen Wissenschaft“ (1857), „Ueber ds Verhältniß der Poesie zur Religion“ (1861), „Beitrag zur Lösung der Streitfrage über das Verhältniß der Philosophie und Theologie“ (1861), „Das Reich Gottes nach dem Apostel Johannees L2 Bde., 1862 f., aus dem Nachlasse ergänzt durch Kastner, 1868) und „Renan und die Wunder“ (1864). Nach dem Tode Deutinger’s veröffentlichte Kastner außer den erwähnten Fortsetzungen auch noch die Schrift „Der gegenwärtige Zustand der deutschen Philosophie“ (1866). D. knüpfte in seinem philosophischen Standpunkte an Baader an und suchte auf ähnliche Weise, wie dieser, in Gott und dessen Offenbarung den letzten positiven Grund aller Erkenntniß zu erfassen, aber sowie D. bezüglich der Durchführung des so begründeten Erke1mens in höherem Grade die geistige Selbstthat des Menschen betonte, so versuchte er auch eine allseitige Systematisirung der Baader’schen Grundgedanken. Auf solchem Plane beruht Deutinger’s „positive Philosophie“, welche zur Versöhnung zwischen Glauben und Wissen führen soll und daher auch Gegenstände der christlichen Dogmatik (Dreieinigkeit, Menschwerdung Gottes, Wunder, Unsterblichkeit und dgl;) speculativ zu construiren unternimmt. So sehr aber bei solchem Standpunkte eine Abneigung gegen jedweden Pantheismus von selbst geboten ist, so will hinwiederum auch den üblichen Dualismus Vermeiden, d. h. er sucht den letzteren nicht durch Identitätsanschauungen aufzuheben, sondern durch“ irgend ein vermittelndes Drittes zu versöhnen, und gelangt so zu einer überall durchgeführten Verwerthung einer Trilogie, in welcher Einheit und Gegensatz dreieinig sich verbinden (z. B.: Gott, Natur, Mensch; Geist, Leib, Seele; Sein, Leben, Erkennen; Idee, Empfindung, Begriff; Wille, Sinnlichkeit, Denken;– Vernunft, Natur, Sitte; Erhaben, Angenehm, Schön u. s. f.). Die Hauptgliederung des
[92] „ Systems beruht darauf, daß der Wille in drei Ideen als Strahlenbrechungen der Einen Idee sich bethätigt, indem der Geist 1) im Denken ein Aeußeres innerl.Ich setzt und dabei den Wahrnehmungsstoff auf Einheit zurückführend zur Wahrheit vordringt, 2) in der Kunst nach innerem Bilde ein Aeußeres gestaltet und, soweit der höchste Inhalt die entsprechendste Form erlangt, Schönheit erreicht, und Z) im Handeln daß Gegebene zu einem über der Natur liegenden Zwecke benützt und in dieser Ineinsbildung daß Gute verwirklicht. In der Einzelndurchführung folgt D., verführt durch seine rednerische Begabung, häufig einem Fluge der Gedanken und Worte, welcher sich durch den thatsächlich gegebenen Stoff nicht beirren läßt und daher einem kritischen Maßstabe nicht unterworfen werden kann, – eine Eigenthümlichkeit, welche sich am meisten in jenen Schriften fühlbar macht, welche die Geschichte der Philosophie betreffen. – In ausführlichster Breite handelt über ihn: sor. Kastner, Mart. Deutinger’s Leben und Schriften, 1. Bd. München 1875. Vgl. auch die anonyme (von Oischinger verfaßte) Schrift: Würdigung der positiven Philosophie Deutinger’s, 1853. Prantl
Deutsch: Friedrich D., lutherischer Theologe des 17. Jahrhunderts, geb. 2. April 1657 zu Königsberg in Preußen, studirte hier und in Jena, reiste durch Deutschland, Holland, England und Frankreich, ward 1676 Dr. r11So1.- Professor, Pastor, später auch Consistorialassessor und Oberhofprediger in Königesberg, † daselbst 21. April 1709. Er ist der Verfasser verschiedener Schriften biblischen, theologischen, dogmatischen, dogmen-historischen, ethischen Inhalts, z. B.: „1)S „jusejii05U;jO118’s „1)9 psOes„t0 0rjg. „1)(z (18ki11jtj0119 e00lesjse“„ „011rzs08t0111j er ’1’11S0(10retj (1e S. 00O118 SS11tsi1tjsse“„ -„1Ies yers 08,r11is O111–jst.j 01sjgj11S“ „1)e perpetu0 bs„1ztjsn1j prs.S(3e-1Jt.0 „1)S nsturA St 00118tjtutj011e t11S010gis9 111O1st1js. Arnold, Hist. der Königsberger Universität II. 166 ff. Jöcher. Wagenmann.
Deutsch: Chr. Friedr. v. D., Professor der Geburtshülfe in Dorpat. Geb. 1768 zu Frankfurt a„–“O., wurde er 1804 von Erlangen nach Dorpat berufen und starb 1843 zu Dresden, wohin er sich alsisoks01– 0111e1–jtus begeben hatte. Seine Schriften sind: „l)jsert. inAugu1–A1js c1e g1–Mjäjts„tjs Al-– (10mj11z1jsj11gu18.1–j 0bsS17ztj0ns 1792. „?r01usj0 (18 11e0S88jts„ts 0bstet1–jOs8 bene j118tjtutse18 pub1j(:A :1ucrt OrjteuO c0118t.jtu011(1j 1798. Hecker.
Deutsch: Immanuel Oscar Menahem D., geb. 28. Oct. 1829 zu . ’Neiße in Pr. Schlesien, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und bezog 16 Jahre alt die Universität zu Berlin. Hier widmete er sich verschiedenartigsten, insbesondere theologischen, philologischen und philosophischen Studien. Da er s als Jude in seinem Vaterlande keine seinen Neigungen und Kenntnissen entsprechende Stellung finden konnte, ging er 1855 nach England, wo er bis zu seinem Tode als 1Stsists„nt in t110 1jb1–ä1s)– (181)81sten1ent am British Nkuseum lebte. Als solcher setzte er mit rastlosem Eifer seine ausgedehnten wissenschaftlichen Untersuchungen, insbesondere über talmudische, phönikische und assyrische Litteratur fort; aber unvermögend sich mit ganzer Kraft Einem Gegenstande zuzuwenden und durch aufreibende Berufsgeschäfte in Anspruch genommen hat er weniger Bedeutendes geleistet, als ein reicher Geist, ein beispielloser Fleiß und ein umfassendes Wissen erwarten ließen. Von Arbeit, qualvoller Krankheit und vielfachen Widerwärtigkeiten verzehrt, starb der begabte und liebenswürdige Mann auf seiner zweiten Orientreise am 12. Mai 1873 in Alexandrien voll bitteren Schmerzes, daß er keinen seiner großen wissenschaftlichen Pläne auszuführen vermocht hatte. – Die zahlreichen mehr oder weniger gründlichen, zumeist aber glänzend geschriebenen Artikel, die D. in Zeitschriften und Encyklopädien gelegentlich veröffentlicht hat – in Chamber’s 1On0zs010ps„eäjer allein 190 – geben keinen
[93] sichern Anhalt für die Schätzung seines wissenschaftlichen Werthes. Hervorzuheben sind ein 1867 erschienener und bald in viele Sprachen übersetzter Essay über den Talmud, in welchem er gegenüber vielen gehässigen Beurtheilungen dieses Riesenwerkes die Lichtseiten desselben allgemeiner Theilnahme so nahe zu bringen sucht, als daß in einer derartigen populären Abhandlung eben möglich ist, und ein 1869 veröffentlichter, nicht auf selbständiger Forschung beruhender Essay über den Islam, in welchem er vorzüglich den Einfluß jüdischer Anschauungen auf Mohammed’s Lehre hervorhebt. Werthlos sind seine Arbeiten über hellenistische Litteratur und Geschichte der Philosophie. – Seine sämmtlichen hinterlassenen Papiere sind seiner Weisung zufolge nach seinem Tode verbrannt worden. Nur früher schon veröffentlichte Arbeiten enthalten seine -,l-jtsrsrzs Rems ti118“ (Lond. 1874; Nachdruck New-York 1874), denen eine ausführliche Lebensbeschreibungvoraufgeht. Freudenthal. Rödiger.
Deutschmi1Un: Johann D., geb. 10. Aug.1625 in Jüterbog, † 12. Aug. s 1706 in Wittenberg, einer der Heifrigsten, aber auch bornirtesten lutherischen Streittheologen des 17. Jahrhunderts, College, Schwiegersohn und treu ergebener Schildknappe von Abraham Calov. – Vorgebildet in Halle unter dem damals berühmten Schulrector Gueinzius, wakd er seit 1645 8tuc1. t11e01. in Wittenberg, Schüler und Günstling von Hülsemann, 1648 Magister, 1652 Adjunct der philosophischen Facultät, machte eine akademische Reise durch Deutschland, Dänemark, Holland, wurde 1657 1?r0k. 9z(t1–z01–(1.- 1662 or(1. und Inspector der Alumnen in Wittenberg, 1688 nach Quenstedt’s Tod 8Snj0r und 19r0t’. 1zrjm. Schon unter seinen Zeitgenossen galt er als ein kleines Licht, entwickelte aber großen Eifer im Lesen (7–8 Stunden per Tag) wie im Disputiren, im Predigen wie in Verwaltung akademischer Aemter. Nie fühlte er sich wohler, als wenn er disputirte; det-dhalb mischte er sich auch in alle theologischen Streitigkeiten seiner Zeit ein, besonders in den synkretistischen Streit wider den jüngern Calixt, sowie in den pietistischen wider Spener, dem er in seiner „Christlutherischen Vorstellung“ nicht weniger als 263 verschiedene Ketzereien vorwirft. Freilich diente diese Art der Polemik, wie die Studentenkomödien, die er in seinem Haus aufführen ließ und worin z. B. Calixt als greuliches Ungeheuer mit Hörnern und Klauen er- Q schien, nur dazu, die altehrwürdige, aber tief herunter gekommene Wittenberger Facultät vor der ganzen Kirche zu prostituiren. Auch seine zahlreichen theologischen Schriften dienten nicht dazu, seinen Ruf zu heben: die Titel derselben füllen bei Jöcher mehr als zwei Spalten; es ist nichts darunter, was heute noch Worth hätte. Ein theologisches Steckenpferd von ihm war besonders die sogenannte ’1’11S01Osj:t 1zA1–8c1jsjaes„ d. h. der Versuch, die Uebereinstimmung deck- Glaubens Adams und der Patriarchen mit dem lutherischen Lehrbegriff des 16. und 17. Jahrhunderts zu erweisen (so in seiner Schrift: „1’11S01O9js„ 1zrjmj t11S010gj t!-jeunj“„ „8)’N1bO1um eyJ0St01j0um .4c1amj „Der Beichtstuhl im Paradies gestiftet“ etc.) – eine Abfurdität, worin daß dummgewordene Salz der lutherischen Orthodoxie in geschmacklosester Form sich selbst lächerlich machte. Catzpar Löscher’s Leichenrede, Wittenb. 1706. Ranfft, Kursächs. Gottesgel. I. 234. Walch, Streitigkeiten der luth. Kirche,Bd.1.II. Tholuck, Geist der luth. Theol“. Wittenbergs und in Herzog? Realencyklopädie. Die Titel der Schriften und Diisputationen bei Jöcher. Wagenmann.
Deveuter: Gerard Prouningk, genannt D., niederländischer Staatsmann, aus Herzogenbusch, war in seiner Vaterstadt ein Haupt der Protestanten, und ward darum 1567 gezwungen, auszuwandern. Nach der Genter Pacification zurückgekehrt, ward er 1579 aufs neue von den Katholischen vertrieben und siedelte sich in Utrecht ar, wie viele Brabanter und Blämingen, welche daselbst
[94] sich den demokratischen Gilden und Bürgerwehrleuten anschlossen und eine ultracalvinistische Gemeinde den gemäßigten und „Libertiner“ gescholtenen Aristokraten getgenüberstellten. Sein Ruf als Finanzmann scheint ihm die hohe und schwierige .Stelle eines Generalsteuereinnehmers der Generalität verschafft zu haben, die er 1581–88 verwaltete. Doch seine Rolle fing erst recht an, als der Graf von Leicefter die Regierung antrat. D. gehörte zu den drei Verbannten, mit de Burchgrave (s. d.) und Reingoud (s. d.), welche die Berather des Landvogts waren. Er war in Utrecht das anerkannte Haupt der calvinistisch-demokratischen Partei und scheint der Leiter des im Herbste 1536 mit Gutheißen des Gouverneurs, der englischen Befehlshaber und des Statthalters, des Grafen von Neuen ahr (s. d.), von den Bürgerhauptleuten ausgeführten Staatsstreiches gewesen zu sein, in Folge dessen an die 60 der angesehensten Häupter der Aristokratie verbannt wurden. Bei der darauf folgenden Magistratserneue–rung ward D., obgleich er gesetzmäßig noch sieben Jahre zu warten hatte, ehe er Bürger der g Stadt werden konnte, Bürgermeister, während die meisten Stellen der Verbannten mit anderen Emigranten besetzt wurden. So war er völlig Meister der Stadt, welche als drittes Glied mit den Eligirten (den Abgeordneten der fünf Capitel) und der Ritterschaft die Staaten der Provinz ausmachte. Sein Programm war Uebertragung der Souveränetät an England, Vermehrung der Autorität Leicefter’s, Reorganisation der Kirche in ul tracalvinistischem Geist und Vernichtung des Uebergewichts Hollands. In die Generalstaaten abgefertigt, ward er aber, als unrechtmäßig gewählt, nicht zugelassen; und obgleich er sich geschickt zu vertheidigen wußte und Leicester sein Bestes für ihn that, blieben die Generalstaaten beharrlich bei ihrer Weigerung. Von jetzt an führte D. einen erbitterten Krieg mit den holländischen Regenten, an deren Führer, Oldenbarnevelt, er jedoch einen überlegenen Gegner fand. Doch ist es nicht zu leugnen, daß T. mit großem Geschick und nicht durch Gewalt, sondern durch listig angelegte gesetzliche Maßregeln, durch sehr gut geschriebene Actenstücke und Pamphlete und schlauen Rath an seine Parteigenossen den Kampf führte. Die Bekämpfung der gesetzmäßigen Autorität der Staaten, die durch Leicester verfochtene Theorie der “ Volkssouveränetät, welche jetzt zum ersten Male in der Geschichte der Niederlande auftauchte, scheint von ihm zu stammen. Doch ward er von seinen Anhängern oft ungeschickt unterstützt, und der unvergleichliche Unverstand des Gouverneurs that seinen Plänen vielleicht mehr als irgend etwas Abbruch. Als,5 dieser endlich 1587 die Partie verloren gab und die Staatenpartei überall sonst siegte, wußte D. sich noch ein Jahr in seiner Stellung in Utrecht zu behaupten. Doch er hatte seinen Einfluß allmählich eingebüßt; Neuenahr und selbst vielesürgerhauptleute, die geborene Bürger waren, wandten sich seinen Gegnern zu, und als 1588 die Zeit der Magistratserneuerung herannahte und er und seine Anhänger mit Gewalt ihre Stellen zu behauptensuchten, ward er von einer Contrarevolution, 5. October, ohne schweren Kampf überwunden. Er allein ward vor Gericht gestellt und als Hochverräther angeklagt, doch seiner ausgezeichnt-ten Vertheidigung wegen nur verbannt. Er begab sich Zunächst nach England, ließ sich aber bald in Holland nieder, wo er noch 1605, beschäftigt mit theologischen Schriften, lebte. Sein Sterbejahr ist unbekannt. war ein höchst merkwürdiger Mann, ein Parteiführer, wie wenige seiner Zeitgenossen, dabei unbescholten, nur hochmüthig und ehrgeizig. Die eigenthümliche Stellung des Emigranten trug viel bei, ihn auf seinen Weg zu treiben. P. L. Müller.
Desrieut: Ludwig D., der jüngste Sohn eines begüterten Berliner Kaufmanns:, dessen Familie aus Holland stammte und eigentlich de Brient heißt, geb. 15.s Dec. 1784, ist eine der größten und genialften Persönlichkeiten in der Geschichte der mimischen Kunst, zugleich aber eine Erscheinung, die neben dem Ge-
[95] fühl staunender Bewunderung, die wir dem ’Genius zollen, auch Empfindungen bitterer Wehmuth über die zerstörenden Ausschreitungen der menschlichen Natur gegen die künstlerische erweckt. D. ist nicht blos eine geniale, er ist auch eine – bizarre, ja sogar für solche Naturen, welche sich nicht völlig und mit ihrem ganzen Denken und Fühlen in die Tiefen künstlerischen Schaffens versenken können, eine etwas unheimliche Erscheinung. Es hat in Deutschland und anderswo vielseitigere Darsteller gegeben, deren schmiegsames Talent sich allen, selb st den heterogensten Rollen anzubequemen wußte, keiner aber ist bisher in den Annalen der Kunst verzeichnet, welcher in der beschränkten Sphäre, die seiner innersten Natur zusagte und gleichsam wahlverwandt war, so Großes und Vollendetes geleistet hätte als Ludwig D. In sofern ist er ein wahrer Künstler gewesen, d. h. mit schöpferischer Kraft begabt, productiv selbst über die Intentionen des Dichters hinaues gestaltend, nicht blos receptiv dessen Spuren folgend. Auch als Mensch eine edle hochherzige Natur, die, unter günstigeren Verhältnissen erwachsen und nach ihrem wahren Werth sofort erkannt, ein leuchtendes Beispiel sittlicher Größe und Schönheit hätte werden können. Auch die Menschen haben an D. gesündigt, nicht blos er selber, und wenn in das; Dunkel seines verdüsterten, zerrütteten Lebens hinein der volle Sonnenstrahl des Glückes nur in den Momenten der höchsten Kunstentfaltung leuchtete, so ist nicht er allein daran schuld. Schon seine Jugenderfahrungen waren keine guten. Ihm jehlte die Liebe der Mutter. Bald nach seiner Geburt war diese gestorben, und weder seine Geschwister noch sein Vater verstanden es dem eigenthümlich gearteten Kinde auch nur einigen Ersatz für das Verlorene zu bieten. Verkannt, verstoßen, in scheuer Verbitterung wuchs auf; wir dürfen uns nicht wundern, wenn er sich diesen Verhältnissen durch einen. freilich mißlungenen Fluchtversuch entziehen wollte, noch weniger darüber, daß die kaufmännische Lehre, welche er nach zurückgelegter Schulzeit durchmachen sollte, nicht nach dem Geschmack des Knaben war. Er hatte zwar auch für die gewöhnlichen Schuldißciplinen weder großes Talent noch Vorliebe bewiesen, wol aber für Recitation ihm zusagender Gedichte- und für tolle Streiche.– Diese setzte er noch während der Lehrzeit im Hause des Vaters fort, und als ihn dieser durch Strenge curiren wollte, indem er ihn nach Pot?s dam (zu einem Posamentirmeisters) versetzte, schlug daß Mittel völlig fehl. Der junge D. floh zum zweiten Mal auf gut Glück in die Welt hinauss. Zwar auch jetzt wurde seine Spur aufgefunden – wenn auch ziemlich spät – aber eine Besserung trat nicht ein. D. ergriff die erste Gelegenheit, sich unters Militär anwerben zu lassen. Er wurde zwar von der Familie losgekauft, aber sein Bruder Philipp, der sich nun seiner annahm cRin Brody), verdarb jetzt an dem Jungen durch eine entgegengesetzte Erziehung, d. h. durch allzugroße Nachsicht, gerade so viel als fxüher der Vater durch übeLangewandte Strenge. Er gerieth in bedenkliche Gesellschaft. Der Bruder sah sich genöthigt, um ihn dieser zu entreißen, ihn auf einer Reise nach Leipzig unter seiner unmittelbarsten Aufsicht mitzunehmen und hier entschied sich Tevrient’s Schicksal. Er sah im Theater den berühmten Ochsenheimer spielen und –– bei der eben in Naumburg spielenden Truppe des Schauspieldirectors Lange angenommen, stand er am 18. Mai 1804 zum ersten Mal als Bote in der Braut von Messina auf den Brettern. Seine ersten Versuche waren nichts weniger als glücklich; er ward nur unter der Bedingung, sich zum Rollenausschreiben brauchen zu lassen, behalten. Zum ersten Mal zeigte sich zum Erstaunen seiner Collegen sein ungewöhnliches Talent, als ihm am 8. April 1805 in Zeitz die Rolle eine4s eben davongelaufenen Collegen, der Rudenz im Tell anvertraut ward. Jetzt gab man ihm größere Liebhaberrollen. Aber damit war der rechte Weg für sein Talent freilich noch nicht gefunden, denn für Liebhaberrollen war er, trotz seiner Vorliebe für sie, durchaus S
[96] nicht geschaffen. Es bedurfte der leitenden Hand eines Freundes und Gönners (Weidner), um ihn seiner eigentlichen Sphäre, dem Fach dets Intriganten und .s Komikers, zuzuführen. Merkwürdig (wenn die Erscheinung auch nicht selten ist) , daß D. während seiner ganzen theatralischen Laufbahn an dieser mangelhaften Kenntniß seines eigensten Humors gelitten hat; er krankte an einer falschen Rollensucht und hielt für absichtliche Zurücksetzung, was bloße Rücksicht auf ihn selber war, wenn ihm gewisse Rollen nicht zugewiesen wurden. Seine ersten Erfolge als Charakterdarsteller verschafften ihm ein Engagement an der Hofbühne zu Dessau, die unter Bossan’s Direction stand, aber die Einsicht, daß er seine Charakterbilder (Franz Moor, Seesretär Wurm, Harpagon u. a.) nicht in freier schöpferischer Gestaltung hinstelle, sondern großen Vorbildern, wie Isfland und Ochsenheimer abgesehen habe, erfüllte ihn bald mit Verzweiflung. In dieser Stimmung stürzte er sich, Zerstreuung und Vergessenheit suchend, in ein ungeregeltes Leben und es fehlte nicht viel, besonders als sein Vater durch daß Anerbieten gänzlicher Verzeihung und Bezahlung seiner Schulden ihm die Rückkehr öffnen wollte, daß D. der Kunst entsagt hätte. Erst daß Zureden eines Freundes löste den Zwiespalt in seinem Innern, und der durchschlagende Erfolg, der seiner zum ersten Mal eigenthümlichen, selbstgeschaffenen Leistung des Kanzlers Fessel in Iffland’s „Die Mündel“ zu Theil wurde, entschied endgültig über seinen Lebensberuf. Jetzt aber begann sein Genius die Flügel mächtig zu entfalten und die Folge davon war eine vollständige Aussöhnung mit seiner Familie. Ein furchtbarer Schlag traf ihn, als ihm kaum ein Jahr nach seiner Verheirathung seine Lebensgefährtin, eine Tochter des Musikdirectors Neefe, durch den Tod entrissen wurde. Mit ihr wurde sein eigentliches Lebensglück für immer zu Grabe getragen. Keiner hatte ein geregeltes Familienleben, geordnete häusliche Verhältnisse zu seinem Gedeihen so nöthig als D., und gerade ihm mußte diese nothwendige Stütze entrissen werden und er wieder in den Strudel eines wüsten Lebens unrettbar versinken! Dadurch kam nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seine ökonomischen Verhältnisse zu Schaden, und der letzteren Klemme wußte D. sich nur durch die Flucht nach Breslau zu entziehen. Hier ward er 1809 als Ludwig D. - bis zu seiner ersten Verheirathung 1807 hatte er den Namen Hertzberg geführt –) der große Darsteller, als welcher er 1815 auf Iffland’s Veranlassung und als dessen Nachfolger nach Berlin ging, wo er, erst 43 Jahre alt, dem aufreibenden Leben, daß er führte, und das auch durch eine dritte nicht – glückliche Ehe zuletzt noch getrübt ward, 30. Dec. 1832 erlag. Schon während der letzten Jahre seines Lebens konnte er einige seiner größten Rollen nur mit höchster Anstrengung zu Ende führen, ja auch daß gelang ihm nicht immer, bei „Franz Moor“ und „König Lear“ hinderte ihn vollständige Erschöpfung am Weiterspielen. Die häufigen Gastspielreisen zehrten auch an seiner Kraft, ganz besonders setzten aber seiner Gesundheit die nächtlichen Gesellschaften in der Lutter’schen Weinstube zu, wo sich um ihn und seinen genialen Freund, den als Schriftsteller bekannten Criminalrath E. T. A. Hoffmann, ein Kreis witziger aber zum Theil liederlicher Leute fast täglich versammelte. Ed. Devrient meint, wahrscheinlich mit Recht: „Alt wäre Ludwig D. auch ohne diese Extravaganzen kaum geworden, denn für einen solchen Feuergeist- für das fieberhaft aufgeregte Schaffen desselben, für die so zu sagen vulcanische Gluth seines Herzens und seiner Seele hatte sein Körper von Haus aus nicht Widerstandsfähigkeit genug.“ – In Berlin vermehrte sich das Repertoir Devrient’ss nur um wenige eigentlich bedeutende und gewaltige Rollen, wie z. B. Richard 1ll. Daran war zum Theil allerdings der damalige Intendant Graf Brühl schuld, und Devrient’s oft leidenschaftliche Klagen, daß man seine Glanzpartien parteiisch Andern zuweise, sind nicht immer ungerechtfertigt. Vesonders war der berühmte Pius Alex. Wolff,
[97] der unter Goethe seine Weimarerschule durchgemacht hatte, von Brühl, der selber zu den Anhängern dieser Schule gehörte, offenbar bevorzugt. D. war im Gegensatz zu dieser idealisirenden Richtung mit Leib und Seele der realistischen Auffassung der Berliner Kunstgenossenschaft ergeben. Daß er nie in seinem Leben dazu kam, Rollen wie den Mephistopheles oden den Jago zu spielen, für welche seine dämonische Natur recht eigentlich geschaffen war, muß im Interesse der Kunst tief betrauert werden (selbst Richard JIII. wurde ihm erst1828 zugewiesen, als seine Kraft schon gebrochen war), auf der andern Seite darf zu Brühl’s Entschuldigung geltend gemacht werden, daß er oft besser als D. selber die Grenzen kannte, welche dessen Kunstschöpfungen gesteckt waren und das er darum ihn eher zurückhielt als vOrwärtsdrängte. Rollen, wie Don Carlos (im Clavigo) und Marinelli mißlangen ihm, trotzdem daß er sie begierig gesucht hatte. Wo es Q eines sichern Anstandes, einer seinen weltmännischen Tournure, eines schönen würdevollen Ebenmaßes oder der leichten Grazie bedurfte, da war Ludwig D. nicht an seinem Platze; auch die Rollen, welche einen Aufwand getragener und declamatorischer Rhetorik verlangten, standen ihm schlecht; seine Sphäre lag nicht auf der hellen Sonnenseite des Lebens, sondern in den düstern Regionen des Dämonischen oder da, wo unser Verstand mit den menschlichen Erscheinungen um uns herum und mit den Grillen des Zufalls einigermaßen in Conflict kommt: im Komischen. Leider ist die Zahl der leichten Productionen seines komischen Ta- Lentes bei weitem größer, als die, in welcher er seine ganze schöpferische Genialität beweisen konnte. Trotzdem waren selbst diese kleineren Rollen dem Leben wie „abgestohlen“. Seine Glanzschöpfung auf komischem Gebiet war wol Falstaff Csin Heinrich 1N?.), aber auch Philibert in „Der Stutzer“, der polnische Hausknecht im „V orlegeschloß“, Elias Krumm, der Koch Syrus in Terenzens „Brü- dern“ (welches Stück er durch seine Leistung der Bühne gewann), ja sogar Rochu;:8 Pumpernickel und Schneider Kakadu waren Lieblingsleistungen Devrient’s und übten durch ihre phänomenale Komik eine solche Wirkung selbst auf die Mitspielenden, daß diese vor Lachen nicht weiter spielen konnten. Die kleineren Rollen wurden freilich je länger je mehr für ihn eine Nothwendigkeit, weil für größere seine Kraft nicht mehr ausreichte; an ihnen hat er den Rest derselben abgenutzt und dadurch seinen eigenen Ruf überlebt. Als er im 1819 die Regie des Lustspiels übernahm, war er voller Feuereift-r, aber die völlig fehlerhafte Einrichtung der Intendantur, welche dem Regisseur keine Spur einer freien Bewegung und selbständigen Anordnung verstattete und dies ein unwürdiges Spiel mit ihm trieb, erfüllte ihn mit steigendem Unmuth und legte seine Thätigkeit völlig brach. Lieber im Weinhaus dem sprudelnden Genius nach eigenem Crmessen die Zügel schießen lassen, alä- auf den Brettern als willenlose Puppe am Drath eines übermüthigen Burt-au’s tanzen – so dachte und that während der Proben. Daß war, menschlich gefaßt, allerdings nicht eben gewissenhaft, aus seiner künstlerischen Seele heraus läßt es sich aber begreifen. Ueberhaupt steht sein Dasein als Künstler und seine Auffassung der Kunst in makelloser Reinheit da. Er kannte weder Prätention noch Gunstbuhlerei, „er spielte seine Rollen nicht, er lebte sie“, daß heißt mit anderen Worten, seine eigene Indivi– s dualität ging so vollständig auf in der Rolle, die er mit der ganzen Kraft seiner Seele erfaßt hatte, daß er sich selber Völlig vergaß. Daß ist die Art jener groß- artig angelegten Naturen, bei welchen eine begeisterte Intuition die kalte. Reflexion überwiegt. Vermöge der ersteren schaffen sie Gebilde, welche selbst daß innere Auge des Dichters in dieser lebensvollen Deutlichkeit nicht geschaut noch geahnt haben mag. Dies ist z. B. der Fall mit Devrient’s Franz Moor, seiner großartigsten Leistung; sein größter und genialster Nebenbuhler in dieser Sphäre ist Fleck. Beide durften sich im Beytrt;gß;xmä uf ihre ursprüngliche Naturkraft, 7. MIN 7
[98] auf ihr mit der Rolle congeniales Wesen in den gesteigerten Momenten ihres Schaffens der Inspiration überlassen; ihre Intuition war zu mächtig, als daß sie dabei straucheln konnten. Gerade diese persönliche Wahlverwandtschaft bedingt aber auch einen kleinen Kreis der darstellbaren Charaktere, und diesen Kreis werden gewöhnlich die dämonischen Naturen im weitesten Umfange und die humoristischen, besonders die an das Phantastische streifenden Figuren ausfüllen. Die reflectirende Kunst dagegen zieht diejenigen Bilder in ihre Sphäre, welche innerhalb der Grenzen des allgemein Menschlichen, des gewöhnlichen Lebens sichtbar sind; was diese Schranken überragt oder durchbricht, daß Ungeheuere, Gigantische und Phantastische – alles dessen bemächtigt sich eine gleichsam ebenbürtige mächtige Naturkraft; daß bewußte Thun tritt vor dem instinctiven zurück. Wenn aber ein solches Spiel leicht Gefahr läuft, die classisch ruhige Form zu sprengen, und im Vollgefühl der Kraft seine Mittel bis scharf an die Grenze der Uebertreibung zu steigern, so wußte D. gerade auf diesem Punkte jene selbe Kraft mit sicherem Griff zu zügeln; hier trat der wahre Künstlerverstand wieder in seine Rechte, denn L. D. war nicht bloes ein Naturgenie, sondern auch ein Künstler, im Verein beider liegt seine Größe.
Tieck im Phantasus und den Dramaturg. Blättern; Ed. Devrient, Ueber Theaterschulen; derselbe, Gesch. d. deutsch. Schauspielkunst (Bd. 7, 8 und 9 der ges. Werke. Leipzig 1848 und 1861); Funck, Erinnerungen aus dem Leben Iffland’s und L. Devrient’s, Leipzig 1838; R. Prutz, .Vorles. über die Gesch. des deutsch. Theaters. 1847; Gleich, Aus der Bühnenwelt. Leipzig 1866; Herm. Ulrici, L. Devrient als König Lear (im Shakespearesahrb. I1. 292); Heinrich Anschütz, Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken, S. 71 77. 163 ff. 185. :246. 259. 27:2 ff. 306. 34-7 ff. (Devrients Gastspiel in Wien im Nov. 1828). 413.
Emil D., des vorigen Neffe, geb. 4. Sept. 1803, † 6. Aug.187L, ward, wie seine älteren Brüder Karl und Eduard, ursprünglich dem Kaufmannesstand bestimmt, folgte aber bald den Brüdern an die Bühne. In Braunschweig unter trat er am Nov. 1821 zum e1ften Male auf und ward als Volontair für Schauspiel und Oper auf den Winter engagirt. Von dort ging er nach Bremen und 1823 nach Leipzig, wo er sich unter der einsichtigen Küstner schen Direction zur europäischen Berühmtheit aufzuschwingen begann. Jetzt entsagte er auch der Oper (nur einmal in Hamburg übernahm er später, 18KsO, noch eine Opernrolle in Auber’s Braut). 1825 mit Doris Böhler verheirathet, ging er mit dieser 1828 zu der in Magdeburg spielenden Gesellschaft Genaft’ßz, 1829 nach Hamburg und 1831 nach Dresden, wo er dauernd blieb. Von seiner Gattin, die als Schauspiel- und Opernsoubrette wegen ihrer Naturwahrheit und liebenswürdigen Laune sehr gefeiert ward, ließ er sich 1842 scheiden. Am 8. April 1856 feierte er in der Rolle des Posa sein 25jährigeß Jubiläum in Dresden und ward darauf unter Ernennung zum Ehrenmitgliede unter der Verpflichtung eines halbjährlichen Gastspiels in Dresden pensi–onirt. Erst am 1. Mai 1868 trat er in der Rolle des Tasso ganz von der Bühne zurück. Aber auch außerhalb Dresden setzte er bis dahin seine Gastspiele fort, welche stets und überall von den glänzendsten Erfolgen gekrönt waren. Devrient’s Hauptfach, welches er noch bis in sein vorgerücktes Alter mit dem Feuer erster Jugendlichkeit pflegte und für welches er durch Gestalt, Stimme und innere Anlage von der Natur in einem Maße ausgerüstet war, wie kaum je ein Darsteller, war daß des jugendlichen Liebhabers und Helden. Seine ganze Erscheinung war von einem poetischen Hauch umflossen, und wenn seine tiefen, sympathisch klingenden Brusttöne, gepaart mit einem edlen, in der Grazie wie im Affect maßvollen und durch echt künstlerische Zucht geleiteten Spiel, ihm wie aus tiefster innerlichst
[99] erregter Seele entquollen, so war, besonders in Rollen, welche seinem ganzen Wesen und seiner Neigung entsprachen, der Eindruck ein hinreißender. Er ist, wie dies sein Bruder Eduard richtig bezeichnet, „das Jugendideal des deutschen Theaters. Er hat sich, ehe er in Dresden seine Haupttriumphe feierte und als vollendeter Künstler sein Fach beherrschte, in manchen Städten (Braunschweig, Bremen, Leipzig, Magdeburg, Hamburg). und in den verschiedensten Rollen, sogar, durch seine Gattin namentlich dazu angetrieben, in Rollen derbkomischer Natur, auch als Sänger, wie sein Schwager Genast, und zwar als Bariton und Baß versucht. Um ein Virtuos in der eigentlichen Komik zu werden (worunter Rollen wie z. B. Volingbroke in Scribe’s „Glas Wasser“ nicht zu verstehen sind), dafür fehlte ihm die Sympathie für die realistische Kleinmalerei; aber auch für Rollen, welche die höchste Gluth einer verzehrenden Leidenschaft darzustellen haben, war ß seine künstlerische Natur, welche nur ungern durch solche vulcanische Ausbrüche die selbstgezogenen Linien poetischer Schönheit und maßvoller Zucht durchbrechen ließ, weniger geeignet. Im Innehalten dieser, wir möchten sagen, griechischen Schönheitslinie war er so gewissenhaft und keusch, daß er eine Menge sogenannter Effectstellen nicht bis zum Erlaubten ausnutzte, wie er denn nichts weniger als „auf den Effect“ spielte. Durch solche Eigenschaften, welche noch in ein besonderes Relief gehoben wurden durch eine makellose Reinheit und Lauterkeit der deutschen, d. h. dialektlosen Aussprache, brachte er es dazu, daß er in Rollen wie Tasso, Egmont, Orest (in Goethe’s Iphig.), Coriolan (von Shakespeare), Posa, Ferdinand (Cabale und Liebe), auch Fiesco, Leicester (in Maria Stuart), ja sogar in Hamlet, trotz John Kemble und Charles Kean, daß Höchste erreichte, was einem Schauspieler möglich ist und vollendete Kunsttypen aus ihnen schuf. Auch die Werke des sogenannten „jungen Deutschland“ brachte er durch seine Darstellungen zu Ehren. Häusliche Zerwürfnisse (mit seiner nachher von Von ihm geschiedenen Frau) vermochten die Flügel seines Geistes nicht für lange zu lähmen. Von den Eindrücken einer Pariser Reise frisch gekräftigt, betheiligte er sich zweimal an einem Gesammtgastspiel deutscher Schauspieler in London (1852 und 1853), wo er Hokund Publicum zu sonst nicht gewöhnlichen Beifallsbezeugungen begeisterte. Noch größer steht er aber vielleicht als echter Künstler da in seiner Selbstbeschränkung und Resignation, in welcher er seine eigene Person dem Ganzen unterordncte. So in dem durch Dingelstedt veranstalteten Gesammtgastspiel deutscher Schauspieler in München, wo er sich auch mit kleineren Rollen begnügte, um eine dramatische Gesammtwirkung zu ermöglichen. Emil ist für alle seine Kunstgenossen ein leuchtendes Beispiel nicht blos ruhmreichen künstlerischen Wirkenäs, sondern auch der echtesten, wahrsten Kunstgesinnung.
Vgl. Kneschke, C-mil Tevrient; Heinrich’ß Bühnenalmanach, 1857. S. S7 ff.; Entsch’ Bühnenalmanach, 1369. S. 161 ff. 1873. S. 111 ff. Karl August D, der älteste Bruder Emils und Eduards, geb. 5. April 1797 zu Berlin, is August 1872, war gleichfalls Vom Vater dem Handelsstand bestimmt, trat daher nach Absolvirung der Secunda im Grauen Kloster in daß Comptoir eines Berliner Großhändlers und übernahm, nachdem er 1815 den Krieg als Freiwilliger im 8. Husarenregimeut mitgemacht hatte, 1817 die Leitung der mercantilischen Geschäfte der chemischen Fabrikseins Oheims in Zwickau. Aber auch ihn zog die Bt-göisterung für die Kunst, namentlich die Bewunderung Iffland’s und seinsOheimes Ludwig zur Bühne. Letzterer Verschaffte ihm die Aufnahme an der Braunschweiger Bühne, welche damals unter Klingemann’s Leitung stand. Auch er, wie einst sein Oheim, erwarb sich mit dem Rudenz im Tell, seiner Debütrolle, am L8. Juli 1819 den ersten Beifall. Schon im December 1821 ward er für das Fach der ersten Liebhaber in Dresden X-ö
[100] engagirt. Wie geistig so war er auch körperlich mit den schönsten Mitteln auß- gestattet. Tieck (Krit. Schriften 1V.) urtheilte von seiner Begabung für die Tragödie, seinem natürlichen Sprechton, dem vollen reinen Ton des Gemüthes, auf das vortheilhafteste, warf ihm aber Mangel an f1eißiger Durchbildung der Rollen vor, mit denen er es auf etwas geniale Weise zu leicht zu nehmen liebe. Im J. 1823 hatte sich D. mit Wilhelmine Schröder (s. d. Artikel Schröder- Devrient) verheirathet, aber die Ehe war keine glückliche und ward 1828 wieder gelöst. Streitigkeiten um den Besitz der Kinder veranlaßten D., Dresden, wo inzwischen 1832 auch sein Bruder Emil engagirt war, am 1. April 1834 zu verlassen. Auf einer achtzehnmonatlichen Kunstreise studirte er darauf namentlich in Paris den Charakter des französischen Conversationslustspieles, dessen Leichtigkeit und Eleganz er sich bis zu hohem Grade anzueignen wußte. 1835 ward er in Karlsruhe und am 1. März 1839 in Hannover für das Fach der ersten gesetzten Helden engagirt. Damals als Hamlet, Posa, Egmont, Tell, Bolingbroke, Faust glänzend, trat er später zu den Väter- und Charakterrollen über, in denen er durch Schärfe der Charakteristik wie durch lebensvolles, frisches Colorit entzückte. Neben Odoardo, Oranien, Shylock gehörte Lear zu seinen glänzendsten Leistungen. Den Grundton seines Spieles bildete hohe Einfachheit, Wahrheit und Wärme; jeden äußerlichen Effect verschmähte er; daß Ganze dc-dJ “ Stückes stand ihm stets über dem Einzelnen und Persönlichen. Am 28. Juli 1869 war ihm vergönnt, noch in rüstiger Kraft und Frische sein 50jähriges– Jubiläum zu feiern.
Vgl. Entsch, Bühnenalmanach 1870. S. 81 ff. Mähly.
Friedrich Phil. der älteste Sohn Karls und der Schröder-Devrient, geb. zu Dresden 31. Jan. 1827, betrat 1845 die Bühne in Detmold, ausgestattet mit reichem Talent und großer Schönheit. 1847 kam er als erster jugendlicher Held nach Bremen und schon 1848 an das Hofburgtheater in Wien- Leider mußte er Schulden halber 1852 von dort flüchten, worauf er in Franksurt a. M., demnächst 1853 in Hannover und 1860 in Wiesbaden engagirt ward. Ueberall war er bald der Liebling des Publicums. 186.5 folgte er einem ehrenvollen Ruf an das Petersburger Hoftheater, erlag aber dort schon am 18. Nov. 1871 einem Leberleiden.
Vgl. Entsch, Bühnenalmanach 1873. S. 144 v„ L.
Dewerdeck: G ottfried T., schle-fischer Numismatiker, geb. L1. April 1C?i7sin Liegnitz, † 13. Nov. 1s26 als Pastor an der Frauenkirche und Assessor des Consistoriums ebendaselbst, wurde nach Beendigung seiner Studien in Leipzig, die er mit einer Reise durch Deutschland, Holland, England und Italien abschloß, Vom Liegnitzer Rathe 1700 zum Tiacon an der Frauenkirche gewählt und in Soran ordinirt, mußte aber auf Grund eines von den Jesuiten bei Hofe erwirkten Befehls sofort wieder entlassen werden, weil alle erledigten Aemter an Kirchen, deren Patronat dem Kaiser zustand, und über die Stadtkirchen nahm cr als Landesherr ein solches in Anspruch, grundsätzlich nicht wieder besetzt werden durften. Die evangelische Geistlichkeit sollte eben nach und nach aussterben. blieb in Liegnitz und lebte seinen Studien. Die Altranstädter Convention, welche den Evangelischen Schlesiens die ihnen weggenommenen Kirchen zurückgab, endete seine unfreiwillige Muße; er wurde als,Sbald zum Diacon an der Peter- Pa11lskirche berufen und erhielt 1716 das Pastorat an der Frauenkirche. Seine „8j18Sjs. 11umjsi1mtjOs- oder Einleitung zu dem schlesischen Münzcabinet“, J–auer 1711 in 4., mit 41 Kupfertafeln, auf eigene Kosten von ihm herausgegeben, ist für die Geschichte Schlesiens von hohem Werthe, leider aber ziemlich selten, da durch Sorglosigkeit der Hinterbliebenen Dewerdeck’s viele Exemplare zu Grunde gegangen, viele unvollständig geworden sind. Von seinen beiden Dissertationen
[101] „1)e 0j’ü(:j0 0jyjs O11ristis„11i erga prj11Ojp9m 1-ips. 1695 und „1)e 0kk10jo 1z1–jt1cj1)js 0111-jstjs,nj e1gA Ojy0m“„ l–jps. 1696 (von Rechenberg in seine Sammlung 1)isrt. 11jst0rjO0–1z01jrjc. y01. II. 1z. 751 S8. aufgenommen) ist die erste den Ständen des Fürstenthums Liegnitz gewidmet, welche ihm dafür ein Ehrengeschenk von 200 Thlrn. zuerkannten; die zweite aber hat mit der ihr angehängten These: 1J80tjs kunc18„1NS11tsijbus c1ujbus 1o1–j110jpjs p0tsms 1jmjtstur’ jmpsre1ru1o 11011 kit inljurjz„ ihm sicher in Wien keine Freunde gemacht. Außerdem hat er einige ascetische Schriften aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. 1-eusc:11119rj 81)j(:j1S8. R17. Ehrhardt, Presbyterol. 1s. 232. K Schimmelpfennig.
De Wette: Wilhelm Martin Leberecht D. W., ein protestantische! Theologe ersten Ranges, geb. zu Ulla bei Weimar 12. Jan. 1780, † 16. Juni 1843, der Sohn eines sächsischen Pfar1ers, bezog, vorgebildet seit 179:2 auf der Schule zu Buttstädt, seit 1796 auf dem Gymnasium zu Weimar, 1799 die Universität zu Jena, um sich dem Studium der Theologie zu widmen. Hatte er schon in Weimar Herder kennen gelernt, dessen äfthetisirende Theologie D. W. später in der Weise von Fries weiter bildete, so theilten ihm in Jena Griesbach und Pauluts jene kritische Richtung mit, in deren Verfolgung später seine glänzendsten Leistungen liegen sollten. Dieselben wurden in vielversprechender Weise eingeleitet durch die „Beiträge zur Einleitung in daß Alte Testament“ (2 Bde., 1806, 1807), welche im Zusammenhang mit einer ähnlichen, auf dem Boden der classischen Philologie, Alterthumswissenschaft und Mythologie zur Geltung kommenden Richtung den mythischen Schlüssel zur Erklärung der biblischen Geschichte in Anwendung brachten und neue Aufschlüsse über die allmähliche Entstehung und Composition des Pentateuchs und der Chronikbücher ertheiltenH Auch in ihrer durch die kritische Zersetzung hindurchgegangenen Gestalt blieben ihm übrigens die biblischen Bücher und Geschichten ein Heiligthum, das zu würdigen freilich nur demjenigen aufbeAhalten sei, welcher Sinn hat für „die Poesie der Geschichte“ oder die „ideal-symbolische Bedeutung der Wunder“, wie sich W. später gern ausdrückte. Solche Anschauungen und Bestrebungen schieden den jungen Gelehrten ebenso bestimmt von den herrschenden Schulen des Antirealismus und der Orthodoxit–, als sie ihn mit der von den Heidelbergern Creuzer und Daub vertretenen romantischen Richtung innerhalb der damaligen Gelehrtenrepublik in Berührung setzten. Seit 1807 ist er nicht nur Mitarbeiter der genannten Pro- Iessoren in den „Studien“, sondern auch ihr unmittelbarer College. Als Professor der Theologie veröffentlichte er seinen ,ommentar über die Psalmen“ (1811), welcher nachher noch viermal (zuletzt von G. Baur 1856) erschienen ist und, da er durch die kühne Kritik vermeintlicher mesfianischer Psalmen, durch Opposition gegen die davidischen Ueberschriften und überhaupt durch den kühlen Ton ausschließlich wissenschaftlicher Behandlung, den Frommen zum Anstoß gereichte, vom Verfasser selbst später mit einem Nachtrag „Ueber die erbauliche Erklärung der Psalmen“ (1837, Aufl. 1856) versehen wurde. Schon das Jahr 1810 führte den bereits ehrenvoll bekannt gewordenen Theologen an die neugestiftete Universität Berlin, wo er sich mit Schleiermacher in dem Bestreben begegnete, eine Theologie herbeizuführen, welche, über die Gegensätze und Gemeinplätze des Rationalismus und Supranaturalismus hinausgreifend, im Stande sei, den Anforderungen der Wissenschaft und des Glaubens in gleicher Weise zu genügen. Hier arbeitete er nicht blos sein „Lehrbuch der hebräisch-jüdischen Archäologie“ (1814, 4. Aufl. Von Räbiger) aus, sondern führte auch die im Verein mit Augusti begonnene, dann selbständig in die Hand genommene Uebersetzung des Alten Testamentes (18O9–11) zu Ende; ja er verließ bereits daß- kritische und exegetische Gebiet, um in seiner Abhandlung „1)(- mo1–t(r 21esu
[102] (J11rjstj 02cpjs„toris (1813, vgl. seine 0pus0u18„„ 1880) die orthodoxe Versöhnungslehre zu bekämpfen und Jesu Tod als ein Opfer im menschlich idealen Sinne darzustellen. Gleichzeitig erschien der erste Theil seines „Lehrbuches der christlichen Dogmatik“, welche die biblische Dogmatik enthielt (1813), und dem später ein zweiter, die kirchliche Dogmatik darstellender nachfolgte (1816, dritte Auß- s gabe beider Bände 1831–1840). Am bezeichnendsten für seinen theologischen Standpunkt ist übrigens die treff1ich geschriebene kleine Schrift „Ueber Religion und Theologie“ (1815, 2. Aufl. 1821), die als „Erläuterung zu seinem Lehrbuch der Dogmatik“ auftrat. Man sieht daraus, wie sein religionsphilosophischer Standpunkt sich durchweg unter dem Einflusse seines Heidelberger Freundes J. J. Fries festgestellt hatte. Diesem rühmt D. W. noch in seinem Nachrufe nach, von ihm habe er gelernt, wie die Religion im Gefühle liege und mit der Kunst verwandt sei. Ungenügend – werden wir, wie von Fries, so auch von D. W. belehrt – sei die Stufe der Erkenntniß des blos mechanischen Zusammenhangs der Dinge, weil dadurch daß Bewußtsein unserer Freiheit und unsereeJ5 ewigen Werthes nicht gedeckt erscheint. Sobald aber einmal die Objectivität der sinnlichen Wahrnehmung erschöpft ist, bleibt kein anderer Auß- gangspunkt für ein tiefer dringendes Erkennen mehr übrig als die im menschlichen Selbstbewußtsein sich verkündigenden sittlichen Aufgaben. Die Idee der Freiheit, unter der wir handeln, erzeugt mithin eine höher greifende Betrachtungsweise der Dinge aus Ideen, welche nicht von der sinnlichen Anschauung begleitet und nicht aus ihr entsprungen sind, wie umgekehrt auch der zeitliche Zusammenhang der Dinge aus ihnen nicht erklärt werden kann. Sie sind lediglich Gegenstände des Glaubenes, in der Religion auf ursprüngliche Weise wirksam, wahrzunehmen aber mit dem Gefühl. „In der Schönheit und Erhabenheit der Natur und des geistigen Menschenlebens tritt der religiösen Ahnung die Erscheinung des wahren Seins und des ewigen Zweckes der Dinge entgegen.“ Es ist mit einem Worte die ästhetische Welt, wie sie sich dem Gefühle- offenbart, auC3 deren Zusammenhang ’die Geheimnisse der Religion hier ihre Erklärung finden sollen, und nur dies unterscheidet W. Von Fries, daß jener im Gegensatze zu diesem an der Unentrathsamkeit einer begrifflich formulirten, öffentlichen Religionslehre festhielt. Dieselbe werde aber immer rein ästhetische Bestandtheile, Andeutungen des Ueberschwänglichen enthalten und in dieser Richtung an die Symbolik der Bau- und Bildwerke, der Dichtung und des Gefanges, der heiligen Feste und Gt-bräuche erinnern. Auch darin war D. W. je länger je inniger mit Schleiermacher verbunden, daß beide voll lebendigster Theilnahme am öffentlichen Leben den großen und gemeinsamen Interessen der Zeit nachgingen und an der sittlichen Hebung der Nation arbeiteten. In seiner Schrift „Die neue Kirche, oder Verstand und Glaube im Bunde“ (1815), besonders aber in den „Theologischen Aufsätzen zur christlichen Belehrung und Ermahnung“ (1819) hat D. W. den Begriff der „Sünde wider den heiligen Geist“ geradezu als Widerstreben gegen die besseren und guten Regungen des Zeitgeisteis bestimmt. Mochten schon solche Bemü- hungen nicht eben dazu beitragen, ihn in Regierungskreisen zu empfehlen, so führte sein Verhalten in der unglückseligen Angelegenheit Sand’s bald zu einer Katastrophe. D. W. hatte bei einer Reise durch daß Fichtelgebirge einst gastliche Aufnahme im Hause der Frau Justizräthin Sand in Wunsiedel gefunden und auch den Sohn flüchtig kennen gelernt. Ergriffen von dem Unglücke der Mutter richtete er am 31. März 1819 einen Brief an sie, worin er die That als eine „ungesetzliche“, ja „unsittliche und der sittlichen Gesetzgebung zuwiderlaufende“ bezeichnete, dagegen der Gesinnung des Thäteres gegen das verdammende Urtheil des „großen Haufens seine Anerkennung spendete und sogar be-
[103] kannte: „So wie die That geschehen ist durch diesen reinen und frommen Jüngling, mit diesem Glauben, mit dieser Zuversicht, ist sie ein schönes Zeichen der Zeit.“ Eine Abschrift dieses Briefes kam dem König zu Gesicht, der dem Verfasser durch den Minister v. Altenstein zu wissen thun ließ, daß hierdurch seine Stelle als3 öffentlicher Lehrer der Theologie und der christlichen Moral unhaltbar geworden sei. D. W. zwar war der Meinung, er sei über eine so vertraulich geschehene Aeußerung „nur Gott und seinem Gewissen verantwortlich“ ; selbst der akademische Senat legte Fürsprache ein. Umsonst! Am 2. Oct. 1819 erhielt er seine Entlassung, worin er sich, wie er dem König schrieb, mit dem Bewußtsein, „neun Jahre lang bei einem stillen, unbescholtenen Lebenswandel, mit red-. lich-em Willen daß ihm anvertraute Amt verwaltet zu haben“, fügte, indem er ß zugleich die ihm angebotene Geldentschädigung ablehnte. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß Theologen wie Schleiermacher, Hoßbach u. A. sich seiner mit persönlicher Gefahr angenommen haben, während Hegel, gegen dessen Berufung nach Berlin freilich D. W. einst protestirt hatte, das Einschreiten gegen ihn völlig in der Ordnung fand.
Der Gemaßregelte ließ sich nunmehr in Weimar nieder, beschäftigt nicht blos mit Schriftstellerei, sondern gelegentlich auch mit Predigten, was er bisher versäumt hatte. Eben war er im Begriff, eine Predigerstelle in Braunschweig zu erstreben, als ein Ruf an die theologische Facultät nach Basel an ihn erging. Er folgte diesem (1822) und blieb, trotz mehrfach sich eröffnender Möglichkeit, in sein Vaterland zurückzukehren, dieser seiner zweiten Heimath, wo ihm Kinder und Enkel heranwuchsen, treu bies zu seinem Leben-Sende. Als akademischer Lehrer wie als Kanzelredner erwarb er sich hier großes Ansehen und ungetheilte Achtung. Schon 1829 ward er in den Erziehungsrath gewählt und mit dem Bürgerrechte begabt. Angriffe wie der 1834 von dem orthodoxen Pfarrer De Valenti ausgegangene vermochten seine Stellung nicht zu erschüttern. Während er der Basler Missionsthätigkeit fern blieb, hat der Gustav-Adolfs Verein Eder „Protestantisch-kirchliche Hülfsverein“ der Schweiz) an ihm von Anfang an ein besonders wirkungskräftiges Organ gefunden. Im übrigen läßt sich nicht leugnen, daß die Basler Luft mit der Zeit ihren Einfluß geltend machte. Nicht bloß- in praktisch-kirchlichen Fragen wurde W. immer positiver und confer- Vativer, wie z. B. seine „Ausschließung des 1)r. Rupp von der Hauptversamm- Lung“ (1847) beweist, sondern auch seiner wissenschaftlichen Strenge entriß die allmählich sich verändernde Sachlage vielfache, wenngleich unbewußte Concessionen, so daß er, welcher der von D. F. Strauß im „-Leben Jesu“ geübten Kritik noch 1836 weit größere Zugeständnisse als irgend einer der namhafteren älteren Theologen gemacht hatte, sich doch mit der Zeit, seinem eigenen Ausdruck nach, aus den Reihen der „gefährlichen Stürmer“ zurückgedrängt sah in diejenigen der „conservativen Kämpfer“. Tieses Urtheil gilt selbst bezüglich derjenigen Werke, welche seinen Namen am längsten erhalten werden, des „Lehrbuchs der historisch–kritischen Einleitung in die Bibel Alten und Neuen Testaments, davon der alttestamentliche Theil schon 1817 (achte Ausgabe von Schrader 1869), der–neutestamentliche 1826 (sechste Ausgabe von Meßner und Lünemann 1860,t erschien. Während er den ersten dieser Theile selbst mit Recht für das gediegenste seiner Lehrbücher hält, wiewol auch hier seine Kritik gewöhnlich nicht über die Skepsis hinausführt, schwankt sein Urtheil im zweiten von einer Auflage zur andern hin und her, so daß dieses, den jeweiligen Stand der neutestamentlichen Wissenschaften in den dreißiger„ und vierziger Jahren treu darstellende Werk zum sprechenden Spiegel für die noch jugendlich unbeständige Kritik jener Periode geworden ist. Dem kritischen Zweifel wird durchweg seine Volle Berechtigung eingeräumt und
[104] versichert, dietm Kirche könne davon ni-chts befürchten, wenn der Kritiker völlig vorurtheilslos zu den Urkunden über ihren Ursprung sich verhalte. Aber eben deshalb fällt dieser Kritik mehr nur die formale Aufgabe zu, den Forschungstrieb „(rege zu erhalten; ihre Untersuchungen sind Uebungsstätten für den gelehrten H´scharfsinn der Theologen. Diese aber lehrte der Verfasser an seinem eigenen Beispiel, wie man bei aller kritischen Stimmung zuletzt doch in der Hauptsache bei solchen Ergebnissen anzulangen vermöge, welche den traditionellen Vorstellungen günstig entgegenkommen. Er nahm in Bezug auf den zweiten Thessalonicherbrief und im Grunde auch auf daß Johannes Evangelium seine eigenen Zweifel später wieder zurück; dagegen hielt er die Apokalypse allerdinges um so sicherer für unjohanneisch, den Epheserbrief und die Pastoralbriefe für unpaulinisch, die Petrusbriefe für unpetrinisch – lauter negative Urtheile, die seitens der neueren Wissenschaft glänzende Bestätigung empfangen haben. Schließ- lich haften solche mit unbestechlichem Wahrheitssinn festgehaltene Verneinungen aber doch immer nur an Einzelheiten und wirken nicht durchschlagend und nachhaltig. Selbständiges hat der Verfasser überhaupt nur bezüglich des Epheserbriefs ,und der Pastoralbriefe, am wenigsten dagegen bezüglich der Evangelienfrage geleistet. An diese seine neutestamentliche Einleitung reiht sich übrigens in würdigster Weise sein „Kurzgefaßtes exegetisches Handbuch zum Neuen Ttstament“ (3 Bde. in 11 Theilen, 1836–48, wovon seither einzelne Theile in dritter und vierter Auflage erschienen sind). Wie D. W. zwar nicht wirklich productiv. aber ein unerreichter Meister in der Verarbeitung eines gegebenen Stoffes War, so zeichnen sich diese Lehr- und Handbücher durch gedrängte Kürze und compendiarische Uebersichtlichkeit aufs vortheilhafteste aus. Sie sind geradezu sprüchwörtlich dafür gewo-rden: Leidet auch daß exegetische Werk in seinen ersten Ausgaben an erheblichen Mängeln, wie denn der Standpunkt der EVangelienkritik ein völlig haltloser ist, aber selbst der Römerbrief sich nur allmählich vervollkommnete, so darf es sich doch selbst seitens eines F. Ch. Baur des anerkennenden Lobes erfreuen: „Man kann sich mit Hülfe desselben überall im Neuen Testament sehr leicht orientiren. Es gibt eine Zusammenstellung aller erheblichen Erklärungen mit einem Urtheil, daß von einem sehr richtigen exegetischen Takt, gründlicher Sprachkenntniß und unbefangener Schriftforschung zeugt.“ (Geschichte der christlichen Kirche, f. S. 418.)
Nächft seinen biblisch-kritischen Arbeiten galt De Wette’s Vorliebe dem Gebiete der Sittenlehre, wie denn die innige Verknüpfung des wissenschaftlichen Factors mit dem praktisch-ethischen überhaupt zu den ihn am meisten bezeichnenden Zügen gehört. Er hat die Ethik nicht weniger als dreimal behandelt, noch in Berlin als „Christliche Sittenlehre“ (3 Bde. 1819–21), in Basel als vor einem gemischten Publicum gehaltene „Vorlesungen über die Sittenlehre“ (2 Bde., 1813 u. 1824), endlich als „Lt–hrbuch der christlichen Sittenleh1te“ (1838). In der That hat er auf diesem Gebiete, indem er die casualistische Methode der Zeit durch einen systematischen Aufbau der Moral auf dem Grunde einer dem Glauben entsprungenen christlichen Gesinnung überwand, bleibendere Erfolge erzielt, als auf demjenigen der Glaubenslehre, wo seine Unterscheidung der verständigen und der ästhetischen Ansicht von den Dogmen der Lehre von einer doppelten Wahrheit ziemlich ähnlich sah und in das religiöse Bewußtsein einen Dualismus verpflauzte, welchem es an der vermittelnden Einheit gebrach (vgl. Baur, S. 216). Den pantheistisch-mystischen Zug Schleiermacher’s theilte er nicht, wie er auch Schelling’s und Hegel’s speculative Religionstheorien entschieden verwarf. Mystik und Speculation sind seine Sache nicht. Gleichwol hat er auch dogmatische Stoffe immer wieder in neue Formen umgegossen, wie seine „Vorlesungen über Religion, ihr Wesen, ihre Erscheinungsformen und ihren
[105] Einfluß“ (1827) und sein „Wesen des christlichen Glaubens“ 1846) beweisen. Selbst zur praktischen Anwendung der Resultate der biblischen Wissenschaften hat D. W. reichliche Anleitung gegeben, in Beziehung auf allgemeine Andachtszwecke in dem Werke „Die heilige Schrift des neuen Bundes (1825–28), in Beziehung auf Katechetik in der „Biblischen Geschichte als Geschichte der Offenbarung Gottes (1846), in Beziehung auf Homiletik in seinen „Predigten“ (4 Sammlungen, 1825–29, neue Ausg. 18:33, 46 und 59, wozu noch ein Nachtrag 1849). Am nachhaltigsten aber hat er für Verbreitung biblischen Wissens gewirkt durch seine seit 1831 herausgegebene ,-Heilige Schrift des Alten und Neuen Testamentes (4. Aufl. 1858) – eine Bibelübersetzung, welche lange Zeit über in protestantischen gebildeten Kreisen nächst der lutherischen die gelesenstc war. Dem Studium der Reformationsepoche war D. W. schon in einem, vom “ „Reformationsalmanach“ für 1820 gebrachten Aufsatz „Ueber den sittlichen Geist der Reformation“ nahegetreten; in Weimar hat er dann den Stoff gesammelt zu seiner werthvollen Sammlung „Luther’s Briefe, Sendschreiben und Bedenken“ (5 Bde., 1825–28. Bd. 6 von Seidemann, 1856). Aber selbst das Gebiet künstlerischer Darstellung ist ihm nicht fremd geblieben, wie seine romanartigen zu ihrer Zeit viel gelesenen Werke beweisen: „Theodor oder des Zweiflers Weihe“ (1822, 2. Aufl. 1828 – wogegen Tholuck 1823 die „Wahre Weihe des Zweiflers schrieb) und „Heinrich Melchthal oder Bildung und Gemeingeist“ (1829). Nachdem er einen Winter in Rom verbracht hatte, schrieb er noch als hoher Sechziger seine „Gedanken über Malerei und Baukunft“ (1846). Erwägt man noch die zahlreichen kleineren Veröffentlichungen, besonders auch in den von ihm herausgegebenen Zeitschriften – zuerst der „Theologischen Zeitschrift“, in Gemeinschaft mit Schleiermacher und Lücke, dann der „wissenschaftlichen Zeitschrift“, in Gemeinschaft mit Vasler Professoren – so kann man den gänzlich unermüdlichen und so Vieleß umfassenden Fleiß des treuen Arbeiters, der dabei ein edler Mensch von reinstem sittlichem Streben war, nur bewundern, wehmüthig zugleich aber auch des letzten Bekenntnisses gedenken, in welchem sich ein gewisses Gefühl des Unbefriedigten selbst einem so rübmlichen Tagewerk gegenüber kund gibt:
Ich fiel in eine wirre Zeit,
Die Glaubenseintracht war vernichtet.
Ich mischte mich mit in den Streit, I
Und ach – ich hab’ ihn nicht geschlichtet.
Vgl. Schenkel, De Wette und die Bedeutung seiner Theologie für unsere Zeit, Schaffhausen 1849. Hagenbach, Leichenrede, 1849. Akademische Gedächtnißrede, 1850. Die theologische Schule Basels und ihre Lehrer, Basel 1860. Herzog’s Real-Encyklo pädie, JLR’111- S. 61 ff.
Holtzmann.
Dewits: Joachim Balthasar v. D., brandenbu rgischer Generallieutenant, geb. den L5. Febr. 1636 auf dem väterlichen Gute Hoffelde bei Regenwalde in Hinterpommern, war Page am Hofe des Herzogs Christian von Sachsen- Merfeburg, trat dann in brandenburgische Dienste in dem Cavallerieregiment dess Generalmajors v. Quast, und machte als Rittmeister 1672 den Krieg des großen Kurfürsten gegen Ludwig 1l?. Von Frankreich zum Schutze Hollands mit. 1675 focht er bei Rathenow und Fehrbellin und zeichnete sich in dieser Schlacht so aus, daß er noch während derselben zum Oberstlieutenant ernannt wurde. Nachdem der Regimentsoberst v. Mörner gefallen und der Oberstlieutenant V. Treffenfeld verwundet war, hatte D daß Commando übernommen und zwei feindliche Regimenter nebst drei Schwadronen Finnländer über den Haufen geritten. Im April 1679 zum Oberst des Leibregiments befördert, stand er 1684 an der
[106] Spitze der brandenburgischen Truppen, welche zur Ausführung der über Mecklenburg ausgesprochenen Kreisexecution das Land besetzten. 1689 wurde er Generalmajor und war 1698 Generallieutenant, wurde auch im letzteren Jahr zum Commandanten von Colberg ernannt, doch blieb er bis zum Frieden von Ryswijk 1697 bei der Armee. Er starb den 9. April 1699 zu Colberg, nachdem er drei Mal vermählt war: 1666 mit Anna Hedwig v Mörner († 1672), 1677 mit Margaretha Dorothea v. Dewitz (f 1692) und 1694 mit Louise v. Derfflinger, Tochter des berühmten Feldmarschalls, durch deren bedeutendes Vermögen er in den Stand gesetzt wurde, einen großen Theil der Dewitz’schen Familiengüter wieder zu erwerben. Auch vermachte sie nach ihrem Tode ansehnliche Capitalien zu milden Zwecken für Dewitz’sche Unterthanen. Wegner, Familiengeschichte der v. Dewitz 1. S. 309. v. Bülow.
Dewits: Jobst v. D., geb. 1491, † 20. Febr. 1542 zu Wolgast und daselbst in der fürstlichen Gruft beigesetzt, genoß eine gelehrte Erziehung in Italien und kam schon als Jüngling an den pommerschen Hof, wenn auch seine staatsmännische Thätigkeit daselbst erst nach dem Tode Herzogs Bogislav beginnt. Im J. 1532 wurde er Schloßhauptmann zu Wolgast, war des jüngern Herzogs Philipp 1. Von Wolgast Beistand bei der Erbtheilung mit dem Oheim Herzog Barnim )(1., und blieb von da an sein erster Rath und Leiter der inneren und äußeren Angelegenheiten des Landes, wobei er einen klaren, scharfen Verstand, große staatsmännische Klugheit und einen praktischen Blick zeigte. An der Einführung der neuen Lehre in Pommern hatte–er wesentlichen Antheil, hatte 1524 Luther in Wittenberg selbst kennen gelernt und wirkte auf den Landtagen unermüdlich dahin, daß endlich auch der widerstrebende Adel des Landes sich fügte. An der K–irchenvisitation und Einziehung der pommerschen Klöster war er persönlich mitbetheiligt. Im J. 1535 begab er sich im Auftrage beider Herzoge von Pommern, Barnim R1. und Philipp 1., zum Kurfürsten von Sachsen, um ihre Aufnahme in den schmalkaldischen Bund nachzusuchen, zugleich aber die Vermählung Herzogs Philipp mit Maria, Tochter des Kurfürsten zu vermitteln. – Jobst v. D. war vermählt mit Ottilie v. Arnim a. d. H. Gerswalde, von der er einen Sohn Bernd und zwei Töchter hatte, und welche er am 29. Juli 1538 zu Wolgast für ihr Eingebrachtes mit dem Wohnhause zu Daber, mehreren Liegenschaften und reichem Schmuck beleibgedingte. Sie f den 25. Juni 1576 zu Daber, ihr Grabstein in der Stadtkirche daselbst zeigt neben dem ihrigen auch daß Bild ihres Gemahls in schön ausgeführter Reliefarbeit. – Alle pommBrschen Geschichtschreiber stimmen in dem Lobe überein, welches sie Jobst v. D. zollen. Außer seinen staatsmännischen Tugenden zierten ihn tiefe Frömmigkeit, Aufrichtigkeit und Demuth, neben einer sehr gediegenen wissenschaftlichen Bildung und gründlichen Gelehrsamkeit.
Wegner, Familiengeschichte der v. Dewitz 1. S. 217. Urk. des königl. Staatsarchives zu Stettin. v. Bülow.
Dewora: Victor Joseph D., Domcapitular, Dompfarrer und Stadtdechant zu Trier, geb. 21. Juni 1774 zu Hadamar, –i“ 3. März 1837, empfing seine erste Bildung von einem Onkel, dem Exjefuiten Franz Clar, studirte in Coblenz und Trier, später noch in Mainz und Würzburg. Am letzteren Orte hörte er die Vorlesungen der Professoren Wiesner, Oberthür, Onymus und Feder und wurde unter den Regenten Leibes und Zirkel im bischöflichen Seminare zur Seelsorge vorgeübt. Letztere Studien setzte D. im Priesterseminare zu Fulda fort und wurde daselbst am 3. Sept. 1797 vom Fürstbischof AdalbertIII. zum Priester geweiht. Er arbeitete hiernach als Gehülfe zunächst in Frickhofen bei Hadamar, dann zu St. Goarshausen am Rhein, später zu Perl im Regierungsbezirke Trier, und zuletzt in der Vorstadt St. Matthias von Trier, wo er
[107] .1808 vom Bischof Mannay zum Pfarrer ernannt wurde. Im trier’schen Departement befand sich damals keinerleiBildungsanstalt für angehende Schullehrer, weshalb D. im Herbste 1810 in seinem geräumigen Pfarrhause eine Menge religis gesinnter, braver Jünglinge und Männer um sich versammelte, um sie durch Belehrung und Uebung für ihren Beruf vorzubereiten oder tauglicher zu machen. Seine fruchtreichen Bemühungen fanden bald große Theilnahme und auch Unterstützung der damaligen französischen, sowie späterhin der preußischen Regierung. Bei rastlosem Eifer, welcher auch nicht ermüdete, wenn täglich acht bis zehn Stunden zu geben waren, gelang es ihm, von 1810–24 etwa 700 Lehrer auszubilden und zu vervollkommnen, welche sich durch Geschick und Verufstreue auszeichneten. Die Theilnahme des Publicums und der Behörden erhielt außerdem durch öffentliche Prüfungen wach, von welcher die erste 1811 - abgehalten wurde und sich des Beifalleis aller Anwesenden, insbesondere auch des Präfecten des Departements erfreute. Von dieser Zeit ab erhielt er eine jährliche Unterstützung von 1500 Franes und außerdem noch 300 Franes für Brennmaterial, Lehrapparate etc. und konnte sich einige Gehülfen halten. Im J. 1813 wurde der Unterricht jedoch unterbrochen, da nach der Schlacht von Hanau daß Pfarrhaus längere Zeit mit kranken und sterbenden Soldaten angefüllt war und als Nebenlazareth benutzt wurde. Im J. 1815 konnte D. seine liebgewordene Thätigkeit erst wieder aufnehmen. So war D. zugleich Gründer eines Lehrerseminars, welches unter der Regierung Friedrich Wilhelms III. zur königlichen Anstalt erhoben wurde. Mit D. arbeiteten unter anderen Stieldorf und Muhl an der Anstalt, welcher Pestalozzi’s Geist und Methode nicht fremd blieben. – Als im 1824 das trier’sche Domcapitel neu organisirt wurde, erhieltein Canonicat und wurde zugleich vom damaligen Bischofe v. Hommer zum Domprediger und bischöf1ichen Rath bestellt. Diese Aemter bekleidete er mit unermüdeter Treue bis zu seinem allgemein beklagten Tode. Daß Seminar zu St. Matthias bestand nach Dewora’s Abgange noch etwa 10 Jahre und wurde alsdann vom Minister v. Altenstein nach Brühl verlegt. Dewora’s Name war in ganz Deutschland hoch geachtet und seine theologischen und pädagogischen Schriften, deren Zahl sich über 50 erstreckt, fanden Vielen Beifall und große Verbreitung. Unter letzteren nennen wir: eine „Anleitung zur Rechenkunst“ H4. Aufl. 1821), eine „Abhandlung über Lehre und Strafe in der Schule“ (1821), eine „Fibel in zwei Cursen“ (1819), ein „Hülfsbuch zu Begriffeserklä- rungen in Elementarschulen“ (1820), ein „Büchlein über gleich- und ähnlich lautende Wörter“ (1817), „Tugendblüthen, ein Lesebuch für kleine Mädchen“ Csi883) und „Die Macht des Gewissens in Erzählungen für die Jugend“ (1833). Kellner.
Deycks: Ferdinand D., Philolog und Aesthetiker, geb. am L2. Novbr. 1802 zu Burg im Herzogthum Berg, † am 18. Decbr. 1367. Vorgebildet auf dem Gymnasium zu Düsseldorf, wo er so glücklich war, in den Familienkreis der Familie Jacobi in dem benachbarten Pempelfort eingeführt zu werden, bezog D. 1820 die frisch aufblühende Universität zu Bonn, wo er unter Brandis, Heinrich, Naeke, Niebuhr, Welcker Philologie studirtc, aber auch jede Gelegenheit benutzte, um sich eine allgemeine Bildung, von der seine vielseitigen Schriften ein so rühmliches Zeugniß ablegen, zu erwerben. Von Bonn begab er sich 1823 Hnach Berlin, wo er 1824 seineuniversitättzstudien unter der Leitung von Fr. A. Wolf, Boeckh, Schleiermacher u. A. vollendete. An den Rhein zurückgekehrt, erwarb er sich 1827 in Bonn durch die Abhandlung -„1)es I1egs„1–jc0rum c1o0rrins. Sjusq11e 8„1Juc1 1?rtt011em St .–11–jstoto18m yestjgjjs die philosophische Doctorwürde. Bald darauf begann er seine Lehrthätigkeit als Collaborator am Gymnasium zu Düsseldorf, wo durch den Umgang mit den Meistern der dortigen Malerakademie
[108] und mit dem Dichter Immermann seine schwärmerische Liebe für Kunst und. Poesie mächtig geweckt und gefördert wurde. 1828 erhielt er einen Ruf an das Gymnasium zu Coblenz, wo er bis zum J. 1842, zuletzt als Oberlehrer und Professor, segensreich wirkte. Hier begründete er auch seinen schriftstellerischen Ruf außer mehreren Programmen („1?19ct011js c1e 8„njmO1–um mjgrs„tj011S c1oOt.rj118 1834„ „1)6 .4ntjst11811js00rAtjOj Vita St c100rrj11et 1841) durch seine Schrift über „Goethe’sFaust“, 1834 und durch seine treffliche, mit einer gehalt vollen Vorrede ausgestattete „Auswahl deutscher Gedichte des 17., 18. und 19. Jahrhundertis, 1836, 3. Aufl. 1853. Im Herbste 1842 unternahm er eine Reise nach dem Lande seiner Sehnsucht, nach Italien und Sicilien, von wo zurückgekehrt er 1843 zum Professor an der Akademie in Münster ernannt wurde, in welcher Stellung er bis zu seinem Tode mit der –treuesten Hingebung wirkte und besonders als Leiter des philologischen Seminars sich große Verdienste erwarb. Auch als Schriftsteller entwickelte D. in Münster eine große Thätigkeit. In diese Zeit fallen eine neue, stark vermehrte und verbesserte Ausgabe seiner Schrift über Goethe’s Faust, 1855, die schöne Schrift „Fr. Heinr. Jacobi im Verhältniß zu seinen Zeitgenossen, besonders zu Goethe“, 1848, die historischlitterarische Abhandlung über ältere Pilgerfahrten nach Jerusalem, mit besonderer Rücksicht auf Ludolfs von Suchem Reisebuch des heil. Landes, 1848, der eine Ausgabe des Ludolf 1851 in den Publicationen des litterarischen Vereines folgte; ferner zahlreiche akademische Programme, besonders archäologischen, epigraphischen und litterarhistorischen Inhalts und viele Aufsätze über römische Reste am Rhein in den Jahrbüchern des Vereins von Alterthümern im Rheinlande. Alle Schriften De1)cks’ verrathen, abgesehen von ihrem wissenschaftlichen Gehalte, einen lebhaften Geist, seinen Kunstsinn und ein tiefes, für alles Edle und Schöne hochbegeistertes Gemüth.
E. Raßmann, Nachrichten von dem Leben und den Schriften Münsterländischer Schriftsteller im 18. und 19. Jahrh., Münster 1866. ICen101–jez k’sic1j118„11(1j l)SIs01asjj. 8er. k’r.st11O. Wj11jen–81;j- Münster 1868. Professor 1)r. Deycks, ein Nachruf, Münster, den 8. April 1868.
Deuling: Salomo D., geb. am 14. Sept. 1677 zu Weida im Voigtlande, besuchte zuerst die Schule in Lengefeld, wohin sein Vater, ein Bierbrauer, verzog, dann, von einem benachbarten Pfarrer weiter ausgebildet, das Gymnasium zu Zwickau. Er studirte seit 1697 zu Wittenberg anfänglich Medicin, dann Theologie und ward 1699 Magister. Nachdem er einige Zeit Hauslehrer in Schlesien gewesen war, habilitirte er sich zu Wittenberg mit einer Disputation „1)e k1Stu 8ups1s M181n111u2 in welcher er die bekannte Stelle Czech. Z, 14 unter Berücksichtigung der rabbinischen Commentare erläuterte (dieselbe ist abgedruckt in s. „0bsS1syAtj01198 SzO1–8S“. T. III? zur Sache vgl. Creuzer, Symbolik 1l, 417 und Movers, Phönicien, Bd.1, S. 195 ff., 210). 1704 ward er Archidiaconus zu Plauen, 1707 1.j(:S11t. r11SO1.- 1708 Pastor und Superintendent zu Pegau, 1710 l)r. r11SO1.„ 1716 Generalsuperintendent zu Eißleben, 1720 Pastor zu St. Nicolai in Leipzig, dann Superintendent und Domherr zu Zeitz und Meißen. Er starb am 5. Aug. 1755 (die Zahl 1766 in Meusel’s Lex. Bd. II, S. 344 ist ein Druckfehler, wie aus dem von ihm selbst angeführten Wj111(1e-1sj sis(t– gremims .-FO:-1.(l. I.j1J8. j11 0bjtum 8. 1)9Isiingjj„ l4jps. 1755„ erhellt. Vgl. außerdem Adelung Bd. II, S. 633 ff. u. Ersch und Gruber, Encykl. 1, 24, S. 394). – von seinen zahlreichen Schriften, deren ausführliche Verzeichnisse man bei Adelung und Meusel a. a. findet und zu denen noch viele Abhandlungen in den „.40tCt 91suc1jo0rum“ hinzukommen, sind zunächst hervorzuheben die „0bs91s– m.ti01198 Smz1–9.9 P. 1. 1708, 2. S(1. 1720, dann 1735. 1J. II. 1711. 17:20. 1735. 1?. III. 171s. 1720. 1735. 19. 1s. 1736. 1?. R’. 1748 (s. den auß-
[109] sührlichen Titel bei Meusel a. a. O. S. 846). Es sind Abhandlungen über sehr verschiedene Themata, die aber alle der Kritik und Exegese des Alten und Neuen Testaments angehören und in Bezug auf die Geschichte der Auslegung und der Kritik nach dem Standpunkte der damaligen Zeit wegen ihrer Vollständigkeit und Sorgfalt zu loben sind. Der Standpunkt ist der des lutherischen Dogma und die Tendenz polemisch und apologetisch. Namentlich werden Spinoza, Peyrerius, Clericus, Simon heftig bekämpft. So wird z. V. gegen dieselben der übernatürliche Charakter der Prophetie (1, 1), die mosaische Abfassung des ganzen Pentateuch (1, 2), die Deutung von ds7r als „schaffen aus Nichts (1, Z) erwiesen. Dabei kommen mancherlei rabbinisirende Seltsamkeiten zum Vorschein: z. B. die Füße der IsSraeliten wurden durch die göttliche Vorfehung bei der Wüftenwanderung vor dem Anschwellen bewahrt (ll, 17), die Schönheit s der 90jährigen Sarah erklärt sich aus dem Verhältniß zum Altersmaß der damaligen Zeit, war außerdem auch nicht der Grund, weshalb Abimelech sie zur Frau wünschte, derselbe fühlte sich vielmehr durch ihre Frömmigkeit angezogen (l, 11), die Thiere wurden dem Adam vorgeführt, um durch ihre Erscheinung in Paaren in diesem daß Verlangen nach einer Gattin zu erregen, außerdem sollte Adam bei der Namengebung eine Probe seiner 8et1Jjentjs t (1insj11z ablegen (1, 4), Melchisedek kann nicht Sem sein, da der Ausdruck Hebr. 7, 2 ö-7soks(0S darauf deutet, daß er keinen Stammvater aus der heiligen Linie hatte (ll, 5), die Erscheinung (1. Sam. 28, 13 ff.) war nicht die des wirklichen Samuel, denn der Leib desselben lag zu Rama und die Seele war bei Gott, sondern eine mit Hülfe des Teufels bewirkte Gespenftererscheinung (1l, 18). – Während einerseits streng am Buchstaben festhält, also z. V. ein wirkliches Stehenbleiben der Sonne und des Mondes in Josua 10, 13 von ihm angenommen wird (l, 19), finden sich andererseits auffallende Zugeständnisse an die natürliche Betrachtungsweise: z. die Viet Jahreszeiten (Gen. 8, 22s) sind nicht aus einer Veränderung der Natur hervorgegangen, sondern schon eine ursprüngliche Einrichtung der Schöpfung [–nach Gen. 1, 14] (1, 7), der Regenbogen ist nicht erst durch die Sintflut!) geschaffen, sondern hat hier nur die Bestimmung eines Bundeszt–ichentz erhalten (1, Z) u. dgl. – Man kann nicht in Abrede stellen, daß dadurch seine Geltung in kritischen Fragen etwas unsicher wird. – Sein bedeutendstes Werk waren seine: „1118tjrutj011es p1–u(1e:1tjets psst01–81js SJ; zxsmj11js k011t jbus 118„ustete ezt misjjs 01D8S1sy8„tjO11jbus A0 c1u.9tstj011um esi10c1erOj011jbus j11ustre1ts9“ 1734- :3. Aufl. Von Küstner (einem Rechtsgelehrten) 1768. Diese Pastoraltheologie übertraf alle früheren derartigen Arbeiten an Vollständigkeit des Materialts. In einer Art Einleitung (Protheorie’) trägt er die allgemeine Lehre vom kirchlichen Amte vor und handelt dann in vier Haupttheilen von dem, was vor dem Eintritt in daß geistliche Amt, was bei dem Eintritt in dasselbe zu beobachten ist, von der Verwaltung des geistlichen Amtes selbst und von dem, was bei dem Austritt aus demselben zu beobachten ist: alles mit gediegener biblischer Vegründung und reicher kirchengeschichtlicher Erläuterung versehen. Der Grundbegriff, auf dem das Ganze beruht, ist ihm der der Klugheit im Sinne von Matth. 10, 1S. Vgl. übrigens Stäudlin in Eichhorn, Gesch. der sitt. Bd. VI, Abth. 2, S. 697 ff. Moll, Syst. der prakt. Theol. S. 23. – Nicht ohne Verdienst um Geschichte und Definition der Hermeneutik ist endlich seine „1)jser– t–8„tj0 (10 80rj1Jtur8e 1´s0ts j11ter1Jr9t.z11c181e rs„t.j011S et- k;Usjs I.j1Is. 1721., Vgl. L. Bauer, Hermen. 5. S. 8. Siegfried.
Dha1m: Leopold Joseph Graf v. D. (Daun), Fürst von Thiano,
Herr zu Colloborn, Sachsenheim und Niederwalsee, österreichischer Feldmarschall. Geb. zu Wien den 24. Sept. 1705, f ebendaselbst den 5. Febr. H 1766. In den Annalen der österreichischen Kriegsgeschichte erscheint der Name
[110] des alten Geschlechtes der D. – zwischen der Eifel und Mosel lag ihre Stammburg schon im Beginne des. Jahrhunderts – oftmals und stets mit Ehren, unter allen aber steht Leopold D. obenan. Er ist der Sohn des Grafen Wirich (s. d.) und der Gräfin Marie Herberstein. Wie Montecucoli und Prinz Eugen war auch er zum geistlichen Stande bestimmt, da aber seine besondere Neigung zum Kriegsdienste immer mehr hervortrat, ließ ihn sein Vater in deri Malteserorden aufnehmen – welchen er jedoch 1745 wieder verließ – und unterrichtete ihn selbst in allen militärischen Fächern. Genügend herangebildet, trat er in daß Regiment seines Vaters und eröffnete seine kriegerische Laufbahn in dem Feldzuge von 1718 in Siciljen. Die Unternehmungen in Italien und am Rheine von 1734–35, bei welchen wir ihn schon als Oberst finden, machten ihn zum vollendeten Soldaten und in dem folgenden Kriege gegen die Türken 1737–39 kommt er schon als Mann von Bedeutung vor. In der Schlacht bei Krotzka war D. unter den verwundeten, aber auch unter den auä-gezeichneten Generalen, zu welcher Würde er 1737 erhoben worden war. Im österreichischen Erbfolgekriege ist er schon Feldmarschall–Lieutenant und hier zeichnete er sich zuerst durch die überaus kluge Deckung jenes Theiles von Schlesien aus, welchen die verlorene Schlacht von Mollwitz noch übrig gelassen hatte. Er focht die Schlacht von Czaslau mit, half die Franzosen aus Böhmen treiben und den Rest ihrer Armee in Prag einschließen. Bei dem siegreichen Zuge Khevenhüller’ss nach Baiern führte D. die Avantgarde und zeichnete sich mit derselben ganz besonders in dem Treffen von Braunau aus, auch nahm er ungeachtet der angelegten starken Verschanzungen und des hartnäckigen Widerstandes der Franzosen Dingelfing und Landau mit Sturm. Auch der Nachfolger Khevenhüller’ts, Feldmarschall Traun, verwendete bei den bedeutendsten Unternehmungen des Feldzuges von 1744, und als die Armee durch Friedrichs II. Einfall in Böhmen gezwungen war, vom Rhein dahin zu eilen, führte D. die Nachhut, mit welcher er die Franzosen, als sie es einmal wagten, dieselbe bei Ludwigsburg anzugreifen, sofort energisch zurückschlug. In den nun folgenden Schlachten von Hohenfriedberg und Soor commandirte D. den linken Flügel der kaiserlichen Armee und kämpfte mit solchem Muthe, daß er noch 1745 zum Feldzeugmeister ernannt wurde. In dieser Eigenschaft ging er nach Abschluß des Dresdener Friedens nac’h den Niederlanden, und obschon die beiden Feldzüge hier von 174ez–47 unglücklich für die Alliirten ausfielen, so hatte doch Gelegenheit zur Auszeichnung gefunden, wie er denn z. B. bei Lawfeld die auf dem linken Flügel bedrängtesn Engländer und Hannoveraner thätig unterstützte. Wenngleich Oesterreich nach dem Ende deck- österreichischen Erbfolgekrieges einige Einbuße an Land zu erleiden hatte, so war es dadurch und durch die Verluste des Krieges an Menschen keineswegs so erschöpft, als ein acht Jahre lang, gegen so viele Feinde geführter Kampf voraussetzen lassen sollte, im Gegentheile, es stand am Ende desselben kräftiger da, als am Beginn. Eine mächtige Lebenskraft hatte sich in allen Theilen der Monarchie entwickelt und Maria Theresia säumte nicht, dieselbe sofort bei beginnender Ruhe zur Ausführung der wichtigsten inneren Staatseinrichtungen zu benutzen. Insbesondere trachtete sie, durch umfassende militärische Anstalten und Verbesserungen die Mann-Izahl und Stärke in der Armee so viel als möglich zu erhöhen. Niemand hatte zu diesem Zwecke mehr inneren Beruf als D. und glücklicher Weise gab ihm daß Zutrauen seiner Mon–archin auch die Gelegenheit, denselben nach allen Richtungen hin zu entfalten. Es gelang ihm, die Armee nicht nur in Zahl und Material, sondern auch in Zucht und Disciplin, und mit dieser in ihrem inneren Werthe so erfolgreich zu heben, daß Friedrich II. sich wol zu jenem bekannten Autsrufe der Enttänf:hung in der Schlacht bei Lobositz hinreißen lassen durfte: „Das sind nicht
[111] mehr die alten Oesterreicher.“ Doch nicht blos die schon vorhandenen Talente in ihren Wirkungskreis zu bringen, sondern auch jenen der künftigen Generation den Weg zur wissenschafJlichen Bildung zu eröffnen war D. bedacht, und in diesem Geiste hatte er Maria Theresien auch die Errichtung des Cadettenhauses (späteren Militärakademie) zu Wiener-Neustadt vorgeschlagen, zu deren Director sie ihn auch ernannte. Gleichzeitig erhob ihn die Kaiserin zum Stadtcommandanten von Wien, zum Ritter des goldenen Vließes und 1754 endlich zum Feldmarschall. Einen nicht minder wichtigen Grund zu dem bis an seinen Tod ununterbrochen behaupteten Einfluß legte D. schließlich auch durch seine Heirath mit der Gräfin Josepha v. Fuchs, Wittwe des Grafen Nostiz, welche, sowie einst ihre Mutter, der Erzieherin und späteren Obersthofmeisterin Maria Theresia’s, von dieser sehr geliebt wurde. . .
In diesen Stellungen finden wir D. beim Ausbruche des siebenjährigen Krieges, doch sollte er erst im zweiten Feldzuge 1757 handelnd auftreten. In diesem Jahre hatte Friedrich bekanntlich zuerst bei Prag die Oesterreicher unter Karl von Lothringen besiegt. Der größte Theil des Heeres war gezwungen gewesen, sich nach Prag hineinzuwerfen, welche Stadt der König nunmehr energisch belagerte. Um Prag sowol, aleJ5 die darin unter Lothringen, dem Schwager Maria Therefia’s, eingeschlossene Armee zu retten, wurde mit größter Raschheit in Mähren eine Armee aus allen Theilen des Reiches zusammengezogen und der Oberbefehl über dieselbe D. übertragen, der nun nach Böhmen zog. Seine auf 54000 Mann herangewachjene Macht bot hier am denkwürdigen 18. Juni Friedrich II. bei Kolin die Spitze. Das Glück wendete dem bisher unbesiegten König den Rücken; erfocht einen glänzenden Sieg, dessen erste Folge die Aufhebung der Belagerung von Prag war. Zum Andenken an den Tag von Kolin stiftete Maria Theresia den militärischen Orden ihres Namens, zu dessen erstem Großkreuze (nach ihrem Schwager, dem Herzog Karl von Lothringen, der den Orden übrigens erst nach seinem Siege bei Breslau erhielt) sie ihren siegreichen Feldherrn ernannte. Friedrich der Große zog nunmehr mit einem Theile seiner Armeen nach Sachsen, während der andere unter dem Prinzen von Preußen nach der Lausitz marschirte, eben diesen verfolgte der nunmehr S11 8S(z0n(1 neben Lothringen befehligte. Beide vereint schlugen den 2L. Novbr. den Prinzen von Bevern bei Breslau, wurden aber vom Könige, der jetzt aus Sachsen herbeieilte, am 5. Decbr. bei Leuthen besiegt.
Im dritten Feldzuge 1758 fiel Friedrich in Mähren ein und belagerte Olmütz. D., der nun Obercommandant der österreichischen Armee geworden, gab auf die Nachricht hin, daß der König einen großen Transport von Munition und Lebensmitteln aut Schlesien an sich ziehe, dem Generalmajor London, der damals nur als einer der unternehmendsten Parteigänger bekannt war, den Befehl, diesen Convoy wegzunehmen. Loudon’s Streich gelang so vollkommen, daß Friedrich die Belagerung von Olmütz aufheben und Mähren räumen mußte. Während er sich gegen die Russen wendete, marschirte D. nach Sachsen, um hier im Verein mit dem Prinzen von Zweibrücken den Prinzen Heinrich anzugreifen, Friedrich aber eilte rasch herbei und bewog D. durch geschickte Manöver seine bisher innegehabte feste Position von Stolpen zu verlassen. D. überfiel dagegen den König in seinem Lager bei Hochkirch in der Nacht des 13. auf den 14. Oct. und schlug ihn. Er belagerte hierauf, nicht gehindert durch den König, der nach Schlesien abzog, Dreck-den, hob diese Belagerung aber wieder auf, als Friedrich zum zweiten Male herannahte.
Das neue, vierte Feldzugsjahr begann bei der Dhaun’schen Armee mit einer Reihe von Bewegungen in Sachsen und Schlesien, welche die Vereinigung eines österreichischen Armeecorps (unter London) mit den Russen vorbereiten
[112] sollten und.die der König verhindern wollte, was ihm aber nicht gelang. –Bei der Hauptarmee fiel in diesem Jahre nichts von Bedeutung vor, ausgenommen -.die bekannte Finkische Affaire von Maxen am 20. und 21. Novbr. In der ersten Hälfte des Feldzugjahres von 1760 stand D. in dem Lager bei Plauen und der König in jenem bei Meißen, beide hielten sich gegenseitig in Schach, der letztere begann endlich die Belagerung von Dresden, an deren Fortsetzung er jedoch durch Dhaun’s Erscheinen gehindert wurde. Als später die Russen nach Schlesien mit ihrer Hauptmacht ziehen sollten, wendete sich Friedrich dahin, D. folgte und bereitete einen umfassenden Schlag vor, der aber durch daß für die Oesterreicher unglückliche Zusammentreffen des Loudon`schen Corps mit dem Könige bei Liegnitz vereitelt wurde. D. zog sich nach Landshut zurück und eilte von da wieder nach Sachsen, woselbst ihm Friedrich die Schlacht von Torgau lieferte; bis 7 Uhr Abends war der Sieg auf Seite der Oesterreicher, kurze Zeit nachher wurde D. derart verwundet, daß er sich vom Schlachtfelde bringen lassen mußte und das Obercommando dem Generale O’Donell übergab. Ziethen’s unvorhergesehener Reiterangriff bei Siptitz entriß den Oesterreichern den Sieg.
Die beiden letzten Feldzugtsjahre 1761 und 1762 blieben, soweit Dhaun’s Thätigkeit in Betracht kommt, ohne hervorragende Momente, es kam zwischen ihm und Friedrich zu keiner Schlacht, unbedeutende Affairen abgerechnet, unter welchen höchstens derjenigen von Barkersdorf 1762 noch zu gedenken wäre, die Dhaun’s Verbindung mit Schweidnitz, welches er bisher deckte, unterbrach. Der am 15. Januar 1763 zu Hubertusburg abgeschlossene Friede endigte Dhaun’s kriegerische Laufbahn. Noch während des letzten Feldzuges hatte er das Prä- sidium des Hofkriegsrathes angetreten, und schon nach Torgau war e.r zum Minister ernannt und in den Staatsrath berufen worden, ok-wol er die erste Stellung niemals bekleidete. Als Leiter des Hofkriegsrathes war ganz besonders an seinem Platze, da ihn nicht leicht irgend Jemand an theoretischer Kenntniß alles des zum Kriegswesen Gehörigen übertraf. Obgleich schon ziemlich bejahrt und durch die überstandenen Feldzüge an seiner Gesundheit geschä- digt, entwickelte er doch auf seinem Posten eine sehr lebhafte Thätigkeit. Sie galt der AuT-nutzung aller Erfahrungen und Beobachtungen des eben beendigten Krieges für seine früheren Verbesserungsanst„alten, einer bessern Ordnung der Militär- Verwaltung, der Einführung von Ersparungen, welche aber nicht hindern sollten, daß die Armee stets zahlreich genug und im Zustande der raschesten Schlagfertigkeit erhalten werde. Durch die Berufung einer Anzahl hervorragender Generale in den Hofkriegsrath schuf er denselben aus einer administrativen Oberbehörde zu einer rein militärischen um und machte ihn zum Centralpunkte des gesammten österreichischen Kriegswesens. Leider war es nur wenige Jahre mehr vergönnt, für seine Kaiserin und den Staat zu wirken, da er schon 1766 aus den Reihen der Lebenden, und mit dem Ruhme, einer der ausgezeichnetsten Generale seiner Zeit gewesen zu sein, schied. Friedrich der Große gab ihm daß Zeugniß, daß kein österreichischer General so große taktische Kenntnisse besessen und jede Kriegsunternehmung mit so vieler Klugheit und Behutsamkeit entworfen habe. Eben diese letztere und seine methodische Kriegführung wird ihm zum Vorwurfe gemacht, auch daß er seine Siege nicht auszunützen verstand, doch trat D. wider einen Gegner und zu einer Zeit auf, wo ihm alle Umstände viel zu warnend schienen, um dem Geiste des Wagens freien Raum zu lassen. Mehrmalts erklärte er selbst, daß er hauptsächlich aus zwei Gründen zu seiner allzugroßen Vorsicht bestimmt werde: daß keiner seiner Schritte die Kaiserin je in die traurige Nothwendigkeit versetzen solle, einen schnellen, wol gar nachtheiligen Frieden schließen zu müssen, und das er ihr am Ende des Krieges ein ebenso gutes und
[113] schönes Heer zurückgeben wolle, als er übernommen habe, da Oesterreich bisher zumeist aus dem Grunde gezwungen gewesen sei, Frieden zu machen, weil es ihm gegen das Ende des Kriegs immer an Truppen gefehlt habe. Maria Theresia ließ D. ein prächtiges Denkmal in der Augustinerkirche – woselbst er beigesetzt ward – mit einer von ihr angeordneten Inschrift errichten, in der er als der „Retter ihrer Staaten, der Wiederhersteller der Kriegszucht durch Vorschrift und Beispiel und ein rühmlicher Nacheiferer der Helden des Alterthums bezeichnet wird. Sein schönstes Denkmal bleibt aber das bekannte Handschreiben der dankbaren Monarchin, welches sie mehrere Jahre nach der Schlacht von Kolin an einem 18. Juni, als dem „Geburtstage der Monarchie“, an D. richtete.
Der deutsche Fabius Cunctator oder Leben und Thaten S. E. des H. h Leopold Reichsgrafen v. Dhaun, k. k. F.M., 2 Theile1759, 60. Arneth, Maria Theresia und der siebenjährige Krieg, sowie: Letzte Regierungsjahre, Band 1. v. Janko.
. Dllaun:Wirich VI., Herr v. Dhaun und Graf zuFalkenstein, Herr zu Broich und Oberstein, Sohn Philipps v. D. und Enkel Wirichs s., welcher letztere durch seine Heirath mit Irmgard, Gräfin zu Sayn, der Tochter und Erbin der Gräfin Maria zusayn, gebornen zu Lirburg-Broich, im J. 1505 die Herrschaft Broich an der Ruhr an das Dynaftengeschlecht der v. D., Grafen zu Falkenstein, gebracht hatte. Der Vater Philipp, der in jungen Jahren (1522 am 26. April) ein Edelcanonicat beim Domstifte zu Köln und später die Subdiaconatsweihe erhalten, resignirte im J. 1547 auf seine Präbende, verließ mit päpstlichem Indulte 1551 den geistlichen Stand und heirathete darauf im J. 155:3 die ausgetretene Nonne CaBpare v. Holte-y, wodurch die vorehelich mit dieser erzeugten Kinder, der genannte Wirich (l’1.) und die Tochter Margaretha, nachträglich legitimirt wurden. Wirich VI., um 1548 geboren, fuccedirte seinem Vater zwischen 1555 und 1557 – der Zeitpunkt des Todes des letzteren steht nicht fest – in der Herrschaft Broich. Ales Inhaber dieser vom Herzogthum Berg lehnrührigen Unterherrschaft Mitglied der bergischen Ritterschaft und des Unterherrn- wie Landtages , zudem dem reformirten Bekenntnisse zugethan, nahm Graf Wirich während der niederländisch-spanischen Kämpfe, sowie in den letzten Decennien des 16. Jahrhunderts während des truchfessischen Krieges und in den Wirren am Düsseldorfer Hofe, auch in den Verhandlungen wegen der Regiment-J- und Successionsordnung eine hervorragende Stellung ein, in der er, unermüdlich thätig und mit den Leitern der niederländischen Bewegung in vertrautester Verbindung, zur Seite de9 jülichschen Edlen Otto v. Vylandt, Herrn zu Rheydt, daß Haupt der in ihrer überwiegenden Mehrheit evangelischen bergischen Stände- wurde. Nach erreichter Volljährigkeit durch Herzog Wilhelm III. Von Jülich-Cleve-Berg unter dem 24. Aug. 1568 mit dem Schlosse und der Herrlichkeit Broich und mit dem Hofe zum Biege im bergischen Amte Angermund belehnt, vermählte sich Graf Wirich mit Elisabeth, geborner Gräfin zu Manderscheid-Blankenheim und nach deren Tode in zweiter Ehe mit Margaretha, Gräfin zu Manderscheid-Gerolstein. Meist auf seinem Schlosse Broich und s in Düsseldorf weilend, stand er vosn dort in enger Correspondenz mit seinem Schwager Grafen Hermann von Manderscheid, den Pfalzgrafen Johann Casimir und Johann von Zweibrücken, den Grafen Moritz von Nassau-Oranien, Johann Von Nassau-Katzenellenbogen, Adolf von Neuenahr-Mörs und dessen Gemahlin Walburga, mit Wilhelm v. Bernsau, Herrn zu Hardenberg, Marnix v. Aldegonde u. v. A. m. Ein Charakter von seltener Integrität, von seinen Freunden und Confessionsgenossen als ein „Licht und Liebhaber der Religion“ gepriesen 1s. 8
[114] und mehrfach, wie in den Friedensverhandlungen zwischen dem Grafen Adolf von Neuenahr und dem Erzbischofe und Kurfürsten Ernst von Köln (1585), sowie bei den Conflicten des Hochstiftes Münster mit dem Grafen Arnold von Bentheim und Tecklenburg, seinem Schwager, als Vermittler gesucht und mit Erfolg thätig, beobachtete er den Parteiungen am Düsseldorfer Hofe und den Erbinteressenten in der jülichschen Frage (Preußen-Brandenburg, Pfalz-Neuburg und Zweibrücken) gegenüber eine im ganzen zuwartende und neutrale Haltung, weshalb er auch mit der Majorität der bergischen Stände es ablehnte, im Mai 1592 zu den von den Erbinteressenten anberaumten Verhandlungen mit den Ständen der vier Erblande in Duisburg zu erscheinen. Auch zeigte er sich dem Regimente der Herzogin Jacobe, gebornen Markgräfin von Baden († 1597), nicht eben hold, indem er in Briefen des J. 1595 über „die parteiliche Regierung“ daselbst Klage führt und des „bösen Regiments und ungebührlichen Verhaltenß, so bei Hofe ist“, gedenkt. Ungefähr gleichzeitig (Januar 1595) hatte er Anlaß, sich bei dem spanischen Obersten Don Francesco de Verdugo darüber zu beschweren, daß der Königl. Majestät in Hiespanien Kriegshäupter, wie er von vornehmen Freunden erfahren, ihm und seinen Angehörigen aufsässig und gar ungewogen szzien, da er sich doch stets der Neutralität gegen Alle, die ihn nicht beleidigt, befleißigt habe. Und in der That stieg der Haß der Spanier gegen Wirich als eine Hauptstütze für die reformirten Niederländer am Niederrhein von Jahr zu Jahr. Nachdem Broich seit 1584 wiederholt unter spanischen Durchzügen und Einquartierungen schwer gelitten, rückte am 5. Oct. 1598 auf Befehl des Admiranten von Arragonien, Mendoza, ein Corps von 3000 Mann mit der Aufforderung zur Uebergabe vor das Schloß. Vergebens berief sich Graf Wirich auf seine Neutralität, auf des Schlosses Lage im Reiche deutscher Nation, aus seine Lehn- und Oeffnungspflichten gegen den Herzog von Berg; schließlich genöthigt, auf die näher und näher heranrückenden Spanier Feuer zu geben, sah er sein Schloß dem heftigsten Geschützfeuer der Feinde ausgesetzt und mußte am folgenden Morgen, nachdem bereits den Abend vorher Bresche geschossen worden, ohne Hoffnung auf wirksame Gegenwehr oder Entsatz capituliren. Der spanische Befehlshaber General Mondragon sicherte dem Grafen eidlich freien Abzug für ihn und die Besatzung des SchlosseS (angeblich gegen :200 Köpfe starth zu, dennoch ward die letztere beim Ausmarsche gleich Vor dem Thore niedergemacht und der Graf im Schlosfe festgehalten. Auf einen Spaziergang um daß Schloß gelockt, kand er am 11. Oct. 1598 durch meuchelmörderischen Ueberfall seitens zweier spanischer Soldaten den Tod. Die Spanier verbrannten den entstellten Leichnam u und der Admirant scheute sich nicht, an die herzoglichen Räthe zu Düsseldorf ein RechtfertigungsIschreiben zu erlassen, worin er betonte, daß der Graf nicht allein nach Kriegsrecht, sondern auch nach göttlichem und menschlichem Rechte den verdienten Lohn empfangen habe.. An diese Mordthat, die weithin große Sensation erregte, reiht sich tragisch einerseits die Erschießung von Wiriches zweitvm Sohne Wirich durch spanische Söldner bei Sterkrade im Februar 1607, andererseits der Meuchelmord von Wirichs N. Vetter, Grafen von Oberstein, Johann Philipp, bei Utrecht im Mai 1591, glei.chfalls auf spanische Anstiftung. Um nun das Verhängniß des Hauses gleichsam zu vollenden, ward der einzige überlebende Sohn von Wirichs M. Enkel Wilhelm Wirich, Karl Alexander, am 8. Oct. 1659 nach einer Jagdpartie auf der Lipperhaide von dem Grafen Moritz von Limburg-Styrum durch einen Piftolenschuß, sei es absichtlich oder zufällig, getödtet, so daß der Mcmnesstamm des Hauses Dhaun-Falkenstein zu Broich mit dem Grafen Wilhelm Wirich im J. 1682 erlosch.
Staatsarchiv zu Düsseldorf. Il0rczur. 08110–Bz1gj(:. 1598, p. 132–134. Urkunden und Actenft. zur Gesch. des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Bran-
[115] denburg, ls. S. 35. E. v. Meteren, Histor.Beschreib. des niederländ. Kriegs, 1. S. 1078–83 (deutsche Ausg. Arnheim 1614); H. A. v. Kamp, Daß Schloß und die Herrschaft Broich, Mülheim a. d. Ruhr 1851. 1Tr011y1e 75m 11Stlljsr0rjs011 0tsNO0tso118p ts lJtr6011r„ I(71Il. p. 425. Zeitschr. des Berg. Geschichts Vereins. R1. S. 145. Harle.ß.
4 Dhaun: Wirich Philipp Lorenz Graf D. v. Thiano, österreichischer Feldmarschall und Ritter des goldenen Vließes, k. k. Geheimer Rath und Kämmerer, wurde am 19. Oct. 1669 geb. und trat, nachdem er mehrere Reisen unternommen hatte, in daß Regiment seines Vatertz, des Feldmarschalls Wilhelm D., ein. Er nahm an dem Feldzuge von 1696 in Ungarn, sowie der Schlacht bei Zenta Theil und that sich 1701 als General unter Prinz Eugen in Italien rühmlichst hervor. Einen unvergänglichen Namen machte er sich durch unerschrockene drei- und einhalbmonatliche Vertheidigung Turins 1706, durch welche Eugen Zeit gewann, das übermächtige französische Heer zu schlagen. D., der mittlerweile zum Feldzeugmeister vorgerückt war, belagerte 1707 das Castell von Mailand, wurde Vicekönig von Neapel, commandirte die Expedition daselbst, erstürmte Gasta und leitete 1708 die Unternehmung im Römischen. Hierauf wurde er Feldmarschall und Commandirender in Italien, wo er den Marschall Villars verjagte und Papst Clemens R1. zum Frieden zwang. Für seine Verdienste ward er durch Karl II. von Spanien mit der Würde eines Granden von Spanien, mit dem goldenen Vließe und dem Fürftenthume Thiano im Neapolitanischen belohnt. Im J. 1713 neuerdings zum Vi(:ekönig von Neapel ernannt, wußte er sich in dieser Stellung die Liebe des,5 Volkes zu erwerben. Sechs Jahre später ward D. Stadtcommandant von Wien, 17:25 Gouverneur der spanischen Niederlande, endlich 1728 Gouverneur de–s Herzogthums Mailand. Da er aber dieses 1733 den mit Uebermacht eingedrungenen Franzosen überlassen mußte, fiel er in Ungnade, wußte sich jedoch wider alle Anschuldigungen zu rechtfertigen, so daß man ihn von jeder Verantwortlichkeit freisprach. D. f den C30. Juli 1741 zu Wien und ruht in derselben Kirche – der Augustiner – in der sem berühmter Sohn, der Sieger von Kolin, die letzte Ruhestätte fand. Hirtenfeld, Oesterr. Milit.–C onverf-Lexikon, II. Bd. S. 14. u V. J a nk o.
Diallelli: Anton D., ein fleißiger Clavier– und Kirchen–Componist und langjähriger Chef der gleichnamigen Musikalienhandlung in Wien, war am 6. Sept. 1781 zu Mattsee im Salzburgischen geboren, wo sein Vater, der ihm auch den ersten Musikunterricht ertheilte, als Stiftsmusiker und Meßner angestellt war. kam dann als Sängerknabe in2J Kloster Michaelbeurn und von da ins Capellhari-4 zu Salzburg. Weiterhin besuchte er die höhere lateinische Schule in München und trat, 19 Jahres alt, ins Cifterzienserstift Raitenhaslach, um seine theologische11Studien zu vollenden. Er hatte bis dahin fortwährend theoretisch- Braktische Studien in der Musik betrieben und fand mm Gelegenheit, seine Compositionen seinem väterlichen Freunde Michael Haydn zur Prüfung zuzusenden und von seinem Rath zu profitiren. Als im 1803 die Säcularisation der Klöster in Baiern erfolgte, beschloß dem Priesterstande zu entsagen und ging, mit Empfehlungen, namentlich an Josef Haydn versehen, nach Wien, wo es ihm rasch gelang, als Lehrer im Clavier– und Guitarrespiel sich nicht nur seine . Existenz zu sichern, sondern auch die Mittel zu erwerben, sich im J. 18,18 mit dem Musikalienhändle17 Peter Cappi unter der Firma eines öffentlichen Gesellschafters (Cappi ck C.) zu associiren, vom J. 1824 aber selbständig die Handlung weiter zu führen. Für den Verlag der Firma Diabelli Fx C. schrieb und arrangirte nun eine Masse ComPositionen, die, allerdings ohne tieferen Kunstwerth, 8i-
[116] zum größten Theil dem Tagesbedürfniß entsprachen oder für den stufenweise fortschreitenden Clavierunterricht der Jugend berechnet waren und diesem Zweck auch vollkommen entsprachen. Ebenso praktisch bewährten sich Diabelli’s Kirchencompositionen, namentlich seine Landmessen. Nicht schwer ausführbar, leichtfaßlich und omelodisch ansprechend sind letztere den bescheidenen Anforderungen einer nicht verwöhnten Gemeinde angemessen und wissen auch bei beschränkten Mitteln eine gewisse Wirkung zu erzielen. D. hat auch eine Anzahl weltlicher ein- und mehrstimmiger Gefangeompositionen, auch Chöre und einige Operetten geschrieben. Ein Singspiel „Adam in der Klemme“, als Fortsetzung des Dorfbarbier, ging im J. 1809 über die Bühne (Kärnthnerthor-Theater), kam aber über die erste Aufführung nicht hinaus. D. † am 8. April 1858; sein Geburtshaus in Mattfee ziert seit 1871 eine Gedenktafel, die daselbst unter Sang und Klang am 6. Septbr. enthüllt wurde. – Die Verlagshandlung führte von 1824–51 die Firma Diabelli F5 C. (Spina); es gingen an dieselbe nach und nach über die Verlagsswerke der erloschenen Firmen von Mathias Artaria, L. Kozeluch, Thad. Weigl, A. Berka, J. M. Leidesdorf, A. Pennauer, Joh. Traeg. Im Verlag bis 1851 stehen obenan die Namen Schubert, Czerny, Strauß und Lanner; hervorzuheben sind noch die theoretischen Werke von F. W. Marpurg (Abhandlung von der Fuge, neu bearbeitet von S. Sechter) und von A. Reicha (Vollständiges Lehrbuch der musikalischen Composition); ferner eine Sammlung Kirchencompositionen (Mozart, Cherubini, Jos. und M. Haydn etc.) unter dem Titel .-kJcc1SSjs„Stj(:01r. Seit Januar 1852 war die Firma: C. A. Spina, k. k. Hofund priv. Kunst- und Musikalienhandlung. Unter dieser Firma kam noch im 1855 der Verlag von Carlo Mecchetti hinzu. Seit Juli 1872 lautet die Firma bis nun: Friedrich Schreiber. Unter dieser Firma erschien 187-L ein neuer Verlags Katalog; als daß bis dahin wol werthvollste Unternehmen dieser Verlagshandlung ist hervorzuheben: Thematisches Verzeichniß der im Druck erschienenen Werke von Franz Schubert, herausgegeben von G. Nottebohm, Wien 1874. – Schreiber verkaufte Verlag und Niederlage im Mai 1876 an A. Cranz in Hamburg, der das Geschäft vorderhand unter der zuletzt bestandenen Firma fortführt. Der eigene Verlag, im J. 1851 bei 9000 Werke zählend, ist zur Zeit der letzten Uebernahme auf nahezu :25000 Nummern angewachsen. F. Pohl.
Dicastillo: Johannes de D., Jesuit von spanischer Herkunft, geb. in Neapel 1585, † in Ingolstadt S. März 1653. Er war 25 Jahre als Lehrer der Theologie in Toledo und Murcia, und dann in Wien thätig. Von hier aus war er allerdings; noch einmal nach Italien zurückgeschickt worden, von dort kam er wieder zurück und verbrachte seine letzten Tage als Leiter der theologischen . Studien zu Ingolstadt, ohne indeß der Universität selber anzugehören. Er genoß als Moralist in den Schulen ein nicht geringes Ansehen. Unter seinen umfänglichen Werken ist namhaft zu machen daß große in drei Foliobänden erschienene „l)9 S5to1–:miS11tjs (.4nm91siJjzs 1646–52; und besonders sein Hauptwerk: „1)9 „jurs St Justjtjs„“’ 1641. Eine Eigenthümlichkeit des Mannes ist die, recht im Gegensatze zu der Sitte der Zeit stehende Abneigung gegen die Widmung seiner Schriften an hochmögende Herren. Vor jedem seiner Bände gibt er derselben Ausdruck. Er widme seine Werke den Lesern. Er brauche keine mächtigen Beschützer für sie, namentlich keine Fürsten, aber er wünsche, daß sie gelesen werden. Welcher Vernünftige werde, wenn er die Gesetze der Karthäuser kenne, diese zu einem üppigen Mahle von Fleischspeisen laden! Er weiß ja, daß sie davon nichts genießen werden. Wer werde einem Tauben Anekdoten oder ein Musikstück vortragen wollen! Der kann ja doch nichts hören, mag es? noch so anziehend sein. Gerade so aber handelten die, welche an Fürsten ihre ge-
[117] lehrten Werke richten. Denn lesen werden diese in ihnen nie etwas. Und, wenn es einen wissenschaftlichen Streit gibt, dem Verfasser auch nicht beifpringen. Manche hoffen zwar ein Geschenk dafür zu erhalten, .verrechnen sich aber nicht selten so sehr, daß sie nun erst noch mehr Ausgaben haben. Denn die vornehmen Herren lassen sich ihr Wappen zum Danke für die Annahme der Widmung, natürlich auf Kosten des geehrten Verfassers, stechen und dem Buche vordrucken. Dann darf er es in kostbare Seide binden lassen, und der Lohn ist, wenn es hoch kommt, ein gnädiges Lächeln.
Barker, 1–3j1J1. c1es c-50rjy. (10 18 c). (1S Ll.„ I. 264. Sotwell, Script.. S. t1. 3s. .l08„n11S8 1)j0. Mederer, t4n1181Os 1ngo18t.- II. 334 8q. A. Weiß. Didymus: Gabriel D. (Zwilling), protestantischer Theologe, ward um – 1487 zu Joachimsthal in Böhmen geboren, ein Sohn des dortigen Stadtrichters Johannes: D. Er begann seine Studien in Prag. Im Frühling des J. 1517 war er Mitglied des Augustinerconvents in Wittenberg, damals, wie es scheint, erst eben in den Orden eingetreten. Er schloß sich bald an Luther an und war unter den Ersten, die im Herbste 1521 das Kloster verließen. Von stürmischem Eifer hingerissen, betheiligte er sich an den Versuchen Karlstadt’s, den GottesJ-– dienst und das –kirchliche Leben schnell und rücksichtslos umzugestalten. Seine bedeutende Redegabe drängte ihm die Rolle eines Führers auf. Am Neujahrstage 1522 predigte er unter großem Zulauf des Volkes zu Eilenburg an der Mulde und theilte ohne voraufgegangene Beichte daß Sacrament unter beiden Gestalten aus. Doch genügte Luther’s Rückkehr nach Wittenberg, um ihn zur Besinnung zu bringen. Er bereute das Vorgefallene so ernstlich, daß Luther gutecks Vertrauen zu ihm behielt und .ihn, nachdem er eine kurze Zeit in Düben an der Mulde gepredigt hatte, schon im April des Jahres dem Rathe von Altenburg, der einen evangelischen Prediger begehrte, dringend empfahl. Die Abneigung des Kurfürsten und das Widerstreben der katholischen Partei verhinderte seine Anstellung in dieser Stadt, aber im nächsten Jahre ward er als Pfarrer nach Torgau berufen, wo er, später Superintendent, bis 1549 blieb. Wegen seines Widerstandes gegen die Durchführung des Interims ward er vom Kurfürsten Moritz entsetzt und nach Wittenberg ins Gefängniß geschickt. Nach seiner Befreiung lebte er in Torgau in drückendem Mangel bis an sein Ende. Er starb am 1. Mai 1558. Unter den Geistlichen seiner Zeit zeichnete er sich als eindringlicher Prediger aus, wie denn Luther von ihm bemerkt: „Gr hat eine sondere Gnade zu predigen.“ “
Vgl. daß 0o1sp. kisk01–III.- Luther’s Briefe; Seidemann, Erläuterungen zur Reformationsgeschichte. Die Biographie von J. G. Terme, Leipzig 1737, ist dürftig. Plitt.
Dierk: KarlFriedrich Rechtsgelehrter, geb. 27. Juni 1798 zu Calbe a. d. Saale, wo sein Vater praktischer Arzt war, † 25. Febr. 1847 in Halle. Er besuchte das Gymnasium zu Halberstadt, studirte 1816–20 in Halle, Berlin und Göttingen und erwarb 7. April 1821 in Halle die juristische Doctorwürde, mit der Befugniß, Vorlesungen als Privatdocent zu halten. 7. Octbr. 1826 wurde er außerordentlicher, 7. März 1833 ordentlicher Professor der Rechte, nachdem er 1823 und 1830 Berufungen nach Dorpat und Königsberg abgelehnt hatte. Anfangs für das römische Recht thätig, wandte er sich bald ganz dem deutschen Rechte zu. Außer seiner Inaugural-Dissertation „1)e 0rjmins mstje– 8ce1tjs zpu(1 Rom-m08“ schrieb er: „Historische Versuche über das Criminalrecht der Römer“, 1822; „Das gemeine in Deutschland gültige Lehnrecht im Grundrisse mit beigefügten Quellen“, 1823, 2. Ausg. 1827 ; „Geschichte, Alterthümer und Institutionen des deutschen Privatrechts im Grundrisse mit beigefügtens
[118] Quellen“, 1826; „Litterärgeschichte des Longobardischen Lehenrechts bis zum 14. Jahrhundert“, 1828; „Beiträge zur Lehre von der Legitimation durch nachfolgende Ehe“, 1832; „Jl)S tsmiJ0re„ quo „jus keuc18.19 1–o11g0bm–(jorum jo 0cr– m.z.11jsm tremsis mi111 jbjqu(s re0Sptum 8it 1843. Auch War er Mitarbeiter der Encyklopädie von Ersch und Gruber, der Halle’schen Litteraturzeitung und der „ kritischen Jahrbücher für deutsche Rechtswissenschaft. In dem Bentinck’schen Erbfolgestreit vertheidigte er den Beklagten in mehreren Schriften, welche in dem von ihm zum Druck beförderten „Urtheil der Juristen-Facultät zu Jena“, 1843, verzeichnet sind, denen sich noch anschließt der „Abdruck der Revisions Gegenschrift“, 1844. Meusel, G. T. I0(ll’ 608 f. Krit. Jahrbücher f. deutsche Rechtesw. v. Richter u. Schneider )(1„ 1120 ff. 1847 und danach N. Nekrolog 1847. J0(ss„142 ff. Steffenhagen
Dieckmann: Joh. Fr. Wilhelm D., Dr. 1z11j1.„ geheimer Regierungßrath in Königsberg, geb. 28. Jan. 1789 in Schottland, einer damals schon zu Preußen gehörenden Vorstadt Danzigs, † 19. Sept. 1866, besuchte das Gymnasium in Elbing, auf welchem er, besonders durch Süvern und Graff angeregt, sich auf den Rath des erstern für das Schulfach entschied. Auf der Universität in Königss berg bildete er sich besonders durch die Vorlesungen Herbart’s, an dessen pädagogischemseminar er sich eifrig und zur großen Zufriedenheit seines Lehrers betheiligte. 1812 mit günstigem Erfolge für das höhere Schulfach geprüft, erhielt er zunächst die interimistische Leitung der städtischen höheren Bürgerschule, dann die zweite Oberlehrerstelle am altstädtischen Gymnasium und 1817 die Direction der Domschule in Königisberg. Letztere tiefgesunkene Anstalt führte er durch die taktvolle Wahl und Verwendung der Lehrkräfte und durch deren Ausbildung nach sorgfältig ausgearbeiteten Lehrplänen zu hoher Blüthe, so daß sie bald nach seinem Abgange in ein Gymnasium umgewandelt werden konnte. 1831 zum Schulrath in Gumbinnen ernannt, trat er 1832 nach Dinter’s Tode die gleiche Stellung in Königs berg an, welche er bis zu seiner Pensionirung 186–1 beibehielt. In seiner Amtsführung bewährte er bei äußerersurückhaltung–große Besonnenheit, Treue, Beharrlichkeit und reiche schulmännische Einsicht. Nach seinem Plane wurde der Emeritenfonds für Lehrer gegründet, dem er auch die Einnahme der von ihm veranlaßten Zeitschrift „Der Volksschulfreund“ zuwendete. Ebenso hat er die Anregung und den Plan zur Heraus–gabe des Kinderfreundes von Preuß und Wetter gegeben, welcher lange Jahre hindurch dem Volksschulunterricht in der Provinz Preußen zu Grunde lag. Gedruckt ist von ihm ein Vortrag über Erziehung von der Kindlichkeit zur Freisinnigkeit. Schrader.
Diekmann: Johann D., † 4. Juli 1720, Dr. t11S01.- Generalsuperinteudent derHerzogthümer Bremen und Verden, ein tüchtiger Schulmann, gelehrterund weithin hochangesehener Theolog, geb. zu Stade am 80. Juni 1647 als Sohn des Pastors Jakob D. und Katharina’s, der Tochter des tüchtigen Juristen Hinrich Hinze. Auf der Schule stand er unter dem berühmten Rector J. Ph. Tonsor, studirte s Jahr in Gießen, Jena und Wittenberg und wurde schon 1674 Rector des (3zsiun. j11ustre in Stade; 14. Februar 1683 Generalsuperintendent. In Stade erlebte er die Belagerung durch lüneburg’sche und münstris che Truppen 1676 und floh vor den Dänen 1712 nach Bremen, so daß er 1712–15 ohne Amt war, 1715 bestätigte ihn die neue hannoversche Regierung als Generalsuperintendent. D. hatte fest an der schwedischen Herrschaft gehalten. Mit seiner Ehefrau Sophie Ursula Nager hatte er 14 Kinder, von denen ihn 9 überlebten. Die Nachweise über sein Leben finden sich bei Pratje A. u. N. 12. S. 193 ff., wo auch seine Schriften, fast sämmtlich Gelegenheitsschriften mit gelehrtem Apparat, aufgezählt sind, und bei H. W. Dieckmann, im Stader Schulprogramm 1858. – D. war streng antikatholisch
[119] und die münsterischen katholischen Versuchungen zwangen ihn zur Opposition; den Reformirten gegenüber war er, überhaupt eine höchst humane Natur, geneigt die Gleichheiten vor den Unterschieden anzuerkennen, so daß er selbst den Angriffen, als sei er Kryptocalvinist, nicht entging. Er war ein eifriger Freund von Johann Arndt’s „Wahrem Christenthum“ und schrieb dazu die bekannte Vorrede, deren wegen er des Pietismus beschuldigt wurde. Er hielt dafür, daß das; Christenthum erbauen und Liebe verbreiten, nicht streiten solle, im 17. Jahrhundert eine hohe Seltenheit. Die Stader Bibelausgaben besorgte er, weil die Bibel in seinem Sprengel fast nirgend zu finden war. So ein Segen für seinen Bezirk in geistlicher Wirksamkeit, war er zugleich ein“ tüchtiger Orientalist und Vorläufer der germanistischen Philologie. Er beschäftigte sich eifrig mit dem Glossarium des Rhabanus Maurus, daß er druckfertig hatte, ohne einen Verleger zufinden. Sein Enkel hat es nachher für 50 Thaler an 1)1s. Baumgarten in Halle Verkauft. Pratje 1. 0. S. 220. Nur eine Probe davon (22SPSc:jr11en 01088A-rij I18tj. I.m;j11O–’sl’11e0tjsOj- q110(1 Rtmbz110 1M-1ur0 Oro. j1180rjlJitu1tz j11ustr:-1tj“) ist nach seinem Tode 1721 mit Anmerkungen Dietrichs von Stade gedruckt. Krause.
Diederichs: Johann Christian Wilhelm D., geb. zu Pyrmont am L9. Aug. 1750, † 28. März 1781, studirte in Göttingen als eifrigBr Zuhörer von Johann David Michaelis, bei dem er hebräische Bibelhandschriften lesen lernte (s. J. D. Michaelis’ Oriental. u. exeget. Bibliothek Bd. II. S. 198). Er ging sodann auf des letztem Rath, damit er „etwas ihm selbst und dem Vublico nützliches thäte“, nach Erfurt um behufs einer Vervollständigung des in dieser Beziehung ungenügenden Apparats der Hallischen Bibel (von Joh. Heinr. Michaelis, Halle 1720) die dort befindlichen Handschriften des Alten Testaments? zu vergleichen. Proben dort von ihm aufgefundener neuer Lesarten theilt Michaelis a. a. O. Bd.III. S. 21O ff. mit. Er entdeckte bei dieser Gelegenheit ein an einen Codex des R.8„8o11i angeleimtes Fragment eines Bibelmanuscripts, welchesvon Ps. 9, 5–18, 6 reichte. Auch von diesem veröffentlichte Michaelis a. a. O. Bd. 6. S. 240 wichtigere Le2Jarten. Ebenso von einem zweiten Fragment a. a. O. S. 245 ff., welches die Stellen 1. Könige 2, 5–12,Jefaja 27, 6–28, 13, Ezechiel 28, 25–29, 21 umfaßte. – Im 1775 legte alsIdann D. die Hauptresultate seiner zweijährigen Erfurter Arbeit in seiner Inauguraldissertation vor, welche den Titel führte: „8p9Oj111911 3s„rjs„11tjum 1Sestj0r1U111 (:0c1j– cum l7l0brexjes0rum I188. 1?J1–kurt9r1Sjum ju VS-rt1111js. Die Varianten sind aus Psalmen zusammengestellt, zum Schluß sind einige aus Hiob angefügt. Sie betreffen meist die Consonanten, seltener die Lesezeichen. Es ging aus ihnen hervor, daß in J. H. Michaelis kritischer Ausgabe der Bibel gar manche Lesart Von Wichtigkeit unbeachtet geblieben war nicht blos hinsichtlich der diakritischen Zeichen sondern auch der Buchstaben, bisweilen sogar ganzer Worte (vgl. Michaelis a. a. Q. 1)(„ 20 ff. Rosenmüller, Handbuch für die Litteratur der biblischen Kritik II. 29. 30. 129. Meyer, Gesch. der Schrifterklärung IV. 130. Eichhorn, Einl. in daß A. T., II. 694). – Die ganze Collation, die D. gemacht hatte, ist vollständig nicht zum Druck gelangt. – Bald darauf erschienen Von ihm „0bse1–y8.t–j0lles p11i1010gi00–(zrjtjOete m! 10(38 qus„S(jsi11 k. ’1’.“„ Göttingen 1775, in welchen die Stellen 1)eut. 34- 6„ Jes. 53, 9, Josua 2, 4. Z, 13. 5, 1. 6. 10. 17. 25. 9, 2J. 10, 13 behandelt sind. Für den gegenwärtigen wissenschaftlichen Standpunkt genügen diese Bemerkungen freilich weder in kritischer noch in exegetischer Beziehung. So will er z. B. l)0ut. 34, 6 V878,J„jj1;1(8„12er„ Josua 2, 4 W8.rtjs118m emendiren, zu Jes. 53, 9 wird weitläufig an vielen Beispielen nachgewiesen, daß s.tz; (et) im Alten Testamente öfter „mit“ bedeute(S. 15 ff). – Aehnliches gilt von seinen Beiträgen „Zur Geschichte SimsonH“„
[120] Göttingen 1778 (vgl. Eichhorn, Einl. ins Alte Testament III. 434). – Außerdem gab er Zachariä’s „Einleitung in die Auslegungskunst der heiligen Schrift“ heraus (1778) (s. Meyer a. a. O. 7. 515). – Er ward 1780 Professor der „orient.alischen Sprachen zu Königsberg.
Ausführliches Schriftenverzeichniß siehe bei Meusel, Lex. Bd. III. S. 348. s Siegfried.
Dieffenbach: 1)r. Ernst D., Naturforscher; Professor der Geologie an der Universität Gießen, geb. 27. Januar 1811 zu Gießen, † 1. Oct. 1855 daselbst, Sohn des Professors der Theologie Ludw. Adam D., studirte 1828–1833 in Gießen Medicin, mußte aber vor Beendigung seiner Studien wegen Theilnahme an der Burschenschaft flüchtig gehen und erlangte erst 1835 in Zürich den Doctorhut. Auch von da wurde er 1836 auf Betreiben der österreichischen Regierung ausgewiesen und genöthigt, unter den dürftigsten Verhältnissen und stetem Kampf um das Allernothwendigste sein Brod in London zu verdienen, bis es ihm gelang, als Mitarbeiter der 1J(1j11burg11 rczyj9W und 13rjtjsb emi18.18 ok r119(1jOj11e die Aufmerksamkeit englischer Gelehrten auf sich zu lenken. Er nahm im Frühjahr 1839 den Antrag zur Leitung einer naturhistorischen Expedition nach Neuseeland an, und durchforschte daß damals noch so viel wie unbekannte Land namentlich in geologischer Beziehung. Von da kehrte D., nachdem er noch auf der Rückreise Australien und die Chatham-Inseln besucht hatte, im October 1841 nach Europa zurück und arbeitetein England sein Werk über Neuseeland „’1JrMe18j11 FCN Sesimi(r. 1843 aus, welches anerkanntermaßen eine ganz vorzügliche Schilderung der natürlichen Verhältnisse dieser Insel liefert und als eine wahre Fundgrube auch für die späteren Forschungen zu betrachten ist. Nach Gießen 1843 heimgekehrt, empfingen ihn aufs neue Plackereien wegen seines früheren politischen Verhaltenes, trotzdem daß er sich der Gönnerschaft von Liebig und später von Humboldt zu erfreuen hatte. Er mußte sich durch Uebersetzungen (Darwin’s und Lyell’s Reisen) und Betheiligung an wissenschaftlichen Zeitschriften mühsam forthelfen und erst die freie Bewegung des Jahres 1848, der sich durch die Uebernahme der Redaction der freien hessischen Zeitung thätig anschloß, bewirkte, daß er 1849 als Privatdocent und 1850 als außerordentlicher Professor für Geologie in Gießen eine entsprechende Stellung fand, in der er, noch nicht recht zur Ruhe gekommen, erst 4-4 Jahre alt, mitten in seiner wissenschaftlichen Thätigkeit einem frühzeitigen Tod erlag. In den letzten Jahren hatte sich D. neben geologischen Aufnahmsarbeiten besonders mit der Uebersetzung von De la Beche „Vorschule der Geologie“ 1852, beschäftigt. Vgl. Ausland 1874. Gümbel.
Dieffeullach: Johann Friedrich D., Arzt, ist am 1. Februar 1794 in Königsberg in Preußen geboren. Schon in sehr jugendlichem Ater seines Vaters. der daselbst als Lehrer am Gymnasium Fridericianum thätig gewesen war, beraubt, siedelte er mit seiner Mutter nach ihrer VaterstadtRostock über und erhielt hier seine erste Bildung in einer Privatschule. Seit dem J. 1809 besuchte er das Gymnasium und bezog, mit dem Zeugnisse der Reife versehen, 1812 die Universität, um sich zuerst hier und im folgenden Jahre in Greifswald dem Studium der Theologie zu widmen. Der alsbald ausgebrochene Krieg unterbrach seine Studien und gab ihm Veranlassung, als Freiwilliger in eine Abtheilung reitender Jäger einzutreten, mit welchen er den Feldzug nach Frankreich mitmachte. Im Jahre 1815 nach Hause zurückgekehrt, nahm D. seine wissenschaftliche Beschäftigung wieder auf, wandte sich aber bald dem Studium der Medicin zu, für welche er während deck- Krieges eine besondere Neigung gewonnen hatte, und begab sich zu diesem Zwecke zunächst nach seiner Vaterstadt Königsberg, wo er von 1816–1820 studirt hat. Vorzugsweise beschäftigte er sich hier unter Anleitung
[121] von Burbach und Unger mit Anatomie, besonders topographischer, und mit Chirurgie, schon hier fing er Transplantationsversuche mit Federn und Haaren an und bewies nicht blos dabei, sondern in allen Dingen, in welchen es auf manuelle Gewandtheit und combinatorisches Talent ankam, so namentlich in der Erfindung von Hülfsmitteln an Instrumenten und Maschinen, um Handgriffe zu erleichtern oder entbehrlich zu machen, im Drechseln und Schnitzen in Holz und Bernstein, selbst in der kühnen Ausführung chirurgischer Operationen (u. a. exftirpirte er einem jungen Manne die geschwollenen Tonsillen mit einem Federmesser) eine ungewöhnliche Begabung. – Im Frühjahr 1820 begab sich D. nach Bonn, wo er 18 Monate verweilte und sich vorzugsweise an v. Walther und Nasse anschloß; im Herbste 1821 begleitete er auf Veranlassung v. Walther’s eine kranke DameK nach Paris und benutzte die ihm für seinen Aufenthalt gebotene Zeit von ß 6 Monaten, um sich an dem klinischen Unterrichte Dupuytren’s, Boyer’s und Larrey’s, sowie an den physiologischen Vorlesungen Magendie’s zu betheiligen. Im Frühjahr 1822 ging er nach Montpellier, wo er einige Monate die chirurgische Klinik von Delpech frequentirte; hier faßte er die Idee, sich an dem griechischen Freiheitzkampfe zu betheiligen, gab dieselbe aber auf Wunsch seiner Angehörigen auf, kehrte nach Deutschland zurück und wandte sich nach Würzburg, wo er im Herbste dieses Jahres unter Einreichung einer Inaugural-Dissertation „N0m“1un8, (1e- reg9110rMj0n0 Sr t18nsp18,nts„tj0nses in welcher er die Resultate seiner zuerst in Königsberg, später in Bonn unter Nasse angestellten Versuche niedergelegt hatte. den Doctorgrad erlangte. – Nach Ablegung der medicinischen Staatsprüfungen habilitirte er sich im Jahre 1823 als praktischer Arzt in Berlin, und zog hier alsbald durch seine chirurgischen Leistungen, vor allem durch sein eminentes operatives Talent eben so sehr die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich, wie er durch seine geistreichen, mit Genialität außgeführten Ideen schnell den Beifall der ärztlichen Welt und die Anerkennung der höchsten Unterrichtsbehörde gewann. In Folge dessen wurde D. im J. 1829 zum dirigirenden Arzte–auf einer chirurgischen Abtheilung des Charits–Krankenhauses und zum Mitglied der ärztlichen Ober-Examinations Commifsion, 1832 zum außerordentlichen Professor der Medicin und 1840, nach Gräfe’s Tode, an Stelle desselben zum Director der chirurgischen Universitätsklinik ernannt; in dieser Stellung ist er bis zu seinem am 11. November 1847 plötzlich erfolgten Tode verk-lieben.
D. nimmt mit seinen wissenschaftlichen und praktischen Leistungen unter den großen Chirurgen der neuesten Zeit eine hervorragende Stelle ein, für den operativen Theil dieses Gebietes der Heilkunde und namentlich für diejenige Seite derselben, welche ihre Ziele in der Wiederherstellung verstümmelter oder zerstörter Körpertheile durch Ueberpflanzung gesunden Gewebes verfolgt, und welche mit den Namen der „(Illjrurgis 0u1–t0runr„ neuerlichst der „plastischen Chirurgie“ belegt worden ist, ist sein Wirken Epoche machend geworden. – Für dieses wesentlich auf die E1haltung oder Wiederherstellung der normalen Form hingegerichtete künstlerische Bestreben Dieffenbach’s ist es vielleicht bezeichnend, wenn er im Eingange zu einer seiner ersten chirurgischen Mittheilungen, einen Fall von Exarticulation des Oberschenkels betreffend (in Rust, Magaz. für die ges. Heilkunde; 1827, )(I(lk’. S. 334), mit Hinweis auf daß erhebende Gefühl, welches der Wundarzt bei Ausführung einer größeren chirurgischen Operation empfindet, im Anschlusse an eine Aeußerung v. Walther’s hinzufügt: „Weniger aber fühlt er seine Thatkraft erhoben, wenn nur ein schwacher Schimmer von Hoffnung für die Erhaltung des Kranken ihn zu einem blutigen Eingriffe zwingt, durch den selbst im glücklichsten Falle nur einem elend Verstümmelten das Leben gerettet wird.“ – Fast alle wissenschaftlichen Bestrebungen Dieffenbach’s .tragen den Stempel der conservirenden, neugestaltenden, verschönenden Tendenz, und
[122] gerade damit, wie mit der Genialität und Einfachheit seines heilkünstlerischen Verfahrens ist er ein’ leuchtendes Beispiel für alle Folgezeiten, ein Evangelist der neuen Chirurgie geworden. s
Als D. auftrat, befand sich die 011jrurgjz c-urc01–um in einem sehr kümmerlichen Zustande der Existenz. – In den ältesten Zeiten der indischen Heilkunde behufs Herstellung zerstörter Nasen und Ohren geübt, hatte diese Operationsmethode in der griechisch-römischen Medicin nur eine sehr beschränkte Anwendung und zwar, wie es scheint, nur bei geringen Defecten einzelner Theile des Gesichts gefunden. Erst im 15. und 16. Jahrhundert war diese Kunst von einigen italienischen Aerzten und Wundärzten wieder in größerem Umfange geübt worden, einen allgemeinen Eingang in die heilkünstlerische Thätigkeit hatte sie auch damals nicht gewonnen, und im 17. und 18. Jahrhundert war sie fast ganz in Vergessenheit gerathen. – Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelangte, wie eis scheint, auf verschiedenen Wegen die Kunde von der Fertigkeit der Inder, zerstörte Nasen künstlich wieder herzustellen, nach Europa, und eben hieran knüpfte sich dann die Wiederaufnahme plastisch–chirurgischer Operationen, namentlich gefördert durch den englischen Chirurgen Carpue und durch v. Gräfe, dessen Leistungen auf diesem Gebiete von Wichtigkeit für die weitere Entwicklung der plastischen Chirurgie und namentlich der von ihm sogenannten Rhinoplastik geworden sind. – WährendHes sich nun bei allen diesen Versuchen zur Herstellung verstümmelter oder zerstörter Theile aber wesentlich immer nur um Schönheitsrücksichten handelte, die (’1Jjru1sgjz cu1–t01sum also, wie einer der tüchiigsten Schriftsteller auf diesem Gebiete sagt, nur eine „8sis cle00rs„t0rjs geblieben war, hat dieselbe in der neuesten Zeit eigentliche Heilzwecke verfolgt, und eben diesen Weg vorgezeichnet, die methodische Aussführung der plastisch-chirurgischen Operation gelehrt, und auf diesem neuen Gebiete der Heilkunst die ersten glänzenden Resultate erzielt zu haben, daß ist daeJ5 große Verdienst Dieffenbachs, daß ihm niemals bestritten werden kann, wenn es auch selbstverständlich nicht an Versuchen gefehlt hat, seinen Ruhm zu verkleinern und namentlich eitle Franzosen es sich haben angelegen sein lassen, seine Leistungen aus der Geschichte der plastischen Chirurgie möglichst zu escamotiren, um der französischen Chirurgie daß Principat auf diesem Gebiete zu sichern.
Schon während seiner Studienzeit hatte sich mit diesem Gegenstande wissenschaftlich beschäftigt; in seiner Inaugural-Dissertation („N0nnuna (1 rege- 119ratj011S St tr8msp18nts„tj011944. l–lsi“1f-jp01j 1822) veröffentlichte er die Resultate einer Reihe von Versuchen, welche er mit Ueberpflanzung von Federn und Haaren (darunter auch Experimente mit Menschenhaaren an sich selbst) angestellt hatte, Und auch nach seiner Habilitation als Arzt in Berlin setzte er diese Versuche (wie seine Mittheilungen in Gräfe und Walther, Journal 1824, Bd. V’1. S. 122 und 482 lehren) in erweitertem Umfange, namentlich mit Verpflanzung von Hautlappen fort. – Die ersten Nachrichten über von ihm verrichtete plastische Operationen datiren aus dem J. 1826, in welchem er, im Anschlusse an eine Besprechung der von ihm übersetzten Schrift von Roux (Ueber Staphylorrhaphie, Berlin 1826) Mittheilung über eine von ihm auscgeführte Operation der Gaumennath gibt (in Rust und Casper, Repertor. 1826, Bd. RN. S. 417) und alsbald (in Hecker, Litt. Annalen der Heilkunde, 1826. M. S. 305) einen zweiten Fall von völlig gelungener Vereinigung einer angeborenen Spaltung des Gaumensegels mittheilt. Weitere Beiträge zur Gaumennath veröffentlichte er dann in dem letztgenannten Journale (1827, Bd. 7III. S. 343 und 450; 1828, Bd. IT. S. 322), ferner in Ruft’s Magaz. der Heilkunde (1829, Bd. ?(?c1?c. S. 2 und )c1)(. S. 276) so wie in der unten genannten Sammlung seiner chirurgischen Erfahrungen (Abth. I. S. 49 und Abth. III. und 1V.
[123] S. 127), wo er zuerst des Gebrauches von Bleidrähten bei der Gaumennath erwähnt, nachdem er zwei Jahre vorher (in Hecker, Litter. Annalen der Heilkunde, 1827, Bd. M11. S. 129) die Anwendung von Carlsbader Insectennadeln behufs Ausführung der umschlungenen Nath als ein vorzügliches Mittel zur Schließung und Heilung von Gesichtswunden eingeführt hatte. – In eben diesem Jahre theilte er (in Rust, Magaz. 1827, XXV. S. 383) seine neue, durch die Erfahrung bewährte Methode über Lippenbildung (Cheiloplastith mit, im Jahre 1828 erschien (in Rust, Magaz. Bd. I0(71ll. S. 105) sein erster Bericht über „eine neue und leichte Operqtionsmethode zur Wiederherstellung der eingefallenen Nase ams den Trümmern der alten“, und im J. 1830 (ebdas. Bd. I00(. S. 488) die erste Mittheilung über die plastische Operation des Ectropium (des auswärts gekehrten Augenlides J). – Alle diese Notizen geben aber nur ein sehr unvollständiges Bild des Umfanges, den die plastische Chirurgie in Dieffenbach’s Händen bereits erlangt hatte; einen volleren Einblick in denselben gewährt die Sammlung, welche er unter dem Titel: „Chirurgische Erfahrungen, besondersüber die Wiederherstellung zerstörter Theile des;. menschlichen Körpers nach neuen Methoden“, Berlin 1829–1834, in 4 Abtheilungen veröffentlicht hat, in welchen die Fülle seiner Erfahrungen über Rhinoplastik, Lippenbildung- Gaumenbildung, künstliche Bildung der zerstörten Vorhaut, Herstellung des zerstörten Mittelfleisches und Tranesplatation zum Ersatze der theilweise zerstörten Harnröhre, Wiederherstellung des äußeren Ohres, plastische Operation am Auge durch Transplantation (Augenlidbildung, Heilung der Thränenfistel durch Ueberpflanzung der Wangenhaut), Verpflanzung der Scrotalhautbei entblößten Hoden, Heilung von Hautgejchwüren durch Transplantation und Hautüberpflanzung im Allgemeinen, Operationen bei Verwachsungen im Munde 1c. niedergelegt ist. Inzwischen hatte D. eine allgemeine Darstellung der Lehre von der plastischen Chirurgie in dem Artikel „011jrurgjz curt0runr in Rust, Handbuch der Chirurgie (1881, Bd.IV. S.496, auch einzeln unter dem Titel „Ueber den organischen Ersatz“, Berlin 1831, in 2. Aufl. ebdas. 1838) veröffentlicht, sodann folgte eine Reihe kleinerer Arbeiten, so namentlich über Heilung eines Falles von künstlichem After durch Ueberpflanzung eines gesunden Hautstückes (in Casper, Wochenschr. 1834, S. 265), ferner ein ausgezeichneter Artikel über die Heilung widernatürlicher Oeffnungen in dem vorderen Theile der männlichen Harnröhre (in Hamburger Zeitschrift für Medicin 1836, Bd. III. S. 1 und 1837, Bd. lk?. S. 27) und mehrere Artikel über Blasenscheidenfisteln, Zerreißung der Blase, der Scheide und Zerreißung de-es Dammes bei Frauen (in Preuß. med. Vereinzseitung, 1836, S. 117 ff. und 1837, S. 255), und schließlich gab D. eine vollständige Bearbeitung der ganzen Lehre von der plastischen Chirurgie in dem von ihm verfaßten Lehrbuche über „Die operative Chirurgie“, das in 2 Bänden Leipzig 1845–1348 erschienen ist. Ein anderes Verdienst um die Heilkunde hat sich D. durch die von ihm aufs neue angeregt:- Methode der Blut-Transfusion und der`Einführung von Arzneien durch Venen-Infusion erworben. Im J. 1828 veröffentlichte er, im Anschluß an das von Scheel verfaßte, diesen Gegenstand behandelnde Werk (2 Theile, Kopenhagen 1802–Z) und als 3. Theil desselben eine Zusammenstellung aller Versuche und Beobachtungen, welche über diese therapeutischen Methoden in der Zeit von 1803–18:28 in Deutschland, England, Frankreich, Nord-Amerika u. a. gemacht und mitgetheilt worden waren; dieser Arbeit folgte ein Bericht (in Merkel, Archiv für Anat. und Physiol.1829, S. 9) über die Resultate von Versuchen, welche D. mit Venen-Infusionen von verschiedenen narkotischen Mitteln, ferner von Brom u. a. an Thieren angestellt hatte, später veröffentlichte er (in Cholera-Archiv, herauSgeg. Von Albers, Bares u. A., Berlin
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[125] 1839, Nr. 46 und 1840, Nr. 6. 7 niedergelegt) veröffentlichte, konnte er bereits über die Resultate von 1200 von ihm ausgeführten Schiel-Operationen berichten.
Außer den hier genannten litterarischen Arbeiten, welche sich auf dies von ihm mit Vorliebe gepflegte Gebiet der Chirurgie beziehen, hat D. die „Henkel- Stark’sche Anleitung zum chirurgischen Verbande neu bearbeitet und mit Zusätzen vermehrt“, Berlin 1829 herausgegeben, sodann in mehreren medicinischen Journalen (besonders in Rust’s Magazin, Casper’s Wochenschrift und in der Hamburger Zeitschrift für Medicin, an deren Redaction er sich in Gemeinschaft mit Fricke und Oppenheim in den Jahren 1836 und 1837 betheiligt hatte) verschiedene cafuistische Beiträge zur Chirurgie und einige interessante Artikel über die Erlebnisse auf einer 1836 nach Paris unternommenen wissenschaftlichen Reife mitge- “ theilt, ferner einige chirurgische Artikel zu dem von der Berliner medicinischen Facultät herausgegebenen encyklopädischen Wörterbuche der medicinischen Wissenschaften und zu Rust, Handbuch der Chirurgie geliefert, eine „Anleitung zur Krankenwartung“, Berlin 1832 veröffentlicht, und endlich in einer kleinen Schrift „Der Aether gegen den Schmerz“, Berlin 1847 die Erfahrungen niedergelegt, die er, als einer der ersten deutschen Wundärzte, welche die Jackfon’sche Methode in die Praxis eingeführt, über die Aetherisation bei Operationen gemacht hatte. – Ueber die klinisch-praktischen Leistungen Dieffenbach’s legen außerdem die Schriften von Philips,1.8 (J11jrurgjz C18 ICr. 1)jsii´si1bs(311. 1Iren1j(?zre 1Je1rrje„ Berlin 1840 und die von C. Th. Meyer herausgegebenen „Vorträge in der chirurgischen Klinik der königl. Charit(s zu Berlin“. 2 Lieff. Berlin 18–40, so wie mehrere Artikel in französischenmedicinischen Zeitschriften, die während seines Aufenthaltes 1836 in Paris von ihm in dortigen Hospitälern ausgeführten chirurgischen Operationen betreffend, Zeugniß ab.
Eine Würdigung Dieffenbach’s als Mensch, Arzt und Gelehrter läßt in ihm eine Reihe von Gemüths und Charakter-Eigenthümlichkeiten erkennen, welche über seine Stellung und sein Wirken im Leben und in der Wissenschaft vollkommen Ausschluß zu geben geeignet sind. – von unbegrenzt.sr Liberalität gegen sich selbst und gegen seine Umgebung, einer Liberalität, die ihn u. a. zu einem „unmöglichen Examinator“ machte, von rastlosem Eifer für das Wohl der leidenden Menschheit erfüllt, hat in seiner genial angelegten Natur, in der Schnelligkeit und Schärfe der Auffassung, in der classischen Ruhe und Besonnenheit, in der ungetrübten Umsicht und geistesgegenwart, die ihn selbst in den schwie- ’ rigsten Lagen seiner heilkünstlerischen Thätigkeit nie verließ, in der Leichtigkeit, sich jede ihn interessirende fremde J–dee anzueignen und sie praktisch zu verwerthen, in der Rastlosigkeit, jeden neu aufgenommenen oder in ihm erwachten Gedanken zu verarbeiten und zur That werden zu lassen, hierin – sage ich – hatunerschöpfliche Quellen undHülfsmittel für sein ärztliches Wirken gefunden, dem an Umfang und Bedeutung die Leistungen nur weniger großer Chirurgen gleich kommen, der allerwenigsten überlegen sind. – Im Vollbesitze dessen, was vor ihm geleistet war, hatte sich D. Von jedem Autoritätsglauben frei gehalten und sich seinen Standpunkt aus sich selbst heraus geschaffen. Auf die historische Entwicklung des Wissens legte er keinen großen Werth, Gelehrsamkeit schätzte er nur so weit hoch, als sie die Handhabe für die praktische Thätigkeit bot, die abstracte Speculation war ihm ganz fremd: klaren Blickes daß Ziel vor. Augen, dem er zustrebte, und getragen von einem durch die reichste Erfahrung wohl begründeten Selbstbewußtsein verschmähte er es, autsgetretene Wege weiter zu verfolgen, ihn reizte daß Neue, mochte es sich in einer ihm originellen Auffassung des bereits Bekannten oder in absolut neuen Gesichtspunkten darstellen, und so sicher er jede ihm vorschwebende Idee erfaßte, so einfach waren stettz die
[126] Mittel, deren er sich zur Ausführung derselben bediente. Bewunderungswürdig war seine manuelle Gewandtheit, noch mehr aber die Einfachheit seiner Technik und der technischen Hülfsmittel, deren er zur Ausführung der schwierigsten Operationen bedurfte; gerade diese Einfachheit war es, die ihm auch in solchen Fällen, wo unvorhergesehene Hindernisse sich ihm bei der Operation entgegenstellten, den Erfolg sicherte und ihm die Möglichkeit bot, sich als „Genie des Augenblickes“ zu bewähren. – Es ist kaum möglich, die Ziele, denen D. zugestrebt, die Wege, die er eingeschlagen und die Mittel, deren er sich zur Erreichung derselben bedient hat, treffender zu schildern, als er selbst es in den einleitenden Worten zu seiner „Operativen Chirurgie“ gethan hat; in dieser Vorrede tritt er dem Leser in seiner ganzen Eigenthümlichkeit und Größe – ein Operateur von Gottes Gnaden – entgegen, hier offenbart sich der in ihm wohnende Geist, der ihn nach einer mehr als 20jährigen, enormen Thätigkeit so frisch, erhalten hatte, daß er von dem Inhalte seiner Schrift ausrufen konnte: „Es sind dies keinsswegs Ueberschauungens und Rückblicke in ein mühevolles und bewegtes Leben, keine schwermuthsvollen Betrachtungen am Abende des eigenen Daseins, sondern noch mit der Gluth der Jugend und in der Gegenwart erfaßte Begebenheiten, nicht blos von vorgestern, sondern noch von gestern und noch von heute.“ Diese Arbeit, die ganze Fülle seiner Erfahrungen als daß Vermächtniß seines Wissens und Schaffens umfassend, war es, welche D. aufs lebhafteste beschäftigte; wie der Herausgeber des nach dem Tode des Verfassers erschienenen Schlusses derselben, sein Schwiegerson Dr. Bühring, mittheilt, hatte sich in den letzten Monaten des Lebens Dieffenbach’s eine eigenthümliche Todesahnung seiner bemächtigt, wiewol er, der eigenen Erklärung nach, sich lange nicht so wohl, wie gerade in dieser Zeit gefühlt hatte, und in solchen Augenblicken, in welchen ihn die trübe Gemüthsstimmung überfiel, war die Vollendung dieses Buches seine größte Sorge und er rief dann wol, schmerzlich bewegt: „Ich erlebe doch nicht, daß es fertig wird.“ Seine Ahnung hatte ihn nicht ganz getäuscht; noch waren die Schlußlieferungen dieser Schrift nicht erschienen, die letzte noch nicht einmal redigirt, als sich am 11. Nov. 1847 seine Ahnung erfüllte; mitten in seinem Berufe, auf dem glänzendsten Felde seiner Thätigkeit, im Operatioussaale, von hunderten seiner Schüler umgeben, trat ihn der Tod an, so plötzlich, so sanft, wie er selbst es sich oft gewünscht hatte: „Nur nicht sterben – dastz ist ein qualvoller Kampf; aber der Tod ist schön.“ – Die Zahl der aus seiner Schule direct hervorgegangenen bedeutenden Chirurgen ist klein, aber Dieffenbach–’s Geist lebt in der neuen Wissenschaft fort und nicht viele Capitel in der operativen Chirurgie sind es, welche nicht an den Namen Dieffenbach`is anknüpfen. A. Hirsch.
Dieffeubach: Johann Philipp D., geb. am 2. Juni 1786 zu Dietzenbach bei Langen im Großherzogthum Hessen, woselbst sein Vater Pfarrer und sein erster Lehrer war. Seine Gymnasialbildung erhielt er in Darmstadt unter der Leitung Wenck’s und Zimmermann“’s. Nach vollendeten Universitätsstudien gründete er auf Veranlassung eines in Köln wohnenden Bruders eine Privatschule in Crefeld, wo er zugleich erster Lehrer der Armenschule war. Nach fünfjähriger Thätigkeit daselbst kehrte er nach Gießen zurück, errichtete hier eine Mädchenschule, während er sich zu seiner Staatsprüfung und Promotion vorbereitete. Ehe er aber seine Absicht erreichte, wurde er auf Empfehlung mehrerer hochstehender Männer zum Erzieher des Prinzen Ludwig von Hessen, des jetzt regierend(n Großherzogs Ludwig III. von Hessen, berufen, welche Stelle er jedoch nur vom J. 1812 bis zum J. 1815 bekleidete. Seine Natur paßte nicht in daß Hofleben und zur Erziehung eines Prinzen, so sehr er auch die Bedeutung seiner Aufgabe und die Gelegenheit, mit hervorragenden Personen in Verbindung
[127] zu stehen, zu schätzen wußte. Er begab sich darum im Sommer 1815 als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Gießen, erwarb sich den Doctorgrad und hielt mehrere historische Vorlesungen. Da er aber in Gießen in ökonomischer Hinsicht keine großen Aussichten hatte, so bewarb er sich um daso Rectorat der Augustinerschule zu Friedberg in der Wetterau, welches. Amt er bis zur Auflösung dieser Schule im J. 1836 versah. Er übernahm dann die Leitung der sogenannten Musterschule in Friedberg und im J. 1849 die Direction der neugegründeten Realschule, die er bis zu seinem am 25. Oct. 1860 erfolgten Tode weiter führte. – D. hat sich durch seine Forschungen und Arbeiten in localer Archäologie und Geschichte sowie durch die Anregung, die er für diesen Zweig des Wissens in den verschiedensten Kreisen zu geben Verstand, namhafte Verdienste erworben. Er war ein bahnbrechender Forscher für die ß Kennntniß des Römerthums in der Wetterau und entfaltete seine Thätigkeit dafür in der Sammlung von Alterthümern, die in der Wetterau gefunden wurden, wie in der Bearbeitung des daraus sich ergebenden Stoffes. Seine hervorragendsten litterarischen Arbeiten sind seine „Geschichte von Hessen“, seine „Urgeschichte der Wetterau“ und seine „Geschichte von Friedberg“. Vgl. Scriba, Lexikon der Schriftsteller Hessens und Justi’s Hess. Gelehrten- Lexikon, welches letztere eine Selbstbiographie Dieffenbach’s4 enthält. Walther.
Diel: August Friedrich Adrian D., geb. 3. Februar 17s in Gladenbach, † 1838. Er war erst Physikus in Gladenbach, dann zu Dies und gleichzeitig Brunnenarzt in EMS, ward 1790 nassauischer Hof-, später geheimer Rath; ein sehr verdienstvoller Pomolog. ErHschrieb „U eber Anlage der Obstorangerie in Scherben“, 1796, 3. Aufl. 1840; „Versuch einer systematischen Beschreibung der in Deutschland gewöhnlichen Kernobstsorten“, 21 Hefte, 1799–1819, Auszug daraus in 5 Bänden, 1329–33; „Systematisches Verzeichniß der vorzüglichsten in Deutschland vorhandenen Obstforten“, 1818, mit zwei Fortsetzungen 1829–33; „Ueber den Gebrauch der Thermalbäder in Ems, 1825; „Ueber den innerlichen Gebrauch der Thermalbäder in Ems, 1832; außerdem übersetzte er mehrere medicinische Werke, namentlich die „Medicinischen Commentarien einer Gesellschaft der Aerzte in Edinburg“, 8 Bde; Löbe. Dielitz: Gabriel Maria Theodor königl. Professor, Director der Königstädtischen Realschule zu Berlin, geb. April 1810 zu Landshut in Baiern, f 30. Januar 1869 zu Berlin, verlebte seine ersten Jahre in Paris , kam 1815 mit seinen Eltern nach Berlin, besuchte das Berliner Gymnasium zum grauen Kloster, studirte in Berlin von 1828 an clafsische Philologie, wurde 1835 an der königlichen Realschule unter dem Director Spilleke als ordentlicher Lehrer angestellt, lehnte 1842 einen Ruf ins Ausland ab, der infolge seiner Abhandlung „Ueber die erziehende Kraft der Schule“ an ihn ergangen war, und ward 1844 zum königl. Professor ernannt. 1846 wurde er vom Magistrate zu Berlin zum städtischen Schulinspector gewählt, war 1848 Mitglied der preußischen Nationalversammlung und wurde 1849 zum Director der damaligen Königstädtischen höheren Stadtschule ernannt, die 1850 zur Realschule erhoben wurde. Mit seiner Thätigkeit für diese Anstalt, die unter seiner Leitung von zehn auf achtzehn Classen mit anfangs acht, später zwt–iundzwanzig ordentlichen Lehrern anwuchs, verband er eines umfassende litterarische Thätigkeit. Außer mehr als zwanzig in vielen Auflagen erschienenen Jugendschriften Historischen und geographischen Inhaltes verfaßte er einen (bies 1869) bereits in 17 Auflagen wiederholten und in mehrere europäische Sprachen übersetzten „Grundriß der Weltgeschichte“, eine vielfach wieder ausgelegte „Geographisch-synchronistische Uebersicht der Weltgeschichte“ und einen „Geschichtskalender“. 1848 arbeitete er Hörschel-
[128] mann’s „Uebersicht der gesammten Geographie für den ersten Unterricht“ (Berlin 1828) vollständig um, veröffentlichte 1844 sein „Liederbuch für die deutsche Jugend“ und gab im Vereine mit den Professoren Hermann und Voigt ein „Schulwörterbuch der lat., franz., engl. und deutschen Sprachen“ und mit dem Unterzeichneten zusammen ein „Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten“ (3. Aufl. 1871), ein „Handbuch der deutschen Litteratur“ (eine nach den Gattungen geordnete Sammlung poet. und prof. Musterstücke nebst einem Abriß der Metrik, Poetik, Rhetorik und Litteraturgeschichte, 2. Aufl. 1872) und einen „Grundriß der Geographie“ (2. Aufl. 1873) heraus. Grundzug seines Charakter5 war wahrfte und reinste Humanität. Heinrichs.
Diemeu: Antonio van D., niederländischer Generalgouverneur von Indien, geb. 1593 in Kuilenburg, ging schon in jungen Jahren auf einem Compagnieschiff nach Indien, ward hier vom Commis bald Buchhalter und endlich Oberkaufmann (Factoreichef) und 1625 Rath von Indien. Diese fast beispiellose Laufbahn verdankte er seiner unermüdlichen Thätigkeit und Energie. 1632 Generaldirector des Handels geworden, that er viel, um durch Entdeckungen nach dem Osten hin neue Handelswege ausfindig zu machen. Er selbst entdeckte Neu- Amsterdam, und als er 1636 Generalgouverneur geworden, war er es, der TAS- man (s. d.) auf seine weltbekannte Entdeckungsreise aussandte. Auch sonst zeichnete er sich durch seine Thätigkeit aus. Nach Kräften bekämpfte er das um sich greifende Unwesen in der Beamtenwelt und den engherzigen Monopolismus der Directoren in Holland, den letzteren leider ziemlich pergeblich. Kräftig hielt er sich gegen die Ansprüche der Sultane von Bantam und Mataram auf Java, und dem portugiesischen Einfluß im Archipel gab er den Todesstoß durch die unter seiner Regierung geschehene Eroberung von Malakka 1641, während er auch in den Molukken die niederländische Herrschaft befestigte und sie in Ceylon 1638 gründete. Nach Coen ist er viell