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Seite:Ravensburg Verkehrsleben 22.jpg

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soviel, wie eine Maus und einen Elefanten nebeneinander stellen. Z. B. der in Ravensburg abgehende und ankommende Frachtverkehr wurde zu Ende der Reichsstadtzeit auf jährlich 5000 ravensburgische Zentner geschätzt. Was dagegen im Jahr 1908 mit der Eisenbahn für Ravensburg ankam und von dort abgesandt wurde, betrug zusammen etwas über 2 Millionen Zollzentner.

Im Postverkehr war das Wachstum noch riesiger. Wir dürfen die Gesamtzahl der abgegebenen und angekommenen Sendungen nach gewissen Anhaltspunkten für die Zeiten um 1780 oder 1790 auf zusammen 8–10 000 Stück im Jahr anschlagen. Dagegen sind im Jahr 1908 zusammen 9 Millionen Postgegenstände jeder Art in Ravensburg abgegangen oder angekommen, wozu noch gegen 900 000 telegraphische und telephonische Mitteilungen treten.

Für Oberschwaben, und speziell Ravensburg, hat die Gesundung der politischen Verhältnisse auch zu der Heilung der wirtschaftlichen Schäden und zu einem erfreulichen Wiederaufschwunge geführt. Durch die württembergischen Könige und später zugleich unter dem Schirm des neuen deutschen Reiches ist im Laufe der verflossenen hundert Jahre diese Stadt aus ihrem tiefen Zerfall wieder zu neuer Blüte emporgehoben worden. Unter anderm war es eine den Anforderungen der Zeit entsprechende Gewerbegesetzgebung,[1] dann das Fallen der innerdeutschen Zollschranken, weiter die Befreiung des Bauernstandes von den zahlreichen Lasten, die ihn bedrückt hatten; namentlich aber waren es die Eisenbahnen, die das Erwerbsleben in einer Weise gehoben haben, wie es ein Ravensburger von 1790 oder 1810 niemals zu erhoffen gewagt hätte. In der Stadt sowohl, als in vielen Orten der Umgebung, blühte eine Groß-Industrie auf.[2] Es öffnete sich ihr als Absatzkreis, ohne die frühern Zollbelastungen, alsbald das ganze Königreich Württemberg, und in der Folge auch das ganze zollvereinte Deutschland, während in den letzten Reichsstadtzeiten das hiesige Gewerbe eigentlich nicht weiter hinaus als bis zu einem paar Dutzend benachbarter Dorfgemeinden seine Abnehmer finden konnte.

Im Laufe des segensreichen Jahrhunderts, auf das wir heuer zurückblicken, hat die Stadt ihre Einwohnerzahl von etwa 3600 auf 15 000 erhöht.[3]

Zu den Zeiten des alten Reiches waren, wie vorhin dargelegt wurde, die gemeinsamen großen Interessen ganzer Landstriche und aneinandergrenzender Länder so gut wie vogelfrei gegenüber der auf die Spitze getriebenen Selbstsucht der frühern kleinen Gebietsherrschaften und reichsunmittelbaren Städte. Heute erfreuen sich diese gemeinsamen Interessen eines liebevollen Verständnisses sowohl bei den beteiligten Bevölkerungen


  1. [S. 22, Anm. 1:] Das uralte städtische Zunftwesen auf modernem Fuße allmählich umzugestalten, dazu hatte schon Bayern einen Anfang gemacht; Württemberg fuhr darin fort und räumte die immer lästiger werdenden Zunftschranken und andere althergebrachten Verkehrsbeschränkungen nach und nach hinweg; den Abschluß bildete 1862 die Einführung völliger Gewerbefreiheit.
  2. [S. 22, Anm. 2:] Maschinen, Vorhangstoffe, Holzpapier. Zeugnis von der erfreulichen Entwicklung geben die wiederholten Bezirksgewerbeausstellungen, die in der Stadt im Laufe der Zeit veranstaltet worden sind.
  3. [S. 22, Anm. 3:] Neben den verwitterten alten Festungstürmen und Stadtmauerresten erheben sich an der Peripherie der Stadt auf allen Seiten geschmackvolle moderne Wohngebäude und neue Straßenzüge. Die ungesunden alten Festungsgräben sind eingeebnet und in schattige Promenaden umgewandelt. Eine kleinere Strecke des Grabens allein blieb als Erinnerung fortbestehen und ward ihrer frühern Bestimmung zurückgegeben, nämlich der, einer Anzahl von Hirschen, die auf Stadtkosten unterhalten werden, zum Aufenthalt zu dienen.