Über das Leben und den Charakter Johann Nepomuks, des herzoglichen Klosterstiftes Langheim Cisterzienser-Ordens Abts und Prälatens, Ihro Röm. Kais. Majestät geheimen Caplans

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Autor: Anonym
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Titel: Über das Leben und den Charakter Johann Nepomuks, des herzoglichen Klosterstiftes Langheim Cisterzienser-Ordens Abts und Prälatens, Ihro Röm[isch] Kais[erlichen] Majestät geheimen Caplans
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 3, S. 204–215
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1791
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
s. a. Neueste Litteratur der Fränkischen Geschichte und Rechte (Journal von und für Franken, Band 5, 4)#4, Meine Gedanken über die Schrift: Schatten und Licht
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Über das Leben und den Charakter Johann Nepomuks, des herzoglichen Klosterstiftes Langheim Cisterzienser-Ordens Abts und Prälatens, Ihro Röm. Kais. Majestät geheimen Caplans.pdf
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III.
Über das Leben und den Charakter Johann Nepomuks, des herzoglichen Klosterstiftes Langheim Cisterzienser-Ordens Abts und Prälatens, Ihro Röm. Kais. Majestät geheimen Caplans.
Das Leben angesehener Männer, die bey einem von aussen glänzenden Glücke, grosse und widrige Schicksale gelitten haben, hat etwas anziehendes für jeden andern Sterblichen. Unser Mitleid gehet bey der Betrachtung ihrer Unglücksfälle oft in Neigung gegen dieselbe über, und wir wünschen, daß sie bey ihrem Leiden zum wenigsten den Trost der innern Schuldlosigkeit genossen haben möchten. Dieß machet uns auf alle ihre Verhältnisse aufmerksam, es entstehet bey uns der so natürlich aufwallende Gedanke: Haben doch diese oder jene würdige Männer Bitterkeiten genug aus der| Schaale des Schicksals in ihrem Leben gekostet, warum soll nun nicht ihre Asche im Schoose des Friedens ruhen? War es nicht genug, daß dieser oder jener redliche Mann, vielleicht bey der übertönenden Stimme der Feindschaft, des Hasses und des Neides, selbst bey seinem Leben, ohne aufrichtende Stimme eines tröstenden Bruders verstummen mußte? – Soll er im Grabe auch noch so verkannt bleiben? – Ich muß gestehen, daß dieses ungefähr meine Empfindungen waren, als ich den Mann in die stille Gruft einsenken sahe, von dem ich jetzt reden will. Er ist es wehrt, daß wir mit dem Griffel der Unparteylichkeit die vorzüglichsten Veränderungen seines Lebens, die Wege, die er in klösterlicher Einsamkeit wallte, und einige Züge seines Charakters näher der Welt entwickeln.
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Er wurde im Jahre 1744 zu Bamberg gebohren. Seine würdigen Eltern versäumten nichts, ihrem Sohne eine solche kluge Erziehung zu geben, wodurch er ein, durch Tugend und Religion gebildeter Gelehrter und aufgeklärter Mann vor der Welt werden konnte. Sehr frühe entwickelten sich in ihm die vortrefflichsten Anlagen seines Geistes, überdieß hatte ihm die Natur einen unerschütterlichen| wohlgebildeten Körper verliehen, der jedem Anfalle von Krankheit zu trotzen schien, und das späteste Alter prophezeihte.

Nachdem er so weit herangewachsen war, daß er eine bestimmte Lebensart ergreifen konnte, und in höhern Wissenschaften solche rühmliche Fortschritte gemacht hatte, daß er auf seiner akademischen Laufbahn in dem sogenannten philosophischen Curs die zweyte Stelle unter den Defendenten erhalten hatte: so entschloß er sich der genauen Ordnung des immer so berühmten herzoglichen Klosterstiftes Langheim, Cisterzienser Ordens, sich zu widmen. – Dieser Entschluß wurde im Jahr 1761 ausgeführt.

Völliger Frieden von aussenher, völlige Befreyung von Haß, Argwohn, Scheelsucht und Neid suchte damahls der schuldlose Jüngling im Klosterleben – – ach! er bedachte nicht, daß dieses Schicksal kein Sterblicher, er wandele im Purpur oder am Bettelstabe, er sey ein Geweihter der Themis oder ein Prediger der Liebe, er sey ein Welt- oder Klostermann, hienieden hoffen kann!

Indessen begann er muthig die angetretene Laufbahn und lief auf derselben unermüdet fort; ungeheuchelte Demuth, liebevolle| Dienstfertigkeit, Selbstverläugnung, genaue Befolgung jeder heiligen Ordenspflicht, zeichneten ihn schon in den ersten Klosterjahren so ganz besonders aus, daß er bald die Aufmunterung seiner Brüder, der Trost der Vorgesetzten und die Hoffnung der ganzen Gemeinde wurde.

Die Entfernung von der Welt löste in ihm nicht die höchste Pflicht auf, den Jammeranblick der armen, kranken siechen Ordenwaller zu lindern und zur Unterstützung derselben so viel beyzutragen, als es nach der Lage eines Klosterpriesters möglich ist; dabey widmete er stets seine Nebenstunden dem stillen unermüdeten Fleiße und Privatstudiren, welches dem Späherblick der Vorsteher des Klosters nicht entging, die ihn denn nach zurückgelegten gewöhnlichen Studienjahren auf die hohe Schule zu Prag schickten, wo er seine hervorstechende Geistesgaben noch mehr ausbilden und zu den Absichten der weisen Vorsicht geschickt machen sollte.

Auch hier arbeitete er mit so guten Erfolge, rastloser Thätigkeit, daß ein großer Herr Vorfahrer in der äbtlichen Würde, der seine durch viele Jahre hindurch erprobte Geschicklichkeit| und Redelichkeit kannte, im Jahr 1773 ihn bestimmte, seine Kenntnisse, herablassende Güte, schonende Nachsicht des Freundes, Tugend, Liebe und Ordnung als ein getreuer Ausspender seinen jüngern Brüdern mitzutheilen.

Indessen er so ganz der Erfüllung des ihm aufgetragenen Amtes lebte, stieg der Morgen seines schönsten aber auch unglücklichsten Tages röthlicht am Himmel empor, an welchem sich ihm, gegen sein Erwarten, ein neues vielumfassendes Feld eröffnete, als ihm im Jahr 1774 von dem würdigen Convent des Klosters die Vater- und Oberhirtenstelle und mit derselben die hohe Prälatenwürde anvertrauet wurde. – An diese wichtige Periode seines Lebens gränzte nun zunächst ein klippenvolles Meer, welches er beschiffen sollte; von Ruhm, Friede und Glück umsäuselt, stieß er zwar vom blumichten Ufer, aber bald bedeckten dicke Wolken die heitern Aussichten, seine Ruhe wurde in Schmerz, sein Friede in Unruhe, seine Würde und Glück in Armuth umgeschaffen – grause Nacht verkündete seinen endlichen Sturz, todweisagende Krankheit seinen nahen Sterbetag – groß und hehr ging er unter. –

| Der rasche Umschwung des Schicksals dieses angesehenen Mannes scheint auch zugleich eine rasche fast ganz entgegengesetzte Denkungsart in demselben hervorgebracht zu haben – den Grund seiner zahllosen Leiden müssen wir hier aus seinem unbiegsamen Charakter zu entwickeln suchen, den er nach seiner Erhebung annahm. Er bemühte sich zwar, mit einer fast übertriebenen Strenge gegen sich und seine Untergebenen, das zu seyn, was er und sie, ihrer Bestimmung zu Folge, seyn sollten; aber er verband nicht mit der Pünctlichkeit eines Mannes von so hohem Ansehen, auf den schon so mancher mit Haß, Neid und Rache schielte, die äusserste Behutsamkeit und Nachgiebigkeit in seinen Unternehmungen, welches ihm doch seine gesammelten Erfahrungen und seine Menschenkenntniß sagen mußten. Unter seinen Umständen, und besonders als Vorgesetzter, verlangte sein gebieterisches Wesen knechtische Ehrfurcht von seinen Ordensbrüdern, aus denen er verschiedene seiner Bekannten und Freunde über alte verdienstvolle Männer in Ehrenämter erhob, und so viele edle Männer dadurch kränkte und tief beugte; als erster Priester| und Ordensmann war er bis zur äussersten an Dummheit gränzenden Bigotterie herabgesunken und forderte von seinem aufgeklärten Convent auch hierin sclavische Nachahmung. Konnte dieß etwas anders als geheuchelter, verstellter Abdruck seines gewiß mehr aufgeklärten Verstandes seyn? – Als Gesellschafter, war er der herrlichste, einnehmendste Mann; edles Betragen, Wohlwollen, zuvorkommende Güte, Sanftmuth, sprachen da aus jeder Mine seines wohlgebauten schönen Körpers. Jeder Fremde verließ ihn daher gerührt, und jeder Große schätzte ihn, weil er selbst groß und erhaben dachte; von allem diesem war er das Gegentheil in dem engern Zirkel seiner Klosterbrüder. –
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Seine Prachtliebe machte auch kostspielige Anmassungen während seiner ganzen Amtsführung. Die herrlichen übertriebenen Auszierungen der Gotteshäuser, die Aufführung und Verschönerung vorzüglicher Gebäude, Gärten etc. so wohl in der Abtey, als in dem Amthofe zu Tambach, der Aufwand für schöne Gemählde, Juwelen, Uhren etc. und die Anschaffung vorzüglicher Bücher (eine Bibliothek von 7000 Werken hinterließ er dem Kloster) kostbarer| physikalischer Instrumente, vorzüglich der Branderischen, und andere treffliche und nützliche Anstalten etc. sind redende Beweise eines mehr fürs Große geschaffenen Mannes. Durch dieses unvorsichtige Betragen wurde das Convent zum immer lautern Murren gereizt, durch welches der Parteygeist, der durch die Zurücksetzung in Ämtern sich für beleidigt haltenden Priester immermehr genährt wurde.
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In Hinsicht seiner großen Einsichten wurde ihm die Besorgung der Ordensgeschäffte im Jahr 1783 beym General-Capitel zu Cisterz übertragen. Während er diese mit schweren Kasten verbundene Reise vollendete, wo er sich ganz in der Gunst und Freundschaft des Generals des Ordens vestsetzte und ein Freundschaftsband schloß, vermög dessen er nimmermehr durch seine Feinde besiegt zu werden glaubte, griff das Feuer der Cabale in dem Kloster gegen den zwar unvorsichtigen, aber doch guten Mann, immer fürchterlicher um sich. Als er zurückkam, sahe er wohl, daß sein jugendlicher Glaube an die Glückseligkeit des Klosterlebens täuschende Träumerey gewesen. Indessen ging er in dem dicksten Wolkenschleyer seiner Feinde herum, und sahe mit erhabener| Ruhe die Berge seiner Noth näher kommen. Er hörte nicht auf, den heimlichen Kummer der Armen zu trösten, verborgenes Elend zu erquicken, und der Menge von Elenden, Dürftigen, Wittwen und Waisen seine wohlthuenden Hände zu öffnen. Der unselige Einfall eines mit sehr großen Kosten verknüpften Brunnenbaues, welcher im Klosterhofe, ganz gegen den Willen und die Vorstellungen des Convents, sich prachtvoll seiner Vollendung näherte, gab endlich seinem Schicksal eine andere Wendung. Sein stolzer Eigensinn und seine schreckliche Unbiegsamkeit machten, daß das Murren des ganzen Klosters in völlig laute Klage ausbrach. Es wurde eine Commission verlangt, welche die Streitigkeiten zwischen dem Herrn Prälaten und dem Convent beylegen sollte; sie kam. Er vertheidigte sich als ein trefflicher Jurist gegen alle Anklagen und Beschwerden, er berief sich auf die Gerechtsame des Klosters – – und die seines Ordens – er suchte Unterstützung beym General des Ordens zu Cisterz, auf dessen Freundschaft er zuversichtlich rechnen konnte, kurz er ließ nichts unversucht, den gestellten Schlingen zu entgehen. Es würde| ihm auch gewiß geglückt haben, wenn er der Stimme seiner weisen Rathgeber gefolgt, und die großen Tugenden der Vertragsamkeit, der weisen Nachgiebigkeit, der Güte, der Bescheidenheit in dieser gefährlichen Lage nur im mindesten auszuüben gesucht hätte. Da ihm aber nicht der Ruf der Vernunft, des Freundes und selbst des Verfolgers, von seinen heftigen Leidenschaften, zu dem für reine Freuden erwählten liebreichen, weisen, zärtlichen treuen Haushalter zurückbringen konnte – so wurde er das – schuldige oder unschuldige – Opfer, man nahm ihm alle fernere Verwaltung des Klosters ab, und errichtete eine Art von Triumvirat, welches die 3 würdigen Männer, Herr Canzleydirector Hämmerlein[1], Herr Pater Prior Damm und der Herr Canzleyrath und Professor Krauß ausmachten. Der kostbare Brunnenbau, die Ursache des endlichen Sturzes, wurde vor seinen Augen niedergerissen – die Anhänger des Herrn Prälaten ihrer Ämter entsetzt, und die befördert, welche waren übergangen worden.
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| Mit innerlichen Gram und Betrübniß beschlich unterdessen eine bedenkliche Krankheit den einsamen verlassenen Herrn Prälaten und nagte an dem Faden seines kummervollen Lebens um so gefährlicher, je heimlicher sie es that – sein Gesicht wurde von Kummerfurchen entstellt – Jahre, Monate mußte er auf seinem Zimmer in dem traurigsten Zustand zunehmender Leiden schmachten. Ohne die tröstende süße Stimme eines aufrichtigen Freundes oder Dieners brachten ihn oft fürchterliche Blutstürze dem Tod und der Ewigkeit näher, mit denen er sich in seiner Zelle vertraut zu machen suchte – in der äussersten Noth hoffte er von dem Allgütigsten Rettung, welche zu Anfang des May im Jahr 1791 erschien, als alle Kunst der Ärzte und mit ihr jede Hoffnung der Besserung schwand – er stärkte sich durch den Empfang der heiligen Sacramente zu dem Todeskampfe, und sahe mit christlicher Zuversicht, der entscheidenden letzten Stunde entgegen. – „Man lasse mich allein, meiner Andacht abzuwarten:“ dieß waren die letzten Worte des Sterbenden; und so versenkt in den Gedanken an Gott, erlag er unter der Felsenlast des Grams und Kummers. –| So endigte sich das anfangs so glänzende und zuletzt so leidensvolle junge Leben eines Mannes, welcher wehrt gewesen wäre, es noch lange in seiner glücklichen Lage fortzusetzen, um durch seine unermüdete geistliche Sorgfalt, durch seine Wohlthaten, durch seine erhabenen Entschlüsse, noch lange die Stütze der Gemeinde, der Versorger der Armen und Brodschaffer der Handwerker zu seyn.[2]

Er brachte sein Leben auf 46 Jahre, wenige Wochen und Tage. Am 11ten May 1791 wurde sein Leichnam beerdigt, bey welcher Gelegenheit Herr Pater Ildephons Schwarz, Benedictiner und Professor der Philosophie in Banz, über die Worte der Offenbarung Joh. 14,13 eine kurze, aber doch schöne und zweckmäßige Rede hielt.





  1. Wurde durch 56 Stimmen des Convents, welches aus 60 Geistlichen besteht, den 25 May 1791 zum Prälaten erwählt.
  2. Alles dieses vereinigt sich in den Gesinnungen des neuerwählten Herrn Prälaten wieder.